Requiem für Syrien -Eine Uraufführung

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    • Requiem für Syrien -Eine Uraufführung

      Für den 3. Juni hatten die Dresdner Musikfestspiele 2018 eine weitere Welt-Uraufführung vorbereitet.

      Das „Requiem für Syrien“ von George Alexander Albrecht sollte erklingen.

      Aber vorher spielte die Dresdner Philharmonie mit dem Dirigat Michael Sanderlings das Adagio aus Gustav Mahlers unvollendeter Sinfonie Nr.10.

      Mahler hat im Juli 1910, also im Jahr vor seinem Tode, während seines Sommerurlaubs im Dolomiten-Urlaubsort Toblach an dieser Sinfonie in fünf Sätzen gearbeitet, hat aber nur den Entwurf des ersten Satzes (Adagio) soweit instrumentiert, dass er als Komposition Mahlers auch aufgeführt werden kann.

      Der „Noch-Chefdirigent“ der Dresdner Philharmonie aus der Musiker-Dynastie, sein Vater, der von uns überaus geschätzte Kurt Sanderling, sowie seine Brüder Thomas und Stefan waren bzw. sind ebenfalls geschätzte Orchesterleiter, bewegte die Zuhörer mit Mahlers bis an die Grenzen des Erträglichen gehenden Klangsprache.

      Die Musiker nutzten jedes Klangbild, jede Emotion um Mahlers Zerrissenheit und seine Todesahnungen zu gestalten, damit aber auch, die Konzertbesucher auf das Folgewerk einzustimmen.


      Kontakte zu einem syrischen Kloster, das seine Aufgabe in der Versöhnung des Christentums mit dem Islam sieht, haben George Alexander Albrecht, Jahrgang 1935, zur Gedichtsammlung „Innenansichten aus Syrien“ geführt.

      Die ausgewählten Texte der Lyriker Nazmi Bakr, Monzer Masri, des Rappers SAID und die begleitende Musik schildern schonungslos den Terror, das Kriegsgeschehen und Vorahnungen des Sterbens.

      Ein von der Sopranistin Susanne Bernhard berührend vorgetragenes Gebet und eine Liebeserklärung der hervorragenden Mezzosopranistin Bettina Ranch soll gleichsam retardierend die Situation erträglicher gestalten.

      Aber bereits im Folgenden beschwört der Bariton Thomas Stimmel die Totenklage der Mutter eines Kämpfers.

      Von der syrisch-orthodoxen Liturgie abgeleitete Gesänge bemühten sich um einen Kontrast. Der Tenor Daniel Behle erklärt erregt seine Liebe an das Land Syrien und seine Menschen.

      Umgeben von Vernichtung, Todesangstflehen die Solisten und der Chor „Lasse dein Volk leben“.

      Aber die Brutalität des Geschehens überwältigt jedes menschliche Flehen und lässt die Musik ins bodenlose abstürzen.

      Nach einer qualvollen Pause zitiert eine Sprecherin die Koran-Sure 2, Vers 115:

      Allahs ist der Osten und der Westen. Wohin ihr also euch wendet, dort ist Allahs Angesicht.

      Wahrlich, Allah ist freigebig, allwissend.

      Die Solisten übernehmen den Text in arabischer Sprache, während der Chor Goethes „west-östlicher Divan-Deutung:

      „Gottes ist der Orient-Gottes ist der Okzident-nord- und südliches Gelände, ruht im Frieden seiner Hände“übernimmt.

      Mit den Worten: Salam-Frieden entließ uns der Komponist in versöhnlicher Stimmung.

      In George Alexander Albrechts Musik findet sich eine Vielfalt von Perspektiven, die sich zur Einheit einer Aussage zusammen finden.

      Harsche Dissonanzen, unmusikalische Klänge, Marschrhythmen finden sich neben Dur- und Moll-Akkorden und expressiver Melodik.

      Die Gegenüberstellung von gesprochenen und gesungenen Texten trug unbedingt zur Wirkung der Aufführung bei. Der Einsatz des Oud-(Knickhalslauten)-Spielers Alaa Zouiten erinnerte uns, dass wir uns im Orient befanden.

      Die auf Deutsch gesungenen und gesprochenen Texte wurden von der Sprecherin Lara Arabi auf Arabisch wiederholt.

      Der von Iris Geißler und Gunter Berger hervorragend auf seine schwierige Aufgabe vorbereitete Philharmonische Chor Dresden war eine wichtige Stütze des dramatischen Geschehens.

      Neben Daniel Behle, Susanne Bernhard und Thomas Stimmel bestritt die Altistin Bettina Ranch die Gesangspartien.

      Michael Sanderling hielt die Spannung der Darbietung trotz der vergleichsweise langen und wenig expressiv deklamierten arabischen Texte.

      Das Publikum war im Verhältnis der sonstigen Philharmonie Konzerte recht gemischt. Neben der üblichen Klientel des Orchesters waren recht viel jüngere Hörer im häufig doch abweichenden Outfit im Saal. Vor uns rekelte sich ein junges Paar mit nackten Füssen und ohne überflüssige Kleidungsstücke auf ihren Sitzen.

      Leider waren doch einige Plätze frei geblieben, die lt. Internet-Saalplan am Vortag noch als verkauft galten.

      Der Schluss-Beifall fiel dann doch recht differenziert aus. Höfliche Ovationen in Teilen des Mittelparketts und stehend dargebrachter Jubel für den Komponisten und die Agierenden im überwiegenden Auditorium.

      Der doch nicht mehr jugendfrische George Alexander Albrecht hatte sich unter das Parkett-Publikum gesetzt und brauchte doch einige Zeit, den Erfolg zu realisieren und sich für die Umsetzung seiner Arbeit zu bedanken.

      Nun bleibt zu hoffen, dass der Komponist seine wichtige Komposition auch einmal in seinem erweiterten Familienkreis vorstellen kann.