Salzburger Osterfestspiele 2019

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    • Umjubelte Premiere der "Meistersinger"
      salzburg.orf.at/news/stories/2975964/

      Bei den "Meistersingern" landet ein Opernhaus im Festspielhaus
      Im Großen Festspielhaus wird Wagners heitere Oper in die Semperoper Dresden gehievt. Gut gelingt die musikalische Umsetzung durch Sänger und Christian Thielemann -
      derstandard.at/2000101394149/B…pernhaus-im-Festspielhaus

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • parlando schrieb:

      Aus meiner Sicht waren das großartige Meistersinger, zumindest musikalisch.
      Ich war am Ostermontag in Salzburg und kann dem nur zustimmen. Zeppenfeld hat für mich eigentlich eine Referenzleistung abgelegt. Noch nie habe ich so einen Sachs gehört. Schlichtweg beeindruckend was er stimmlich bieten kann. Eröd als Beckmesser, Kowaljow als Pogner, Eröd als Beckmesser und Kohlhepp als David ebenfalls sehr stark. Die beiden Damen und Vogt haben bei mir in einigen Szenen doch eher einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Aber insgesamt eine tolle Aufführung. Alleine das Vorspiel zum dritten Akt war die Reise nach Salzburg wert. Für diesen Sachs könnte man wohl auch um die Welt fliegen.
    • Die Meistersinger von Nürnberg, Salzburger Osterfestspiele, Ostermontag, 22.04.19

      Die Aufführung hatte viel Positives zu bieten, vor allem musikalisch, aber auch etliches Negative, vor allem szenisch.
      Fange ich mal damit an.
      Das Konzept ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Theater im Theater. Kennt man schon länger, ist also nichts umwerfend Neues. Es dient wohl vor allem wieder mal dem Zweck, "heutige Menschen" auf die Bühne zu stellen; Sinn macht das keinen. Vielleicht aber doch den, die Inszenierung von der breiten Salzburger auf die schmälere Dresdner Bühne umsetzen zu können? Das wäre dann zumindest pfiffig. Wobei es mir gar nicht um die Bühnenbilder oder die Kostüme geht, sondern um die z. T. kräftig verfehlte Personenregie. Von einem Regisseur erwarte ich eigentlich, daß er den Text des Werkes, das er inszeniert, richtig gelesen hat. Bei Jens-Daniel Herzog hat man oft das Gefühl, er schert sich kein Fünkchen um den Text. Oder noch schlimmer: er inszeniert dagegen. Manchmal kommen dabei stilistische Schnitzer heraus, manchmal hapert's an dem, was man beim Film "continuity" nennt. (Daß der Schuster auch Operndirektor ist, gehört zu den Ungereimtheiten, die sich aus dem Konzept ergeben).
      Beispiele: Stolzing singt sein Probelied, Beckmesser ist im Gemerk. Als Stolzing die Kreidestriche hört, zerrt er Beckmesser am Ohr aus dem Gemerk hervor (in diesem Fall ist das der Vorhang des "Theaters"; ein Photo von dieser Szene ist im Programmheft) und stößt ihn heftig zu Boden. Das ist völlig undenkbar. Realiter würde Stolzing mit einem Tritt in seinen adeligen Allerwertesten in hohem Bogen rausfliegen. Dann wäre die Oper an der Stelle schon aus. Kurz darauf tobt Klaus Florian Kinsky über die Bühne, schmeißt Tische und Stühle um, später zerreißt er einige Konterfeis der Meister. Bei der Szene, wo er aufmüpfig werden kann und eigentlich soll ("Seid Ihr frei und ehrlich geboren?") kommt dagegen praktisch nichts.
      Oder: Am Ende des ersten Aufzugs, nachdem Stolzing versungen hat und die Meister zurückbleiben, erscheint Eva, schaut ihren Vater und Sachs fragend an. Beide schütteln den Kopf, worauf sie weiß, daß die Sache daneben gegangen ist. Was bitte macht dann die ganze Szene Eva-Sachs ("Guten Abend, Meister") dann noch für einen Sinn? Da versucht sie ja, Auskunft über Stolzings Abschneiden aus Sachs herauszulocken. Warum, wenn sie eh' schon Bescheid weiß? Überhaupt ist Eva fast ständig auf der Bühne, auch wenn sie da nichts zu suchen hat. Sie hat ihre paar Auftritte und dabei sollte man es belassen. Das scheint jetzt überhaupt Mode zu sein, daß sich Protagonisten auf der Bühne tummeln, obwohl sie Pause haben, s. Desdemona im Münchner "Otello" (die sich dann "auf einer anderen Ebene" befindet?).
      Szene im 3. Aufzug: Eva erscheint barfuß im Sommerfähnchen vom Vorabend, mit ihren Schuhen in der Hand. Von einem Hochzeitsauftritt keine Spur: "Wie herrlich und stolz du's heute meinst! Du machst wohl jung und alt begehrlich, wenn Du so schön erscheinst."
      Und dann die Sache mit den Schuhen. "Hier auf den Schemel streck den Fuß: der üblen Not ich wehren muß." Kein Schemel, kein Fuß. Sachs hält während der ganzen Szene die Schuhe in der Hand und macht keine Anstalten, "der üblen Not" etwas entgegenzusetzen. Er steckt sie auch nicht auf den Leisten, sondern stellt sie schlicht ins Regal.
      Ganz hanebüchen auf der Festwiese: nachdem Beckmesser sein Preislied beendet hat, überfällt er die auf einem Stuhl sitzende Eva und küßt sie heftig auf den Mund. Das soll offensichtlich "Aktualisierung" sein..... Auch daß Stolzing und Eva von Anfang an und coram publico immer wieder heftig fummeln.
      Es gäbe noch mehr solcher Beispiele, aber das führte zu weit. Teilweise sind das jedenfalls Schnitzer, die einfach nicht passieren dürfen, da sie zu dem Werk nicht passen.
      Ganz und gar nicht gefallen hat mir der Schluß (abgesehen davon, daß schon wieder ein Bild zerrissen wird, diesmal das von Stolzing). Diese Lesart, die Meister schließlich doch zu verachten, stellt m.E. das Stück auf den Kopf und macht die vorausgegangene Handlung somit überflüssig.
      Und die gängige geschichtliche Ignoranz, im wesentlichen der Kritiker, was die Schlußansage des Hans Sachs betrifft, ödet mittlerweile an.
      "Kein Fürst bald mehr sein Volk versteht; und welschen Dunst und welschen Tand sie pflanzen uns in deutsches Land": Karl V., der deutschen Mentalität völlig fremd, war bekanntermaßen des Deutschen nicht mächtig und schickte seine spanischen und französischen Ratgeber nach Deutschland, das er in erster Linie seinem Weltreich einverleiben wollte. Das ging so weiter im Barock ("Sonnenkönig") und die sprachliche Entfremdung zwischen Fürsten und Volk fand dann den Höhepunkt mit Friedrich dem Großen. Für den war Deutsch nur geeignet, um mit den Dienstboten oder Pferden zu sprechen. Wagner hat seinen Sachs eben auch in die Zukunft schauen lassen. Das gibt es öfter. Auch zur Zeit des "Rosenkavalier" gab es noch keinen Wiener Walzer.


      Deutlich erfreulicher war dagegen die musikalische Seite. Die größte Überraschung war für mich Klaus Florian Vogt. Wo ist seine Kurzatmigkeit gebleiben? Nichts mehr davon, im Gegenteil, er sang lang ausgehaltene Töne und Bögen ohne Zwischenatmung. Und die Stimme ist sonorer, profunder, tragfähiger geworden. Das Preislied sang er locker vom Hocker, strahlend, ohne hörbare Anstrengung, vollkommen lässig, als hätte er nicht eben die anstrengende Schusterstube hinter sich.
      Nicht so ganz überzeugt hat mich Georg Zeppenfeld als Sachs. Er war gut, aber dem Hype kann ich nicht folgen. Dazu war er mir stimmlich etwas zu flach, darstellerisch fehlten mir doch einige Facetten und Nuancen des Sachs. Als Gurnemanz gefiel er mir deutlich besser, das ist aber auch eine Figur, die immer bei sich selbst ist. Und dann merkt man bei Zeppenfeld nicht, daß es sich um eine heitere Oper handelt. Humor ist nicht sein Ding und die gewisse Schlitzohrigkeit des Sachs schon gar nicht. Aber alles in allem natürlich trotzdem eine sehr gute Leistung. Allerdings könnte ich mir Günther Groissböck rollendeckender und überzeugender vorstellen.
      Die Eva der Jacquelyn Wagner ist hübsch anzuschauen und hat eine nette Stimme, es gibt nicht wirklich etwas auszusetzen an ihr, außer, daß die Stimme etwas zu klein für das riesige Festspielhaus ist. Das übrigens akustisch hervorragend ist, vor allem auf meinem Platz, Rang, 8. Reihe Mitte.
      Der Beckmesser des Adrian Eröd war untadelig, keine Karikatur. Eine "jüdische Karikatur" kann Beckmesser sowieso nicht sein. Als Stadtschreiber gehört er zu den Honoratioren der Stadt und das waren damals mit Sicherheit keine Juden. Wagner meinte mit ihm ja seinen schärfsten Kritiker, Eduard Hanslick. Beim David des Sebastina Kohlhepp schließe ich mich den guten Kritiken an, solide auch Christa Mayer als Magdalene. Hervorzuheben ist Vitalij Kowaljow als Veit Pogner mit ausgezeichnetem Deutsch, wie überhaupt sehr sorgfältig artikuliert wurde. Alle anderen Rollen waren sehr gut besetzt, keine Ausfälle. Wie so oft, war der Nachtwächter auffallend gut (das weckt Erinnerungen an Kurt Moll).
      Das Dirigat von Christian Thielemann kann man vielleicht am einfachsten an den Vorspielen festmachen. Das Vorspiel zum ersten Aufzug gefiel mir besser als das von Petrenko, aber weniger als das von Sawallisch, das mehr aus einem Guß war. C.T. arbeitet gerne mit ausgeprägten Rubati; ich persönlich finde das in Ordnung, aber jedermanns Sache ist es nicht. Überwältigend schön dirigiert war das Vorspiel zum 3. Aufzug, sehr breit genommen, beeindruckend in der Wirkung. Und sehr gut und transparent musiziert war auch die Schlußfuge des ersten Aufzugs, großartig auch der "Wach-auf"-Chor mit langer Generalpause.
      Der Schluß-Applaus für Thielemann war frenetisch. Das heißt in Worten: Wir wollen Dich und die Sächsische Staatskapelle hier in Salzburg bei den Osterfestspielen behalten. Bachler hin, Bachler her.

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    • ira schrieb:

      Wir wollen Dich und die Sächsische Staatskapelle hier in Salzburg bei den Osterfestspielen behalten.
      Das halte ich für eine voreiligen Schlußfolgerung. Ich neige dazu zu interpretieren: wenn ich schn so viel Geld ausgegeben habr,muss es auch toll sein. Zudem waren Nicht-Fans von GTh wohl auch nicht in die Vorstellung gegangen. Fans jubeln auch leichter als Skeptiker.
      Die "Bilanz", die noch am Montag veröffenrlicht wurde, ist doch alarmierend: einzig die Premiere der Meistersinger war "ausverkauft" - Pressekarten und Honratiorenplätze abgezogen-> was bleibt dann?
      Auslastung gesunken.
      Jansons - Konzert begeisterte mehr als CTh.
      Programmankündigung/besetzung für 2020: schon wieder Don Carlo, warum eigentlich? Eyvazov als Titelhelden werden sich auch nicht so viele geben, wie es die Festspiele nötig hätten, Harteros-Elsabetta hin-und retour....
    • Liebe elsa, ich glaube nicht, daß das eine voreilige Schlußfolgerung war, das hörte sich definitiv nach einem Statement an. Und der Beifall war sehr wohl abgewogen, z.B. bekam Jacqueline Wagner am wenigsten.

      elsa schrieb:

      Zudem waren Nicht-Fans von GTh wohl auch nicht in die Vorstellung gegangen.
      Jetzt aber: als ausgewiesener Fan von Christian Thielemann würde ich mich nicht bezeichnen (genauso wenig wie von Petrenko), auch nicht von Klaus Florian Vogt oder Georg Zeppenfeld. In erster Linie gehe ich in eine Aufführung, von der man erwarten kann, daß sie hervorragend sein wird, weil ich das WERK liebe. Und weil das so ist, gehe ich auch nicht wieder in die Münchner "Meistersinger". Und wenn hundertmal Kaufmann singt.
    • ira schrieb:

      Auch daß Stolzing und Eva von Anfang an und coram publico immer wieder heftig fummeln.
      Das hat man heute so, war auch in Berlin der Fall, in Mannheim und Wiesbaden kürzlich auch, wenn ich mich recht erinnere. Ich finde es auch unpassend.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • elsa schrieb:

      Programmankündigung/besetzung für 2020: schon wieder Don Carlo, warum eigentlich?
      Warum denn nicht? Erstens ist "Don Carlo" ein tolles Werk, zweitens gibt es hier eine zumindest diskussionswürdige Kombination mit Trojahn und drittens ist der letzte "Don Carlo" auch schon eine Weile her (1986).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()

    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      Don Carlo" auch schon eine Weile her (1986).
      Das ist die miese Propaganda der Osterfestspiele. Don Carlo in Salzburg (egal zu welcher Festspiel-Sparte) war erst 2013, und da in der einzig logischen, weil 5-aktigen Version..... Wer braucht eine künstliche Ergänzung?
      Mit den Meistersingern hat man ja auch nach 6 Jahren eine Wiederholung gemacht und behauptet, das letzte Mal wäre 1976 (?) gewesen.....Gibts denn keine anderen Opern oder woran liegt es? Die Qittung war die nicht eben üppige Auslastung. Da kann auch die permanente Werbung im ORF nichts ausrichten.

      Apropos TV:warum wurden die Meistersinger eigentlich, wie sonst üblich, nicht im TV übertrgen? Für die Radioübertragung auf Ö1 häte sich der ORF nicht so exponieren brauchen.
    • Nun mal etwas langsam und besonnener!
      Die Osterfestspiele und die Sommerfestspiele sind unterschiedliche Schuhe.
      Die Meistersinger waren bei der Premiere ausverkauft und bei der 2. Vorstellung fast ausverkauft, bis auf sehr wenige Plätze in den Logen oder dem Parkett (außen), wo ich auch nicht sitzen wollte! Die Osterfestspiele in BadenBaden haben keine Zahlen der Auslastung veröffentlicht. Meines Wissens waren selbst für die Premiere noch Karten zu haben, für die Folgevorstellungen waren noch in allen Kategorien Karten erhältlich, So weit ich das aus der aktuellen Information für 2020 entnehmen kann werden die Konsequenzen gezogen und nur noch 3 Opernvorstellungen angeboten.
      Ich schließe, mich Ira an, die Reaktionen des Publikums waren unmissverständlich, sowohl beim Auftreten des Orchesters und CT und vor allem am Ende der Oper und des Konzerts.Wenn Einzelnen die Darbietungen der Berliner Philis besser gefallen besteht doch die Möglichkeit, die Vorstellungen in BadenBaden zu besuchen und auf die Reise nach Salzburg zu verzichten. Das ist doch ganz einfach.
      Die Berliner wollten aus Salzburg weg, weil es ihnen dort nicht mehr gefallen hat oder aus anderen Gründen, die hinlänglich bekannt sind. Wenn sie in BadenBaden the 2. Heimat gefunden haben, sollen sie dort doch bleiben. Und es ist doch schön, dass es hierzulande weitere Spitzenorchester gibt, die eine entstandene Lücke aus dem Stand heraus voll ausfüllen können.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von parlando ()

    • parlando schrieb:

      und bei der 2. Vorstellung fast ausverkauft, bis auf sehr wenige Plätze in den Logen oder dem Parkett (außen), wo ich auch nicht sitzen wollte!
      Genau. Um einen freien Platz zu sehen, mußte man suchen.

      parlando schrieb:

      Die Berliner wollten aus Salzburg weg, weil es ihnen dort nicht mehr gefallen hat oder andere Gründe vorlagen, die hinlänglich bekannt sind.
      Eben. Es ist ja nicht so, daß man die Berliner aus Salzburg rausgeekelt hätte. Die wollten nicht mehr, angeblich, weil es ihnen zu wenige Opernvorstellungen waren. Also hauptsächlich finanzielle Gründe.