Zwei Orchesterdebütanten im 12. Saison-Konzert der Staatskapelle

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    • Zwei Orchesterdebütanten im 12. Saison-Konzert der Staatskapelle

      Der Musikdirektor der „Royal Opera Covent Garden“Antonio Pappano hatte bisher mit der Staatskapelle Dresden noch nicht konzertiert. Nun haben Dirigent und Orchester nicht nur das letzte Saison-Symphoniekonzert gestaltet, sondern werden auch die Festival-Tournee beim Rheingau Musik-Festival, dem Schleswig-Holstein Musik-Festival und bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auf Redefin gemeinsam bestreiten.

      Erstmalig musiziert auch der polnisch-kanadische Pianist Jan Lisiecki im 12. Symphoniekonzert mit der Kapelle.

      Eine lange Verbindung mit dem Orchester hat allerdings das „Konzert für Klavier und Orchester a-Moll“ von Robert Schumann. Wurde doch die Komposition 1845 in Loschwitz (heute ein Ortsteil von Dresden) fertig gestellt und im gleichen Jahr von Clara Schumann im Konzertsaal des örtlichen „Hotelde Saxe“ mit dem Dirigat des Ferdinand Hiller erstmalig vorgestellt.

      Inzwischen gehört das Klavierkonzert zum Standartrepertoire insbesondere der Orchester in Sachsen und wir können nicht nachrechnen, wie oft wir das Werk in unterschiedlichsten Interpretationen erleben durften.

      In Erinnerung ist uns aus der Leipziger Zeit in der Kongresshalle mit dem Gewandhausorchester ein Konzert mit Dieter Zechlin und Kurt Sanderling geblieben. Ebenfalls mit dem Gewandhausorchester eine Aufführungmit Kurt Masur und der Pianistin Annerose Schmidt. Besonders hatte uns damals die zurückhaltende Interpretation von Peter Rösel beeindruckt. In neuere Zeit war es dann Hélène Grimaud im neuen Gewandhaus gewesen.

      Deshalb war dem erst 23-jährigen Solisten, den wir im vergangenen Jahr mit Chopin in Bad Kissingen hörten, sowie dem gestandenen Dirigenten das Interesse sicher.

      Vom Beginn an zogen der junge Solist und sein Spiel die Aufmerksamkeit auf sich. Jeder Ton wurde aussagekräftig angeschlagen und in einen wunderbaren Klangteppich verpackt. Läufe und Triller waren kompakt zusammengehalten. Mit der Solokadenz offenbarte Lisiecki seine Virtuosität, zog sich dann aber etwas zurück.

      Erstaunlicherweise gab es aber kaum Interaktionen zwischen dem Solisten und dem Orchester. Irgendwie vermisste ich Anregungen, die vom Dirigenten dem Solisten gegeben wurden, als auch Provokationen des Pianisten gegenüber dem Orchester.

      Beim Nachhören von Konserven mit Martha Argerich und Nikolaus Harnoncourt sowie Dinu Lipatti und Herbert von Karajan bestätigte sich mein Eindruck.
      Zumindest spielten dann aber Antonio Pappano und Jan Lisiecki die Zugabe gemeinsam vierhändig.

      Wegen der politisch prekären Verhältnisse im Russland war Sergej Rachmaninow mit seiner Familie 1906 für zweieinhalb Jahre nach Dresden übersiedelt. In der Nähe des „Großen Gartens“ mietete er eine komfortable Villa und hat sich recht wohl gefühlt. In dieser Zeit komponierte er seine 2. Symphonie e-Moll.

      Im zweiten Konzertteil traf dann ein Vollblut-Musiker auf ein hervorragend eingestelltes Orchester. Da war nichts von der Weitschweifigkeit zu spüren, die man gelegentlich Rachmaninows 2. Symphonie anlastet.

      Antonio Pappano dirigierte zunächst wie entfesselt und das musikalische Ergebnis ließ sich hören.

      Erst gegen Ende des ersten Satzes verzögert er das Tempo.

      Vom Beginn konnte man die Streicher differenziert verfolgen, ohne dass sie von den Bläsern eingedeckt wurden.

      Im Allegro moderato wurde das Thema mit mehrfachem Wechsel der Tempi und ständiger Rückkehr zum Ausgangstempo zu einer beeindruckenden Kontrastwirkung gegenüber dem Largo gebracht.

      Im doch ziemlich elegischen Adagio nahm sich der Dirigent rechtschaffen Zeit, um das Hauptthema vorzustellen. Dabei besonders wirkungsvoll das Spiel der Soloklarinette von Robert Oberaigner.

      Auch für den weiteren Verlauf des dritten Satzes blieb ausgiebig Zeit für die transparente Entfaltung eines Bildes russischer Weiten.

      Mit dem Allegro vivace kehrten dann Pappano und das Orchester zum begeisternden Tempo-Spiel zurück und bleiben damit mit einer Spieldauer von etwa 60 Minuten erkennbar unter dem Dirigat Rachmaninows bei der Erstaufführung von 1908.

      ARTE hatte die Symphonie für ein Pappano-Portrait aufzeichnen lassen, das 2019 ausgestrahlt werden wird.
    • Vom Dresdner Konzert habe ich leider keine Kritik in der überegionalen Presse gefunden. Hier aber ein Kommentar zum sich anschliessenden Gastkonzert der DD-Kapelle beim Rheingau-Festival mit Rachmaninows 2.Symphonie.
      Hier Bernhard Uske in der Frankfurter Rundschau::

      Das Gastspiel der Sächsischen Staatskapelle Dresden beim Rheingau Musik Festival brachte die 1907 uraufgeführte Sinfonie im großen Saal des Wiesbadener Kurhauses, der im selben Jahr eröffnet wurde. Sir Antonio Pappano war der Dirigent des Abends und ließ keine Gelegenheit aus, die singulären Register dieses Klangkörpers zu ziehen. Es war natürlich auch bei Rachmaninow nicht anders, aber der Komponist, der aus seiner Depression nach dem Desaster seiner 1. Sinfonie herauskommen wollte, hatte wohl die Vorschläge seines Psychiaters beherzigt. Das Formkonzept legte nahe, dass auf Identifikation mit dem Aggressor gezielt werden sollte. Das umher geisternde Dies-Irae-Motiv der Totenmesse als Menetekel der Niederlage Rachmaninows war positiv gespiegelt und flutete in endlosen Aufstiegs- und Anreicherungsprozessen in einem riesigen, wogenden Töne-Meer. Überbordend, donnernd, tosend. Pappano setzte auf eine Art klangsynthetische Enthemmungstherapie, wo einer alles Belastende sich zum Freund macht und Seit’ an Seit’ damit seine Größe bekundet.
      Das Dies-Irae-Motiv ist dem Meister zeitlebens ästhetischer Schlüsselreiz geblieben und hat dem klingenden Wohlfühl-Überlauf auch späterer Tage als Geschmacksverstärker oft genutzt. Die Furiosität der Dresdner ließ nicht erst bei der Teil-Zugabe der „Rienzi“-Ouvertüre an Wagner denken. Rachmaninows stimmungsaufhellender wogender Schwall wirkte stellenweise wie eine Tristan-Adaption ohne Worte.









      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von thomathi ()

    • Man muss aber auch Gerechtigkeit walten lassen. Uske bedient sich des allgemein verbindlichen Stils des Musikjournalismus der Gegenwart. Er glaubt lediglich, ihn ihn besonders virtuos zu beherrschen und ergötzt sich an seiner eigenen Fertigkeit. Auch darf man nicht vergessen, dass viele Leser diese Mischung aus falsch angewandtem »gehobenen« Stil und flapsig sein wollender Umgangssprache mögen. Die finden es dann lustig, ja sogar geistreich, wenn Wagner als »Musikdrogendealer« bezeichnet wird, und bestätigen die Behauptung, dass er seinen Erfolg der endlosen Wiederholung der immer gleichen Melodiefloskeln zu danken habe. Uske liefert also nur, was verlangt wird. Vielleicht sind seine Gerichte etwas überwürzt, aber jene unter seinen Kollegen, die schwächer würzen, zaubern aus den schlechten Zutaten auch keine kulinarischen Offenbarungen.
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich
    • Sie ärgert mich gar nicht maßlos. Ich finde sie nur unaussprechlich dämlich und unpassend. Unzutreffend sowieso.

      Genauso unzutreffend wie das, was auf diesen unsäglichen Vergleich folgt. Nämlich die unglaublich dumme Behauptung, Wagner verdanke seinen Erfolg der unendlichen Wiederholung der immer gleichen Melodien usw. Wer mal Wagner gehört hat, weiß, dass das nicht zutrifft, und er weiß auch, dass Wagners ;Musik keineswegs so simpel gehäkelt ist, wie es dieser Journalist gern hätte.
      Ceterum censeo, Werktreue esse delendam.
      Geiserich

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Luxorioes ()