"Rigoletto", WA 2018

    • "Rigoletto", WA 2018

      11.02.2018, 15 Uhr

      Povero Rigoletto!
      Selten sah man diese Oper in so düsteren Farben und ihren Titelhelden in solch desolater Verfassung… Nicht nur, dass er nun einmal diesen Buckel mit sich herumschleppt, der ihn freilich für den Job des Hofnarren prädestiniert – er sieht insgesamt eher wie ein wandelnder Leichnam aus mit Augen, die in einem totenblassen Gesicht in tiefschwarzen Höhlen liegen und Wangen, die von offenen Schwären / Wunden bedeckt sind… Nicht nur, dass er sich mit seinem losen Maul bei Hof immer wieder Feinde macht – auch seine innig geliebte Tochter Gilda bringt ihm nur wenige Gefühle entgegen, und die sind eher unfreundlich.
      Vater und Tochter leben in einer zutiefst inhumanen Welt: der Hof des Herzogs ist eine brutale Männerbande, die alles Weibliche und somit mutmaßlich Verletzliche zutiefst verachtet; deshalb ziehen die Damen des Hofes es vor, in Männerkleidern aufzutreten. Wer sich dennoch als Frau zu erkennen gibt (wie die Gräfin Ceprano), wird alsbald zum Opfer physischer und psychischer Verletzungen. (Auf die Idee, die Cepranos als Sado/Maso-Paar auftreten zu lassen, muss man erstmal kommen…)
      Gilda wiederum wird von ihrem Vater in einer Art nur über eine einziehbare Treppe erreichbaren Terrarium gehalten und von einer Gouvernante bewacht, die ihre Aufgabe mit sadistischen Vergnügen wahrnimmt: das arme Mädchen darf tagsüber nicht einmal aus dem Fenster sehen. Allerdings stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass Giovannas Geldgier dann doch größer ist als alles Pflichtbewusstsein. Unter diesen Bedingungen ist Gildas Abneigung gegen ihren Vater begreiflich. Dennoch hat die gelangweilte Boshaftigkeit, mit der sie seine kleinen Geschenke ignoriert und ihn hinter seinem Rücken nachäfft, etwas Garstiges, das über den Erklärungsansatz ‚rebellierender Teenager‘ hinausgeht.
      Diese aneinander und an der Welt leidende Kleinfamilie verkörperten Franco Vassallo und Brenda Rae, und – was soll ich sagen: es war Weltklasse! Ich habe selten einen so schönstimmigen Rigoletto gehört und noch seltener einen, der bei aller stimmlichen Wärme und Dramatik niemals schreiend oder larmoyant klang. Nebenbei stellte er den verzweifelten, innerlich Zerrissenen auf zu Tränen rührende Weise dar.
      Brenda Raes Gilda spielt ebenfalls in einer eigenen Liga: sie lässt glasklare Koloraturen leuchten, die bei manch anderer Sopranistin nicht einmal zu ahnen sind, und bringt den Widerspruch von innigen (aber durch Giovanna erzwungenen) Zuneigungsbekundungen und harscher Ablehnung in Mimik und Gestik wunderbar in Einklang. Umso verblüffender dann ihre Scheu, wenn der als Student verkleidete Herzog in ihre Abgeschiedenheit eindringt und sie umwirbt.
      Yosep Kang hat vielleicht nicht die weltallerschönste Tenorstimme, aber dafür eine bombensichere Höhe. Auch gewann seine Stimme im Laufe des Nachmittags durchaus an Geschmeidigkeit, sodass „La donna è mobile“ und das anschließende Quartett sehr schön anzuhören waren.

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    • Apropos Quartett: die Vierte im Bunde war Stine Marie Fischer als Maddalena – bildschöne Frau mit bildschöner Stimme. Nicht einmal das Horror-Makeup, dass ihr die Maske verpasst hatte, konnte sie ganz entstellen. Dazu muss man wissen, dass Maddalena und ihr Bruder (Kihwan Sim als Sparafucile mit klangvollem, aber nicht wirklich schwarzem Bass und ebenfalls grotesker Gesichtsbemalung) offenbar mit einer ziemlich heruntergekommenen Commedia-dell'-arte-Truppe umherziehen – für einen Berufskiller sicher nicht die schlechteste Tarnung.
      Die fiese Gouvernante Giovanna gab Nina Tarandek in puritanischen Schwarz mit riesigen weißen Manschetten und ebensolchem Kragen sowie zu einem überdimensionalen Bob frisierten Haaren. Ein solches weiß abgesetztes Kleid trägt im anfangs auch Gilda, allerdings in leuchtendem Rot, und ihre Haare sind zu einem strengen Zopf gebunden. Diese Gegenüberstellung beider Frauentypen erinnert mich an ein Bild, das ich irgendwo einmal gesehen habe, aber nicht näher zuordnen kann. Überhaupt trägt die ganze Ausstattung die Züge einer graphic novel: das Bühnenbild im ersten Akt mit den gotischen Spitzbögen scheint zu einem im Verfall begriffenen (oder noch im Aufbau befindlichen) Palast oder einem zweckentfremdeten Kirchenbau zu gehören, in dem die handelnden Personen merkwürdig klein wirken. Über einen archaisch aussehenden Aufzug betreten und verlassen einige davon die Bühne. Der Aufzug hat aber zugleich Ähnlichkeit mit den Käfigen, in denen vorzugsweise in Mittelalter und früher Neuzeit Gefangene oder deren Leichname ausgestellt wurden. An die Renaissance wiederum gemahnen einige Kostüme im Herrenchor und Gildas Kleid im dritten Akt. Auch ihr 'Terrarium' auf seinen hohen Stelzen, dessen grelle Beleuchtung im krassen Gegensatz zu der Düsternis im Herzogspalast steht, wirkt wie ein schräges Traumbild. Wirklich gruselig wird es im dritten Akt, wenn während Gildas Beichte der Bühnenhintergrund von allerlei Heiligengestalten bevölkert wird; ich kenne mich in diesen Sphären nicht wirklich gut aus, meine aber zumindest Katharina (mit einem großen Rad), Dionysius von Paris (mit dem Kopf in der Hand), Andreas (mit dem gleichnamigen Kreuz) und Sebastian (von Pfeilen durchbohrt) erkannt zu haben. Eine weitere Frau (Anna?) sah ziemlich genauso aus wie Gilda, als Rigoletto sie im zweiten Akt mit Schleier, Buch und Lilie als eine Art lebendes Heiligenbild ausstaffiert. Dann war da noch ein Mädchen, das seine abgeschnittenen Brüste auf einem Teller spazieren trug, ein Dominikaner (?) mit einem riesigen Schwert und ein Mann mit einem Gitterrost, und das alles in ein unwirkliches rötlichgoldenes Licht getaucht – relativ sinnfrei, aber effektvoll.
      Wo wir gerade bei 'effektvoll' sind: Alexander Prior (gerade mal 25 Jahre jung) peitschte das Orchester zu Höchstleistungen; so aufwühlend und klanggewaltig hört man den Orchesterpart dieser Oper auch nicht oft. By the way und ganz unter uns: kann es sein, dass ein Dirigent auch den Anklatscher gibt? Ich hatte zwischendrin den Eindruck, nachdem nach dem bedrückenden ersten Akt kaum jemand applaudieren mochte. (Aber bestimmt war das mit dem Anklatschen eine optisch-akustische Täuschung... er hat dem einen oder anderen Sänger lautlos applaudiert und damit vielleicht andere, die dies sahen, zum Lautgeben animiert...)
      Was ist nun die Quintessenz all dessen? Ein fantastischer Opernnachmittag, der noch lange in Erinnerung bleiben wird!