Chemnitz Der neue Ring 2018

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    • opernwahn schrieb:

      Und deswegen darf ich auch schreiben, dass Akt 1&2 auch gut bei der Augsburger Puppenkiste ins Repertoire genommen werden dürfen.
      Puppenkiste kürzt Wagners «Ring» auf zwei Stunden zusammen

      Augsburg (dpa/lby) - Zum 70-jährigen Bestehen der Augsburger Puppenkiste inszeniert das berühmte Marionettentheater eine Kurzversion von Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen». Der 16 Stunden lange Opernzyklus werde auf 2 Stunden komprimiert, wie Puppenkisten-Chef Klaus Marschall am Donnerstag ankündigte: «Wir wollen Wagner nicht veräppeln, wir wollen den "Ring" nicht veräppeln, aber wir wollen ihn auf das Wesentliche reduzieren.»

      Für das Stück, das ab 16. November gezeigt wird, hat die Puppenkiste prominente Mitstreiter gefunden. Wagners Musik wird von Opern- und Filmmusik-Komponist Enjott Schneider («Herbstmilch») bearbeitet. Die Figuren werden zum Teil von Prominenten wie Schlagzeuger Bela B. («Die Ärzte») und Satiriker Oliver Kalkofe gesprochen.

      Die Augsburger hatten bereits in der Vergangenheit Mozart-Opern wie «Don Giovanni» auf die Puppenbühne gebracht. Der «Ring» wird von 32 Marionetten gespielt, darunter sind 22 Sprechrollen. Theaterchef Marschall erklärte, dass damit auch dem Gelegenheits-Theatergänger Zugang zum monumentalen Wagnerwerk gegeben werden soll. Der «Ring» werde voraussichtlich mehrere Jahre im Programm der Puppenkiste bleiben.
    • Brünhilde macht, was in ihrem Stellenprofil als Walküre gefordert wird: sie wäscht den gefallenen Helden. Eigentlich wurde ihr ein Berufsverbot auferlegt, und der Sterbende will die Todeszeremonie auch nicht klaglos über sich ergehen lassen. Er wehrt sich anfangs, später weint er - sein Widerstand ist gleichwohl zwecklos. Denn der Soundtrack ist schon weiter als die Szenerie: unaufhaltsam tönt der Trauermarsch aus dem Orchestergraben. Es ist dies die großartigste szenische Umsetzung dieser Passage, die ich je gesehen habe: Brünhilde, die ihren Job macht, und Siegfried, der vergeblich um Einhalt bittet. Während sonst zumeist der Vorhang für den Umbau geschlossen wird und Wagner bombastisch dröhnt, gelingt es Regisseurin Elisabeth Stöppler, diese heikle Stelle brutal zu vermenschlichen.
      Und es ist dies nicht der einzige Lichtblick in einer szenisch und musikalisch beglückenden "Götterdämmerung", in der vieles gewollt anders ist - und der trotzdem keine billige Effekthascherei unterstellt werden kann. Es lodert kein Feuer, die Welt ist schon einen Schritt weiter, erstarrt in Eis. Die Nornen wie Eskimos bekleidet, mit Robbenlederjacke und Eisbärenfellhosen, der Felsen eine Scholle. Unaufhörlich wabert Nebel, und die Überlebenden haben sich angepaßt: statt der polaruntauglichen Grane steht ein Rodel-Schlitten am Bühnenrand. (Morgen gehts weiter ...)
    • (jetzt geht es weiter)
      Die Szenerie der Giebichungenhalle überzeugt weniger: ein hoher Raum, ein Bartresen, im Hintergrund ein Garagenrolltor - irgendwo hatte ich gelesen, in diesem Raum würde viel geheizt, damit die gefühlskalten Meschen überleben können - davon ist nichts zu sehen. Auch die Kostüme sind (wie immer, wenn es um Garderobe geht) Geschmackssache, die drei Rheintöchter tragen - und hier soll es möglicherweise um Umweltverschmutzung gehen, Perücken, die mich an Wileda-Wischmopps erinnert haben (allerdings gefärbt). Dass Brünhilde (sensationell: Stéphanie Brüther) in Reithosen agieren muss, grenz schon an Erniedrigung, bei ihrer Figur wäre ein sehr langer Mantel einfach vorteilhafter gewesen.
      Ganz große Oper am Ende: es brennt nichts an, es schneit auf der leergeräumten Bühne. Dies wirkt in der Oper ja immer, aber hier entfaltet zudem das Arrangement große Wirkung: nach und nach kommen die Überlebenden des Ringes auf die Bühne und gruppieren sich um Brünhilde: Erda, die Rheintöchter, die Nornen, Gutrune (die Hagen zuvor mit einem gezielten Pistolenschuss erledigen durfte). Da Alberich nur noch Backstage herein rufen darf, sind dies - wir merken es - allesamt Frauen. Man(n) könnte dies leicht mit dem programmatisch angekündigten speziell weiblichen Blick auf den Ring verwechseln, im Grunde aber hat ein gewisser Richard Wagner sich dies ja genau so erdacht. Hier wurde es sozusagen werkgetreu auf die Bretter gebracht.
      Und was für ein Feuerwerk aus dem Graben: den musikalischen Teppich, den Guillermo Carcia Calvo das Orchester ausbreiten läßt, beinahe ohne Wackler, differenziert, nie zu laut, den nutzen die großartigen Solisten für einen in dieser Qualität von mir (nach den provinztheatermäßigen Walküre und Siegfried) nicht erwarteten Abend. Brünhilde habe ich schon erwähnt, auch Daniel Kirch meistert seinen ersten GödaSiegfried ohne Makel - und alle spielen eben auch gut.

      Fazit für mich: Rheingold und Göda richtig gut. Eine weibliche Sicht auf den Ring gibt es nicht, denn Frauen sind auch Menschen. Es macht keinen tieferen Sinn, den Ring auf vier Regisseurinnen zu verteilen. Da können vier spannende Arbeiten heraus kommen, hier waren es zwei. Aber auch in Stuttgart und Essen konnte ich mit dieser Aufteilung wenig anfangen, auch wenn sie nicht gestört hat.
    • opernwahn schrieb:

      Es lodert kein Feuer, die Welt ist schon einen Schritt weiter, erstarrt in Eis. Die Nornen wie Eskimos bekleidet, mit Robbenlederjacke und Eisbärenfellhosen (...)
      Unaufhörlich wabert Nebel, und die Überlebenden haben sich angepaßt: statt der polaruntauglichen Grane steht ein Rodel-Schlitten am Bühnenrand.
      Und das in Zeiten einer bedrohlichen Erderwärmung! :D

      susakit schrieb:

      Macht Lust auf Chemnitz!
      Wenigstens das. :P
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Ohne die Bedeutung des Chemnitzer Rings minimieren zu wollen, war uns die Übernahme Inszenierung der fast vergessenen Oper "Hamlet" des Franco Faccio durch die Chemnitzer Oper von den Bregenzer Festspielen interessanter.
      Die Oper war 1865 in Genua erfolglos uraufgeführt worden. Der zweite Versuch (1871) an der Mailänder Scala beförderte das für mich wertvolle Werk in die Versenkung, bis es 2014 von einem progressiven USA-Musikwissenschaftler wieder entdeckt und zunächst auf ein Konzertpodium gebracht wurde.
      Premiere der deutschen Uraufführung war der 3. November 2018.


      Hier zunächst die Mitwirkenden:
      Inszenierung: Olivier Tambosi
      Bühne: Frank Philipp Schlößmann
      Kostüme: Gesine Völlm
      Musikalische Leitung: Gerrit Prießnitz


      Hamlet: Gustavo Peña
      Claudius: Pierre-Yves Pruvot
      Polonius: Magnus Piontek
      Horatio: Ricardo Llamas Márquez
      Marcellus: Matthias Winter
      Laertes: Cosmin Ifrim
      Ophelia: Tatiana Larina
      Gertrude: Katerina Hebelkova
      Der Geist / Ein Priester: Noé Colín
      Der König Gonzago / Ein Herold: Tommaso Randazzo
      Die Königin Giovanna: Ina Yoshikawa
      Lucianus / Erster Totengräber: André Eckert
      Zweiter Totengräber: Alexander Jahn

      https://www.theater-chemnitz.de/oper/premieren/repertoire/infos/hamlet/

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    • Die zyklische Aufführung des Chemnitzer Rings: Wagner aus feministischer Sicht
      Als aus Chemnitz die Information kam, man werde eine Neuinszenierung von Richard Wagners „ Der Ring des Nibelungen“ von vier unterschiedlichen Regisseurinnen im Zeitraum vom 3. Februar 2018 bis zum 1. Dezember 2018 auf die Bühne bringen, waren wir für die Premierenbesuche aus unterschiedlichen Gründen verhindert. Deshalb nutzten wir die Ostertage 2019 zum komprimierten Besuch der vier Abende, leider mit vielen Umbesetzungen, im Chemnitzer Opernhaus.

      Im Vorfeld, auch ob der reichen Berichterstattung in den Medien, gab es für uns die Frage, wie geht das, diese „Männeroper“ in weibliche Hände zu geben und wird es ein weiblicher oder feministischer „Ring“ sein? Die Meininger Arbeit der Christine Mielitz von 2001 gilt als großer Wurf. Das war aber noch vor den extremen Auswüchsen des Regietheaters. Ihre Probleme waren vorwiegend organisatorischer Natur. Leider ist das Meininger Ereignis nicht dokumentiert worden.

      Die von August Everding ausgebildete und von der Zusammenarbeit mit Calixto Bieto geprägte Verena Stoiber versuchte ihre Inszenierungvon „Das Rheingold“ als eine feministisch geprägte Gesellschaftskritik ohne besondere Verfremdungen zu gestalten.

      Ihre Idee, Nibelheim als Hort der Ausbeutung von Frauen als Sexualobjekte und für untergeordnete Arbeiten sowie für Kinderarbeit kann man so darstellen. Auch die Thematisierung des Konsumtionswahns erscheint schlüssig. Trotz der ansonsten vielen Klischees wurde auf den Klimawandel (Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will, dass sie nicht bleibt) und auf die sozialen Fragen (Mitleid macht wissend ohne Schuld) nur sparsam als Graffiti an der Walhalla-Wand hingewiesen. Auf der Bühne war ständig etwas los und es gab eine Reihe guter Regieeinfälle. Statt des Tarnhelms fungierte ein Spiegel, der Goldraub wurde dargestellt, indem den Rheintöchtern die blonden Perücken abgerissen wurden. Die Idee, mit einer Travestie von Donner und Froh, die Riesen vom Kaufpreis „Freia“ abzubringen, fand ich fast genial. Die optisch reizvolle Anfangsszene mit den schwingenden Rheintöchtern leidet, weil die Rheintöchter ob der Konzentration auf die Seilbewegung nicht ordentlich singen. Wie gut sie singen konnten, erweist sich im Schlussbild. Leider wissen wir sehr wenig vom Privatleben der Regiedamen, weil sie nicht zu den Gelbseiten-Promis mit Home-Story gehören. Aber ob Frau Stoiber einen so dümmlichen Wotan zu Hause auf dem Sofa sitzen hat, wie sie uns auf der Bühne präsentiert? Ansonsten sind die Männer neben ihrer Unbedarftheit vor allem vertrottelt, Loge schurkisch sowie vom Testosteron gesteuert. Wenn ein männlicher Regisseur so eine Phallusszene mit Jukka Rasilainenen geboten hätte, so wäre das Geschrei riesig gewesen. Die Frauen kamen aber bei Verena Stoiber auch nicht besser weg. Die Freia als Shopping-Girl und ansonsten panisch-ängstlich und die Fricka stand letztlich nur rum. Beeindruckend der präsentable Erda-Auftritt von Bernadett Fodor.

      Die Niederländerin Moniquie Wagemakers war mit ihrer Walküre zurückhalternder. Ihr Anliegen war, den Missbrauch familiärer Beziehungen zum Zweck des Machterhalts beziehungsweise zur Machterweiterung als Werkzeug einsetzen. Was natürlich bei der „Familiengeschichte Walküre“, der Vernichtung der Kinder durch den eigenen Vater gründlich schief gehen musste. Inszeniert war die Walküre letztlich „halb-szenisch“ fast ohne Requisiten. Da gab es kein Schwert, da fehlte die Weltesche.Generell wurde von der Rampe direkt in das Auditorium gesungen, was zum besten musikalischen Eindruck der vier Abende führte. Aris Argiris war der beste Wotan- Wanderer des Zyklus in seiner Rolle als gescheiterter Held. Dazu Anne Schuldt mit einer massiv durchgreifenden Fricka. Viktor Antipenko bot einen stimmlich sehr guten Siegmund, der seine begrenzten Möglichkeitenbeim Wälseruf hätte früher erkennen sollen. Astrid Kesslers statische Sieglinde agierte mit sicherer gut geführter Stimme. Stéphanie Müther war eine exzellente Brünnhilde, auch wenn die gewaltige Partie sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führte. Auch haben wir selbst an großen Bühnen eine so geschlossene Walküren-Frauenschaft noch nicht erleben können.

      Das überwiegend von der Rampe Singen erlaubte dem Generalmusikdirektor Guillermo Garcia Calvo ein besseres Eingehen auf die Belange der Solisten und ein deutlich differenziertes Musizieren im Orchester. So hervorragend hatten wir die Robert-Schumann-Philharmonie bisher nur in ihren Sinfoniekonzerten gehört; eine deutliche Steigerung des Orchesters gegenüber der Rheingold-Bespielung und der folgenden Abende.

      Die Buh-Rufe aus mehreren Publikumsbereichen waren uns absolut unverständlich.

      Die Struktur des „Siegfrieds“ machte es der Frau Sabine Hartmannshenn am schwersten, ihren Feminismus auszuleben, kommt doch, wenn man vom Waldvogel absieht, bei Wagner erst in der Mitte des dritten Aufzugs ein weibliches Wesen auf die Szene. Deshalb ging sie noch vor dem eigentlichen Handlungsbeginn aufs Ganze und ließ den Mime mit unglaublich widerlicher Brutalität den Siegfried-Säugling aus Sieglindes Unterleib herausschneiden und diese mit einem Tritt sich ihrem Sterben überlassen. Kaum zarter ließ Frau Hartmannshenn den Alberich eine zufällige Waldbewohnerin vergewaltigen, um dem kindlichen Hagen die Machtverhältnisse in der Männerwelt zu demonstrieren. Hagen nimmt die Belehrung an und tritt nach der Geschändeten. Dass die Regie dem Waldvogel, entzückend von Guibee Yang dargestellt, einen breiten visuellen Rahmen gab, war richtig in Ordnung. Aber warum der sympathische Vogel dann jedoch vom Wanderer ohne Anlass brutal ermordet wurde? Müssen wir bei der Regie niedere Instinkte vermuten? Den Drachen durch eine Statistengruppe darzustellen, war richtig gut.Die Personenführung der drei Hauptpartien blieb ob der begrenzten Gesangs-Möglichkeiten wegen der Tiefenstaffelung regelrecht mangelhaft. Der Mime Arnold Bezuyen rettete sich mit Extemporieren und der Sänger der Titelpartie bot zwar eine gute Stimme, ist aber (noch) kein Wagnertenor. So musste der Dirigent ihn an die Rampe holen, statt dass er die kraftvolle Brünnhilde anhimmeln konnte. Am Ende des dritten Aufzugs stand der wispernde Martin Iliev am linken und die auch körperlich präsente Stéphanie Müther am rechten Bühnenrand und der Held wurde ohne Gnade niedergesungen.

      Die vergleichbar ähnliche Verteilung der sängerischen Qualitäten zwischen den weiblichen und männlichen Partien in der von Elisabeth Stöppler betreuten „Götterdämmerung“ ließ da natürlich böse Vermutungen aufkommen. Die Gutrune der Cornelia Ptassek, die Brünnhilde der Stéphanie Müther und vor allem die die Waltraude der Anne Schuldt waren mit guter Stimmkraft angetreten, während der Siegfried –Iliev, der Gunthervon Pierre-Yves Pruvot und vor allem der Hagen von Marius Bolos eher kläglich agierten. Auch visuell waren die Herren eher ausgeschmiert: Waltraute reiste mit Fluggerät und fallschirmrepräsentativ an, während sich der Held mit einem Kinderschlitten begnügen musste.

      Mit dem zweiten Aufzug offenbart Elisabeth Stöppler ihr gesamtes Regietalent und ihr Personen-Führungskönnen und schafft eine imposante Chorszene mit all ihrer Dramatik um dann mit dem Schlussaufzug eine regelrechte Massenhinrichtung sämtlicher Testosteron-Träger zu veranstalten.

      Wenn dann alle Männer tot sind, kann der Selbstverbrennungs-Kanister zur Seite geschafft werden und, nachdem das Kinderschlitten-Symbol verbrannt werden konnte, zieht allgemeine Freude und Zufriedenheit ein.

      Der Fötus in Brünnhildes Gebärmutter ist gerettet und wehe dem Bürschlein, falls es ein Knabe werden sollte!

      Nun wissen wir nicht, wie und ob die vier Damen ihre jeweiligen Konzepte miteinander abgestimmt haben. Letztlich bleibt aber Richard Wagners Musik das verbindende Element. Das Haus hat bereits mit früheren Projekten seine Kreativität und Fähigkeit bei der Bewältigung anspruchsvoller Projekte bewiesen und dem Ansehen der Stadt Chemnitz gute Dienste geleistet. Das wäre unbedingt zu würdigen.

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