Lady Macbeth von Mzensk DOB

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    • Lady Macbeth von Mzensk DOB

      Anbei ein kurzer Eindruck der aktuellen Serie der Lady Macbeth von Mzensk in der DOB. Ich hatte die Aufführung lediglich als Beiwerk zum Parsifal gebucht und der Abend sollte sich fast zum Highlight des Wochenendes mausern. Ich muss vorweg sagen, dass ich das Stück kaum kenne und in München unter Petrenko keinen wirklichen Zugang dazu gefunden habe. Das lag auch ein wenig an der Inszenierung von Kupfer, die mir nicht zugesagt hatte.
      Nun also ein mir unbekannter Regisseur "Ole Anders Tandberg". Die Inszenierung empfand ich als äußerst gelungen. Die Reduzierung des Bühnenbilds auf einen Felsen mit angedeuteter Hauswand im Milieu einer Industriefischerei erzeugte die nötige beklemmende Atmosphäre. Das reduzierte kaltweiße Licht, welches oftmals eher von hinten auf die Szenerie geworfen wird, gibt sein übriges dazu. Und dann steht in diesem trostlosen Umfeld gleich zu Beginn Evelyn Herlitzius mit hängenden Schultern und einem Ausdruck im Gesicht und eigentlich im ganzen Körper, wie nur sie es kann. Das ganze Drama ist unmittelbar präsent. Dann allerdings wenn sie anfängt zu singen auch gleich ein wenig zu präsent. Schrill und ausufernd die Stimme von ersten Ton an, was mir zunächst ein wenig zu hysterisch war. Szene und Musik sind zu Beginn für meinen Geschmack eben noch nicht hochdramatisch. Zudem kam sie dann teilweise trotz größter Anstrengung nicht über das Orchester hinweg. Sobald das Drama aber weiter an Fahrt aufnimmt (und das geht hier sehr schnell) ist Herlitzius in ihrem Element. Es wurde ein Ereignis sie in dieser Rolle und in dieser Inszenierung zu sehen. Neu für mich ebenfalls Sergey Poljakov, der mir ausgesprochen gut gefallen hat. Ein leichter und strahlend schlanker Tenor mit tollen Höhen auf dessen Karriere man gespannt sein kann. Ich kann zur orchestralen Leistung wie gesagt nicht viel sagen, da ich es nicht gut kenne, aber musikalisch hat es mir besser als unter Petrenko gefallen. Weniger sperrisch oder gar schrill und trotz der vorhandenen Härte etwas flüssiger. Es wirkte jedenfalls sehr stimmig mit der Inszenierung und die Zeit verging wie im Fluge. Das mag kein gutes Kriterium für Musik von Schostakovitsch sein, aber für einen guten Opernabend schon. Die Kenner können sich gerne noch profunder zu Wort melden. Insgesamt spannendes Theater wie ich es mag und welches auch eine Anreise ohne Parsifal gelohnt hätte.
    • Was macht Nina Stemme zwischen zwei Parsifal-Aufführungen? Sie geht in Lady Macbeth von Mzensk. Ich habe diese Produktion am Samstag zum vierten und leider letzten Mal erlebt. Es ist sehr schade, dass es nur noch die zwei Aufführungen im April geben wird. In dieser Inszenierung läuft nichts gegen die Musik. Es ist eine einzigartige Symbiose. Donald Runnicles hat mit dieser Oper eines seiner stärksten Dirigate am Haus abgeliefert. Evelyn Herlitzius ist eine der besten Darstellerinnen und hat sich mit Haut und Haar verzehrt. Unüberhörbar waren aber auch die Anstrengungen Töne zu erreichen. Das war stellenweise sogar erschreckend. Mir ist Sergey Poljakov ebenfalls sehr positiv aufgefallen. Er ist mit Rollen wie Manrico und Kalaf in Moskau und im Baltikum unterwegs. Wolfgang Bankl hat keine schöne Stimme. Er hat jedoch den Boris auf ideale Art und Weise verkörpert. Alle weiteren Rollen waren mit vielen guten Sängern aus dem Ensemble hervorragend besetzt. Wer kann, sollte unbedingt diese Produktion besuchen!
    • Die Vorstellung gestern war fantastisch, sie hat mir ehrlich gesagt noch besser gefallen wie 2015. Einen so ausgewogenen und nie hysterischen Schostakowitsch habe ich noch nie erleben dürfen. Runnicles schafft meiner Meinung nach hier eine wirkliche Referenzaufnahme. Wie er es schafft die Spannung von Anfang bis zum Schluss zu halten, dass Orchester so durchhörbar und transparent musizieren lässt, Wärme und Gefühl entstehen lässt und die Sängerinnen und Sänger auf Händen trägt, war schon toll. Sein Dirigat war klar strukturiert aber nie analytisch und die Zwischenspiele waren mitreißend und beängstigend (ich meine das positiv) zugleich.

      So jemanden wie Wolfgang Bankl als Boris möchte man sicher nicht in der Familie haben. So böse und schändlich wie er spielt und dazu auch noch singt, sehr bewegend. Thomas Blondelle als Sinowij viel mir kaum auf. Mehr angetan war ich dagegen von Sergey Polyakov (Sergej). Seine schauspielerische Leistung war nicht die beste, aber seine gesangliche umso mehr. Mühelos und ohne jede Anstrengung meistert er diese Partie und überzeugte durch eine wirklich tolle Höhe. Seine Stimme ist reich an Nuancen und transportiert alles, was man von dieser Rolle erwartet. Evelyn Herlitzius als Lady war wieder einmal ein Ereignis für mich. Ihr rückhaltloser Einsatz an die Rollengestaltung war herzergreifend. Dabei denke ich nicht nur an den 3. + 4. Akt, wo sie die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Katerina darstellerisch und gesanglich in Perfektion darstellte, sondern auch an den 1. + 2. Akt. Zugegeben, gesanglich begann sie etwas verhalten, passt aber für mich irgendwie zur Situation im ersten Akt. Spätestens nach der Sexszene ist sie aber voll da und ich habe sie selten so atemberaubend und ergreifend erlebt wie gestern. Ihre Stimme hat noch eine tolle Höhe und eine so ergreifende Tiefe, dass es einen durch Mark und Bein geht.

      Wirklich bedauerlich finde ich es, dass die DOB kommenden Freitag diese Inszenierung das letzte mal zeigt.
    • The Botanist schrieb:

      Ich war mit einem Freund letzte Woche in der "Lady". Er ist ein Opernnovize und ich hatte meine Befürchtung, dass er mit der Musik nicht klar kommen würde, zumal ich vermutet hatte, dass Runnicles dem Zuschauer keinen leichten Zugang bieten, sondern die Schroffheiten der Musik betonen würde. Ich war somit nicht unangenehm erfreut, aber mein Begleiter hatte ab dem ersten Takt die Faszination der Musik und Story erfasst. Sicherlich war die runde Inszenierung ein wichtiger Grund, die sich zwischen ironischen Kommentaren und handfester Unterstreichung der brutalen Handlung, die nicht ein einziges Opfer, sondern nur Täter kennt, behende bewegt. Stimmlich war das in meinen Ohren eher gutes Mittelmaß. Bankl zeigte einmal mehr, dass die Partie des Boris mit ihren gefährlichen Höhen sehr schwer zu singen ist und Herlitzius, die natürlich für die Darstellung gelobt werden muss, dass sie stimmlich inzwischen an sämtliche denkbaren Grenzen stößt. Da ist kaum noch ein Ton rund oder einfach nur schön zu nennen, es wird schrill und schepprig, laut und brüchig in den Tiefen. Es wäre für mich ein Alptraum, mir eine Elektra mit ihr vorzustellen. Sie hat allerdings auch nichts kaputt gemacht, wobei ich mich sehr über einen Tausch gegen Frau Westbroek gefreut hätte. In Summe empfehle ich jedem Fan den raschen Besuch, das wars nämlich und die Inszenierung verschwindet nach noch nicht einmal 10 Aufführungen in der Versenkung. Leider ein Trend in der DOB, den ich unsäglich finde.
    • Lieber Botanist, haben Sie die Produktion in München gesehen? Leider letztmalig im November letzten Jahres.
      Ich habe den Vergleich mit Herlitzius nicht, aber Anja Kampe war einfach großartig. Wobei ich gestehen muß, ich schätze Herlitzius nicht besonders (außer als Elektra), sie intoniert für mein Gehör sehr oft ziemlich schräg und wird leicht schrill. Z.B. als Ortrud im Dresdner "Lohengrin". Da waren sowohl sie als auch Konietzny als Telramund für mich das Wasser im Wein.

      Hier die BR-Kritik von München:

      br-klassik.de/aktuell/news-kri…cbeth-von-mzensk-100.html

      Und der MM über Anja Kampe:

      "Anja Kampe ist die rotglühende Sonne, um die diese Aufführung kreist. Eine sehr menschliche, tief empfindende Katerina, unerschrocken, selbstlos und mit viel Sopransubstanz gestaltet. Die Partie wird nicht ans Deklamieren verraten, sondern tatsächlich (und bis zur Entäußerung) gesungen."

      Und daß sie seben nie schrill wird, auch wenn es sehr expressiv zur Sache geht, fand ich besonders bemmerkenswert.
    • ira schrieb:

      Lieber Botanist, haben Sie die Produktion in München gesehen? Leider letztmalig im November letzten Jahres.
      Ich habe den Vergleich mit Herlitzius nicht, aber Anja Kampe war einfach großartig. Wobei ich gestehen muß, ich schätze Herlitzius nicht besonders (außer als Elektra), sie intoniert für mein Gehör sehr oft ziemlich schräg und wird leicht schrill. Z.B. als Ortrud im Dresdner "Lohengrin". Da waren sowohl sie als auch Konietzny als Telramund für mich das Wasser im Wein.

      Hier die BR-Kritik von München:

      br-klassik.de/aktuell/news-kri…cbeth-von-mzensk-100.html

      Und der MM über Anja Kampe:

      "Anja Kampe ist die rotglühende Sonne, um die diese Aufführung kreist. Eine sehr menschliche, tief empfindende Katerina, unerschrocken, selbstlos und mit viel Sopransubstanz gestaltet. Die Partie wird nicht ans Deklamieren verraten, sondern tatsächlich (und bis zur Entäußerung) gesungen."

      Und daß sie seben nie schrill wird, auch wenn es sehr expressiv zur Sache geht, fand ich besonders bemmerkenswert.
      Das Sie und andere die Herlitzius nicht sonderlich schätzen, weiß und akzeptiere ich natürlich. Ich habe mich auch an die Kritik über sie gewöhnt und kann mittlerweile über so etwas lachen, was @Waedliman schreibt. Ich folge der Herlitzius jetzt seit 20 Jahren und habe natürlich ihre stimmliche Entwicklung verfolgt. Ja, dass schrille hin und wieder höre ich auch, aber sie macht das nicht nur durch ihre schauspielerische Leistung weg, sondern auch durch tolle gesangliche Einsätze. Was war sie für eine tolle Brünnhilde und Kundry in Bayreuth oder ihre Färberin in Salzburg, Wien und Zürich, dass setzte Maßstäbe.

      Aber um wieder auf Ihre Frage zurück zu kommen. Ja, die Lady in München habe ich auch gesehen, 2x wenn ich mich recht entsinne. Von der Inszenierung war ich wenig begeistert, dafür um so mehr von Kampe. Wie sie an die Rolle ran ging und ihren Sopran einsetzte war schon imposant. Herlitzius und Kampe jetzt zu vergleichen macht für mich kein Sinn, da die eine die Rolle eher dramatisch und die andere eher lyrisch angeht. Beides gefällt mir ausgesprochen gut.
    • Danke, Botanist, für Ihre Antwort!

      Jetzt muß ich erstmal sagen, "bin ganz verwirrt" ;-), denn ich hatte, als ich vorhin geschrieben habe, den Beitrag von "Waedliman" gar nicht gelesen. Ich sah nur "The Botanist schrieb" und dachte, er hätte Sie einfach nochmal ins Zitat gesetzt. Was mich schon gewundert hat, aber ab und an ja mal vorkommt.
      Jetzt habe ich das nachgeholt und seinen Beitrag gelesen (er sollte schnell lernen, wie man richtig zitiert, sonst gibt es da Verwirrungen wie bei mir).
      Wie ist man "nicht unangenehm erfreut"?? (Zitat: "Ich war somit nicht unangenehm erfreut..."). Keine Ahnung, was er damit sagen will.
      Weiter Zitat Waedliman:
      "die nicht ein einziges Opfer, sondern nur Täter kennt".

      Das ist m.E. völlig falsch. Fast alle sind nicht nur Täter sondern irgendwie auch Opfer, nämlich der gesellschaftlichen Gegebenheiten und deren Zwänge. Allen voran Katerina.
      Und was er über Elektra schreibt: gerade als Elektra finde ich Herlitzius am besten. Und Westbroek mag ich mir in der Rolle nicht vorstellen. Sowohl als Elektra als auch als Lady Macbeth von Mzensk. Ich weiß nicht, ob sie eine der beiden Partien schon verkörpert hat, stelle mir aber vor, daß sie in beiden Fällen überfordert wäre.

      Und jetzt zu Ihren Anmerkungen:

      The Botanist schrieb:

      Beides gefällt mir ausgesprochen gut.
      Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Man kann die Rolle in beide Richtungen angehen. Und beides macht Sinn. Ob man jetzt als Zuschauer das eine dem anderen vorzieht, ist dann das objektive Rollenveständnis jedes einzelnen.

      Nachtrag: Unsere Münchner Produktion ist nach nur neun Aufführungen in der Versenkung verschwunden.
    • The Botanist schrieb:

      Westbroek hat die Lady auch mal gesungen (2006).
      Das war in Amsterdam und sie war alles andere als „überfordert“. Im Gegenteil: Ich habe das Werk mindestens 20x live erlebt, aber nie eine bessere Katerina Ismailowa gehört als sie damals. Es war überhaupt eine fantastische Besetzung damals: Neben Westbroek Christopher Ventris, Anatoli Kotcherga und das Concertgebouworchestra unter Mariss Jansons.