Staatskapelle Berlin/James Levine am 31.10.2017

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Muß gestehen, daß ich vom gestrigen Konzert sehr beeindruckt war. James Levine dürfte fast 10 Jahre nicht mehr in Berlin gewesen sein, seine Erkrankung ist bekannt. Man hat ihm eine spezielle Rampe mit Podium gebaut, damit er mit seinem E-Rollstuhl auf die Bühne kommen kann. Beim Dirigieren sieht man ihm an, daß auch die Arme und Hände zuweilen krampfen - er zieht das ganze (das Mammutwerk Mahler 3.) mit eiserner Disziplin durch. Für alle, die keine Verkehrsprobleme hatten, dürfte die Pause nach der ersten Abteilung kein Problem gewesen sein.
      Auch aus seiner "Glanzzeit" hatte ich Levine weniger als Dirigent der großen Mahler-Sinfonien auf dem Schirm. Es gab zuweilen das "Lied von der Erde", aber sonst kaum Mahler. In den 1990ern hinterließen auch einige seiner Konzerte mit den Philharmonikern einen zwiespältigen Eindruck.
      Was gestern ablief, war aber hoch beachtlich: eine an allen Pulten vorbildlich mitwirkende Staatskapelle (wie viel mag wohl geprobt worden sein?), eine sensationelle Gabe, Klangbilder zu produzieren und diese immer wieder zu wechseln, die solistischen Einlagen der Bläser einfach hinreißend. Auch im Forte klang das Orchester nicht vulgär, an den Piano-Stellen einfach hinreißend. Es wurde mal von einem Journalisten die Floskel benutzt:".. an solchen Abenden hat Berlin zwei philhamonische Orchester...".
      Man mag einwenden, daß Levine nicht vordergründig die Wege zur Moderne darstellt und sich gern auf das Spätromantische bei Mahler einlässt, dieses aber führt trotzdem zu einer wunderbaren Interpretation: die Übergänge zwischen den so widersprüchlichen Episoden dieses Werkes kommen unaufdringlich und ganz natürlich, das hat mich sehr beeindruckt.
      Soweit ich es einschätzen kann, erfüllten die Chöre und Frau Urmana ihre Aufgabe gut, nicht gerade sensationell (ich saß allerdings in Block K, hinter Chor und Interpretin).
      Ja, eigentlich für mich ein einmaliger Abend, die beste Interpretation von Mahlers 3, die ich erleben durfte (Vergleich: Haitink, Mehta, Ashkenazy). Obwohl man sah, wie Levine sich abmühte, würde man sich weitere Konzerte wünschen. Die Musik scheint für ihn das Lebenselixier zu sein, mit Musik vergißt man seinen körperlichen Zustand ein wenig.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gast1 ()

    • Der letzte Satz - es war, als wenn man in den Streichern baden könnte. Urmanova auch sehr ergreifend, sie stand kurz davor, selber zu weinen. Wirklich ein ganz großer Abend, ich hatte ja Angst, es könnte ein unfreilliger Beitrag zu Halloween werden, wenn Levine die Rampe hoch rollt, dieses Gefühl stellte sich nicht ein. Er wirkte auch nicht wie einer, der Mitleid generieren möchte ... Und nach dem ersten Satz kann man natürlich eine Pause machen, wir mußte dann leider nach Einsatz des Jubels zum Taxi flüchten, und der Fahrer kannte tatsächlich den Weg ...
    • Bei mir liegt das letzte Konzert-Erlebnis mit James Levine schon sehr lange zurück (2 Konzerte im Juni 1999), gefühlt noch länger. Ich habe einmal nachgeschaut: in den 80er Jahren habe ich einige Levine-Konzerte besucht, darunter auch Programme mit den Mahler-Symphonien 1, 4 und 3 (1986 mit Christa Ludwig als Solistin). Abgesehen davon, dass er nun im Rollstuhl sitzt, hat sich Levine äußerlich eigentlich nicht großartig verändert. Viel jünger sah er vor 30 Jahren auch nicht aus, die Brille rutschte damals wie heute und der Frisör scheint sich auch nicht geändert zu haben. Dass er nun so krank ist und im Rollstuhl sitzen muss, ist tragisch. Mich interessiert, wie die Proben abgelaufen sind. Beim Dirigieren blüht Levine trotz eingeschränkter Bewegungsfähigkeit auf. Sobald er den Taktstock aus der Hand gelegt hat, wirkte er irgendwie hilflos. Umso beeindruckender ist das Ergebnis dieses Konzerts. Die Tempi der ersten Abteilung fand ich durchaus flott. Bestechend war der transparente Klang und wie selbstverständlich die Staatskapelle bei den zahlreichen Ritardandi gefolgt ist. Es mag krass klingen, aber der letzte Satz klang wie ein eigenes Requiem, ein musikalisches Vermächtnis, das Levine dem Publikum in Berlin hinterlassen wollte. Er hat mit solch überirdischer Schönheit musiziert, das war nicht von dieser Welt! Bereits im dritten Satz hatte das Orchester während des Posthorn-Solos ein kaum hörbares Pianissimo gehaucht, unglaublich. Es bleibt Levine zu wünschen, dass die Musik ihm weiterhin die Kraft gibt zu leben und im besten Fall auch Konzerte zu dirigieren. Die Staatskapelle würde ihn bestimmt wieder gerne einladen.
    • Dieses Zitat aus dem NZZ-Artikel trifft es wirklich:

      Die Staatskapelle aber schlägt an diesem Abend jedwede Konkurrenz, sie verwandelt sich unter Levines Händen zum symbiotischen Wunschtraum jedes Dirigenten: Biegsam und präzis bis in alle Extreme, alert im Zusammenspiel, machtvoll, brutal und glänzend in den Tutti, lieblich, weich und farbenintensiv in allen Stimmgruppen und dazu ein Pianissimo, leicht und flüchtig wie eine Erinnerung.