Orlando Paladino, Ranisch, Bolton, Zaharia, Vidal, Nurgeldijew

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    • Orlando Paladino, Ranisch, Bolton, Zaharia, Vidal, Nurgeldijew

      So schnelllebig kann es auch in der Kunst zugehen; Axel Ranisch hatte noch in dem kleinen Einführungsvideo zu Orlando Paladino vor knapp 1 ½ Jahren angekündigt, seine Produktion würde in einem Altersheim als Sehnsuchtsort spielen. Das Regieteam hat sich dann doch noch einmal umentschieden, Gott Sei Dank möchte man sagen, und lässt die krude Mittelalterstory in einem Kino beginnen. Natürlich nicht in irgendeinem Programmkino, sondern im Neuen Rex, einem sehr schönen Münchner Programmkino, einem Ort an dem schon viele Träume über die Leinwand liefen. Dieser Ort ist Ausgangspunkt eines eigentlich recht einfachen Grundkonzepts, die Protagonisten im Zuschauerraum beginnen sich mit den Figuren auf der Leinwand zu identifizieren. Irgendwann verschmilzt die Handlung auf der Leinwand mit der im Zuschauerraum und zum guten Schluss hat die Geschichte auf der Leinwand die fiktive Realität aus dem Zuschauerraum ersetzt.

      Entgegen den Eindrücken einiger Rezensenten ist diese Rahmengeschichte aber nicht einfach Haydn übergestülpt worden, sondern hat sehr viel mit Haydn zu tun. Letztendlich sind die Figuren bei Haydn, mit Ausnahme von Alcina, immer auf der Suche, Rodomonte und Orlando suchen sich ständig, Angelica und Medoro verlieren sich sehr häufig, lediglich das Buffo-Paar findet sich recht schnell. Aus dieser ständigen Suche heraus ergibt sich dann auch das Finale bei Haydn, in dem die Liebe ohne Konventionen hochgehalten wird. Es sollen sich die finden, die sich auch wirklich lieben.

      Von dieser Grundaussage aus inszeniert Ranisch eine unglaublich vergnügliche, sehr subtile und hintergründige und vor allem in vielen Momenten ungeheuer anrührende und vor allem poetische Aufführung. Verantwortlich dafür ist ein sehr kongeniales Zusammenspiel von Geschichte in der Geschichte und den Kinosequenzen.

      Ganz Besonders ist dabei die Leichtigkeit und Natürlichkeit, mit der das Ganze inszeniert ist, ohne dass es in einen Haha-Klamauk umkippt (was man bei der reinen Schilderung einiger Szenen vermuten könnte). Ranisch ist offensichtlich das, was man früher als Menschenfreund bezeichnet hat, und was aus der Mode gefallen scheint. Teilweise wirkt es wirklich fast schon rührend altmodisch, mit welcher Beobachtungsgabe Ranisch hier inszeniert. Alleine für die Szene, in der die Betreiberin des Kinos auf der Leinwand sehen muss wie ihr Gatte Rodomonte entführt, um ihn mit Orlando, dem Wesensverwandten des Kinobetreibers, zu verkuppeln, würde bei manchen Regisseuren für einen ganzen Abend reichen. Hier ist es Teil einer sehr poetischen Collage.

      Dabei darf man die Produktion insgesamt auch nicht zu sehr „Wort für Wort“ nehmen wie auch das gesamte Stück. Denn in der Tat ist der große musikalisch dramaturgische Bogen nicht die Stärke von Haydns Werk. Wenn man vom letzten Akt absieht, und dort vor allem von der Todesszene von Orlando, wirken die Akte und musikalischen Nummern doch recht beliebig angeordnet, verlangen von den Sängern aber alles.

      Und dass ist die zweite große Stärke dieser Produktion, nämlich die durch die Bank sehr starke Sängerbesetzung. Da ist das lyrische Paar um Adela Zaharia, die mit ihrem betörenden lyrischen Sopran (mit erstaunlich guten Koloraturen) jeden Intendanten nach Violetta, Marguerite oder Manon rufen lässt, und Dovlet Nurgeldijew, der mit seinem schlanken, gut geführten, stilistisch blitzsauberen Tenor Tamino und Belmonte nicht nur singt, sondern den Medoro genauso darstellt. Da ist das Buffo-Paar mit der sehr soliden Elena Sancho Pereg und dem grandios virtuosen David Portillo. Da ist Tara Erraught, die als Alcina auch darstellerisch brilliert sowie Matthias Vidal, der die schwere Partie des Orlando sehr achtbar mit seinem markanten Charaktertenor bewältigt. Lediglich Edwin Crossley-Mercer als Rodomonte scheint etwas zu sehr nach Look besetzt, sein Bass-Bariton klingt manchmal doch etwas sehr hohl.

      Die dritte große Säule dieser Produktion ist das Münchner Kammerorchester und Ivor Bolton. Das Kammerorchester gehört ja nicht umsonst zu den besten Orchestern in seinem Repertoire und Bolton „schrubbt“ in bewährter Weise mit sehr viel Engagement und sehr viel Leidenschaft durch die Partitur. Während sein Stil bei manchen Kompositionen etwas grob wirken mag, für den Orlando Paladino findet er doch die richtigen Farben und Tempi.

      Eine sehr, sehr starke Produktion, die danach ruft, dass ein Intendant Axel Ranisch mal einen daPonte-Zyklus oder ähnliches anvertraut. An Opernproduktionen von ihm wird man nicht wirklich vorbeikommen, zu handwerklich stark, zu poetisch und einfach zu gut war diese Produktion, die allerdings auch musikalisch zu überzeugen wusste. Das ist starkes, lebendiges Musiktheater.

      Maestro
    • Danke für den schönen Bericht, Maestro! Für mich war Orlando ganz klar das Highlight der Saison, obwohl ich die Oper selbst musikalisch nicht immer wirklich erstklassig finde. Die Partitur hat so machen Leerlauf, und auch das Libretto ist, gerade am Ende des zweiten Aktes, etwas zäh. In Frage stellen könnte man vielleicht die "Psychologisierung" der Inszenierung, der zufolge Orlando dadurch in Wahnsinn verfällt, dass er, dem die Augen verbunden sind, von Rodomonte "verführt" wird, dessen Berührungen er offenbar für die Berührungen einer Frau hält - das ist dann doch etwas viel, finde ich. Aber anderseits auch eine gute Idee, die ein wenig Plausibilität in seine Reaktion bringt.
      Ihrer ansonsten ganz berechtigten Lobeshymne könnte man noch anfügen, dass Falko Herold, der in Bösch-Inszenierungen normalerweise nur die Kostüme macht, in dieser Produktion sowohl für die Kostüme als auch das Bühnenbild verantwortlich war. Viel der Poesie und Menschenfreundlichkeit der Orlando-Produktion findet sich ja auch in Böschs besten Inszenierungen wieder - und insofern erinnert mich Orlando in vielem atmosphärisch an den verzaubernden L´elisie d´amore oder den gradniosen Orfeo.