Dutch National Opera 2018/2019

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    • Am vergangenen Wochenende hatte ich das Vergnügen Jenufa in Amsterdam sehen zu dürfen. Regie führte Katie Mitchell und es ist schon bedauerlich, dass so wenig über diese Produktion berichtet wurden ist. Schließlich handelte es sich (meiner Meinung nach) um eine hervorragende Regiearbeit. Selten habe ich eine so realistische und emotionale Jenufa erlebt wie an diesen Abend. Dies lag wohl auch daran, dass diese Jenufa im hier und jetzt spielt und das gezeigte um so realistischer und authentischer wirkte, als Beispiel sei hier angeführt wie die Küsterin der schlafenden Jenufa das Kind weg nimmt oder wie die aufgebrachten Menschen das tote Kind an Jenufa herantragen. All das gelang, obwohl sich relativ streng am Libretto orientiert wurde oder vielleicht auch gerade deswegen. Zu sehen war im ersten Akt eine sich im Hintergrund befindende Fabrik. Im Vordergrund war dann ein Büro, Kantine und eine Toilette (in der sich Jenufa übergab und die Küsterin eine rauchte) zu sehen. Im zweiten Akt sah man dann eine Art Wohnwagen (wie passend für die Niederlande) und im dritten Akt sah man dann eine schön eingerichtete Wohnung.

      Mitchells Arbeit orientierte sich stark an den zentralen Figuren und nur selten sah ich eine so nervöse, angespannte und verzweifelte Küsterin, fabelhaft gespielt und gesungen von Herlitzius. Die Jenufa wurde leicht kindlich, etwas hilflos aber sehr authentisch von Annette Dasch gespielt. Sie überzeugte mit einen sehr angenehmen jugendlich-dramatischen Sopran, der sehr gut zur einer Jenufa passt. Die dramatischen Ausbrüche wie die intimen, leisen und lyrischen Momente gelingen ihr sehr eindrucksvoll und man entwickelt immer mehr Mitleid mit dieser Rolle. Die Küsterin von Evelyn Herlitzius war für mich eine große Überraschung und eine Wucht an Emotionen zugleich. Wer eine mütterliche und herzliche Küsterin erwartet, ist bei Herlitzius verkehrt. Sie bringt die enormen inneren Konflikte und gewaltigen Emotionen die diese Person hat glaubhaft und wahnsinnig intensiv rüber. Im dritten Akt hat man solches Mitleid mit der Küsterin, wie ich es noch nie hatte, weil Herlitzius die innerliche Anspannung ihrer Rolle perfekt rüberbringt. Meiner Meinung nach liegt ihr die Rolle sehr, auch wenn ich manche Tiefe vermisse, macht sie das mit enormen Ausbrüchen weg und der Dirigent kann völlig aufdrehen, da sie spielen leicht über den Graben kommt. Hanna Schwarz als alte Burya gurgelte ein wenig aber dennoch eine tolle Leistung. Die beiden Herren Laca Klemen als Pavel und Norman Reinhardt als Steva überzeugten mit gut geführten Stimmen, aber darstellerisch blieben sie jedoch ein wenig blass, was an der Regie lag.

      Das Orchester unter der Leistung von Tomas Netopil war bestens disponiert und folgten allen Tempo- und Taktwechseln mit sichtlich großer Freude.

      Alles in allem war es ein toller Abend in Amsterdam, der ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
    • Ich habe die Produktion an zwei Abenden gesehen und war auch sehr begeistert. Dasch war gut, Cernoch super und Herlitzius' Rollendebüt eine Sensation!! Dank ihr (und ich hatte beim Applaus das Gefühl auch das gesamte Publikum) habe ich zum ersten Mal verstanden, weshalb das Ganze im Original mal "Ihre Stieftochter" und nicht "Jenufa" hieß. Finale 2. Akt ist mir die Luft weggeblieben!! Kostelnicka als komplexe Frau in all ihren Facetten in der Blüte ihrer Jahre zu sehen und keine alte Frau, auch mit einer interessanten u mysteriösen Weiblichkeit ausgestattet, war eine Offenbarung. Das hat bisher nichtmal Mattila bei mir geschafft. Das Spiel u die Beziehung zw. Jenufa u Kostelnicka war so interessant, Dasch u Herlitzius wirken (wie im Libretto ja auch gewollt) nicht eine Generation voneinander entfernt, sondern vielleicht 10 Jahre. Denn die Kostelnicka ist ja nunmal die Stiefmutter und war jünger als Jenufas Vater. An Herlitzius' Tiefe konnte ich nichts aussetzen und auch finde ich, dass die Produktion viel Beachtung (frz., dt. und holländische Presse) erhalten hat. Mitchells Personenführung war sehr gut gearbeitet!! Netopil fand ich okay, aber er ist eben kein Belohlávek.
    • Danke für den interessanten Bericht. Ich war schon bei der Veröffentlichung des Spielplans etwas enttäuscht, dass ich bei meinem Amsterdambesuch diese Jenufa knapp verpasse. So gab es für mich dort eine sehr spannende und unterhaltsame Zauberflöte, aber nach Ihrem Bericht und den Ausschnitten zu urteilen, hoffe ich, dass die Jenufa auf DVD veröffentlicht wird. Das sieht wirklich sehr gut aus. Weiß da jemand etwas drüber oder hat einer aus der "Herlitzius-Fraktion" bereits am Haus angefragt? Danke.
    • The Botanist schrieb:

      Die Küsterin von Evelyn Herlitzius war für mich eine große Überraschung und eine Wucht an Emotionen zugleich.
      Herlitzius ist für mich eine der ausdrucksstärksten Sängerinnen unserer Zeit. Ihre "Fidelio"-Leonore 2002 werde ich nicht vergessen, da nicht nur Stimme sondern auch Darstellung exzellent waren. Ihre Salome war grandios...ich will nicht alle Partien aufführen, in denen ich sie hörte und sah. Ihre Stimme mag vielen nicht zusagen, aber an ihrer Darstellungskunst gibt es nichts deuteln, sie gibt immer alles und noch ein Quentchen mehr.
    • Eduard19 schrieb:

      The Botanist schrieb:

      Die Küsterin von Evelyn Herlitzius war für mich eine große Überraschung und eine Wucht an Emotionen zugleich.
      Herlitzius ist für mich eine der ausdrucksstärksten Sängerinnen unserer Zeit. Ihre "Fidelio"-Leonore 2002 werde ich nicht vergessen, da nicht nur Stimme sondern auch Darstellung exzellent waren. Ihre Salome war grandios...ich will nicht alle Partien aufführen, in denen ich sie hörte und sah. Ihre Stimme mag vielen nicht zusagen, aber an ihrer Darstellungskunst gibt es nichts deuteln, sie gibt immer alles und noch ein Quentchen mehr.
      Dem ist nichts hinzuzufügen. Vielen Dank! :) :) :)