Parsifal - Berliner Philharmoniker

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    • Parsifal - Berliner Philharmoniker

      Nach Herbert von Karajan und Claudio Abbado ist Sir Simon Rattle erst der dritte Dirigent, der Parsifal mit dem Orchester gespielt hat. Eigentlich sollte die Oper am Anfang seiner Amtszeit kommen, doch dann hat Abbado das Werk ans Ende seiner Amtszeit gestellt. Die Aufführung war in jedem Fall ein großes Ereignis. Es war eine Wonne Parsifal von diesem wunderbaren Orchester in der hervorragenden Akustik der Philharmonie hören zu können. Sensationell war auch der Herrenchor des Berliner Rundfunkchors. Die Lesart von Sir Simon Rattle war indes ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Tempi waren überwiegend sehr flott und schöne Melodien wurden nur bedingt ausgekostet. Ich musste an ein Kind mit Seifenblasen denken, das nicht die Geduld hat einer Seifenblase nachzuschauen, sondern gleich wieder die nächste Blase hinterherschickt. So hat Rattle schnell Gefallen an der nächsten Melodie gefunden. Insbesondere für den balsamischen Gesang von Franz-Josef Selig (Gurnemanz) hätte ich mir langsamere Tempi gewünscht. Ein Ereignis war auch der Vortrag von Gerald Finley (Amfortas). Auch wenn es stellenweise in der Höhe etwas dünn wurde, waren es die Art und Weise, seine Textbehandlung und sein charismatischer Gesang, die seinen Auftritt zum Besonderen werden ließen. Durchweg gefallen hat mir auch Stuart Skelton mit seinem inzwischen recht baritonalen Timbre. Ich hatte ihn schon länger nicht mehr gehört und war sehr angenehm überrascht. Ebenfalls angetan war ich von Nina Stemme als Kundry. Im Gegensatz zu 2001 waren die damals frisch gegossenen Glocken, die alles andere als eine Bereicherung dargestellt hatten, nicht mehr im Einsatz.
    • Aus der gleichen Kritik stammt folgender Satz:
      "Stuart Skelton, gleichfalls neu, singt den Parsifal fabelhaft. Ist sich jedoch körperlich im Wege. Als vermeintliches Riesenbaby schiebt er sich ins Bild. Wenn er singt: "Ich verschmachte", denkt man: Der Junge hat Hunger." Soviel zur Seriösität dieses Beitrags und der Ton geht ähnlich unsachlich weiter...Kulturradio ade...

      Ich war selber in der Aufführung und habe lange nicht mehr so einen tollen Parsifal wie von Skelton gehört. Da tut es dann schon weh, wenn in alter Manier selbst bei konzertanten Aufführungen auf dem Körpergewicht von Sängern rumgetrampelt wird. Es gab etliche Aufführungen in letzter Zeit, wo ich mir Botha zurückgewünscht habe. Ich hoffe Skelton noch häufiger als Parsifal hören zu können und bin auf seine Entwicklung gespannt. Die Besetzung von Selig abzuwerten, weil diese nicht neu ist, finde ich fast die größte Fehlleistung dieses Beitrags. Ich hätte mir auch (wie auch unser Kapellmeister) für ihn langsamere Tempi gewünscht, da er den Ton dafür hat. Für mich war sein Gurnemanz die reinste Freude und er kann es in der stimmlichen Verfassung mit den anderen Rollenvertretern aufnehmen. Gefiel mir zumindest besser als Pape vergangenen Monat. Gerade Selig und Skelton habe ich als Optimum für ihre Rollen empfunden. Stemme hatte am Freitag für mich entgegengesetzt zur Meinung dieser Besprechung Probleme mit der Höhe, die stark erkämpft war, aber mütterlich oder gar angesäuert klang da für mich gar nichts. Sie hat mittlerweile gut in die Rolle reingefunden und gestaltet selbst konzertant ein interessantes Rollenportrait. Finley in der Tat sehr besonders als Amfortas, wobei selbst in der Philharmonie die Stimmgröße für diese Rolle an der unteren Grenze ist. Aber nobel der Vortrag, ohne Zweifel. Nikitin wirkte auf mich wie eine Karikatur eines Klingsors. Stimmlich blieb er viel schuldig. Böse schauen und Konsonanten hart ausspucken alleine, macht für mich noch keinen Klingsor. Insgesamt ein toller Abend trotz der wirklich ungewohnt schnellen Tempi von Rattle. Orchester und Chor hervorragend.
    • Chevalier de la Force schrieb:

      Die Besetzung von Selig abzuwerten, weil diese nicht neu ist, finde ich fast die größte Fehlleistung dieses Beitrags.
      So habe ich das nicht verstanden. Es war viel mehr eine Kritik an Rattle. Der Kritiker hatte sich wohl einen unbekannteren oder andere Sänger des Gurnemanz gewünscht.
    • Ich habe es sowohl als Kritik an Rattle als auch an Selig verstanden. Es mag sein, dass Rattle bei mancher Aufführung nicht immer das glücklichste Händchen gehabt hat. An dieser Besetzung gibt es jedoch nichts auszusetzen. Ich war froh, dass Selig gesungen hat, weil ich ihn nicht zu oft gehört habe. Ich bin wirklich ein häufiger Parsifal-Gänger, aber für mich war es erst der vierte Gurnemanz von Selig (DOB 2003, RSB 2011, Wien 2011). Da kommt nun wirklich keine Langeweile auf.
    • es war ein wirklich sehr beeindruckender Parsifal gestern Abend und das lag zum größten Teil natürlich schon einmal an dem unvergleichlichen satten Klang der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie sowie an dem sehr unprätentiösen, flüssigen und schlanken Dirigat von Simon Rattle.

      Zu dieser Lesart passten eigentlich alle Sänger hervorragend, wobei auch ich Gerald Finley besonders hervorheben möchte. Finley hat sich in den letzten Jahren bei mir mit seinen ausdrucksstarken, dabei nie künstlich wirkenden Rollenportraits bsp. als Sachs, Golaud oder Lear in die absolut oberste persönliche Favoritenliga gespielt und gesungen und enttäuschte auch als Amfortas wahrlich nicht. Seit seinem Debüt vor einigen Jahren in London hat er deutlich an seinem Rollenporträt gearbeitet. Es ist weiterhin ein sehr zurückhaltender, sehr liedhafter Amfortas, dem man aber jedes Wort, das er singt abnimmt und bei dem jedes Wort eine Bedeutung hat. Das ist ganz großes Rollenverständnis.

      Auf einem ähnlich hohen Niveau Nina Stemme als Kundry, mit leichten Anfangsproblemen, aber einem sehr guten Aufbau im 2. Akt mit einer sehr starken Präsenz und vor allem natürlich genug Puste für die Höhen am Ende des 2. Aktes.

      Auch Stuart Skelton auf der Haben-Seite mit seinem sehr baritonalen Grundtimbre, aber sehr guten Höhen Auch der gesamte Vortrag wirkt sehr unangestrengt und mühelos.

      Dies gilt letztendlich auch für Franz-Josef Selig als ungeheuer textsicheren Gurnemanz, mit sehr guter Phrasierung erstklassiger Diktion sowie einem immer noch sehr frischen Grundtimbre. Sicher eine sehr gute Alternative zu den übrigen Rollenvertretern derzeit (derer sind ja doch einige und es werden immer mehr).

      Evgeny Nikitin als Klingsor war in der Tat etwas enttäuschend, wenn man bedenkt welchen großen Eindruck er noch vor wenigen Jahren als Telramund oder auch Klingsor gemacht.

      Letztendlich einfach nur ein sehr beeindruckender Abend wie fast immer bei den Opernaufführungen unter Rattle in der Philharmonie. Insbesondere der Pelleas in der Sellars-Ritualisierung wird mir immer unvergessen bleiben. Mal schaun, welche Opern Kirill Petrenko in die Philharmonie bringen wird.

      Maestro