Saison 2018/2019

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    • Gestern gab es eine beglückende Aufführung der Stuttgarter Serebrennikov-"Salome" zu erleben. Obwohl über die Inszenierung eigentlich schon alles gesagt und geschrieben wurde, überzeugte mich diese radikale Darstellungsweise auch beim dritten Besuch fast noch mehr als letztes Mal. Das Konzept der "new woman", den religiösen Fanatismus des Jochanaan, die Dekadenz der herrschenden Klasse - selten konnte man dies in prägnanten Bildern erleben. Besonders begeistert war ich vom Tanz der Salome, die hier eine Art Phantasiereise Herodes' darstellt.

      Roland Kluttig, der schon die Premiere dirigiert hatte, ließ es gewaltig aus gem Graben dröhnen, ohne dabei die Sänger zu überdecken. Und die waren allesamt gut bei Stimme, teilweise gar phänomenal und - jedenfalls im vergleich zur Radio und Livestream-Übertragung - ihren Münchner Kollegen überlegen. Wozu braucht man einen Pavol Breslik, wenn man Elmar Gilbertsson als kraftvollen Narraboth im Ensemble hat? Oder Matthias Klink, dessen Herodes gleichzeitig Waschlappen und Paranoiker ist, in der stimmlichen Gestaltung aber durchaus maskulin und ohne charaktertenorale Deklamation aufftritt? Maria Riccarda Wesseling besitzt nicht gerade den größten Mezzosopran, aber ihr gelingt es eine Frau zu porträtieren, die sich fast notgedrungen vor ihrem in Affären mit muskelbepackten Bodyguards flüchtet. Josef Wagners Bariton verengt sich in der Höhe etwas, aber in der Tiefe ("wie Riesen") spricht sie weit besser an als bei Wolfgang Koch. Sein Jochanaan besticht vor allem durch eine wirklich warme, samtene Mittellage, die die Faszination Salomes sofort verständlich macht. Über allem schwebt jedoch die Salome von Simone Schneider. Diese besitzt einen kraftvollen Sopran, ohne dass sie die Prinzessin von Judäa irgendwie grobschlächtig darbieten würde. Silberne, aber nie farblose Höhen ("weiß wie dein Leib"), prächtige Tiefen ("wie eine Gruft") und eine kraftvolle Mittellage sind beste Voraussetzungen, selbst meiner Lieblingssalome (Denoke) den Rang streitig zu machen.
    • Stuttgarter Lokalpatriotismus in allen Ehren, aber: ich habe mir vorige Woche nach 3 münchner Salomes die Stuttgarter Version angeschaut und angehört. Sie ist gewiss ganz gut, das Regiekonzept bis auf die mir peinliche Ermordung des palästinensischen Joachanaans durch eine ja doch wohl jüdische Gesellschaft mäßig innovativ, von der Gedanken(über)fülle Warlikovskis weit entfernt ( siehe insbesondere die Schlussszene mit dem Pappmachekopf). Das Orchester hat die Sänger immer wieder zugedeckt, obwohl sich Simone Schneider gegen Ende enorm gesteigert hat. Vom filigranen Dirigat Petrenkos war ich nach dieser sehr pauschalen Stuttgarter Salome noch mehr begeistert als zuvor. Da lagen Welten dazwischen. Mir sind die unterschiedlichen Bedingungen für die beiden Produktionen wohl bewusst. Aber es hat seinen Grund, dass München ausverkauft und Stuttgart trotz zahlreicher Personalkarten nur mäßig besucht war.
    • tomdirigent schrieb:

      Stuttgarter Lokalpatriotismus in allen Ehren
      Als Badener müsste ich allein dafür Satisfaktion verlangen.

      Aber im Ernst:
      - Mir ist eine klare Linie bei einer Inszenierung weitaus lieber als ein Regiebüffet ("such dir was aus"), auch wenn es mal etwas hakt. (Und da gebe ich Ihnen recht: Narraboths Tod ist nicht wirklich plausibel. Die Dichotomie Israelis/Palästinenser konnte ich nicht erkennen, nur die eines dekadenten Westens/radikaler Islam)
      - Wie selbst sagen: die Bedingungen sind zu unterschiedlich - eine Festspiel-Premierenserie mit vier Aufführungen im weltweit besten Opernhaus und großen Namen zieht natürlich weitaus mehr als die dritte Aufführung der dritten Serie vier Jahre nach der Premiere (damals waren Karten auch in Stuttgart begehrt)
      - Ich habe, wie ja gesagt, Petrenko nicht live gehört, aber pauschal fand ich Kluttigs Dirigat bei weitem nicht.
      - Simone Schneiders Tagesleistung schwankt spürbar, das habe ich selbst schon in dieser Produktion erlebt. Gestern war sie jedenfalls grandios - lange Bögen, tolle Höhe und viel Kraft, jedenfalls im Parkett Mitte.
      - Ich finde es einfach schön, dass ein Opernhaus nicht jeden Juden einkaufen muss und sogar für viele Hauptrollen aus dem eigenen Ensemble zurückgreifen kann.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()