"Otello" , WA 19.08.2018

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    • "Otello" , WA 19.08.2018

      Das war ein Spielzeitauftakt nach Maß: die mir persönlich immer noch etwas befremdliche „Otello“-Inszenierung von Johannes Erath ist wieder da – in großartiger Besetzung: Roberto Saccà ist als schönstimmiger Otello zu hören, der auch darstellerisch keine Wünsche offenlässt – eine von Anfang an verletzte Seele, die im Verlauf von Iagos Intrige immer tiefer in Nacht und Wahn versinkt. Mit angenehm dunkel timbrierter Stimme meistert er große Ausbrüche ebenso wie die zarten Töne; das Duett am Ende des ersten Aktes habe ich lange nicht mehr so innig gehört.
      Der garstige Gegenspieler Iago wird in dieser Serie von Evez Abdulla gesungen. Evez Wer? ... Nie gehört – offenbar eine Leihgabe aus Mannheim, aber was für eine! Eine prachtvolle Baritonstimme, die sich in den Ensembles bestens einfügt, aber in den Soloszenen mächtig auftrumpfen kann. Das 'Credo' ist ein Kabinettstückchen in Sachen mit Leutseligkeit verbrämter Bösartigkeit, und die direkte Hinwendung zum Publikum macht das Ganze nur scheinbar harmloser. Auch sonst dominiert er die Szene nach Belieben und macht alle anderen zu seinen Marionetten: den trunksüchtigen Cassio (Arthur Espiritu), den sich in Eifersucht und Neid auf Otello verzehrenden Rodrigo (Jaeil Kim) und den früheren Gouverneur Montano (Magnús Baldvinsson).
      In dieser düsteren Männerwelt versucht die Lichtgestalt Desdemona vergeblich zu lieben und zu leben; Olesnya Golovneva bezaubert mit silbrigem, dennoch kraftvollen Sopran, der in 'Giá nella notte densa' wunderbar aufblüht und sich im letzten Akt voller Todesahnung verdunkelt. Sie wehrt sich erstaunlich resolut gegen Otellos Ausfälle, bis zuletzt auf seinen erneuten Sinneswandel hoffend. Ihre beinahe zärtlich anmutende Ermordung (Otello erstickt sie mit einem langen Kuss) wirkt umso schockierender.
      Ihr zur Seite steht zwar Iagos Frau Emilia (Katharina Magiera, die einzige einigermaßen geschmackvoll gekleidete Frau auf der Bühne), die aber, als sie dessen Intrige durchschaut, nicht mehr viel ausrichten kann („Hättest du geredet, Emilia“ - oder so ähnlich...).
      Souverän wie üblich: Chor und Orchester, dieses Mal unter der Leitung von Henrik Nánási, der sich wieder einmal in Frankfurt die Ehre gibt.
      Großer Applaus für alle Beteiligten im keineswegs ausverkauften Haus.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • The Botanist schrieb:

      (es handelt sich wohl um die letzte WA?)
      Laut Opernwebsite ist das so; aber der Fall "La Cenerentola" lehrt uns ja, dass das nicht immer etwas zu bedeuten hat.

      The Botanist schrieb:

      Nun habe ich eine Karte für Donnerstag
      Das trifft sich gut; da Sie die Inszenierung wirklich gut kennen, wäre es schön, wenn Sie mir anschließend sagen würden, ob die Szene mit der Sonnenbrille tatsächlich neu ist - ich konnte mich partout nicht daran erinnern, obwohl ich ja auch die eine oder andere Vorstellung gesehen habe...
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Neben seinem Requiem ist Otello für mich das Größte, was Verdi komponiert hat und ich bin der Oper Frankfurt wirklich sehr dankbar, einen solch ergreifenden Otello an einem Donnerstagabend erlebt zu haben. Eigentlich kann ich den Ausführungen von @Asteria nichts hinzufügen. Außer, dass es noch viel besser war wie es Worte nur beschreiben könnten.

      Nach nur 7 Jahren soll diese tolle Inszenierung von Johannes Erath schon verschwinden, ein Unding! Wie intelligent und spannend die Personenführung ist, konnte man nach 7 Jahren immer noch bewundern und mit den handelnden Personen von Anfang bis Ende mitfühlen. Ein auf das wesentliche reduzierte und schlichte Bühnenbild von enormer Wirkung sieht man nicht häufig und lässt keinen Platz für irgendwelche Ablenkungen, man ist die ganze Zeit bei Otello, Desdemona usw.

      Nach Carlo Ventre, Frank van Aken und Lance Ryan (die haben den Otello in Frankfurt gesungen) ist Roberto Saccà ein idealer Otello den man aktuell vielleicht nur von Gregory Kunde noch besser hört. Saccà ist von Anfang an ein zutiefst verletzter und gekränkter Otello und versteht es alle Emotionen, Farben und Gefühle dieser Rolle auszudrücken. Jedes Wort und jede Phrase füllt er mit Leben, sei es Wut, Liebe oder Eifersucht. So authentisch und echt habe ich das selten gehört. Sehr intelligent teilt er sich auch seine Kraft ein und kommt problemlos über das Orchester hinweg, man denkt, es sei das einfachste der Welt einen Otello zu singen. Hinzukommt, dass er sich auch noch mit aller Wucht in die Regie warf und eine wirklich spannende Charakterstudie bot. Unerwähnt möchte ich nicht lassen, dass man bei Saccà jedes Wort verstand und hätte mitschreiben können. Nur sein rollendes R irritierte mich und erinnerte an Besuch aus Franken. Ihm zur Seite stand Olesya Golovneva als Desdemona. Eine wirkliche Entdeckung diese Frau. Ein ganz feines piano, wenig Vibrato, angenehme Tiefe und eine jugendlich-dramatische Stimme weißt sie auf und erzeugt eine enorme Emotionalität. Furios die dramatischen Ausbrüche und herzzerreißend die lyrischen und emotionale Momente. Die Stimmen von Saccà und Golovneva harmonieren ausgezeichnet und so geriet das Liebesduett zu einem Rausch der Extraklasse und kann meiner Vorrednerin nur zustimmen, dass man dieses Liebesduett lange nicht mehr so schön hören konnte. Dies steigerte sich dann im Lied von der Weide und den Ave Maria um ein Vielfaches. Was Golovneva hier bot, kann ich nicht in Worte fassen, da es so ergreifend und verletzend war.

      Evez Abdulla bot einen tollen Jago, manchmal ein wenig verhalten aber dann doch zu großer Form auflaufend und sehr beeindruckend. Von Katharina Magiera hätte ich gerne noch so viel mehr hören wollen, da sie eine so tolle, reine, klare, kraftvolle und berührende Stimme hat, aber leider hat Emilia nicht so viel zu singen.

      Henrik Nánási, man möge es mir verzeihen, kannte ich bis dato nicht und war erstaunt, was er da alles aus dem Graben holte. Er dirigierte nicht mit breitem Pinsel sondern sehr fein und nuanciert. Die großen und ergreifenden Ausbrüche hätte er mit ein wenig mehr Wucht dirigieren können, aber der Rest des Abends war so wunderbar interpretiert, dass keine Wünsche offen blieben. Hin und wieder schloss ich die Augen und genoss einfach nur diese phänomenale Musik.

      Wirklich bedauerlich ist, dass 1/3 der Oper leer war. Kurz vor Beginn der Oper schaute auch Loebe verwundert ins Publikum hinein und rieb sich die Augen. Was ist da los in Frankfurt? So viele Ehrungen und Preise die nach Frankfurt in letzter Zeit gehen, nützen scheinbar alles nichts um dieses Haus voll zu bekommen. Was nützen da Ehrungen und Worte wie "überzeugende Gesamtleistung" oder "exzellente Mischung verschiedener Operngenres im Spielplan" wenn das Publikum nicht da ist. Ich bin der Frankfurter Oper auch lange Zeit fern geblieben, aber es müssen erst Freunde kommen und sagen, was für ein Glück wir doch mit diesem Haus haben und es stimmt. Ich werde jetzt auch wieder häufiger aus Frankfurt berichten. ;)
    • Ich muß zugeben, dass ich die Inszenierung für keine Glanzleistung halte. Einige gute Ideen, aber kein roter Faden. Die Golovneva als Desdemona hat mir in der Vorstellung am Donnerstag gut gefallen. Ich fand es angenehm, dass sie ohne die sonst im letzten Akt oft zu hörende Weinerlichkeit ausgekommen ist. Sacca habe ich noch in Wiesbaden als Tenor vom Dienst erlebt. Es ist erstaunlich, wie sich diese Stimme entwickelt hat. Es war (nicht nur wegen des rollenden "r") ein sehr italienisch angelegter Otello, kein Siegmund, der sich zu Verdi verirrt hat.

      Inzwischen gibt es auf der selben Plattform quasi eine Gegenposition zu Schauß, die aber in die andere Richtung überzieht und die Regie nach meinem Geschmack zu unkritisch hochjubelt:
      deropernfreund.de/frankfurt-wa.html
    • Vorgestern war die Dérniere vor überraschend gut besuchtem Haus. Zu meinem Bericht vom 20.08. ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen (an der Besetzung hat sich nichts Wesentliches geändert - bis auf Tanja Ariane Baumgartner in der Riesenpartie der Emilia); trotz der mich bis zuletzt nicht vom Hocker hauenden Inszenierung ist es schade, dass diese grandiose Oper jetzt bis auf Weiteres nicht mehr zu hören sein wird.(Kyrill Petrenko braucht dieses Mal wohl keine Off-Broadway-Einstudierung...)
      ... Wunder warten bis zuletzt.