"Capriccio" , Neuproduktion 2018

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    • "Capriccio" , Neuproduktion 2018

      Irgendjemand hat 'Capriccio' einmal als die überflüssigste aller Opern bezeichnet, und vielleicht hat er damit sogar Recht – aber Spaß macht sie trotzdem: garstig-amüsante Dialoge zu schwelgerischer Musik, die gerade die richtige Dosis an Dissonanzen enthält, um nicht ins Wohlfeile abzugleiten...
      Ich bin ja nun bekanntermaßen keine allzu begeisterte Strauss-Hörerin; aber diese Oper hat mich vom ersten Takt an sehr angesprochen. Ich kenne nicht viele Opern mit einer so spinnenwebzarten Ouvertüre (die allerdings den Nachteil hat, dass der kommunikativere Teil des Publikums relativ spät merkt, dass sie schon begonnen hat...).
      Auch wenn das Werk sich 'Konversationsstück für Musik' nennt, gibt es durchaus eine Handlung, die – Absicht oder nicht – sogar ganz der von Aristoteles propagierten Einheit von Ort, Zeit und Handlung folgt; allerdings ist sie so kleinteilig, dass man sie eigentlich entweder in Echtzeit nacherzählen müsste – oder sich an das sehr zutreffende Resümee der Dienerschaft hält: „Es handelt sich um Reformen bei den Schaustücken, die er [der Theaterdirektor] noch vor seinem Tod einführen will.“ Und: „Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen. […] Um sich darüber klar zu werden, lässt sie sich eine Oper schreiben.“ (Interessanter Lösungsansatz übrigens; sollten Angie und ihre fröhlichen Großkoalitionäre auch mal versuchen...)
      Was nun Richard Strauss dazu bewogen hat, eine solche Oper mitten im 2. Weltkrieg auf die Bühne zu bringen, wage ich nicht zu beurteilen. Eskapismus pur? Desinteresse an der Realität? Oder gar ein Hauch von dezenter Systemkritik, wie manche vermuten? Und hat letztere Annahme Brigitte Fassbender zu ihrer Interpretation bewogen?
      Sie hat die Handlung nämlich aus dem bereits im Verfall befindlichen Ancien Régime unter Beibehaltung des Ortes (ein Schloss nahe Paris) in die Entstehungszeit der Oper, also in das besetzte Frankreich des Jahres 1942, verlegt: wenn sich nach der Ouvertüre der wahrhaft grandiose Prospekt hebt – eine exakt gemalte Nachbildung des Vorhangs im Palais Garnier –, wird ein komplett verglaster Wintergarten sichtbar, an dessen hinterer Wand ein kunstvoll vergoldetes Bühnenportal mit dem gleichen Vorhang sichtbar wird. Aber die eigentlich prachtvolle Umgebung scheint bereits dem Verfall preisgegeben: der Vorhang modert sichtbar, die meisten Glasscheiben sind blind und / oder von Frost überzogen, und zwischen überwiegend leeren Blumentöpfen fristen ein paar fast vertrocknete Pflanzen ein mühsames Dasein. Auch die Rohrmöbel haben schon bessere Tage gesehen.
      In dieser eher tristen Umgebung nimmt also der Wettstreit auf allen Ebenen seinen Lauf: Neuerer gegen Konservative, Künstler gegen Intendanten, Dichter gegen Komponist, 'Gluckisten' gegen Anhänger der italienischen Oper – ein munteres Chaos der Meinungen und Gefühle, wie im richtigen Leben...
      In Sachen musikalische Darbietung allerdings herrscht schönste Harmonie. Sebastian Weigle lässt sein Orchester schwelgen und blühen und begleitet die Sänger mit großer Umsicht.
      Bei diesen brilliert allen voran Camilla Nylund als Gräfin Madeleine mit ''Schmelz, betörendem Wohlklang und melancholisch-endzeitlicher Grundierung'' (Zitat aus der FR-Kritik, der in diesem Punkt nicht viel hinzuzufügen ist). Lediglich die Textverständlichkeit lässt bei ihr ein wenig zu wünschen übrig, was schade ist bei einer so textlastigen Oper. Ihr Schwanken zwischen zwei Neigungen, verborgen hinter der freundlichen Gelassenheit der vollendeten Gastgeberin, überzeugt aber völlig.
      (Fast) jedes Wort versteht man hingegen bei den Herren Flamand (AJ Glueckert hat was von einem kämpferisch verliebten Teddybären) und Olivier (Daniel Schmutzhard als selbstsicherer und auch ein bisschen selbstverliebter Dichter), die als „freundliche Gegner“ schönstimmig, mit viel Witz und unter gelegentlichem Austausch kleiner Bosheiten um Madeleine werben. All ihre Bemühungen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie als bisher nur mäßig erfolgreiche Künstler eher eine Außenseiterposition einnehmen, obwohl die Gräfin ihnen durchaus zugeneigt scheint.
      Gordon Bintner gibt den Grafen – ein schneidiger Draufgänger im Reitanzug, der, um der von ihm begehrten Schauspielerin nahezukommen, als Amateur in dem zu Ehren seiner Schwester stattfindenden Bühnenspektakel mitwirken will und dessen mangelhaftes Können sehr deutlich wird, als er das Sonett vorträgt, das Olivier eigentlich Madeleine gewidmet hat. Jedoch trägt er seine kleinen Niederlagen, auch im Wortgefecht mit Clairon, mit der gleichen Eleganz, mit der er die sängerische Seite der Partie bewältigt.
      Überhaupt: la Clairon – die einzige historische Person dieser Oper, dargestellt und vorzüglich gesungen von Tanja Ariane Baumgartner, steht als echte Diva in ihren eigenen Szenen, aber nicht nur dort, im Mittelpunkt: eine elegante Erscheinung, die sowohl ihren ehemaligen Liebhaber Olivier wie auch den Aspiranten für die Neubesetzung dieser Position und sogar den würdevollen Theaterdirektor La Roche ganz in ihren Bann zieht.
      Diesen La Roche, der mit Begeisterung dafür streitet, dass nicht Götter und antike Heroen, sondern echte Menschen die Bühne bevölkern müssen, damit auch das weniger gebildete Publikum sich ins Theater gezogen fühlt, gibt Alfred Reiter, der mit seiner schönen Bassstimme einerseits für die praktische Umsetzung der Theaterarbeit ficht, andererseits aber auch gerne mal über das Ziel hinausschießt, wenn es gilt, ein Spektakel zu inszenieren. Er verkörpert diese Figur mit komischer Würde und anrührendem Ernst.
      Eine Augenweide ist die junge Tänzerin, die La Roche erst kürzlich einem Konkurrenten ausgespannt hat. Die zauberhafte Katharina Wiedenhofer wirbelt über die Bühne und wohl auch im Herzen ihres neuen Förderers.
      Seine Argumente in Sachen italienische Oper untermauert La Roche mit dem Auftritt eines italienischen Sängerpaares (Sydney Mancasola und Mario Chang) – das heißt, er versucht es zumindest, denn irgendwie geht die Darbietung der beiden ziemlich unter. Ob das nun eine kleine Bosheit des Komponisten Strauss ist, oder ob sie tatsächlich nicht ganz gegen das Orchester ankommen, wollen wir dahingestellt sein lassen. Als Karikatur ihrer selbst sind die beiden jedenfalls köstlich – vor allem die dem Alkohol nicht abgeneigte, Tortenstücke in ihrer niemals und unter keinen Umständen losgelassenen Handtasche bunkernde Sopranistin erzeugt einige Heiterkeit.
      Gurgen Baveyan steht der Gräfin als der Haushofmeister zur Seite – mit wohlklingendem Bariton und extremer Diskretion.
      Die melancholische Stimmung, die von der Musik ausgeht, wird vom Bühnengeschehen aufgenommen: nicht nur die heruntergekommene Umgebung, in der alle Personen sichtlich frösteln, verstärkt diesen Eindruck. Hinter den nur halb durchsichtigen Glasscheiben des Wintergartens regen sich beständig dunkle Schemen, die alles vor sich Gehende zu protokollieren scheinen und nur manchmal erkennbar sind: die verdächtig aufmerksame Dienerschar ebenso wie der überaus interessierte Souffleur Monsieur Taupe (Graham Clark mit schneidend scharfer Stimme), der sich am Ende als Spion (in wessen Diensten?) entpuppt.
      Eigentlich wäre sein kurzer Auftritt, der mit den Worten „Ist das nun alles ein Traum! - Oder bin ich schon wach?“ schließt, auch das perfekte Ende dieser Oper...
      Stattdessen senkt sich der Prospekt zu den Klängen eines lieblichen Zwischenspiels und gibt beim Wiederaufgehen den Blick auf ein beeindruckend verändertes Bühnenbild frei: zwar ist immer noch der Wintergarten zu sehen, aber er ist in der Perspektive völlig verändert und erweckt nun Assoziationen mit dem Spiegelsaal in Versaille. Passend dazu tritt Madeleine nun in einer bildschönen Rokokorobe auf, um über ihre gefühlsmäßigen Irrungen und Wirrungen zu sinnieren. Dann legt sie die Robe ab, schlüpft in Trenchcoat und Baske und schließt sich ihrer Dienerschaft, deren Anführer auch hier der Haushofmeister ist, auf dem Weg in die Resistance an.
      Das ist zwar eine hübsche, aber doch etwas an den Haaren herbeigezogene Wendung, mit der ein „Schluss […], der nicht trivial ist“ suggeriert wird – ob das tatsächlich gelingt, möge ein jeder für sich entscheiden... Die allgemeine Zustimmung zu dieser Inszenierung ist jedenfalls groß.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Asteria ()