Lulu Leipzig 2018

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    • Lulu Leipzig 2018

      Vor zu großen Teilen sichtlich überfordertem, unruhigem Publikum hatte am Samstag Alban Bergs "Lulu" in Leipzig Premiere. Nur drei Vorstellungen hat man dafür angesetzt (Wiederaufnahme nicht geplant). Nicht auszudenken, was das kostet.
      Lotte de Beer hat das handwerklich solide und brav am Text entlang inszeniert, im historischen Ambiente mit Projektionen in Stummfilmästhetik, die alle Schauplätze und vereinzelt auch Zwischentitel auf eine handvoll Leinwände wirft. Es scheint einem so, als hätte da jemand gesagt "die Musik ist schon so modern, mach da bitte nicht noch eine moderne Inszenierung". Aber gut, man kann das alles ansehen und bekommt die Geschichte klar erzählt. (Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Modern ist die 80 Jahre alte Musik selbstverständlich nicht mehr).
      Star des Abends ist das Gewandhausorchester, das ich lange nicht so großartig gehört habe. Stets alert, klar in der Artikulation und Struktur, dabei mit weitem Bogen und großem Sog. Laut aufbrausend, aber niemals die Sänger bedrängend. Das ist klangästhetisch mehr im 19. Jahrhundert verankert, als analytisch den Blick des 20. Jahrhunderts zu wagen. Wo andere Brüche und Eklektizismus hervorkehren, glättet, bindet, ebnet Ulf Schirmer. Ja läßt es nicht selten nach Spätromantik klingen. (auch hier: dem Publikum ja nicht zuviel zumuten). Das kann man natürlich so machen. Vor allem wenn das Orchester in dieser Qualtität spielt, ein paar effektvolle Lautstärkekontraste inklusive. Deutlicher in der Avantgarde der Entstehungszeit verankert hat man das Ganze freilich schon gehört.
      Die bemerkenswert tetxverständliche Sängerschar war ordentlich bis leicht überfordert. Rebecca Nelsen in der Titelrolle schlägt sich wacker, hat mit ihrer etwas leichtgewichtigen Stimme gelegentliche Probleme in der Extremhöhe, bringt aber zugleich Präsenz und Selbstsicherheit mit auf die Bühne. Doch trotz aller Attrraktivität vermisst man bei ihr stimmlich die Spielarten zwischen verführerischer Erotik und berechnender Kälte. Sinnlich klingt ihr Sopran selten. Simon Neal singt den Dr. Schön mit kräftigem, immer wieder lyrisch gefärbtem Bariton. Aspekte einer Abhängigkeit von Lulu bleibt der Rollendebutant (noch?) etwas schuldig. So fehlt vor allem der Schlussszene des 2. Akts die Fallhöhe. Patrick Vogels Maler ist eine vokal kraftvolle Überraschung mit sicherer Höhe. Yves Saelens ist ein insgesamt zuverlässiger Alwa, der aber erstaunlich unauffällig bleibt. Bei Martin Blasius' Schigolch ist dann doch etwas zu viel Luft in den Tönen, zuwenig Kontur im Charakter. Leipzigs Publikumsliebling Kathrin Göring als Geschwitz kann leider so gar keine Aura entfalten; wie man die Finalszene derart nebensächlich gestalten kann bleibt (mir) ein Rätsel. Aus dem Rest ist der stimmlich wie darstellerisch quicklebendige Gymnasiast von Wallis Giunta hervorzuheben. Der Rest des Ensembles war wie so oft v.a. Opfer der kompositorisch-qualitativ durchhängenden Cerha-Ergänzungen des Paris-Bildes im 3. Akt (kann man denn da nicht nochmal jemand im Sinne Bergs ran lassen?)
      Insgesamt war der Gesamteindruck besser, als sich das hier im Detail lesen mag. Das teils weggenickte Leipziger Publikum folgte dem von der Applausordnung geschickt in die Länge gezogenem Schlussapplaus pflichtdienlichst.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Gundryggia ()