"Aus einem Totenhaus" , NP 2018

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    • "Aus einem Totenhaus" , NP 2018

      15.04.2018

      Puhhh... das war, um es mit jenem ukrainischen Boxer zu sagen, schwääääre Kost – musikalisch wie auch handlungsmäßig...
      Eines vorweg: ich kannte diese Oper bisher tatsächlich nicht; es gibt immer wieder Werke, die bisher einen großen Bogen um mich gemacht haben (sie werden schon wissen, warum...)
      Ich saß also hochgradig neugierig auf meinem Platz und fand die Ouvertüre überaus anhörbar – Janacek at his best eben. Damit war es dann aber bald vorbei, denn mit fortschreitender Handlung wurde die Musik immer fragmentarischer und extremer; der brutal-direkte Zugriff des Orchesters unter der Leitung von Tito Ceccherini unterstrich das noch. Von Harmonie keine Spur – aber wie denn auch bei diesem Sujet...

      Auf der Bühne war eine beeindruckende, auch in den kleinsten Rollen überzeugende Ensembleleistung zu sehen. Es gibt eigentlich keine durchgehende Handlung im klassischen Sinn. Man kann die Geschehnisse grob in drei Abschnitte unterteilen:
      > im ersten wird Alexandr Petrovič Gorjančikov (Gordon Bintner), den die Regie zu einem gemeinsam mit seiner Frau verhafteten politischen Journalisten macht, in das Gefangenenlager eingeliefert und gerät dort, nachdem man ihm quasi zur Begrüßung beide Hände mit einem Hammer zertrümmert hat, in die Fänge eines besonders sadistischen Mitgefangenen namens Luka Kuzmič, der offenbar auch der Lagerarzt ist und, während er den schwer misshandelten Gorjančikov verarztet, quasi nebenher erzählt, für welches Verbrechen (Mord, natürlich) er verurteilt wurde. Vincent Wolfsteiner spielte diesen Luka, der sich vom ersten Augenblick an hochgradig neurotisch und angsteinflößend gebärdet („Luka!“ - „Für dich immer noch Luka Kuzmič!“ - „Entschuldige... Luka Kuzmič!“ - „Nenn mich gefälligst Onkel!“) – und er tat das sehr überzeugend: hier passen nämlich die schneidend scharfe Stimme und die unsympathische Ausstrahlung perfekt.
      > im zweiten Teil berichtet der Ex-Soldat Skuratov (AJ Glueckert, eindringlich und stimmstark),wie er den Zwangsverlobten seiner heißgeliebten Luise ermordet hat – eine anrührende Szene, nach der die folgende Handlung (Gorjančikov, als Intellektueller weiterhin der wehrlose Außenseiter in dieser archaisch-rücksichtslosen Gemeinschaft wird in eine gläserne Zelle gesperrt, in der er weder etwas hören kann noch gehört wird; der Intellektuelle wird also seiner einzigen Waffe, nämlich der Sprache, beraubt) umso brutaler wirkt.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • > der dritte Teil konzentriert sich in jeder Hinsicht auf einen weiteren Gefangenen namens Šiškov – Johannes Martin Kränzle ist nämlich wieder da! In einer von den Mitgefangenen nachgestellten Gerichtsverhandlung schildert er noch einmal, wie und warum er seine Ehefrau ermordet hat – Mitleid stellt sich da weder bei den übrigen Häftlingen noch beim Publikum ein, obwohl bzw. weil diese Schilderung so überaus lebensecht und erschütternd ist. Eine großartige darstellerische und stimmliche Leistung, nach der sich die Frage nach der eigentlichen Hauptperson auch gar nicht mehr stellt...

      Diese drei Berichte werden umschlossen von kleineren und größeren Chorszenen, in denen das Elend und die soziale Verwahrlosung der Gefangenen sehr deutlich werden. Die einzige Lichtgestalt ist der Junge Aljeja, dem Karen Vuong Stimme und Statur verleiht und der sehr bald Vertrauen zu Gorjančikov fasst. Interessanterweise ist Aljeja die einzige Gorjančikov näherstehende Figur, von der man nicht erfährt, wie sie in das Lager gekommen ist.

      Die für mich unfassbarste Szene kommt aber zum Schluss, wenn der latent unter Alkohol stehende Kommandant des Lagers (Barnaby Rea) Gorjančikov bittet oder besser gesagt befiehlt, ihm die Misshandlungen zu verzeihen, bevor er ihm dann mitteilt, dass er freigelassen würde. („Die Mutter hat für dich gebeten!“ - was für ein unfassbar plattes und unspektakuläres Ende einer Leidenszeit, die dem Zuschauer vorkommt wie ein böser, irrer Traum.)
      Die Regie von David Hermann verbindet nun alle diese Einzelteile zu einer flüssigen, in sich weitestgehend schlüssigen Handlung, die sich innerhalb weniger Tage, vielleicht sogar Stunden, abzuspielen scheint und auf das Wunderbarste unterstützt wird von dem kongenialen Bühnenbild von Johannes Schütz: einige wenige bewegliche, halbtransparente Wände am Rande der großen Drehbühne deuten zwar die Räume an – aber in Wahrheit agieren alle handelnden Personen in einer schrecklichen Leere.

      Fazit: ein schrecklich-schöner Opernabend, der sobald nicht wieder loslässt.
      ... Wunder warten bis zuletzt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria () aus folgendem Grund: wer schreiben kann, ist klar im Vorteil...

    • susakit schrieb:

      Danke für den ausführlichen Bericht, das ersapart ja das Lesen im Opernführer.
      [ ... ]
      Gern geschehen! Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Handlung sehr viel kleinteiliger ist, als ich es geschildert habe. Weil aber zu vermuten steht, dass diese Miniszenen bei Castorf auch nicht unbedingt 1:1 umgesetzt werden, hilft ein Blick vorab in den Opernführer vielleicht doch (oder aufmerksames Mitlesen der Übertexte)...
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Kapellmeister Storch schrieb:

      Als ich die Oper zum ersten Mal erlebt habe, war das eine ganz schöne Qual. Dann kam die besagte Produktion unter Rattle. Ich war mehrfach drin, ganz packendes Musiktheater!
      Packend ohne Zweifel - aber eben auch mühsam, vor allem, wenn die Umsetzung so schonungslos realistisch wirkt. Das Auspeitschen durch das Zerschmettern der Hände zu ersetzen macht es auch nur bedingt besser...
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      susakit schrieb:

      Danke für den ausführlichen Bericht, das ersapart ja das Lesen im Opernführer.
      [ ... ]
      Weil aber zu vermuten steht, dass diese Miniszenen bei Castorf auch nicht unbedingt 1:1 umgesetzt werden, hilft ein Blick vorab in den Opernführer vielleicht doch (oder aufmerksames Mitlesen der Übertexte)...
      Da kann der Opernführer unter Umständen sogar stören. Wenn Castorf etwas über die postdramatische Wassermühle laufen lässt, dann bleibt im Nachhinein nicht mehr viel davon übrig.
      Garstig glatter
      glitschriger Glimmer!
      Wie gleit' ich aus!
      Mit Händen und Füßen
      nicht fasse noch halt' ich
      das schlecke Geschlüpfer!
      Feuchtes Naß
      füllt mir die Nase:
      verfluchtes Niesen!