Thielemann Mahler 3

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    • Thielemann Mahler 3

      Das ist schon verrückt. Mahler 3 unter Thielemann/Garanca, und dann gehen wir raus und gestehen uns ein: das war nichts. Und sicher ist dies ungerecht und extrem subjektiv, ich bin auch kein Musikwissenschaftler und saß nur auf einem Scheißplatz. Parkett ziemlich weit vorne - dies ist in der Semperoper für die Akustik tödlich und auch optisch hoch problematisch: wenn man so nah an den Musikermassen klebt, stellt sich viusell kein Gefühl ein, dass dem Mahlerschen Kosmos gerecht wird. Weiter hinten oder von oben ist besser, aber die Karten hatten wir halt nicht bekommen. Es war alles im Grunde in Ordnung, keine Patzer, toller Chor etc. Aber in diesem einen speziellen Fall muss ich sagen: nach Levine Ende Oktober war dies hier ein anderes Werk. Ich kann nicht musiktheoretisch begründen, warum die Thielemannvariante dagegegen unbeseelt klang - und warum ich von dem Levineabend noch immer schwärmen könnte. Aber der Schlüssel könnte für mich in den Tempi liegen: Thielemann braucht für den letzten Satz 18 Minuten, bei Levine waren es werit über 30. Und die Slow Motion Variante hatte nicht nur einen gewaltigen Vorteil: sie verbarg, wie banal und kitschig dieses Adagio eben auch klingen kann. Heut hab ichs gehört. Aber gut möglich, dass der Eindruck ohne die Levine-Erweckung (war ja wohl in Berlin sein letzter öffentlicher Auftritt, dann flog er ja in New York nach den Mißbrauchsvorwürfen raus) ein ganz anderer gewesen wäre ...
    • An der dritten Symphonie hat Gustav Mahler von 1892 bis 1896 gearbeitet. Im ursprünglichen Konzept sollten die Sätze programmatische Namen tragen. In den Sommermonaten der Jahre der intensiven Arbeit, als Direktor der Wiener Hofoper blieben Mahler nur die Konzertpausen für seine Kompositionen, verloren sich aber die Benennungen. Geblieben war aber das sich von Satz zu Satz steigernde inhaltliche Konzept.
      Bereits die durchgespielte Generalprobe brachte mir einen konzentrierten Spannungsbogen vom ersten bis zum letzten Takt. Nach der Probe war ich emotional derartig aufgeladen, so dass ich regelrecht fürchtete, das Konzert könnte mich enttäuschen, obwohl ich den hart erkämpften Platz des akustischen Optimums in der Mitte des Parketts einnehmen konnte.
      Aber weder die Musiker, noch die Mezzosopranistin noch der Chor und vor allem der musikalische Leiter enttäuschten.
      Die hohe Qualität der Sächsischen Staatskapelle als Mahler-Interpret ist wohl unbestritten und gerade Mahlers Kompositionen geben dem Orchester Gelegenheit, seine Spielkultur zu entfalten.
      Christian Thielemann hatte eine gesunde Mischung seines Gestaltungswillens der Partitur mit der Entfaltung der Spielfreude der Musiker gefunden und so ein schmiegsames, wohlausgewogenes Klangbild geschaffen.
      Das Spektrum reichte von innig zarten Kammermusik Passagen bis zu gewaltigen Klangentladungen.
      Mahlers Bekenntnis zu ländlicher Idylle, volksliedhafter Schlichtheit und privater Frömmigkeit kam auf das glücklichste zur Wirkung, ohne in die Gefahr einer Sentimentalität oder Trivialität zu geraten.
      Der gigantisch-zerklüftete Kopfsatz und der grandios angelegte Adagio-Schlusssatz umschlossen auf das Wirkungsvollste die anmutigen Mittelsätze.
      Friedrich Nitzsches Nachtwandlerlied des Zarathtustra „Oh Mensch! Gib Acht!“, zart und zunächst zögerlich aus den instrumentalen Motiven auftauchend, wurde von Elina Garanča meisterhaft dargeboten.
      Perfekt vorbereitete Damen des Staatsopernchores und Knaben des Semperoper-Kinderchors gestalteten das Lied “Es sungen drei Engel“ aus den Liedern des Knaben Wunderhorn zum religiösen Bekenntnis Gustav Mahlers.
      Begeisterten Schlussbeifall erhielten die Interpreten der Solopassagen Matthias Wollung (Violine), der Solo Posaunist Uwe Voigt, Matthias Schmutzler mit dem Posthorn und die Schlagzeuger um Bernhard Schmidt.
    • opernwahn schrieb:

      Das ist schon verrückt. Mahler 3 unter Thielemann/Garanca, und dann gehen wir raus und gestehen uns ein: das war nichts. Und sicher ist dies ungerecht und extrem subjektiv, ich bin auch kein Musikwissenschaftler und saß nur auf einem Scheißplatz. Parkett ziemlich weit vorne - dies ist in der Semperoper für die Akustik tödlich und auch optisch hoch problematisch: wenn man so nah an den Musikermassen klebt, stellt sich viusell kein Gefühl ein, dass dem Mahlerschen Kosmos gerecht wird. Weiter hinten oder von oben ist besser, aber die Karten hatten wir halt nicht bekommen. Es war alles im Grunde in Ordnung, keine Patzer, toller Chor etc. Aber in diesem einen speziellen Fall muss ich sagen: nach Levine Ende Oktober war dies hier ein anderes Werk. Ich kann nicht musiktheoretisch begründen, warum die Thielemannvariante dagegegen unbeseelt klang - und warum ich von dem Levineabend noch immer schwärmen könnte. Aber der Schlüssel könnte für mich in den Tempi liegen: Thielemann braucht für den letzten Satz 18 Minuten, bei Levine waren es werit über 30. Und die Slow Motion Variante hatte nicht nur einen gewaltigen Vorteil: sie verbarg, wie banal und kitschig dieses Adagio eben auch klingen kann. Heut hab ichs gehört. Aber gut möglich, dass der Eindruck ohne die Levine-Erweckung (war ja wohl in Berlin sein letzter öffentlicher Auftritt, dann flog er ja in New York nach den Mißbrauchsvorwürfen raus) ein ganz anderer gewesen wäre ...
      Mir tut dein Eindruck vom heutigen Konzert etwas weh. Aber die Erfahrung habe ich auch machen müssen, dass Konzerte in der Semperoper erst ab Reihe 8 und dann möglichst in der Mitte des Parketts akzeptabel zu hören sind.
      Der Semperbau ist eben kein Konzertsaal!
    • Leider nicht besonders aufschlussreich ist das:

      Elina Garanca brilliert als Gast der Staatskapelle Dresden
      Opernstar Elina Garanca hat einer Aufführung der Staatskapelle Dresden am Sonntag Glanz verliehen. Bei Gustav Mahlers monumentaler 3. Sinfonie unter Leitung von Christian Thielemann übernahm die Lettin in der Semperoper den Solopart und wurde dafür vom Publikum gefeiert.

      sueddeutsche.de/news/kultur/mu…20090101-180225-99-236390
    • Den ganzen Jubel gestern Abend kann ich gut nachvollziehen, es war ein wirklich tolles Konzert. Thielemann und die Kapelle boten einen sehr transparenten, durchhörbaren und gut strukturierten Mahler. Meiner Meinung nach aber völlig unpassend. Mahlers Musik lebt von einen gewissen durcheinander und unanalytischen. Mahlers Zerrissenheit und inneren Konflikte die er durchlebte und in der Musik zum Ausdruck bringt, waren für mich gestern nicht hörbar. Zu preußisch, zu genau, zu unemotional war mir persönlich das alles. Herrlich die Chöre, die wunderbar klar und deutlich sangen und als Krönung natürlich Garanča, die mit ihrem eindrucksvollen Mezzo die Semperoper flutete. Jedes gesungene Wort hat bei ihr Bedeutung und geht zu Herzen.
      Die angesprochene 3te Mahler von Levine habe ich leider nicht gehört, aber die von Orozco-Estrada, Saraste, Järvi, Bychkov, Abbado und Jansons. Das waren Konzerte, wo die Spannung fast schon unerträglich wurde und man am Ende (im Kollektiv) Jubelschreie von sich gab.
    • Die sollten das so spielen, wie es in der Partitur geschrieben steht, klingt es durcheinander oder unstrukturiert sind die Ausführenden doch offensichtlich nicht gut vorbereitet oder spieltechnisch an der Grenze, und das gerade war gestern sicher nicht der Fall! Gerade die Zerissenheit, wie in den Noten geschrieben, und die emotionale Ambivalenz waren hörbar gemacht, wie selten.
    • parlando schrieb:

      Gerade die Zerissenheit, wie in den Noten geschrieben, und die emotionale Ambivalenz waren hörbar gemacht, wie selten.
      Genau das empfand ich halt nicht oder ich habe nur schlechte Orchester/Dirigenten erlebt und mich an mittelmäßige Interpretationen gewöhnt.

      parlando schrieb:

      klingt es durcheinander oder unstrukturiert sind die Ausführenden doch offensichtlich nicht gut vorbereitet oder spieltechnisch an der Grenze
      Eine schöne und glattgebügelte Interpretation also? So wird man Mahler nicht gerecht!
    • The Botanist schrieb:

      Eine schöne und glattgebügelte Interpretation also? So wird man Mahler nicht gerecht!
      Das sehe ich ganz genauso. Ich verstehe genau, was The Botanist meint.

      The Botanist schrieb:

      Mahlers Musik lebt von einen gewissen durcheinander und unanalytischen. Mahlers Zerrissenheit und inneren Konflikte die er durchlebte
      Preußisch-akademisch: so sollte Mahler nicht klingen. Das ist im Grunde "alpine" Musik, genau wie Mozart.
    • ira schrieb:

      The Botanist schrieb:

      Eine schöne und glattgebügelte Interpretation also? So wird man Mahler nicht gerecht!
      Das sehe ich ganz genauso. Ich verstehe genau, was The Botanist meint.

      The Botanist schrieb:

      Mahlers Musik lebt von einen gewissen durcheinander und unanalytischen. Mahlers Zerrissenheit und inneren Konflikte die er durchlebte
      Preußisch-akademisch: so sollte Mahler nicht klingen. Das ist im Grunde "alpine" Musik, genau wie Mozart.
      Vorschlag: Ehe die Diskussion irational wird (oder bleibt), so hört doch heute ab 20 Uhr 05 die Aufzeichnung bei MDR-Kultur an.
    • Nochmals zu Nr12, vielleicht reden wir aneinander vorbei: wenn ein großes Orchester durcheinander und unanalytisch spielt, kann das kaum Ausdruck einer akzeptablen Qualität sein. Das Chaotische, Dissonante, alle positiven und negativen Gefühle sind doch in der Partitur notiert, und wenn transparent, durchhörbar und gut strukturiert gespielt wurde, ist das doch wirklich sehr gut. Man hat doch selbst Tage, an denen uns gefällt, was wir gestern nicht gut fanden. Wir haben auch beim Zuhören Tagesformen. Heut kann sich jeder beim Radiohören ein eigenes Bild machen.
    • ira schrieb:

      parlando schrieb:

      Die sollten das so spielen, wie es in der Partitur geschrieben steht
      Wenn das die einzige Prämisse wäre, hätten wir lauter gleiche Dirigierstile. Ein Dirigat wird doch erst besonders, wenn der Dirigent das gewisse "Feeling" und sein ureigenstes Gespür für das Musikantische eines Werkes einbringt.Das kann man nicht in die Partitur schreiben.
      Eben. Das perfekte dirigieren ist das eine, Ausdruck/Gefühle das andere.
    • Und genau darin liegt die Problematik der Interpretation:bei einem Zuviel an Ausdruck und Gefühl kommt der Absturz ins triviale und vulgäre und das darf nicht passieren. Es geht um das Hinnehmen und Ertragen aller positiven und negativen Gefühle, ohne sich darin zu verlieren. Das wäre destruktiv. Dabei sind Skepsis und Zögern normaler Bestanteil, wie der mehrfache Anlauf zum Abschluss des Adagio demonstriert. Ich fand übrigens die Pauken zum Finale denn doch etwas zu martialisch- im vorgenannten Zusammenhang. Nochmals Empfehlung der Radioübertragung!