"Billy Budd", WA 2018

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    • "Billy Budd", WA 2018

      Es gibt aus englischer Sicht sooo viele gute Gründe, die Franzosen nicht zu mögen:
      • sie haben ihren König umgebracht (was in England natürlich noch nie vorgekommen ist...)
      • sie haben so merkwürdige politische Ansichten
      • und dann diese Sprache...
      • und überhaupt das ganze französische Getue!
      Das ist die Sicht der Herren Flint und Redburn, und ihr feingeistiger Kapitän stimmt ihnen, wenn auch mit gewählteren Worten, durchaus zu.
      Dieser Kapitän Edward Fairfax Vere ist eine reichlich ambivalente Persönlichkeit und wird derzeit von Michael McCown verkörpert. Man kann vermutlich sehr darüber streiten, ob Vere bei der Verhängung des Todesurteils tatsächlich nur so und nicht anders handeln konnte (von wegen Kriegsrecht, Aufrechterhaltung der Mannschaftsdisziplin etc.), aber Michael McCown gibt mit seiner Interpretation eine ziemlich klare Antwort: der Mann ist zur Führung eines Kriegsschiffes nur bedingt geeignet, denn in seiner Versponnenheit bemerkt er nicht (oder will es nicht merken), dass auf seinem Schiff durchaus die Zustände herrschen, die kurz zuvor zu zwei Großmeutereien geführt haben; warum seine Mannschaft ihn dennoch vergöttert, bleibt etwas unklar: entweder ist er ein absolutes militärisches Genie, oder sie bewundern ihn um seines offensichtlichen Andersseins willen (wobei das Wort 'Starry' in dem Spitznamen 'Starry Vere' ja sowohl 'sternglänzend' als auch 'weltfremd' oder 'verträumt' bedeuten kann – vielleicht durchschauen sie ihn ja doch ganz gut...). Michael McCowns Kapitän ist jedenfalls ein zutiefst verunsicherter Mann – so verunsichert, dass es tatsächlich unsympathisch wirkt – und bringt die einzelnen Stadien seines Autoritätsverfalls mit fein nuancierter, sicher (sic!) geführter Stimme zu Gehör.
      Unter diesen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, dass er sich zu einem jungen Mann hingezogen fühlt, der in jeder Hinsicht das absolute Gegenteil seiner selbst ist: niemandem ist das Hadern mit sich selbst und den äußeren Umständen ferner als dem eben erst per Zwangsrekrutierung an Bord gekommenen Billy Budd, der mit nie versiegender Fröhlichkeit, Hilfsbereitschaft und seemännischem Können (fast) alle Herzen für sich gewinnt. Björn Bürger tritt mit dieser Rolle in ziemlich große Fußstapfen seiner Rollenvorgänger, meistert die Herausforderung aber bestens. Wir erleben ihn als einen sehr jungen, bei allem Selbstbewusstsein sich nach Anerkennung und Zuneigung sehnenden Menschen, dessen naives Zutrauen fast wehtut. Aussehen und singen tut er gleichermaßen gut, und die Szene, in der er in der Nacht vor der Hinrichtung mit dem Leben abschließt, ist überaus anrührend.
      In diese fürchterliche Lage ist er bekanntlich geraten, weil er in seelischer Notwehr den fiesen Schiffsprofos John Claggart erschlagen hat – den Mann, der sich vorgenommen hat, „Schönheit, Attraktivität [man beachte die Unterscheidung!] und Güte“, die er in Billy verkörpert sieht, zu vernichten, weil ihr Vorhandensein sich nicht mit Claggarts düsterem Weltbild verträgt. Jago lässt grüßen.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Als alle anderen Intrigen fehlschlagen, beschuldigt er ihn bei Vere der Anstiftung zur Meuterei, und Billy, der in Stresssituationen furchtbar zu stottern beginnt, tötet ihn mit einem einzigen Fausthieb, den er wahrscheinlich sogar ohne Tötungsabsicht in hilfloser Verwirrung ausgeführt hat. Thomas Faulkner verleiht diesem abgrundtief Bösen auf eindrucksvolle Weise Stimme und Gestalt (und ab und zu einen Blick aus der Abteilung wahnsinnig gewordenes Eichhörnchen *g*).
      Bis es soweit kommt, baut sich allmählich eine in sparsamen Andeutungen erkennbare Spannung in dem Dreieck Vere – Billy – Claggart auf, die dem hier gar nicht mal so alten Matrosen Dansker (Alfred Reiter mit sonorem Bass und väterlich-freundschaftlicher Attitüde), durch langjährige Erfahrung zynisch geworden, Sorgen macht. Seine eindringlichen Warnungen scheitern aber an Billys ungebrochenem Vertrauen in die Freundlichkeit, die Claggart ihm gegenüber an den Tag legt.
      Während also Dansker (die übrige Mannschaft sowieso) Claggart als das erkennen, was er ist, gilt er den Offizieren Mr Redburn (Simon Bailey) und Mr Flint (Magnús Baldvinsson) als fähiger Mitarbeiter, der seinen Laden gut im Griff hat und das allgegenwärtige Gespenst einer neuen Meuterei fernhält. Ihre mit sonoren Stimmen vorgetragene anti-französische Tirade ist amüsant, zeigt aber deutlich, aus welch befremdlichen Beweggründen Menschen in dem Krieg ziehen.
      Neben den bisher Genannten liefern auch alle anderen beteiligten Solisten fein ziselierte Charakterstudien – allen voran der Neuling (Michael Porter), der, durch Prügel und Drohung gefügig gemacht, von Claggart auf Billy angesetzt wird, und Hans-Jürgen Lazar als Red Whiskers, der sich vom beständig Protest anmeldenden Zwangsrekruten zum begeisterten Seemann entwickelt.
      Sicher geleitet wurden sie alle von Erik Nielsen, der dem Orchester zuweilen geradezu luzide Töne entlockte.
      Auch der Herren-Chor, verstärkt durch E-Chor und sehr exakt singendem Kinderchor, überzeugte auf ganzer Linie - nicht nur stimmlich, sondern auch durch allerlei körperliche Aktion. Da wird nämlich einiges verlangt: ein Wettbewerb im Tauziehen, Übungen an der Kletterwand, das Vorbereiten von Geschützen für die Schlacht...
      Äähm, wieso eigentlich Kletterwand? – Ach ja, genau: dem Regisseur Richard Jones hat es gefallen, die Handlung von einem Kriegsschiff anno 1797 in eine Art Marineschule des 20. Jahrhunderts zu verlegen (das Bild in Veres Kabine scheint Georg VI darzustellen). Das funktioniert eine ganze Weile erstaunlich gut – auch wenn die Feinheiten des britischen Internatslebens sich dem nicht-britischen Zuschauer vermutlich nicht komplett erschließen; einen kleineren logischen Bruch gibt es dann, wenn die Vorbereitungen zur Schlacht in einen schulinternen Wettkampf im Bereitstellen von Kanonen umgedeutet werden. Damit lässt sich aber noch ganz gut klarkommen; aber Hinrichtungen durch Erhängen sind im britischen Schulsystem nicht unbedingt an der Tagesordnung (hoffe ich jedenfalls...)
      Der Abend in einem nicht wirklich gut verkauften Haus endete mit jeder Menge heftigem Beifall, den die rigide frankfurter Applausordnung freilich wie immer sehr kurz hielt.
      Trotz des relativ langen Abends wanderte ich durch die im Ausnahmezustand befindliche Innenstadt heimwärts.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Liebe Asteria,
      bedanke mich auch ganz herzlich für Ihren Bericht, denn der hat mich wieder voll in unsere Münchner Inszenierung katapultiert. Der trauere ich wirklich am Allermeisten nach, denn kaum eine Oper hat mich so mitgenommen wie diese. Bekam zur GP eine Karte Balkon 1.Reihe geschenkt und da war es fast so, als sänge Billy Budd (Nathan Gunn) sein Abschiedslied nur für mich. Den Zuschauern rings um mich herum erging es nicht anders. Dass alle schluchzen, habe ich vorher und nachher nie mehr erlebt. Die Inszenierung war genial, Kent Nagano sowieso und eine fantastische Besetzung (Daszak, Tomlinson usw.) Entschuldigung, dass ich jetzt nach München abgetriftet bin, aber Ihr guter Bericht hat das alles wieder hervor geholt und deshalb kann ich mir so gut vorstellen, dass Sie auf dem Heimweg evtl. auch ein wenig im Ausnahmezustand waren und nicht nur die Innenstadt von Frankfurt ;-))
    • Liebe Inga,
      John Daszak habe ich auch als Vere erlebt - ich glaube, sogar schon vor 30 Jahren, und John Tomlinson ist (war?) ein wunderbarer Sänger... lch kann verstehen, dass Sie noch immer begeistert sind. Manche Opernerlebnisse wirken lange nach; so gesehen haben Sie mit dem 'Ausnahmezustand' gar nicht mal so Unrecht.
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    • Auch die Kritiken sind gut.

      "Muss man sehen":
      fnp.de/nachrichten/kultur/Dies…-man-sehen;art679,2996438

      Mit großem Lob für die Neubesetzungen:
      deropernfreund.de/frankfurt-wa.html


      Etwas nörgelig, aber insgesamt positiv:
      onlinemerker.com/frankfurt-oper-billy-budd/

      Erstaunlich ist, dass gleich in zwei Kritiken Michael McCown mit Peter Pears verglichen wird. War der wirklich so gut? Dann hätte Loebe in jahrelang unter Wert verkauft.

      Ich bin jedenfalls gespannt auf die Aufführung am nächsten Samstag.