Doppelpremiere:"Oedipus Rex" und "Il prigioniero"

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    • Doppelpremiere:"Oedipus Rex" und "Il prigioniero"

      Mit Musiktheater jenseits genießerischen Konsums wurde das Dresdner Premierenpublikum in die Jahrespause verabschiedet:

      Eine Antigone-Fassung des Jean Cocteaus von 1922 war für Igor Strawinsky Veranlassung, den französischen Dichter für eine gemeinsame Bearbeitung der Sophokles-Tragödie „Oidipus tyrannos“ zu einem Libretto zu gewinnen.

      Seit dem September 1925 hatte der Komponist an der Vertonung des mythisch anmutenden lateinischen Textes gearbeitet. Harmonisch sollte das Opern-Oratorium „Oedipus Rex“ eine Brücke von der Klassik zum Jazz schlagen.

      Da die Handlung allgemein bekannt sein dürfte, wollte Strawinsky die Hörer auf seine klar strukturierte, archaisch, Requiem-hafte und kühl objektive Musik konzentrieren.

      Die Inszenierung hatte Elisabeth Stöppler, in Dresden mit ihrer Arbeit, dem Agitprop„Wir erreichen den Fluss“ von Werner Henze nicht unbedingt in guter Erinnerung, übernommen.

      Die Regie hatte das Orakel von Delphi als eine gigantische Überwachungsmaschine gestaltet, das Bühnenbild folglich ein riesiges Rechenzentrum. Zwölf Server, von Fabio Antoci arrangiert, steuern beeindruckend 6000 LED, belassen aber die Handlung im Düsteren. Das passt, wenn man berücksichtigt, was man den Priestern des Orakels bezüglich ihrer Arbeitsmethoden unterstellt.

      Folglich wurde in der Stöppler-Inszenierung statt des Orakels ein Computer befragt. Offenbar hatte aber die Suchmaschine keine exakten Aussagen liefern können.

      Dank des Oratorien-Charakters der Oper hatte die Regie, abgesehen von Mätzchen am Anfang des zweiten Aktes und den Schlussszenen, wenige Möglichkeiten einer kreativen Personenführung, so dass die Vorliebe der Frau Stöppler für akzentuierten Agitprop nicht zu kurz kam. Die Sprecherin Catrin Striebeck hielt mit Costeau-Texten die Handlung zusammen, zerstückelte aber den Fluss der wundervollen Musik.

      Letztlich bestimmten der von Cornelius Volke vorbereitete Männerchor der Semperoper und das Orchester das Geschehen.

      Für das Dirigat der Premiere war aus Basel der Amerikaner Erik Nielsen nach Dresden gekommen. Imposante Orchesterklänge, aber keine Gewaltorgien bestimmten beide Teile des Abends.

      Den Ödipus sang Stephan Rügamer mit klarer Intonation und reichlich individuellem Körpereinsatz.

      Claudia Mahnke, obwohl in Dresden ausgebildet, hatte mit der Jokaste endlich ihr Hausdebüt. Ob ihr flatterndes Vibrato rollenspezifisch erwünscht war, erschloss sich mir nicht. Denkbar wäre es schon, zumal in der griechischen Tragödie männliche Schauspieler auch die Frauenrollen interpretierten.

      Der Kreon des Markus Marquardt bot mit seiner wuchtigen ausdrucksvoll aufgerauten Stimme einen konsequent expressiven Ansatz.

      Der von Athene wegen seiner Spannerei geblendete „Seher“ Teiresias war von Kurt Rydl mit fein dosierter eindringlicher Stimmführung gesungen worden.

      Schöne Leistungen kamen auch von den Ensemblemitgliedern Matthias Hennebergals „der Bote“ und Tom Martinson als Hirte.

      Von einem Motivaus dem „Ulenspiegel“ des Charles de Coster und dem „La Torture par l´espérance“ des Auguste de Villiers de L´Isle-Adam hatte sich der italienische Komponist LuigiDallapiccola (1904 bis 1975) 1949 zu Libretto und Musik einer Oper in einem Prolog und einem Akt„Il prigioniero“ (deutsch: Der Gefangene) anregen lassen.

      Da die Oper möglicherweise wenig bekannt, hier eine Kurzfassung der Handlung:
      In einem Kerker der Inquisition in Saragossa um 1550 verabschiedet sich die Mutter von ihrem gefolterten und zur Exekution vorbereiteten Sohn, als der Kerkermeister dem Gefangenen Hoffnung auf Rettung macht. Beim Verlassen der Zelle lässt er die Tür einen Spalt offen und ermöglicht einen Fluchtversuch.

      Der Gefangene hört auf seinem „Weg in die Freiheit“ eine vermeintliche Glocke des Endes der Herrschaft Philipp II. und umarmt eine Zeder. Als den Zweigen des Baumesder die Arme des Großinquisitors auftauchen und ihn wieder gefangen nehmen, muss der Gefangene in dem Großinquisitor den Kerkermeister erkennen, der ihn letztlich mit der Hoffnung nur der letzten brutalsten Form der Folter unterworfen hat.

      Die Regie hat die Szene in den sterilen Besucherraum des Todestraktes eines Hochsicherheitsgefängnis verortet. Flackernde Raumbeleuchtung soll offenbar andeuten, dass in der Nähe ein „Elektrischer Stuhl“ aktiv ist.

      Luigi Dallapiccola hat die Oper komponiert, als er seinen Stil auf eine motivische und lyrische, von den Regeln Arnold Schönbergs abweichende Zwölftontechnik, damit in einem italienischen Sinn umgestellt hatte.

      Die überbordenden Zwölfton-Melos führten insbesondere beim Monolog des Gefangenen, vom Bariton Lester Lynch berührend intoniert, zu einem außergewöhnlichen Klangerlebnis.

      Lynch hatte diese vokale Herausforderung ins Zentrum seiner Interpretation des Wechsels zwischen Erniedrigung und Hoffnung gerückt; zweifelsfrei der Höhepunkt des Abends.

      Die Komposition kam den stimmlichen Möglichkeiten des tiefliegenden Mezzo des Ensemblemitglieds Tichana Vaughn in der Partie der Mutter des Gefangenen entgegen. Eine beeindruckende Darstellung.

      Der Tenor Mark le Brocq zelebrierte zynisch-komödiantisch den Kerkermeister (Großinquisitor) mit einer doch kurzen Höhe der Stimme. Als Gefangenenwärter agierten zwei Mitglieder des Jungen Semper-Ensembles: Der südafrikanische Tenor Khanyiso Gwenxane und der griechische Bariton Alexandros Stavrakis.

      Aufgelockert wurde die schwere Kost durch Vogel-Visionen des Gefangenen. Als Vision des Gefangenen wäre auch der Regie-Einfall zu deuten, wenn der pseudo-befreite Gefangene nicht von einer Zeder, wie im Libretto, sondern von einer Gruppe Partisanen der Vorzeit der Opernkomposition, des faschistischen Italiens, empfangen wird; diese aus dem Nichts auftauchend und so auch vergehend.
    • thomathi schrieb:

      Mit Musiktheater jenseits genießerischen Konsums wurde das Dresdner Premierenpublikum in die Jahrespause verabschiedet
      Und in der zweiten Vorstellung gab es mal wieder Schüler gucken...: Die ersten beiden Reihen waren komplett oder zumindest größtenteils mit welchen besetzt. Wirkte leider, dem Pausengequatsche nach zu urteilen, nur nach Höhepunkt einer Klassenfahrt, eher nicht nach theaterpädagogischem Projekt (da soll mit Schulen inzwischen kaum noch was gehen) und damit eher weniger nachhaltig.

      Die Inszenierung hatte Elisabeth Stöppler, in Dresden mit ihrer Arbeit, dem Agitprop„Wir erreichen den Fluss“ von Werner Henze nicht unbedingt in guter Erinnerung, übernommen.
      Es gibt tatsächlich eine Gemeinsamkeit: Den Einsatz des eisernen Vorhangs.

      Die Sprecherin Catrin Striebeck hielt mit Costeau-Texten die Handlung zusammen, zerstückelte aber den Fluss der wundervollen Musik.
      Das war ja nun schon Strawinsky selbst, der diese Sprechertexte eingebaut hat, weil der Gesang durch die lateinische Sprache garantiert unverständlich bleiben sollte. Sie haben überlegt, ob sie ihn überhaupt übertiteln, und es dann doch getan.

      Die Komposition kam den stimmlichen Möglichkeiten des tiefliegenden Mezzo des Ensemblemitglieds Tichana Vaughn in der Partie der Mutter des Gefangenen entgegen. Eine beeindruckende Darstellung.
      Man kann fast schon sagen: Des bisherigen Ensemblemitglieds. Vielleicht sind es sogar die letzten Auftritte von Tichina Vaughn in Dresden überhaupt, in der nächsten Spielzeit ist jedenfalls nichts mehr vorgesehen. Wenn man das weiß, ist es nochmal auf besondere Art beeindruckend, wie der Abgang in dieser Produktion inszeniert ist (nämlich als Rauszerren).


      Schlußbemerkung: Musikalisch und szenisch beeindruckend, ein Besuch lohnt sich. Zumal man nicht einmal weiß, ob die Produktion nicht mit der Premierenserie auch schon abgefrühstückt ist. Weitere Vorstellungen nach den Theaterferien, wie sonst bei den letzten Premieren oft angesetzt, gibt es jedenfalls nicht.