Die tote Stadt

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    • Die tote Stadt

      Dann muß eben wieder mal jemand den Bluthund machen, der sich eigentlich nicht zur Rezensiererei berufen fühlt ...

      Deshalb so herum: Meine Eindrücke entsprechen weitgehend dem, was unter nmz.de/online/die-semperoper-l…die-tote-stadt-einen-coup (ausgenommen der vorletzte Absatz; starkes Schlußbild jedenfalls) und deutschlandfunkkultur.de/premi…ml?dram:article_id=406247 zu lesen ist.

      Was ich nicht bestätigen kann, ist die Aussage der Premierenkritik aus Berlin, wa, die Sänger wären vom Orchester zugedeckt worden. Vielleicht auf bestimmten Plätzen, das wäre ja keine neue Beobachtung und natürlich kein Grund, an der musikalischen Leistung von Dmitri Jurowski herumzumäkeln. Ebensowenig wie an den Sängern.

      Und die szenische Seite: Es fällt schon auf, wie zwei Teilverrisse beide meinen, das Stichwort „Gothic“ geben zu müssen. Wahrscheinlich ist es unabdingbar, die „Regietheater“-Voodoopuppe zu bearbeiten, wenn eine Inszenierung nicht so aussieht wie in den 50er Jahren. Als ob diese szenische Lösung nicht zu dem (so im Libretto stehenden, bitt'schön) Sujet eines Trauernden und seines Alptraums paßt, so mit Düsternis, sich auflösendem Raum, den 128 Tonnen Haaren und Projektionen (nicht irgendwelche an die Wand geklatschten Bilder, das ist um einiges raffinierter gemacht).

      Man kann es wohl schon einen Coup nennen. Umso unverständlicher ist, wie die Bude bei der zweiten Vorstellung halb leer blieb (und das könnte bei den Terminen nach Neujahr womöglich noch übler werden). Denken die Leute alle, das wäre fieseste Zwölftonmusik? (Laut Jurowski klingt es nicht nur wie Filmmusik, sondern es gibt da auch welche, die eindeutig von dieser Oper abgekupfert ist.)

      Immerhin: Von denen, die da waren, war es ein großer Teil tatsächlich wegen der Aufführung. Und die feierten Solisten und Dirigent auch noch, als das Orchester schon fast komplett den Graben verlassen hatte.
    • Das war eine in jeder Beziehung sehr gute Aufführung! Dass das Orchester zu laut war kann ich nicht bestätigen, zum Teil dürfte das tatsächlich vom Sitzplatz abhängig sein, es wäre auch durchaus möglich, dass sich Sänger zeitweise etwas zurückgenommen haben, da gerade Paul zum Ende hin noch mal richtig gefordert wird. Die Partie liegt schon sehr hoch und er ist die gesamte Dauer der Oper auch stimmlich präsent.
      Auch an der Inszenierung gibt es aus meiner Sicht nichts auszusetzen. Nichts war übertrieben, keine Mätzchen oder sonstige Regieeinfälle, die man nicht mehr sehen mag. Von Seiten (auch des älteren) Publikums uneingeschränkte Zustimmung!
      Schade finde auch ich, dass das Haus nur zur Hälfte besucht war. Ich hoffe, dass es sich rumspricht, dass es hier ein echtes Schmuckstück im Spielplan gibt. Zweiter großer Erfolg nach Lucia.
      Der Besuch lohnt sich auf alle Fälle: Spannende Geschichte, sehr gute Inszenierung, sehr gute Besetzung. Wer sich für Oper interessiert sollte die Gelegenheit nutzen!
    • Der Besuch der Premiere der David Bösch-Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ war mir versagt geblieben und auch die ersten Aufführungen musste ich aus Termingründen auslassen, so dass ich erst die Vorstellung am 2. Januar 2018 nutzen konnte.
      Nun habe ich inzwischen ein halbes Dutzend Kritiken der Dresdner Inszenierung gelesen und man könnte meinen, von den Profi-Kritikern sei bereits Alles geschrieben.
      Es gibt aber doch einen eigenen Eindruck, der zum Teil erheblich von der Einschätzung der Veröffentlichungen abweicht.
      Anschließen möchte ich mich der allgemeinen Begeisterung für das Hausdebüt-Dirigat von Dmitri Jurowski.
      Dmitri ist ein Enkel des Komponisten Wladimir Michailowitsch Jurowski (1915 bis 1972), damit ein Sohn von Michael Jurowski (*1945 und seit 1989 Semperoper-Dirigent) sowie Bruder von Wladimir Jurowski (*1972 und häufiger Gastdirigent der Staatskapelle DD).
      Damit ist der inzwischen 37 Jahre zählende ist nun der dritte Vertreter der Dynastie „Jurowski“, der im Semperbau wirkt. Mit seinem Dirigat treibt er die Musiker der Staatskapelle zu einer mitreißenden Klangorgie und vermeidet aber alles Sentimentale der rauschhaft-sinnlichen Musik des jungen Korngold.
      Diese Mischung von Spätromantik und Impressionismus sicherte bereits den musikalischen Erfolg des Abends.
      Der wunderbare Orchesterklang hatte bei mir zur Folge, dass ich mich voll auf das Musikerlebnis konzentrierte und damit den Handlungsfaden nahezu ignorieren konnte. Das Libretto ist mir ohnehin kaum geläufig und die Übertexte von unseren Plätzen nur schwer erkennbar.
      Vor allem konnte ich die vorherrschende Einschätzung der meisten Kritiker, dass die Sänger-Darsteller der beiden Protagonisten Marietta und Paul fehlbesetzt seien, absolut nicht nachvollziehen.
      Mit ihrer hochdramatischen Stimme bietet Manuela Uhl insbesondere in den leicht erotischen Szenen beeindruckend einfühlsamen schönen fast liedhaften Gesang, öffnet sich aber im sich entwickelnden obsessiven Sinnentaumel mit schier unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten. Aber auch mit Mariettas Lautenlied und im Ohrwurm „Glück, das mir verblieb“ konnte Frau Uhl musikalische Höhepunkte des Abends beisteuern.
      Nicht einfach hatte es der Paul von Burkhardt Fritz, der vom Libretto als der zurückhaltende und weltfremde Trauernde sich zu einem von Marietta Getriebenen entwickeln musste, aber letztlich seiner Verklemmung nicht entkommt.
      Mit seinem Gesang überzeugt er in jeder Phase der Entwicklung seiner Figur bis zur Schluss-Erleichterung, dass das Ganze eigentlich nur ein Alptraum gewesen war. Ein wunderbarer Abschluss wurde so sein „Glück das mir verblieb“.
      Die zweite Hauptpartien-Reihe war von Ensemble-Mitgliedern bestritten worden.
      Das Hausgewächs Christoph Pohl brillierte als Pauls Freund Frank. Wenn er mit seiner ansprechend schönen Bariton- Stimme das „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“ singt, ist man schon beeindruckt.
      Christa Mayer hinterlässt mit den kleinen Rollen der Brigitta als einfache Putzfrauund als „scheinbare Nonne“ sängerisch und gestalterisch einen starken Eindruck.
      Der von Jörn Hinnerk Andresen vorbereitete Opern-Chor und der von Claudia Sebastian-Bertsch einstudierte Kinderchor trugen nicht unwesentlich am musikalischen Gelingen des Abends bei.
      Der Hauptakteur aber war unbestritten das Orchester unter der musikalischen Leitung des Dmitri Jurowski.
      Der Regisseur David Bösch hatte das Werk in etwas klischeehaften Episoden als Psychodrama angelegt. Verlustangst, verklärte und schmerzhafte Erinnerungen wechseln mit obsessiver Leidenschaft.
      Die Abläufe waren straff unter Nutzung von unaufdringlichen Video-Projektionen durchgezogen, das Moderne der Oper betonend.
      Viele Details sind mir ob meiner Konzentration auf die Musik entgangen, so dass wohl ein zweiter Besuch der Inszenierung von Nöten sein wird.
      Mit stürmischen und lang anhaltenden Ovation feierten die Besucher des vollbesetzten Hauses die Künstler.
      Offenbar haben die zahlreichen Besprechungen der Inszenierung zusätzlich breiter interessierte Opernfreunde nach Dresden gelockt. Dem sachkundigeren Publikum waren auch die im Gegensatz zu den vorweihnachtlichen Vorstellungen deutlich heftigeren Beifallskundgebungen zu verdanken.
      Auch hatte die hiesige Touristen-Branche für eine Auffüllung des Zuschauerraumes gesorgt, denn noch wenige Stunden vor Beginn waren im Internet noch etwa ein viertel der Plätze vakant. Auch das Outfit vieler Besucher bewies, dass der Opernbesuch nicht ursächlich geplant war.

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    • Zur Inszenierung des David Bösch
      Den Zugang zur Inszenierung des David Bösch verschaffte mir erst die Lektüre des Buches des Georges Rodenbach „Bruges-la-morte“ und die Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt Brügge.
      Im Jahre 1134 hatte eine extreme Sturmflut eine Rinne von der Meeresbucht Zwin bis zur Stadt Brügge gepflügt und damit der Stadt einen direkten Zugang zur Nordsee verschafft. Der in der Folge mit einem Kanal zur Rheinmündung eingerichtete geschützte Hafen wurde bald zur Drehscheibe des internationalen Handels Nordeuropas und verschaffte Brügge ein „Goldenes Zeitalter“.
      Prachtvolle gotische Bauwerke sowie stattliche Patrizier-und Zunfthäuser prägten das Stadtbild. Der unwahrscheinliche Reichtum lockte bedeutende Künstler und Architekten in die Stadt.
      Als aber am Ende des 15. Jahrhunderts der Zwin versandete und der Nordsee-Zugang verloren ging, wurde die Stadt regelrecht gelähmt. Die Handelstätigkeit wanderte ab und die industrielle Revolution ging an Brügge vorbei.
      Übrig blieben ein von Gotik, Renaissance, Barock und Neugotik wundervolles bis heute erhaltenes Stadtbild und eine bigotte streng katholische Gesellschaft. Denn die Versandung des Zwin wurde als Strafe Gottes gedeutet.
      In diese Situation stellte der Symbolist Rodenbach die Geschichte des wohlhabenden Hugues Viane, den in seiner Trauer um die verstorbene Gattin die deprimierende Situation der Stadt angezogen hatte. Ein Suizid kam für ihn aus Glaubensgründen nicht in Frage und so lebte er seine Depression aus. Als er der Tänzerin Jane begegnete, faszinierte ihn zunächst deren Ähnlichkeit mit der Verstorbenen. Aus dem zunächst platonischen Verhältnis, er hatte ihr ein Haus eingerichtet und sie großzügig finanziert,entwickelte sich ein zunehmend exzessives sexuelles Verhältnis, was natürlich zu Problemen mit dem bigotten Umfeld führte.
      Nach dem Jane zunehmend auch alle Zurückhaltung verlor und seinen Trauerprozess missachtete, erkannte Hugues, dass sie der Verstorbenen nur äußerlich ähnelte und er brachte sie um.
      Aus diesem Stoff hat Julius Korngold (unter dem Pseudonym Paul Schott) für seinen Sohn, den Komponisten Korngold, ein straffes Libretto destilliert.
      Zunächst hatte er die Handlung in den Beginn des zwanzigsten Jahrhundert verschoben und als Protagonisten den Witwer Paul und die Tänzerin Marietta eingeführt. Damit entfiel natürlich das depressive Brügge als Ort der Handlung.
      Vor allem verpackte der Librettist das Geschehen als Vision des Paul. Das vor dem Besuch der Vorstellung zu wissen, ist nahezu die Voraussetzung für das Verständnis der Arbeit von David Bösch. Wann die „Bühnen-Realität“ zur Fiktion wird überlässt auch Bösch dem Besucher. Stefan Mickisch verortet dieses Kippen auf den Wechsel vom ersten zum zweiten Bild. Der Beginn dieser Vision kann aber auch nach der Auseinandersetzung von Paul mit Frank oder irgendwo dazwischen gedeutet werden.
      Mit dem ersten Aufzug beginnt die Handlung zunächst zögerlich . Erst als dann Marietta auftritt und zunehmend die Bühne bestimmt, nimmt die Inszenierung Fahrt auf. Warum das Libretto die Haushälterin Brigitta so stiefmütterlich behandelt, sie taucht im zweiten Aufzug im Beghinen-Zug und im Schlussbild jeweils nur kurz auf, ist mir unklar geblieben. Denn bei Rodenbach hat die Haushälterin Barbe eine die Entwicklung durchaus bestimmende Funktion.
      David Bösch hat mit seiner Arbeit insbesondere den zweiten Aufzug genutzt, mit einer Vielzahl von Details und gut gemachter Video-Installationen die Situation im religiös-bigotten Brügge mit zum Teil skurrilen Bildern zu illustrieren.
      Mit gekonnter Personenführung wird das Religiöse mit dem wüsten Leben der Theatergruppe Mariettas in Übereinstimmung geführt.
      Dazu entwickelt er die Darstellung des zunehmenden Abgleiten Pauls in die sexuelle Abhängigkeit und in die obsessiven Situationen.
      Im abschließenden Aufzug entwickelt sich dann das Seelendrama zum Psychodrama, indem die Verstorbene ihre Haare symbolisch auf die Bühne hängen lässt und Paul ermahnt.
      Eine gekonnt gemachte Video-Installation der Prozession mit Brügges wichtigster Reliquie, einer Ampulle mit dem Blut Christi, bringt das Kippen der Handlung.
      Nur durch die Auflösung der Vision sowie dem Ohrwurm „Glück das mir verblieb“ wird die Situation für den Zuschauer erträglich und er kann mit der Musik im Ohr sowie nach heftigem Beifall getröstet das Haus verlassen.
      Zwei Bemerkungen zur Vorstellung am 2. Februar:
      In der zweiten Reihe der Sänger waren leider Christa Mayer und Christoph Pohl durch Tichana Vaughn und Sebastian Wartig ausgetauscht. Beide nicht schlecht, aber ich hatte eben noch die Januarvorstellung, dabei insbesondere das „Mein Sehnen, mein Wähnen“ des schönen Bariton im Ohr.
      Genau vor uns waren während des ersten Aktes drei Plätze frei, so dass wir einen freien Blick zur Bühne hatten.
      Zwischen den Akten drängten sich vier! englisch sprechende Personen in die Reihe. Der arme Mann vor mir musste so während des zweiten Aufzugs seine gottlob zierliche Partnerin auf dem Schoss behalten.

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    • thomathi schrieb:

      Den Zugang zur Inszenierung des David Bösch verschaffte mir erst die Lektüre des Buches des Georges Rodenbach „Bruges-la-morte“ und die Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt Brügge.
      Für meinen Geschmack brauchte es den konkreten Bezug zur Stadt Brügge nicht, um mit der Aufführung etwas anfangen zu können. Um, wie das so wunderbar heißt, „es zu verstehen“.

      Weil das so war, bin ich auch „in dieser Spielzeit“ nicht nochmal reingegangen.


      thomathi schrieb:

      Zwischen den Akten drängten sich vier! englisch sprechende Personen in die Reihe.
      Drei davon Einheimische? (Ich kann das Spektakel beim Mittagstisch immer wieder beobachten: Die gepflegte englische Konversation, deren Banalität einem förmlich ins Essen springt.)
    • Dr. Schoen schrieb:

      Für meinen Geschmack brauchte es den konkreten Bezug zur Stadt Brügge nicht, um mit der Aufführung etwas anfangen zu können. Um, wie das so wunderbar heißt, „es zu verstehen“.
      Weil das so war, bin ich auch „in dieser Spielzeit“ nicht nochmal reingegangen.



      Zum Ersten: Nun gehören wir offenbar doch unterschiedlichen Generationen von Opernbesuchern an.
      und zum Zweiten: Die prachtvolle Musik Korngolds und das tolle Dirigat des jungen Jurowskis wird mich noch einmal in die "tote Stadt" treiben.