"Die sizilianische Vesper", WA 2017

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    • "Die sizilianische Vesper", WA 2017

      Diese verdammten Verdi-Väter – verkacken echt immer alles! Guy de Montfort ist ein besonderes Prachtexemplar: nicht nur, dass sein eben erst gefundener Sohn und dessen eben erst angetraute Gemahlin einem aus seiner (Montforts) diktatorischen Herrschaft resultierenden Aufstand zum Opfer fallen – die Geschichte lehrt bekanntlich, dass auch sämtliche in Palermo anwesenden Franzosen das nicht überlebt haben... das muss ihm erst mal einer nachmachen.
      Das Personal dieser Oper beschränkt sich – im Wesentlichen – auf vier Personen: das idealistische junge Liebespaar Henri und Hélène sowie auf der Seite der Elterngeneration die Herren de Montfort und Procida. Erstere können tun, was immer sie wollen – es ist aufgrund der vertrackten Grundkonstellation sowieso immer das Falsche. Auf der anderen Seite: zwei erstklassige Intriganten und (fast) völlig skrupellose Machtmenschen. Derjenige, dem zuerst Gefühle dazwischenkommen (also Montfort), verliert dann alles.
      Und wie, bitte, inszeniert man so was? Am liebsten gar nicht –oder, erstaunlich zutreffend, übertragen in die Neuzeit (Ende 60er, Anfang 70er Jahre, Zitat Opern-Homepage: „die Zeit des Protestes, aber auch des einsetzenden Terrors“.... doch, ja – passt.)
      Kann man das auch darstellen? Man kann! Man braucht nur ein paar hervorragende Sängerdarsteller, dann geht das schon. Da wäre an allererster Stelle natürlich der phänomenale Christopher Maltman als Guy de Montfort zu nennen, dessen Stimme seit 'Simone Boccanegra' noch einmal an Umfang und Kraft zugelegt hat. Wie er jede Note ausgestaltet und dabei auch noch so textverständlich bleibt, ist schon ein Erlebnis für sich. Als Darsteller ist er ja eh' unübertroffen.
      Dem ziemlich nahe kam Leonardo Caimi, der als Montforts unehelicher Sohn Henri sehr schön das permanente Wechselbad von Gefühlsextremen auslotete, dem dieser junge Mann ausgeliefert ist.Er sang die nicht ganz anspruchslose Rolle mit freier, kräftiger Stimme. Wenn es etwas zu mäkeln gäbe, dann die Tatsache, dass er die Tendenz hat, eher den Dirigenten anzusingen als seinen jeweiligen Gesangspartner.
      Diese Neigung teilt er übrigens mit Barbara Haveman, worunter dann das Duett im 4. Akt ein bisschen litt... ansonsten war ihre Hélène durchaus überzeugend – namentlich im 5. Akt mit seinem jähen Wechsel von vorsichtigem Glücksgefühl zu irrsinniger Angst vor dem drohenden Massaker ließ sie die Zuschauer mitzittern.
      Der alles und jeden seinen politischen Zielen aufopfernde Fanatiker Jean Procida war Kihwan Sim, dessen sonore Stimmeich mir etwas eleganter gewünscht hätte.
      Den Chor kann man in dieser Oper getrost als fünften Protagonisten bezeichnen; zwar hatte ich zwischendrin mal den Eindruck, dass das Tempo nicht ganz stimmte, aber ich habe schon wieder vergessen, wo genau – kann also nicht so schlimm gewesen sein...
      Stefan Soltesz' Dirigat war leidenschaftlich, aber strukturiert und ließ den Sängern jederzeit genug Raum, sich zu entfalten – sehr schön.
      Abgesehen davon, dass ich persönlich mich nun mal schwertue mit dieser Oper, kann ich den Besuch durchaus empfehlen. (Ich fürchte, ich muss auch noch mal hin.)
      ... Wunder warten bis zuletzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

    • Recht kritisch:
      deropernfreund.de/frankfurt-wa.html

      Mit einem gehässigen Seitenhieb gegen das Publikum:
      "Gerade unter Verdi-Liebhabern gibt es ja diese Menschen mit überentwickelten Spiegelneuronen, die gar nicht anders können, als auf Lautstärke mit Lautstärke zu reagieren. Weil man von Maltman stellenweise ein bißchen zu arg angebrüllt wird, donnern sie in gleicher Intensität ihre „Bravi“ zurück – gerne mit pseudo-italienisch rasselndem, langgezogenem „rrrr“."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Momos ()

    • "Gerade unter Verdi-Liebhabern gibt es ja diese Menschen mit überentwickelten Spiegelneuronen, die gar nicht anders können, als auf Lautstärke mit Lautstärke zu reagieren."

      Gerade unter den Rezensenten gibt es ja diese Menschen mit überentwickeltem Pseudowissen, die gar nicht anders können, als selbiges vorzuführen. Hätte er sich doch erst einmal fachlich mit den Spiegelneuronen - mögen diese irgendwann einmal hinreichend dingfest gemacht werden - befaßt.
    • Beinahe hätte ich es vergessen: am 16.12. fand die sehr gelungene Derniere dieser Oper statt. Die Herren Caimi und Maltman überzeugten in Vortrag und großer Spielfreude, die auch Barbara Haveman streckenweise aus der Reserve lockte (irgendwie ist die Hélène ja eine undankbare, weil unwahrscheinliche Rolle, und die Vermummung im existenzialistisch tiefschwarzen 70erjahres-Look inklusive riesigerSonnenbrille ist auch nicht eben hilfreich). Stimmlich blieb sie allerdings etwas hinter den beiden zurück: sie hat zwar eine in den hohen Lagen durchaus schön klingende Stimme, die Koloraturen hatten aber etwas Mühsames an sich.
      Christopher Maltman hingegen hatte auch stimmlich ein bisschen nachjustiert und seiner Rolle namentlich in seiner Arie im dritten Akt durch sensible Nuancierungen eine beeindruckende Tiefe verliehen. Ich hätte nicht gedacht, dass das noch steigerungsfähig wäre, ließ mich aber gerne eines Besseren belehren.
      Eigentlich also ein schöner Abend – wenn nicht dieser Brüllaffe im ersten (?) Rang nach jeder Nummer und meistens vor Verklingen des letzten Tons sein „Bravo!“ - bzw. „Bravi!“ - gegrölt hätte.Das nervte auf Dauer und ruinierte jeden Spannungsbogen nachhaltig.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Ach der, es ist mir noch gar nicht aufgefallen, daß das ein Serientäter ist. Es stört mich ja nicht, wenn der zur Pause und am Schluß Bravo, Brava,Bravi,Bravos oder Bravados ruft, klatscht oder trampelt.Mich stört, daß er diejenigen, die aus Leidenschaft oder Unkenntnis jeden halbwegs getroffenen Ton beklatschen, auch noch anstachelt. Die Oper sollte einfach jeden Fehlklatscher rauswerfen, dann herrschen Ruhe und Platz.
      Apropos Oper, Herr Loebe hat mich angerufen. Das können Sie ruhig glauben. Er meldet sich freundlich, ich grüße zurück, er redet einfach weiter. Also eine Bandrede (keine Brandrede), mit der er sich sehr herzlich für meine Standhaftigkeit als Abonnent bedankt und besonders für meine Bereitschaft, auch neue Wege mitzugehen verbunden mit der Hoffnung, daß das so bleibt. Aber klar doch, hat er aber nicht gehört. Ob er sich auch mit der statistischen Lebenserwartung seiner Abo-Kundschaft befaßt hat?