Parsifal München

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    • karomedica schrieb:

      Sehr interessantes Interview mit dem Regisseur Pierre Audi:

      staatsoper.de/media/content/PD…/MJ2018_04_PierreAudi.pdf
      'Werd nicht draus klug und hab' doch dran studiert genug!'

      Ehrlich gesagt, fand ich manches in dem Interview doch ein wenig kryptisch. ;)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Ich bezog mich eigentlich nur auf das Interview, nicht auf den Parsifal an sich.

      Sehe gerade, dass das Interview aus dem niederländischen übersetzt wurde. Vielleicht ging durch die Übersetzung einiges verloren, was zur Unklarheit der ein oder anderen Stelle beigetragen haben mag.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • maestro schrieb:

      wer den Parsifal entschlüsselt hat, darf sich gerne bei mir melden;-)
      Kommt drauf an, was »entschlüsselt« heißt. Wenn das die Auffindung der einzig richtigen und für alle Zeiten gültigen Deutung ist, also dessen, was der Komponist gemeint hat, müssen Sie sich an die Verfechter der Werktreue und Vertreter des wahren Komponistenwillens halten. Da findet sich bestimmt einer, der es genau weiß.
      Wenn es um eine in sich schlüssige Deutung der Vorgänge geht, und zwar um eine unter vielen möglichen, könnte ich erbötig sein. Das können übrigens viele, die das Stück einfach vorurteilslos und gründlich als das zur Kenntnis nehmen, was es ist: ein Theaterstück – und zwar ein mit riesigem Theaterverstand und -instinkt genial gebautes –, und sich nicht durch das Brimborium, das darum veranstaltet wird, einschüchtern lassen. Dann ist es bei weitem nicht so schwer, wie gern behauptet wird.
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich

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    • Nein, meine Gutste, wir duzen uns nicht. Das fehlte noch.

      Was die Indizien betrifft: Die gibt es. Nur weiß jeder, der sich wirklich mit ihnen beschäftigt hat, dass sich aus ihnen nie ein eindeutiges Bild der Absichten des Autors gewinnen lässt. Ganz abgesehen davon ist auch gar nicht klar, warum das so wichtig sein soll. Denn selbst wenn wir lückenlos wüssten, was beabsichtigt war, stünde die Aufgabe, zu ermitteln, was seinerzeit realisiert worden ist, noch vor uns. Denn bekanntlich besteht zwischen der Intention, die eine Handlung motiviert und der Handlung, die dann herauskommt, immer eine Differenz, die um so größer ist, je komplexer die Aufgabe ist. (Heiner Müller fasste das aus eigener Erfahrung in den Satz »der Text ist immer klüger als sein Autor.« Womit sich schon mal die Frage erhebt, warum wir beim Autor stehenbleiben sollen, wenn wir zum Text fortschreiten können.) Und selbst wenn wir zweifelsfrei ermitteln könnten, was das Werk war, als es fertiggestellt wurde, stünde immer noch die Aufgabe vor uns, zu ermitteln, was es heute ist. Denn Kunstwerke sind ebenso wenig unveränderlich und von Zeit und Ort unabhängig, konstant, wie alle anderen Dinge und Phänomene dieser Welt (und auch aller anderen, existenten, denkbaren, undenkbaren, erdachten, möglichen, unmöglichen usw.).

      Kurz und gut: Ich werde nicht wagen, zu bezweifeln, dass Ihnen das nötige Geheimwissen zur Verfügung steht, um mit unumstößlicher Sicherheit sagen zu können, was Wagner beabsichtigt hat. Das hilft aber nicht weiter.

      Nebenbei: Was man wirklich sicher sagen kann, weil es dafür unbestreitbare Beweise gibt, ist, dass Wagner selbst in seinem letzten Werk eindeutig rassistische Züge gesehen hat, die in seinem Verständnis großes Gewicht hatten. Das kann man den Texten entnehmen, die im Umkreis der Komposition entstanden und als das Verständnis erleichternde Kommentare gemeint sind. Finden Sie es wirklich wichtig, dass man das Werk in diesem Sinne spielt, weil es der Komponist so gemeint hat?
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich

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    • Keilriemen schrieb:

      Otto Schenk, Zeffirelli, McVicar
      Da haben Sie die richtigen Hübschmacher erwischt! Tiefere Bedeutung habe ich bei Produktionen dieser Regisseure nicht oder nur in homöopatischen Dosierungen erlebt.
      Sehr einfaches Beispiel Andrea Chenier in Wien von Schenk und in London von McVickar: hübsch historisierend bebilderte Musik........ Von tieferer Bedeutung oder gar Revolution nichts zu bemerken.
    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      Woher kommt eigentlich diese (wie ich finde: bescheuerte) Annahme, ein Bühnenstück müsste "entschlüsselt" werden, als handle es sich um einen Geheimcode oder eine Geheimsprache?
      Weil "Ich habe den 'Parsifal' entschlüsselt" nun mal besser klingt als "schräge, im Grunde eh nicht inszenierbare Story, aber saugeile Musik..."
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • vielleicht habe ich mich mißverständlich ausgedrückt. Es ging mir eher darum, welchen inhaltlichen Zugang ich als Zuschauer ganz persönlich zu dem Stück finde und was das Stück mir inhaltlich sagt (also meine ganz persönliche Meta-Ebene). Schräge Story, tolle Musik, das ist mir etwas zu wenig wenn ich einen Opernabend besuche. Hinsichtlich der meisten Standardwerke der Opernliteratur bin ich da mittlerweile recht weit, für den Parsifal will mir das aber immer noch nicht wirklich gelingen. Klar, es gab natürlich Produktionen, die mein Bild vom Parsifal sehr geprägt haben. Das sind insbesondere die Produktionen, dich sich mit dem Mutterbild von Parsifal auseinandergesetzt und ausgehend hiervon auch die Geschlechterrollen im Parsifal etwas auseinanergedröselt haben (im Besonderen natürlich die Konwitschny-Produktion in München, aber auch auf einer anderen Ebene Tcherniakov in Berlin oder wieder auf einer ganz anderen Ebene Girard an der Met). Das sind im Übrigen auch die Produktionen, die sich einer großen Erlösung verweigern (musikalisch m.E. zu recht). Meine Suche nach dem Sinn des Grals geht aber nächste Woche in eine neue Runde und ich befürchte, sie wird auch in zwanzig Jahren noch nicht abgeschlossen sein.
    • Die Frage war schon klar. Und das Problem ist ja bekannt. Meine Meinung dazu ist, wie ich schon schrieb: Die Sache ist nicht halb so kompliziert, wie sie gewöhnlich gemacht wird. Man muss das Stück nur gründlich lesen. (Nicht nur den Text natürlich, sondern das Stück.) Es ist auch darum ein gutes Theaterstück, weil es keine Geheimnisse zurückhält, sondern alles im Verlauf einer relativ einfachen Fabel erzählt und dargestellt wird. Man darf nur nicht den Fehler machen, an jeder Ecke zu fragen, was das »bedeutet«, also auf welchen außerhalb der Fabel liegenden Punkt das, was gerade geschehen ist, hindeutet. Das macht man ja sonst auch nicht. Wenn man ein Buch liest, einen Film ansieht; oder auch »La Traviata« oder »Giulio Cesare« anschaut, verfolgt man die Geschichte und lenkt sich nicht ständig durch den Gedanken, dass da mehr dahinterstecken müsste, als man sieht, vom Gegenstand ab. Natürlich muss man sich darauf einlassen. Wenn man die Grundverabredungen nicht akzeptiert bzw. zum Gegenstand der Auseinandersetzung macht, wird man nicht weit kommen. Wenn ich »Così fan tutte« sehe, muss ich hinnehmen, dass die Frauen ihre Verlobten nicht wiedererkennen, weil die sich einen Schnurrbart angeklebt haben. Wenn ich mich an diesem Punkt festhake, werde ich nie zu dem kommen, was mit das Stück bieten kann. Wenn ich »Parsifal« sehe, muss ich die Voraussetzungen der Handlung einfach mal akzeptieren und zusehen, was daraus wird. Übrigens werden diese Voraussetzungen ja allesamt ausreichend deutlich geklärt: Sie werden benannt und begründet. Da gibt es gar kein Geheimnis. Die Geheimnisse werden zum größten Teil hineingeheimnist, während, die, die wirklich vorhanden sind, oft nicht einmal bemerkt werden.

      Man schließt zum Beispiel aus einem Wortwechsel zwischen Parsifal und Gurnemanz, dass man nicht wissen könne, was der Gral sei, so dass man dort ein perfektes Geheimnis hat, über das man in der Pause bei Sekt und Lachshäppchen trefflich plaudern kann. Man liest das immer wieder, auch in sich seriös gebenden Texten zum Thema. Und schon fühlt man sich eingeschüchtert vor so viel Geheimnis und Unbegreiflichem, an das man ja gar nicht heranreicht. Das Problem ist hier (wie an vielen anderen Stellen): Das stimmt gar nicht. Es wird sehr deutlich und unmissverständlich gesagt, was der Gral ist, außerdem bekommt man ihn ja zu sehen. Da ist überhaupt kein Geheimnis, und es wird auch gar nicht gesagt, dass man nicht wissen oder sagen könne, was der Gral ist. Ein Blick auf die entsprechende Textstelle macht das deutlich, wenn man sich von dem schwülstigen Geraune um dieses Stück nicht in die Irre führen lässt und seinem ganz normalen Sprachverständnis vertraut. Auf diese Weise lassen sich die meisten viel besprochenen Geheimnisse auflösen. Es bleiben noch genügend andere, die zum Stück gehören und seinen Reiz ausmachen. Zum Beispiel die nicht endgültig zu beantwortende Frage, ob Kundry Herzeleide gekannt hat oder Herzeleide gewesen ist oder beides? Man weiß es nicht, man weiß nicht einmal, ob sie es weiß. Man weiß auch nicht, was Parsifal darüber denkt. Das ist natürlich keine Schwäche der Dramaturgie, sondern ein besonders schöner Punkt, der sonderbarerweise den meisten Interpreten entgeht, selten aber den »naiven« Zuschauern, die sich nur nicht trauen, ihre Wahrnehmung auszusprechen, weil sie denken, man könne einem solch gewaltigen Werk nicht mit solchen Banalitäten kommen. Wirklich große Theaterstücke sind aber immer in diesem Sinne »banal«. Nicht das »Banale«, sondern das Hochtrabend-Bedeutungsschwangere ist im Theater verdächtig, vor allem, wenn es sich um Ideen, Vorstellungen usw. handelt, die man nicht sehen kann.
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich

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    • Luxorioes schrieb:

      Man schließt zum Beispiel aus einem Wortwechsel zwischen Parsifal und Gurnemanz, dass man nicht wissen könne, was der Gral sei, so dass man dort ein perfektes Geheimnis hat, über das man in der Pause bei Sekt und Lachshäppchen trefflich plaudern kann.
      Noch ergiebiger in dieser Hinsicht ist ja die gleich darauffolgende Stelle:

      Du siehst, mein Sohn,
      zum Raum wird hier die Zeit.
    • Ja. Darüber ist viel abgesondert worden. Auch hier würde ich vorschlagen, den Text zu lesen und, bevor man anfängt von Einstein zu murmeln oder noch weiter ausgreift, um irgendetwas an den Haaren herbeizuziehen, sich erst einmal an das zu halten, was gesagt wird. Und das ist gar nicht so rätselhaft. Parsifal stellt fest, dass er sich kaum bewegt, aber doch schon sehr weit vorangekommen ist. Und Gurnemanz erklärt, wie das zustande kommt, weil hier der Raum so vergeht wie die Zeit, man sich also durch den Raum bewegt, wie man sich normalerweise durch die Zeit bewegt, nämlich passiv: die Zeit vergeht, fließt an uns vorbei, hier gilt dasselbe für den Raum. Datum kann sich die räumliche Position ändern, ohne dass man aktiv etwas für diese Positionsveränderung tut. Die zeitliche Bewegung wird zur räumlichen Bewegung, kurz: »Die Zeit wird zum Raum.«

      Die Erklärung des Satzes ist also genau dieser Satz. Nachdem das zu vollen Befriedigung geklärt ist, bleibt noch ein Wort, das in diesem Satz vorkommt, und noch eins, das nicht vorkommt, aber impliziert ist, worüber man nachdenken könnte: Das ausgesprochene ist »hier«, und das führt zu der Frage, warum sich dieses Phänomen nur an dieser Stelle zeigt, was sie gegenüber anderen auszeichnet. Die Antwort ist nicht weiter schwer, man kann sie in der mystischen Literatur aller Religionen, aber auch z.B. in der Offenbarung des Johannes finden. Das nicht ausgesprochene Wort ist »jetzt«, denn allem Anschein nach war es vorher nicht so. Warum also jetzt? Die Frage ist noch leichter zu beantworten, und damit ist auch die erste beantwortet, wenn man den Satz selbst mit hinzunimmt und also sieht, dass »hier« und »jetzt« in diesem besonderen Zusammenhang Synonyme sind.

      Aber diese letzten Spekulationen sind schon fakultativ. Für den Verlauf der Fabel ist lediglich wichtig, was Parsifal und Gurnemanz sagen und meinen, und das kann man ganz ohne den Rückgriff auf Einstein (und sowieso ohne davon falsch abgeleitete Google-Videos mit Wurmlöchern und ähnlichem Kram) erläutern und verstehen: Es heißt genau das, was gesagt wird. Nicht mehr und nicht weniger.
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich