Stilles Meer

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    • Stilles Meer

      Ich konnte die erste Serie der Oper Stilles Meer von Toshio Hosokawa nicht sehen, da wir zu der Zeit nicht in HH waren. Umso mehr freut es mich, dass dieses Werk wieder aufgenommen wurde. Selbstverständlich ist das nicht, denn die Auslastung der Oper ist leider sehr schlecht: gestern waren mindestens 3/4 der Plätze frei.
      Der Abend war ein beeindruckendes Erlebnis, unter die Haut gehend. Das lag sowohl an der Oper wie an den beteiligten Künstlern.
      Zur Oper:
      Das Libretto wurde von Hannah Dübgen verfasst nach dem Originaltextbuch von Orizo Hirata, der auch für die Inszenierung dieser Uraufführung verantwortlich ist.
      Das Stück spielt in Japan an der Grenze zum Sperrbezirk um Fukushima. Es beginnt damit, dass sich die Dorfbewohner, darunter der Fischer Taro (Bariton) und sein Freund Hiroto (Tenor), zur „O-higan“-Zeremonie versammeln. Es werden Laternen für die Gestorbenen in kleinen Schiffchen aufs Meer gesetzt. Im Mittelpunkt der Handlung steht Claudia (Sopran), eine deutsche Ballettlehrerin, die beim Tsunami ihren Mann Takashi und ihren Sohn Max verloren hat. Stephan (Countertenor), der leibliche Vater von Max, ist nach Japan gereist, um den Tod seines Sohnes zu verstehen und um Claudia zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Claudia will aber bleiben, den Tod ihres Mannes konnte sie akzeptieren, nicht aber den ihres Sohnes. Haruko (Mezzo), die Schwägerin Claudias, erläutert Stephan sowohl die Situation nach der Katastrophe als auch Claudias persönliche Unfähigkeit, mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen. Sie zeigt ihm die Parallelen zu dem Nö-Stück „Sumidagawa“ (das auch Claudia kennt) auf, in dem es um die Suche einer Mutter nach ihrem verschwundenen Kind geht. Haruko und Stephan beschwören Claudia, die Realität zu akzeptieren und in Deutschland ein neues Leben anzufangen, doch ohne Erfolg: „Seht die Wirklichkeit, die ihr nicht seht!“
      Haruko schlägt vor, gemeinsam das Stück Sumidagawa zu spielen. Sie hofft, dass Claudia die Parallele sieht: im Stück erscheint der Mutter ihr totes Kind, das sich auflöst und verschwindet, als sie es umarmen will. Claudia macht mit, sie rufen Buddha an, doch statt des Geistes von Max erscheint eine kleine Ballettschülerin von Claudia und führt ihr vor, dass sie jetzt eine Pirouette kann. Claudia fordert alle auf, nach Hause zu gehen, ein jeder zu sich nach Hause.
      Zur Musik:
      Nach Wellen- und Windgeräuschen beginnt eine ausgedehnte Schlagzeugpassage, die an den Tsunami denken lassen. Die fein ziselierte Musik baut auf einem „Mutterakkord“ aus kleiner Sekunde und Tritonus auf. (Letzteres entnahm ich dem Programmheft.) Wie auch immer - ich hörte Klänge, die sich verwandeln, enden, verändert wieder einsetzen, die Schlagzeugpassage wird wieder aufgenommen. Dazu die Stimmen der Sänger, die sich - sehr textdeutlich – mit diesen Klängen verweben, all dies entwickelt einen packenden Sog.
      Zur Inszenierung/Bühnenbild:
      Das einheitliche Bühnenbild (Itaru Sugiyama) besteht aus einer schrägen, durchsichtigen Scheibe und einer Brücke, die von der Seite auf die Scheibe herab führt. Von oben hängen Leuchtstäbe herab, die wie die Steuerstäbe in einem Reaktor mal hoch, mal herunter gefahren werden. Einer dieser putzigen japanischen Roboter fährt auf der Bühne herum und verkündet: „Sie befinden sich in der sicheren Zone.“ Die Dorfbewohner tragen leuchtende Kugeln, die sie auf die Scheibe setzen. Insgesamt setzt Orizo Hirata sein Textbuch ziemlich wortgetreu um. Das Spiel der Darsteller ist recht reduziert und zurückgenommen, kaum dramatische, emotionale Ausbrüche.
      Zu den Mitwirkenden:
      Zuvörderst sind Mojca Erdmann (Claudia) und der Counter Bejun Mehta (Stephan) mit beeindruckendem Gesang zu nennen, aber auch Mihoko Fujimura (Haruko), Jóhann Kristinsson (Hiroto) und Alin Anca (der Fischer) tragen ihren Teil zu der gelungenen Aufführung bei. Und die kleine Sienna Schumann (junge Ballettschülerin) kann ihre Pirouette. Nicht vergessen darf ich den famosen Chor der 12 Hamburger Vokalsolisten, (Einstudierung Eberhard Friedrich) sowie das Dirigat von Kent Nagano, dem das entscheidende Verdienst für diesen mitreißenden Abend gebührt.

      (Leider nur noch eine Vorstellung in dieser Spielzeit: Mi. 7.2.18)

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    • orofrano schrieb:

      Dass Nagano das entscheidende Verdienst des Abends gebührt hat wahrscheinlich damit zu tun, dass, im Gegensatz zu Fidelio, keiner die Partitur bzw die Musik kennt, und somit Fehler und Schmisse nicht auffallen.
      Wahrscheinlich hast Du recht. Wahrscheinlich hat Toshio Hosokawa einen Schmarrn komponiert, und nur dank der Fehler und Schmisse Naganos war es so ein hervorragender Abend. Ergo: Nagano gebührt das entscheidende Verdienst. 8)
    • orofrano schrieb:

      Dass Nagano das entscheidende Verdienst des Abends gebührt hat wahrscheinlich damit zu tun, dass, im Gegensatz zu Fidelio, keiner die Partitur bzw die Musik kennt, und somit Fehler und Schmisse nicht auffallen.
      Ist auch nichts besonderes: selbst Komponisten fällt bei der Wiedergabe eigener Werke häufig nicht auf, wenn was falsch ist......
      Dazu aus dem Programmheft des WDR-Konzertes vom 02.02.2018 aus einem Interview mit dem Posaunisten Timothy Beck, der sich mit diesem Konzert in den Ruhestand verabschiedet hat:

      Erinnern Sie sich an einen Patzer während einer Aufführung?

      Ja, bei einem Konzert der Reihe "Musik der Zeit". Der Komponist dirigierte selbst, und im ganzen Stück hatten alle drei Posaunen nur einen einzigen Ton zu spielen - und zwar zusammen auf der vierten Achtel einer Quintole. Eine ganz wilde Stelle, komplex und laut. Leider hat der Komponist ausgerechnet diesen Takt so undeutlich und verwirrend dirigiert und uns dadurch so verunsichert, dass keiner diesen Ton spielte. Im Publikum merkte das natürlich niemand, der Applaus war immens. Der Komponist/Dirigent wies mit der Hand auf uns, und wir drei Posaunisten durften als Erste aufstehen und den Beifall entgegennehmen. Da haben wir uns gefragt: Hat er den fehlenden Ton nicht bemerkt - oder war das von ihm nur ein kleiner Scherz?
    • orofrano schrieb:

      Dass Nagano das entscheidende Verdienst des Abends gebührt hat wahrscheinlich damit zu tun, dass, im Gegensatz zu Fidelio, keiner die Partitur bzw die Musik kennt, und somit Fehler und Schmisse nicht auffallen.
      Ist auch nichts besonderes: selbst Komponisten fällt bei der Wiedergabe eigener Werke häufig nicht auf, wenn was falsch ist......
      Ich kenne die Oper nicht, also maße ich mir jetzt kein Urteil an, aber warum muss man denn in manchen Sachen immer nur das Negative suchen und sehen? Das ist ja schlimmer als manche Berufskritikasten.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Th.E. ()