Das Wunder der Heliane, Deutsche Oper, 18.3.2018

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    • Das Wunder der Heliane, Deutsche Oper, 18.3.2018

      Freunde, ich bin erschlagen ?(

      - zu aufgewühlt und zugedonnert, um jetzt schlafen gehen zu können, ohne doch wenigstens kurz unsortiert was zu "Papier" zu bringen und wiederum aber auch

      - zu aufgewühlt und zugedonnert, um hier jetzt irgendwie schon den großen Überblick über das Gehörte und Gesehene gewonnen zu haben.

      Da wird noch länger etwas zu verdauen sein.

      Bis dahin hangele ich mich mal an einigen Überschriften entlang:

      Solisten: Kein Ausfall.Im Gegenteil.
      Sehr gutes Ensemble, sowohl vom Haus (find mal 6 Richter in der Qualität im eigenen Ensemble - nur Burkhard Ulrich klang wie Peter Maus in 10 Jahren - hat man ihm diesen Klang verordnet, da er den steingreisen blinden Richter zu singen hatte?)

      Derek Welton im Ensemble zu haben, ist natürlich ein Geschenk sondersgleichen:
      In puncto Sämigkeit, Legato und drucklose Tragfähigkeit der Stimme lief er sogar

      Josef Wagner den Rang ab, der in der Höhe gerne mal ein wenig eng wurde und überhaupt gefühlt ein wenig über Fach sang (wenn man sein anderes Repertoire beschaut). Für einen genuinen Kavalierbariton war das eine sehr gute Leistung, die Partie scheint aber doch eher einen veritablenHeldenbariton zu verlangen, der er für mich (noch) nicht ist, gesungener Holländer hin oder her. Ihm würde ich einen Gang runter in lyrischere Gefilde wünschen. Mal ein paar Mandrykas und dann schauen, ob das erst mal die Grenze ist. Dennoch: Eine gute Leistung! Psychologisch- szenisch ist die Figur wirklich kaum zu fassen und blieb mir fremd.
      Und: Ich wäre neugierig gewesen, wie Welton die Partie bewältigt hätte.

      Okka von der Damerau, hoch geschätzt von mir, fand ich ein wenig verschenkt: Die Partie der Botin bietet charakterlich nicht eben viele Facetten, und gesanglich wird viel Zickig- Keifiges à la Amme verlangt, und das - was vdDamerau so auszeichnet z.B. bei ihrer Brangänge (lyrische Bögen, lange Linien) gibt die Rolle einfach nicht her. Hoffentlich tut sie sich nicht weh mit der Partie. Das war hoch besetzt, aber wäre für mich auch mit einer etwas ausgesungeneren Dame zu machen gewesen.

      Deutlich drüber: Sara Jakubiak - sie hat die enigmatische Aura à la Marlene in "Zeugin der Anklage" für die Monsterpartie, ist szenisch angenehm unkitschig und eher herb, dabei aber mit großem Charisma unterwegs, und kriegt die ewig lange und fordernde Partie gut bewältigt - mit schmaler Tiefe, klangschöner Mittellage und weitestgehend leuchtenden Höhen (kleine Ermüdungserscheinungen am Ende des 2. und 3. Aktes werden sich vielleicht noch geben). Leider plaziert sie die Stimme öfter am hinteren Gaumen, was einerseits jede Schärfe verhindert, aber auch den Strahl der Stimme deutlich verringert - dadurch ist sie des öfteren dann doch eher eine Stimme IM als ÜBER dem Orchester und behindert sich selbst in der Textverständlichkeit, die einfach mehr Vordersitz benötigen würde. Es wirkt wie der Versuch, mit einer Kartoffel im Mund prägnant zu artikulieren. Und auch hier die Frage, ob es jetzt schon SO dramatisch sein muss. Wie bei Josef Wagner im noch höheren Maße stellt die Heliane für sie eine deutliche Überschreitung des bisherigen Fachs dar. Man könnte für die Partie durchaus noch üppigeres Material und mehr Fleisch auf der Stimme haben (wie Tomowa auf der Platte oder Lotte Lehmann anno dunnemal)... aber das sind Beckmessereien angesichts dessen/derer, die man 20718 an den anderen beiden Häusern in Berlin als Salome und Carlotta geboten bekommen hat und was man so landab landauf als entweder höhenunsichere oder verhärtete oder zwirnsdürre oder scharfstimmige Interpretinnen dramatischer Spätromantik immer wieder mal erlebt hat in den letzten Jahren.
      Chapeau!

      Kniefall hingegen bei Brian Jadge , dem ich zwar mal ein gehöriges Maß an Eitelkeit unterstelle und der vielleicht nicht der geborene Burgschauspieler ist, aber: Was für ein endlos unangestrengter Höhenstrahl bei schönem, wenn auch etwas amerikanisch- anonymen Timbre, die Stimme wird je höher desto größer (KEIN Raum geht zu über dem System), ist gänzlich unermüdbar, dabei aber - im Ggs. zum ggw. Tristan an der Staatsoper- nicht ermüdend: Denn Jadge kann auch bis zum Ende des Abends immer wieder problemlos mezzavoce und piano singen... nach meinem Gefühl hätte er am liebsten die Heliane gleich noch mitgesungen, und - so sehr ich ihm seine Erfolge im italienischen und französischen Fach gönne: Was für Aussichten für Kaiser, Bacchus, Stolzing! So einen phänomenal unangestrengten und unermüdbaren und dabei differenzierungsfähigen Tenor in DEM Fach erinnere ich mich nicht, je gehört zu haben. Ziemlicher Hammer.

      Ziemlicher Hammer auch der Chor (nach Weggang Spalding hätte ich eine kleine Leistungsdelle durchaus toleriert, aber nebbich: Alles präzise, differenziert, textverständlich und hoch engagiert.) Bravo!

      Gleiches gilt fürs Orchester, es macht aber auch einfach Spaß, diese Monsterorchesterbesetzungen in einem dafür ausreichend großen Raum zu hören. (Man denke nur an die letzt Fr'OSCH im Schillertheater, wo sich regelmäßig die Decke hob). Brillante Streicher, tonschönes Holz, rundes und kieksfreies Blech! Und dank Marc Albrecht blieb es da, wo die Komposition es zulässt, auch schön durchsichtig und dröhnte nicht nur wild vor sich hin.
    • und Werk und Regie?

      Im Vorfeld stellte ich fest,
      - dass ich ein wenig müde war. Alle Einschätzungen von daher cum grano salis.

      Dennoch war ich - das Stück vorher nicht kennend- neugierig,

      - ob Korngold hier in späteren Jahren dosierter mit seinen Höhepunkten und musikalischen Orgasmen umgehen würde als etwa in der "Toten Stadt" , deren nahezu durchgehender Dauer- Erregungs- Höchstgrad mich zugegebenermaßen ziemlich nervt.

      - und wie Christof Loy bestimmte Aktionen (Nacktheit, Auferstehung) wohl szenisch in eine parabelhaftere und weniger eindeutige Form übersetzen würde.

      Ich mach's kurz:
      Komposition:
      Beim ersten Hören wirkt das Werk ungefähr bis zur Hälfte des zweiten Aktes deutlich dosierter in seiner Überdrehtheit, und auch harmonisch hat Korngold hier mehr gewagt und rennt nicht jeder denkbaren enharmonischen Verwechslung hinterher. Das wirkt aufregend, abwechslungsreich, teilweise nicht gleich erklärlich und eigen. Dann aber, mit Auftritt des Chores, erliegt er wieder seinen musikalischen Priapismus und der Erregungsgrad wird die letzten 80 Minuten kaum noch heruntergefahren. Sex besteht doch auch nicht nur aus einer Aneinanderreihung von Orgasmen.

      Erschwert wurde die zum Ende hin massive Beschallung durch den an sich (für die Solisten) so wunderbaren Schuhschachtel- Holzraum des Bühnebildes, der die Wucht und Massigkeit des Riesenchores noch mal erheblich verstärkt hat. Seit Schagers Rienzi in Leipzig habe ich mir nicht mehr so oft die Ohren zugehalten, weil es mir einfach zu viel und zu laut war - aber ja, ich bin ein Sensiberl, und müde war ich ja auch ein wenig. Einschlafen bei den klanglichen Ballungen kam allerdings wirklich nicht in Frage.

      Das Stück:
      Ich habe schon lange nicht mehr so viel "Gott" im reichlisch veschwurbelten und mythisch gründelnden Text gelesen wie heute Abend. Mit dem guten Mann kann man natürlich dramaturgisch vieles einfach unerklärt lassen, aber dennoch: Die beiden männlichen Hauptfiguren wirken auf mich durchaus nicht sehr differenziert gezeichnet (der Fremde steht für das Postive, Helle, Konstruktivistische und der Herrscher für das Egomane, Destruktive und Besitzergreifende, Ende Gelände), und die gute Heliane durchläuft zwar allerlei Zuschreibungen und Rollen und Gefühlszustände, aber auf mich wirken diese wie am Psycho-Regler abgerufen, sodass die Figur mir nicht nahe kommt, und die vielen Facetten eher Schablonen über die Rolle legen als diese für mich nachvollziehbar und erfahrbar zu machen. Irgendwann habe ich aufgegeben, mitzukommen mit den unterschiedlichen Aufforderungen zur Tötung, Hinrichtung, Wiedererweckung und Heiligsprechung... und auch die nachträglich immer wiederkehrenden veränderten Motivationen für den Handlungsauslöser (Heliane zeigt sich aus Mitleid oder Liebe oder Erlösungsbedürfnis oder sonst was dem Fremden in der Nacht vor seiner Hinrichtung nackt, ohne mit ihm den Akt zu vollziehen) erreichten mich irgendwann nicht mehr.
    • Zuletzt zur Regie:

      Ich finde es eigentlich hoch achtenswert, wenn ein Regisseur, der davon auszugehen hat, dass der Zuschauer das Werk noch nie erlebt hat, sich zu bescheiden versteht und schlicht und ergreifend die gegebene Handlung bebildert und emotional- psychologisch glaubhaftig nacherzählt.

      Und Christof Loy beherrscht nun mal wirklich sein Handwerk: Da reicht ein Einheitsraum (erinnerte mich nicht nur entfernt an den Nürnberger Prozess- Saal, den Kosky (war auch da) ja auch in Bayreuth hat wieder erbauen lassen). ein Tisch, ein Stuhl, gutes Licht, eher anynome Kostüme, die die Helianes umso mehr hervorstechen lässt, und dann wird am Handlungsfaden entlang erzählt, mit schöner Raumspannung, guter Körperarbeit (alleine die nicht zufällig ähnlichen Arten des Kauerns auf dem Tisch durch Figuren, die nicht voneinander wissen können, aber ähnliches empfinden) und dynamischer Chorführung (mit gelegentlich etwas arg exaltierten Einzeldarbietungen). So weit so gut so gekonnt so löblich so gelungen.

      Im konkreten Fall aber frage ich mich, ob das Werk zu seiner Ehrenrettung nicht genau einer deutlicheren Interpretation und einer symbolischeren Übersetzung bedurft hätte:

      Helianes Nacktheit für den Fremden wird gezeigt als: Helianes Nacktheit. (die sich Frau Jakubiak ohne jede Peinlichkeit und mit großer Würde leisten kann).

      Des Fremden Auferstehung zeigt sich als: Des Fremden Auferstehung.

      Was zumindest für mich dazu führt, dass ich mich - der Stücktitel lädt ja dazu ein - ein ums andere Mal wundere, auch offen staune: Aber worum es in diesem Werk selbst zur Entstehungszeit ging, was es uns gar heute sagen könnte: Das blieb mir am heutigen Abend leider komplett verborgen. Das Programmheft vorher zu lesen, habe ich mir wieder mal verboten. Wenn ich hier zu Ende bin, werde ich das nachholen. Hoffentlich mit ganz vielen Aha- Effekten. Denn die Regie ist hervorragend, nur was da inhaltlich eigentlich verhandelt wird, bleibt für mich in Werk wie Umsetzung bisher: wunderlich.

      FAZIT: Unbedingt hingehen (kein Scherz!): Eine Mammutleistungen von Chor, Orchester und Solisten. Ein Riesenwerk mit vielen musikalischen Schätzen, die man nicht oft - und gar in der Qualität - wird zu hören bekommen. Ob das Werk mit einem beherzteren, eigenständigen konzeptionellen oder auch visuellen Regiezugriff zu retten wäre (hier sähe ich Neo Rauch noch viel mehr gefragt als demnächst in Bayreuth), sollen Berufenere entscheiden.

      Gute Nacht !
      Principe ("nessun dorma" stimmt dann heute Nacht hoffentlich mal nicht...)
    • Vielen Dank an Ilprincipeignoto für den sehr lesenswerten Bericht. Ja, da hat es ordentlich was auf die Ohren gegeben. Gefühlt gibt es kein Werk von Wagner, in dem das Publikum solch einer Dauerbeschallung durch das Blech ausgesetzt wird wie in der Heliane. Ich kann jedem nur empfehlen diese Produktion zu besuchen. Folgende Punkte sprechen dafür:
      • wunderschöne Musik
      • ein tolles Dirigat von Marc Albrecht
      • fulminante Chöre, nicht wiederzuerkennen ...
      • eine hinreißende Sara Jakubiak
      • ein sensationeller Brian Jagde
      • und eine hervorragende Personenführung von Loy
      Ich stimme Ilprincipeignoto übrigens voll und ganz zu, was Derek Welton betrifft. Zwischendurch habe ich auch überlegt, ob er nicht die Rolle mit Wagner hätte tauschen können.

      In der Musik kommen an mehreren Stellen Zitate aus der toten Stadt vor. Eine Chorszene hat mich an den Mannenchor aus der Götterdämmerung erinnert.

      Der zweite Teil dauert übrigens fast zwei Stunden...

      Insgesamt war das ein sensationeller Opernabend, dessen Echo sicher noch lange in der Opernwelt nachhallen wird!
    • Auch Brug war wohl begeistert:
      klassiker.welt.de/2018/03/19/z…n-das-wunder-der-heliane/

      Es war aber auch ein unvergesslicher, ganz besonderer Abend an der DOB. Man fragt sich danach nur; warum hat dieses Werk eine solch lange Abstinenz von den großen Bühnen dieser Welt hinter sich? Eine solch rauschhafte, ekstatische Musik, die ganz nahe am Elektra-Strauss angelehnt ist, aber auch durchaus Anklänge an Puccini in sich trägt, darf dem breiten Opernpublikum einfach nicht länger verborgen bleiben! Antwerpen und Berlin werden sicherlich nur die Wegbereiter sein, denen einige Opernhäuser es sicherlich gleichtun wollen.
      Ich persönlich fand Josef Wagners Stimme nicht "dämonisch" genug für die Interpretation des Herrschers, die Abgrenzung zum strahlend-positiven Tenor-Klang von Brian Jagde war mir nicht extrem genug. Dies allerdings nur ein winziger Kritikpunkt an einer ansonsten vollkommen überzeugenden, grandiosen Aufführung. Dazu zählt ausdrücklich auch die geradlinige, schlüssige Regie von Loy.
      Einzigartig auch die in der Tat an Marlene Dietrich erinnernde Interpretation von Sara Jakubiak, die sich zumeist kraftvoll gegen die Wucht der orchestralen Gewalt durchzusetzen wusste. Ich bin nicht unbedingt ein Freund von "Nacktszenen" in Opernaufführungen - diese Nacktheit hatte jedoch etwas so Natürliches und Unschuldiges, niemals ins "Verruchte" abdriftende, das man hier von einer szenisch nahezu vollkommenen Umsetzung des Librettos sprechen kann. Grandios.
      Ich bin "auf gut Glück" für diese Heliane nach Berlin gereist und habe diese Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut. Im Gegenteil, ich habe ein Werk kennengelernt, dass mich nun noch lange beschäftigen wird und welches ich unbedingt bald erneut sehen und hören möchte.
      Wer die Möglichkeit hat, sollte sich diese Heliane an der DOB auf keinen Fall entgehen lassen!
    • Mysterienspiel der Superlative
      "Das Wunder der Heliane" von Erich Wolfgang Korngold ist ein Monumentalwerk: großes Orchester, großer Chor, Kinderchor hinter der Szene und Orgel, dazu mörderische Hauptrollen. Der Oper zugrunde liegt Hans Kaltnekers Schauspiel "Die Heilige". Jetzt hat sich die Deutsche Oper Berlin an das Werk gewagt. Mit Marc Albrecht am Pult und in der Regie von Christoph Loy.
      br-klassik.de/aktuell/news-kri…sche-oper-berlin-100.html

      nmz.de/online/korngolds-das-wu…der-deutschen-oper-berlin

      ndr.de/kultur/musik/Korngolds-…swunderderheliane100.html
    • Lauritz schrieb:

      Man fragt sich danach nur; warum hat dieses Werk eine solch lange Abstinenz von den großen Bühnen dieser Welt hinter sich?
      Weil es Intendanten wie Laufenberg gibt:
      "Das ist übrigens etwas völlig anderes als die berüchtigten „Ausgrabungen“. Die haben meist in der Premierenserie einen gewissen Neuigkeitswert, aber wenn man sie einmal gesehen hat, dann reicht es auch." (deropernfreund.de/interview-teil-2.html )