Salome, Premiere an der Staatsoper Berlin, 04.03.2018

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    • Salome, Premiere an der Staatsoper Berlin, 04.03.2018

      Wie wir wissen, fand das eigentliche Drama bereits vor dem Beginn der Premiere statt. Herr Flimm lieferte uns gestern vor Beginn noch mal einen seiner tapsigen Auftritte und führte so den jungen Thomas Guggeis als Superstar ein.
      Er hat viel Lob verdient: seine Leistung hat die Premiere gerettet: Die Staatskapelle spielt klangschön und dramatisch. Es bestehen noch Reserven in der Wahl der Tempi, auch könnte manches Solo noch delikater herausgekitzelt werden, aber die Leistung des Orchesters war sehr beachtlich. Thomas Guggeis (24) wird sicher noch mehr Erfahrungen sammeln - was er gestern leistete, war aber beachtlich, er erhielt auch den stärksten Beifall. Er deckte übrigens mit dem Orchester nie die Sänger zu (ein klassischer Salome-Fehler).

      Ausrine Stundyte hat sich sehr um eine gute Darstellung bemüht - szenisch und musikalisch. Szenisch gelingt ihr das im Rahmen des Regiekonzeptes, musikalisch hört man sie vor allem, wenn sie forciert. Eine Mitte ist nicht zu vernehmen, sie klingt immer laut und schrill. Das mag für Teile des Salome angehen (Szene mit Herodes), allerdings fehlt z.B. im Schlußmonolog jegliche Wärme und Melodie. Für mich ist sie eine Fehlbesetzung für diese Rolle, so eine Salome habe ich noch nie gehört.
      Thomas J. Mayer als Jochanaan besser: neben seinen akrobatischen Einlagen in der Phallus-Raumkapsel singt er sehr textverständlich und berührend. Ein würdiger Nachfolger der Jochanaans der Kupfer-Inszenierung Wlaschiha, Adam, Ketelsen...

      Das Paar Siegel/Prudentskaya fand ich nicht überzeugend: mangelnde Sorgfalt in der Regie wurde hier durch opernhaftes Getue ersetzt. Kein Vergleich zur Guth-Inszenierung an der DOB und zu früheren Vertretern auf der Bühne der Staatsoper.

      Stundyte wurde übrigens kräftig ausgebuht, Siegel und Mayer erhielten starken Beifall.

      Und die Inszenierung? Es ist eine Abschiedsrevue von Neuenfels-Einfällen - den Guten und den Schlechten. Nicht so spektakulär, daß man dafür die Produktion hinschmeißen muß.
      In einer sterilen Bühnenatmosphäre wird eine Kunstfigur Oscar Wilde eingeführt - das natürlich angekündigt mit einer Lichtreklame. Christian Natter spielt den Wilde mit großem Engagement, sehr smart, sehr schick im Anzug, allerdings mit deutlich heraushängendem....
      Wilde taucht in der ersten Jochanaan-Szene auf, tanzt mal mit Salome, hilft bei der Mißhandlung des Jochanaan usw usf...
      Im Schleiertanz tanzt er dann in Frauenunterwäsche mit Salome, mehr konnte ich auf der Bühne nicht sehen.

      Am Ende tauchen 42 (!) Johanaan-Köpfe im buddhistischen Stil auf der Bühne auf, darauf singt Salome den Schlußmonolog (Ich glaube, da war das Wilde-Double noch dabei). Die meisten haben es schon gesehen: das Verlies Jochannans ist eine Phallusartige Raumkapsel, die am Anfang über den Bühne hängt und dann herabgesenkt wird.

      Neuenfels führt die Handlung auf verklemmte Sexualität bei Jochanaan zurück, das kommt auf der Bühne schwer verständlich rüber - kein Vergleich zu den vielen prefekten Details der Guth-Inszenierung an der DOB.

      Es bleibt eigentlich nur der beherzte Zugriff von Thomas Guggeis in der Erinnerung hängen, der Rest der Produktion ist für mich einfach ärgerlich.
    • Gast1 schrieb:

      Am Ende tauchen 42 (!) Johanaan-Köpfe im buddhistischen Stil auf der Bühne auf

      Gast1 schrieb:

      . Können Sie aber mit der Zahl 36 etwas anfangen?
      Wobei sich mir weniger die Frage nach der Zahl stellt. Sondern was der "buddhistische Stil" mit der Story zu tun hat. Die Basis für diese Erzählung bietet die Bibel (Neues Testament).
      Haben Sie eine Ahnung, was sich der Regisseur bei der Buddhismus-Anspielung gedacht haben könnte?
    • na ja, es war keine Repertoire-Aufführung, sondern eine Premiere, dafür war Stundyte stimmlich deutlich zu schwach. Eine kaum vorhandene Tiefe, mit riesigen Löchern in der Stimme, die ganze Textpassagen verschluckte, eine stark ausgefranste, vibratöse Höhe, dazu die Stimme für das Haus deutlich zu klein und vom Timbre her eher ältlich, so dass sie eigentlich jede schöne Stelle stark forcieren musste. Nein, das war nix und da kann man schon mal ein paar Mißfallensbekundungen gegenüber Herrn Flimm loswerden (gegen den die Buhs ja in erster Linie gerichtet sind für das Engagement). Ich habe mich zurückgehalten, kann die Buhs aber verstehen. Das war für eine Premiere deutlich zu wenig.

      Im Übrigen hätte ich Herrn Flimm gerne für seine Ansage vor dem Vorhang mal meine Meinung gesagt. Das war jetzt das dritte oder vierte Mal, dass ich in den Genuss einer Ansage von ihm gekommen bin, die nicht nur schlecht vorbereitet, sondern einfach nur peinlich war. Diesmal ist ihm leider der Name Mehta nicht gefallen (dieser große Dirigent, ähmm, Dirigent, ähmmm Dirigent, der, ähmmmmm, dirigieren sollte) und dann hat er auch noch Guggeis zum Konzertmeister in Stuttgart gemacht. Das kann man unter Berliner Schnodrigkeit verbuchen oder unter Unrprofessionalität ;)

      Der Rest hat mir eigentlich sehr gut gefallen, aber eine Salome ohne adäquate Salome ist irgendwie keine Salome. Vielleicht schreibe ich heute Abend noch mehr.
    • also, ich war bei 42 Köpfen;-)

      noch einmal zu Stundyte. Ihre Karriere nimmt irgendwie einen ähnlichen Lauf wie die ihrer Landsfrau Kristine Opolais. Eine sehr starke Bühnenpersönlichkeit, allerdings mit vokalen Einschränkungen (bei beiden ist das Timbre nicht gerade jugendlich, die Stimme wirkt ab einer bestimmten Höhe sehr streuend und klingt sehr vibratös; dazu nehmen beide doch einige Rollenangebote an, die nicht wirklich für ihre Stimme sind)
    • maestro schrieb:

      noch einmal zu Stundyte. Ihre Karriere nimmt irgendwie einen ähnlichen Lauf wie die ihrer Landsfrau Kristine Opolais.
      Stundyte stammt aus Litauen, Opolais aus Lettland. Sie sind also keine Landsfrauen. Es sei denn, Sie spielen darauf an, dass beide in der Sowjetunion geboren wurden. Nach dieser Logik wären sie allerdings auch Landsfrauen von Anna Netrebko.
    • maestro schrieb:

      Im Übrigen hätte ich Herrn Flimm gerne für seine Ansage vor dem Vorhang mal meine Meinung gesagt.
      Wie ist es zu erklären, daß der designierte Nachfolger von Herrn Flimm, Matthias Schulz, ehemals führendes Mitglied der Salzburger Festspiele und der Bayrischen Staatsoper, jahrelang durch den jetzigen Intendanten Herrn Flimm "eingeführt" werden muß? Da kommt die leise Vermutung auf, daß es sich hier um eine Gagenverlängerung des jetzigen Intendanten handelt.
      Und zu der schlechten Vorbereitung der Ansage: zu einer Feierstunde in der Deutschen Staatsoper begrüßte Flimm ein Mitglied des ehemaligen Ensembles...aus dem Publikum kam dann der Ruf: der ist bereits vor drei Jahren verstorben! Weiterhin verwechselte Flimm dann die Namen: Peter Adam und Theo Schreier. Und anstelle der "Teufel von Loudon" erzählte er etwas von "Teufel von London"... Schlimmer gehts nimmer.
    • maestro schrieb:

      Im Übrigen hätte ich Herrn Flimm gerne für seine Ansage vor dem Vorhang mal meine Meinung gesagt. Das war jetzt das dritte oder vierte Mal, dass ich in den Genuss einer Ansage von ihm gekommen bin, die nicht nur schlecht vorbereitet, sondern einfach nur peinlich war. Diesmal ist ihm leider der Name Mehta nicht gefallen (dieser große Dirigent, ähmm, Dirigent, ähmmm Dirigent, der, ähmmmmm, dirigieren sollte) und dann hat er auch noch Guggeis zum Konzertmeister in Stuttgart gemacht. Das kann man unter Berliner Schnodrigkeit verbuchen oder unter Unrprofessionalität ;)
      Sie hätten reagieren sollen, andere auch. Dieser Stil seiner Ansagen ist eine Verachtung des Publikums. Was wollte er sagen? Daß es lächerlich ist, wegen eines bestimmten Dirigenten in eine Vorstellung zu gehen? Daß der Zuschauer gefälligst essen soll, was auf den Tisch kommt? Daß der Unterschied zwischen Konzertmeister und Kapellmeister egal ist?
    • Eduard19 schrieb:

      Gast1 - Sie haben einen tollen Bericht geschrieben! Vielen Dank dafür. Man liest ja heute in den Zeitungskritiken nur über Inszenierungen....die Sänger werden mitunter kaum genannt. Umso wertvoller sind Berichte wie Ihrer und auch der der anderen Foristen. Danke.
      Danke ! Jetzt werde ich mir ein bißchen untreu: ich wollte eigentlich keine Vergleiche mit der Kupfer-Salome anstellen, aber:

      - in der Personenführung wirkte immer wieder total frisch,
      - in der habe ich nie eine Salome wie gestern erlebt,
      - die Paare Herodes/Herodias haben immer das Spannungsfeld zwischen ihnen nachvollziehbar gemacht (Kurth/Schröter; P.J. Schmidt, Goldberg.../Trekel oder Lang... man könnte heulen!), hier gab es gestern große Operngesten im negativen Sinne - Vorteil nur, daß die Sänger weniger schlecht waren als die Salome....

      Warum mußte die Kupfer-Salome ersetzt werden? Mir fällt jede Besuchsentscheidung für die Staatsoper immer schwerer.
    • Heerrufer schrieb:

      maestro schrieb:

      noch einmal zu Stundyte. Ihre Karriere nimmt irgendwie einen ähnlichen Lauf wie die ihrer Landsfrau Kristine Opolais.
      Stundyte stammt aus Litauen, Opolais aus Lettland. Sie sind also keine Landsfrauen. Es sei denn, Sie spielen darauf an, dass beide in der Sowjetunion geboren wurden. Nach dieser Logik wären sie allerdings auch Landsfrauen von Anna Netrebko.
      Das mit der Sowjetunion darf man aber keinem Balten andienen. Die Endung „yte“ ist typisch für die Nachnamen unverheirateter Frauen.
    • Gast1 schrieb:

      Eduard19 schrieb:

      Gast1 - Sie haben einen tollen Bericht geschrieben! Vielen Dank dafür. Man liest ja heute in den Zeitungskritiken nur über Inszenierungen....die Sänger werden mitunter kaum genannt. Umso wertvoller sind Berichte wie Ihrer und auch der der anderen Foristen. Danke.

      Warum mußte die Kupfer-Salome ersetzt werden?
      Früher war alles besser! Bis es eine neue Salome gibt und man sich nach der von Neuenfels sehnt.
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      musik-heute.de/17477/ovationen…dirigent-rettet-premiere/