Parsifal hinter dem Gazevorhang

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    • Parsifal hinter dem Gazevorhang

      Auch am Karfreitag 2018 sollte unbedingt Parsifal sein. Da aber die Theo-Adam-Inszenierung dank einer falschen Pietät aus dem Semperopern-Spielplan genommen worden war und auf Konserven kein Appetit bestand, konnte man sich der von Ulf Schirmer 2006 aufs Schild gehobenen Inszenierung von Roland Aeschlimann des Opernhauses Leipzig erinnern.

      Schirmer hatte im Vorfeld der Premiere erklärt, dass mit dem Regietheater die Regisseure doch nur ihre eigene Persönlichkeit in Szene setzen würden. Er wolle für sein Haus dem jeweiligen Bühnenwerk in einer intelligenten, dabei ein breites Publikum ansprechenden Lesart zu seinem Recht zu verhelfen.

      Der Schweizer Aschlimann, Jahrgang 1939,war ursprünglich vor allem als Bühnenbildner tätig. Aus Ärger, was die „Regietheater-Experten“ ihm für ihre egomanische Inszenierungen abverlangten, übernahm er seit etwa 1995 zunehmend selbst auch die Regie von Opern- und Operetteninszenierungen.

      Sein „Parsifal“ von 2004 am „Grand Théȃtre de Genève“ war Anlass, ihm die Inszenierungsarbeit in Leipzig zu übertragen.

      Zum Zeichen, dass es außer der Wagner-Auffassung zur Parsifal-Sage noch andere Quellen gibt, projizierte er in den Gesangsszenenpausen die von Wolfram von Eschenbach überlieferten Namen der Ritter dessen „Parzival-Epos“ auf eine mannshohe Tafel, die dann nach Hinten abgesenkt, als Spielfläche für die Wagner-Aeschlimann-Deutung diente .

      Die zunächst irritierende Abtrennung der Bühne von Graben und Zuschauerraum durch einen hauchdünnenGaze-Vorhang, erschloss dem Bühnenprofi wunderbare Möglichkeiten.

      Vor allem erlaubte der Gazevorhang, dass die Personen nicht auftreten, sondern regelrecht mystisch aus einer Nebelwolke entwickelt werden und ggf. auch so wieder verschwinden. Die Wirkung des Gesanges wurde vom Vorhang erstaunlicherweise nicht merkbar beeinträchtigt.

      Eine Personenführung gibt es, wenn man von den Blumenmädchen-Szenen absieht, eigentlich nahezu nicht.

      Auch einen Bühnenaufbau sucht man vergebens.

      Im ersten Akt ist die Bühne komplett in Blau gestaltet. Der Zaubergarten ist grün gehalten, während im Schlussakt wieder das Blau dominiert. An die Rückseite der Bühne werden Symbole und Zeichen projiziert, die neben dem Christentum auch auf den Buddhismus Bezug nehmen.

      Das Gerüst der Aufführung ist der Orchesterklang. Als Thielemann-gestählter Wagnerianer muss ich mich zwar im Urteil zurück halten. Fand aber das disziplinierte Musizieren der Gewandhausmusiker richtig gut.

      Die musikalische Leitung des Abends hatte der stellvertretende Generalmusiker der Oper Leipzig, der Brite Anthony Bramall.

      Ohne Extravaganzen und Schnörkel brachte er die Partitur über den Abend. Unterstützte die Solisten und gab auch mal Tempo und Lautstärke, wenn das angebracht war. Leider kamen für mich die leichte Getragenheit der Streicher beim ersten Vorspiel kaum zur Wirkung.

      Gesungen wurde durchweg gut bis sehr gut.

      Dass uns das „Leipziger Eigengewächs“ Kathrin Göhring eine fulminante Kundry bieten wird, hatten wir erwartet. Sie beherrscht die delikate und komplexe Psychologie der zwischen den Zeiten irrenden Verführerin und Dienerin, zugleich aber Täterin und Opfer subtil. Ihre Stimme klingt inzwischen auch in allen Lagen gut, selbst im ersten Akt mit einer aufgerauten Intensität. Scheinbar mühelos zwischen den hochdramatischen und beinah lyrischen Passagen verleiht sie der Kundry selbst in den expressiven Ausbrüchen eine betörende Wärme.

      Ebenfalls zum Ensemble der Oper Leipzig gehört der von der Färöer Insel Suðuroy stammende prachtvolle u.a. auch von Matti Salminen geprägte Bassist Rúni Brattaberg, der uns als Gurnemanz die zweite herausragende Gesangsleistung mit wunderbarer Bühnenpräsenz und seltener Textverständlichkeit geboten hat.

      Für die Titelpartie hatte man den Sänger-Darsteller der Premiereserie von 2006 Stefan Vinke gewonnen, der von damals 2006 bis 2012 dem Leipziger Ensemble angehört hatte. Seine Leistung war ordentlich, aber vielleicht etwas zu routiniert, so dass er sogar Gefahr lief, im zweiten Akt von Kathrin Göhring an die Wand gesungen zu werden.

      Der Amfortas wurde von Tuomas Pursio, seit 2002 im Ensemble, gesungen. Randall Jakobsh vom Hausensemblegestaltete den Titurel.

      Eigentlich beneidenswert, was Ulf Schirmer inzwischen an Wagner-fähigen Sängern in Leipzig um sich geschart hat. Nur der aus der Reihe der Freischaffenden musste der übrigens auch umjubelte Bariton KaiSiefermann als Klingsor geholt werden.

      Auch haben wir selten eine so intelligent inszenierte Blumenmädchenszene erleben können.

      Eine besondere Erwähnung verdient auch der Lichtgestalter Lukas Kaltenbäck.

      Von Kritikern war die Arbeit von Roland Aeschlimann mit langweiligabgetan worden.

      Wir aber vermissten weder eine aufwendige Bühnendekoration, noch störten die weitgehend statisch agierenden Solisten.

      Zu einem Erfolg wurde der Abend letztlichvon der musikalische Realisierung durch das Orchester, die Solisten und den Chor.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von thomathi ()