Salome

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    • Die Thematik des Kindesmissbrauchs wird von vielen Regisseuren ja gerne aufgegriffen, wenn es um die Inszenierung einer neuen Salome geht. Auch Mariame Clément zeigt Prinzessin Salome auf bedrückende Weise als Missbrauchs-Opfer ihres Vaters. Zu Videoeinspielungen in Opernaufführungen habe ich immer ein eher zwiespältiges Verhältnis; die vor Beginn angedeuteten Sequenzen, in denen Salome an ihrem 6. Geburtstag und später auch an ihrem 18. Geburtstag ein Paket mit einem Kleidchen von ihrem Vater als Geschenk überreicht bekommt, ist jedoch ein recht gelungenes „Opening“ für die Erzählung der Geschichte. Dutzende dieser Kartons finden sich hinterher im Bühnenbild bei der Darstellung von Salomes Mädchen-Zimmer wieder. Die Figur ihres Vaters Herodes (Rainer Maria Röhr) wird dabei schon recht derb als dekadenter, pädophiler Lüstling dargestellt, der zum schäbigen Höhepunkt mitten in der festlichen Gesellschaft mit seiner Tochter unter dem Tisch verschwindet… Gewöhnungsbedürftig, aber wenn ich ehrlich sein soll, eingebettet in die Erzählung der Interpretation von Mariame Clément schlüssig und spannend umgesetzt. Insgesamt eine Inszenierung, die man nicht lieben, die man aber getrost als ernsthaftes, handwerklich gut gemachtes Regie-Theater anerkennen muss. Die Erzählung wird zu keinem Zeitpunkt langweilig und über die doch sehr starken Diskrepanzen zwischen gesungenem Wort und dem Bild auf der Bühne kann man doch ob des hochgehaltenen Spannungsbogens großzügig hinwegsehen.
      Musikalisch genügt der Abend sicherlich auch höheren Ansprüchen. Die Rollen sind mitunter glänzend besetzt und die Niederländerin Annemarie Kremer ist hier in einer ihrer Paraderollen zu sehen (zuletzt auch als Salome in Hannover oder als Heliane in der konzertanten Version in der Wiener Volksoper). Ich hatte sie seit ihrer Tosca in Dortmund in hervorragender Erinnerung und war auch jetzt in Essen durchaus angetan von ihren stimmlichen Fähigkeiten, wenngleich ich sie als kraftvoller und noch intensiver „abgespeichert“ hatte. Nichts desto trotz eine unglaublich beeindruckende Vorstellung; insbesondere ihr mimisch und darstellerisch ungeheuer verstörendes Spiel. Textverständlich und mit markanter Stimme wusste Carlos Cardoso in der Rolle des Narraboth zu überzeugen. Mir gefiel auch Almas Svilpa als Jochanaan, wenngleich viele Kritiken hier etwas anderes sagen. Ovationen gab es für die Essener Philharmoniker unter Tomas Netopil, die einen Klangteppich von solch betörender Intensität zu weben verstanden, dass man manchmal quasi in seinen Sitz gedrückt wurde. Eine große Kunst, dass dabei dennoch nahezu zu keinem Zeitpunkt die Stimmen zugedeckt wurden. In meinen Augen eine herausragende musikalische Leistung.
      Ich war nach vielen Jahren einmal wieder in Essen zu Gast und war insgesamt von der Qualität des Dargebotenen mehr als angetan. Überraschenderweise war das Haus auch an einem frühen Sonntag-Abend zu gut 90% gefüllt. Ich werde die Aalto Oper in Essen jedenfalls im Auge behalten und werde den ein oder anderen Besuch dort künftig einplanen.