"Iwan Sussanin", WA 2018

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • "Iwan Sussanin", WA 2018

      Trallalla - endlich wieder eine Wiederaufnahme...

      19./21. Januar 2018

      Dieses Werk ist ein wüster, aber faszinierender Mix aus Belcanto-Oper und dem, was Mussorgskij später 'musikalisches Volksdrama' nannte... Die Arien könnten ebenso gut von Rossini oder Donizetti sein, aber in den machtvollen Chören tost die russische Seele – namentlich die Schlussszene bleibt nachhaltig in Erinnerung.
      Diese leider schon letzte Wiederaufnahme bietet sängerisch Hervorragendes; mit einer Ausnahme wurde die Besetzung der Premierenserie beibehalten. Wo soll ich anfangen zu loben? Vielleicht bei den Kindern: Kateryna Kasper, ehemaliges Mitglied des Opernstudios und nun fest in Frankfurt engagiert, singt Sussanins Tochter Antonida mit glockenreiner, bezaubernder Stimme – in ihrer ersten Arie lässt sie zarteste Töne hören, die niemanden unberührt lassen. Das burschikose Bauernmädchen glaubt man ihr ebenso wie die zärtlich liebende Verlobte. Ihren Adoptivbruder Wanja spielt und singt Katharina Magiera. Auch sie ist ein hauseigenes Gewächs, und auch sie überzeugt in Gesang und Spiel – ein liebenswerter Junge, der einerseits noch Märchenbücher liest, andererseits aber sooo gerne ein Kriegsheld wie sein künftiger Schwager Sobinin wäre.
      Dieser anspruchsvollen Rolle nimmt sich erneut der russische Tenor Anton Rositskij an. Die Kraft und Sicherheit, mit der er diese Partie bewältigt, nötigen Staunen ab. Die Stimme ist überaus metallisch, und in den extremen Lagen (vor allem im vierten Akt) klingt sie fast scharf, was in der aufgewühlten Situation aber vielleicht sogar passt.
      Der einzige Neuzugang ist Dmitry Belosselskij in der Titelrolle. In der pariser 'Don Carlos'-Inszenierung fand ich ihn wenig spektakulär (könnte aber auch mein grundsätzliches Problem bei Fernsehübertragungen sein). Als Iwan Sussanin allerdings ist er mehr als beeindruckend: eine machtvolle, niemals forcierende Stimme mit schönem Timbre und großer Bandbreite im Ausdruck – ein Genuss! Ernsthaft ergreifend seine Schlusszene, in der er vom Leben und seiner Familie Abschied nimmt, weil er weiß, dass die Feinde, wenn sie bei Morgengrauen die Falle erkennen, in die er sie gelockt hat, ihn unfehlbar töten werden. (Warum er, der Ortskundige, sich nicht einfach davonmacht, während seine Entführer schlafen, gehört zu den Ungereimtheiten des Librettos... wahrscheinlich, weil es dann keinen ergreifenden Heldentod gäbe...)
      Der Opernchor, durch den Extrachor auf 75 Personen verstärkt, kann sich richtig austoben und das tut er auch – man kann (fast) nicht meckern. Ob es wohl etwas zu bedeuten hat, dass er an beiden Abenden ausgerechnet im zweiten Akt ein bisschen aus dem Takt geriet? Und ob Thomas Faulkner als Hauptmann deshalb dreinschaut wie ein frisch geföhntes Eichhörnchen?
      Auch das Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Justin Brown überzeugt auf ganzer Linie – bei der langen (aber niemals langatmigen) Ouvertüre und in den Zwischenspielen ebenso wie bei der Begleitung der Sänger.

      Ich habe den unbestimmten Verdacht, dass man einige Kürzungen in dem ohnehin schon sehr zusammengestrichenen Werk vorgenommen hat, könnte aber nicht sagen, wo genau. Die Vermutung ist, dass man den unliebsamen zweiten Akt weiter eingedampft hat – kann das jemand bestätigen? Apropos zweiter Akt: Harry Kupfer gefiel es ja nun einmal, die Handlung aus dem Jahr 1613 in den Zweiten Weltkrieg zu verlegen. Das funktioniert sogar ganz gut – bis auf eben diesen Akt, der auf einem Ball in höheren Wehrmachtskreisen stattfindet (jawohl! Auf der Bühne wird tatsächlich „Sieg Heil!“ gesungen) und in dem das unsägliche Panzermodell (Siegesdenkmal?) enthüllt wird. Das ist eine so blöde Idee und so unsubtil...

      Davon abgesehen: wer russische Opern mag, sollte sich ranhalten: es gibt noch genau zwei Vorstellungen (25. und 27. Januar); dann müssen wir warten, ob Herr Loebe seine Ankündigung wahrmacht und uns noch einen 'Boris Godunow' beschert, bevor er in Rente geht...
      ... Wunder warten bis zuletzt.