Donizettis "Adelia" am TfN / Hildesheim

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Donizettis "Adelia" am TfN / Hildesheim

      01.04.2018

      Spontane Opernbesuche sind die besten - vor allem, wenn sie in einer so beachtlichen Neuentdeckung wie dieser münden: im Theater für Niedersachsen (TfN) wird zur Zeit Donizettis "Adelia" gespielt. Bis Sonntagmorgen hatte ich nicht einmal den Titel dieser Oper auf dem Radar, geschweige denn irgendeine Idee, worum es gehen könnte.

      Die Story könnte man kurz gefasst als 'Kabale und Liebe im 15. Jahrhundert, aber mit (relativ) glücklichem Ausgang' umschreiben. Die Langform geht ungefähr so: der eben aus einem erfolgreichen Krieg heimkehrende Hauptmann Arnoldo erfährt, dass sich im Morgengrauen ein junger Mann von einem Balkon aus seinem (also Arnoldos) Haus abgeseilt habe. Das wäre nun an sich kein Problem, wenn in diesem Haus nicht Arnoldos wunderschöne Tochter Adelia auf die Rückkehr ihres Vaters (aber offenbar nicht nur darauf) warten würde. Und weil der junge Mann anhand seines roten Mantels alsbald als Graf Oliviero identifiziert ist, beschließt Arnoldo, ihn beim Herzog zu verklagen. Adelias Flehen bleibt ungehört, und der Herzog verurteilt Oliviero erwartungsgemäß zum Tode. Als Arnoldo klar wird, was er seiner Tochter gerade angetan hat, bittet er den Herzog um eine andere Lösung: Oliviero soll die leider völlig unstandesgemäße, weil bürgerliche Adelia heiraten und damit ihre Ehre wiederherstellen. Der Herzog stimmt ungern zu, hebt das Todesurteil aber nicht auf, was Adelia erst erfährt, als sie sich auf den Gang zum Traualtar vorbereitet. Den einzigen Weg, Oliviero zu retten, sieht sie darin, die Heirat zu verweigern, was wiederum ihr Vater nicht zulässt - nicht einmal, als sie ihn darüber aufklärt, welches Schicksal Oliviero unmittelbar nach der Eheschließung droht. Es folgen ein paar operntypische Gefühlsverwirrungen inklusive einer Wahnsinns-Szene und dann, nach wundersamer Wendung in letzter Sekunde, ein scheinbares Happy End.

      In der titelgebenden Hauptrolle war die junge Sopranistin Kim Lillian Strebel zu hören - was für eine Stimme! Ein leuchtender Sopran mit makelloser Höhe und warmem Klang. (Möglicherweise stehen in der Partitur ein paar mehr Koloraturen, aber wirklich gefehlt haben sie nicht.) Auch darstellerisch blieben keine Wünsche offen, zumal der Regisseur sich über diese Figur deutlich mehr Gedanken gemacht zu haben scheint als über die restlichen.

      Konstantinos Klironomos als ihr innig geliebter Oliviero stand ihr stimmlich in nichts nach - eine schöne, in der Höhe strahlende Stimme, die mich ein wenig an den jungen Francisco Araiza erinnert. Die zuweilen etwas hölzerne Spielweise dürfte sowohl der Regie als auch der Rolle selber geschuldet sein - nicht nur Verdi lässt seine Tenöre zuweilen dumm aussehen... Sehr anrührend geriet allerdings die Szene, in der er Adelia ganz aufgewühlt von der Errichtung des Schaffotts und der diesbezüglichen Geheimnistuerei der Höflinge berichtet.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Natürlich kann es in einem `melodramma serio' kein ungetrübtes Liebesglück geben, und wie so oft ist auch hier der Vater Schuld: aus maßlos überzogenem Ehrgefühl besteht er selbst dann auf der Hochzeit zwischen seiner Tochter und Oliviero , als feststeht, dass der junge Mann anschließend sterben muss. Diogenes Randes Farias heißt der Baß, der diese Rolle mit wohlklingender, fast baritonaler Stimme sang. Im ersten Akt waren ein paar angeraute Töne zu hören, weshalb er nach der Pause als indisponiert angesagt wurde (vom Dirigenten höchstselbst!) und in der Folge ein paar Töne eher markierte als sang. Das tat dem Gesamteindruck aber keinen Abbruch. Das Allererstaunlichste: der Mann ist eigentlich Mitglied des Opernchores, singt aber anderswo Marke, Don Giovanni oder Raimondo... ich bin verwirrt.

      Noch rauer klang der andere Bass Uwe Tobias Hieronimi als Herzog Karl (Carlo), ohne freilich angesagt zu werden. Ich bin ein bisschen mit mir selber uneins hinsichtlich dieses Sängers: ein durchaus bassiger Bass, der in seinen Soli wesentlich unsicherer und mühsamer klang als in den großen Ensembleszenen und äußerlich eine Mischung aus Nosferatu und Attila darstellte. Eigentlich tritt er nur im ersten Akt auf, aber der Regisseur Guillermo Amaya gönnt ihm auch im zweiten Teil noch einen stummen Auftritt, in dem er ihn zum Strippenzieher einer Intrige macht, die wohl als Charaktertest für das Liebespaar gedacht ist, aber leider furchtbar ins Auge geht, denn Adelia erholt sich nicht mehr von der geistigen Umnachtung, die sie nach Olivieros Verhaftung befallen hat. - Zu dieser Deutung muss man wissen, dass Donizetti ursprünglich ein tragisches Ende vorgesehen hatte, damit aber bei der Zensur nicht durchkam. Sie ist also ein durchaus akzeptabler Kompromiss zwischen beiden Schlüssen.

      In den kleinen Rollen waren Daniel Käsmann (als Olivieros Freund Comino) und Neele Krämer (Adelias Gesellschafterin Odetta) zu hören. Chor und E-Chor des TfN hatten zu Beginn ein oder zwei kleine Wackler, waren ansonsten aber gut anzuhören. Florian Ziehen, seines Zeichens GMD und Operndirektor, leitete sein vergleichsweise kleines Orchester sicher durch die Tiefen und Untiefen der Partitur, konnte aber die (wahrscheinlich wirklich etwas belanglose) Ouvertüre nicht so recht zum Leben erwecken. Da half es auch nicht, dass sie szenisch untermalt war: das Bühnenbild zeigte eine Art Lesesaal, in dem, streng nach Geschlechtern getrennt, die Bürger der Stadt eifrig in dicken Büchern lasen, sie abschrieben, sich Notizen machten und dabei von anderen überwacht wurden, während eine Schar junger Mädchen diese Bücher ziemlich planlos von einem Pult zum anderen trug... Ich muss zugeben, der Sinn dieser Szene erschließt sich mir auch in der Rückschau nicht so ganz. Ansonsten war die Inszenierung durchaus schlüssig und verkam auch nicht zum Kostümschinken, denn die Ausstattung war eine gelungene Mischung aus angedeuteter Historie und Moderne: mit Ausnahme Adelias trugen alle Schwarz bzw. Schwarz-weiß mit kleinen roten Details, Röcke und Hosen waren eher zeitlos, während die Oberteile und Frisuren Anklänge an das späte Mittelalter hatten. (Adelias ockerfarbenes Hochzeitskleid war allerdings vor allem eins: hässlich...) Bühne und Regie waren gleichermaßen schnörkellos: erstere in schwarz-weiß mit einem in ungefähr zweieinhalb Metern Höhe diagonal über die Spielfläche verlaufenden Steg, letztere ziemlich textgetreu, aber vielleicht ein bisschen rampenlastig.
      Alles in allem war es ein gedeihlicher Opernabend, und die wunderbare Musik ('Lucia' und 'La Favorite' schimmern durch, ohne dass sie wirklich zitiert werden) lohnt den Besuch unbedingt.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      Diogenes Randes Farias
      Es gibt einen Diogenes Randes, den ich zwischen 2008 und 2011 16x in HH gehört habe, und zwar als Don Alfonso, Figaro, Colline, ramfis, Lodovico, Sparafucile, Fasolt, König Heinrich, Titurel und Fafner (S.). Nach Opernchor hörte sich das nicht an. Ich bin ebenfalls verwirrt. ?( Vielleicht hatte er eine schwerere Stimmkrise und erfindet sich gerade neu?