Concertgebouworchester mit Strawinsky

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    • Concertgebouworchester mit Strawinsky

      Zum Auftakt des Musikfestes Berlin gab es zwei Gastspiele aus den Niederlanden, am Sonntag das Rotterdamer Philharmonische Orchester unter Yannik Nezet Seguin, gestern das Concertgebouworchester unter Honeck.
      Die Philharmonie war an beiden Abenden erschreckend schlecht besucht - und das bei lächerlichen Kartenpreisen: ich habe an beiden Abenden 15,- Euro bezahlt. Auch die Programme dürften es nicht gewesen sein, es gab Bruckner (Sonntag die Vierte, gestern die Dritte!), dazu am Sonntag Zimmermann (Sinfonie in einem Satz) und gestern Webern (Fünf Sätze für Streichquartett, Fünf Orchesterlieder).
      Rotterdam dürfte insofern interessant gewesen sein, daß es sich (noch) nicht um ein bekanntes Orchester des internationalen Jet-Sets handelt. Der Zimmermann wurde mit großer Energie gegeben, Nezet Seguin strukturiert sehr souverän, er gestaltet: das sollte den New Yorkern große Hoffnung machen; das Orchester spielt sehr gut zusammen, wenn auch die Einzelleistungen der Solisten aufhorchen ließen. Extreme Energien, nie vulgär klingend beim Zimmermann.
      Bei Bruckner (Na gut, mit wem alles hat man die Vierte schon gehört!), hätte ich mir etwas mehr Gestaltung und Dramatik gewünscht. Alles fließt hier bei Nezet Seguin zusammen, das geht (mir) etwas auf Kosten der Dramaturgie. Sei`s drum, es gab keinerlei Ausfälle im Blech - wann erlebt man das schon mal!

      Das Amsterdamer Gastspiel fiel im Vorfeld auf, da man ja dringend Gatti ersetzen musste. Ich hatte mir eigentlich einen der Vorgänger (Haitink, Janssons odern Chailly) gewünscht, die fallen nun mal nicht vom Himmel.
      Manfred Honeck ließ dem Orchester seine Ehre: wer kann so flexibel Klangbilder formen wie die Amsterdamer? Wer hört so extrem aufeinander, lässt aber auch die solistischen Finessen zur Geltung kommen?
      Besonders der Bruckner, ohne Kraftmeierei vorgetragen, beeindruckte stark. Vielleicht erleben wir Berliner ja irgendwann dieses Orchester wieder mit einem großen Bruckner- oder Mahler-Dirigenten. So wie jetzt haben selbst die Gastspiele beim Musikfest Berlin etwas Beliebiges - das könnte einer der Gründe für die leeren Plätze sein.
    • Concertgebouw habe ich nicht gehört, aber Rotterdam fand ich beeindruckend. Mir hat die "natürliche", aus der Bewegung heraus empfundene Interpretation von Bruckner 4. von Nezet Seguin sehr gut gefallen. Das ganze hatte einen hervorragend durchgehaltenen Puls, eine sehr organische (im Gegesatz zu einem statuarischen Aufschichten von Blöcken mit nachempfundener Orgel-Registrierung, was man ja auch oft hört) Interpretation. Das hat mich wirklich sehr überzeugt. Und das Orchester (ich hatte es noch nie gehört) war wirklich Klasse, neben dem fehlerfreien Blech hat mich vor allem die Kultiviertheit des Klangs beeindruckt, weder im ppp noch im fff drohte der Klang zum Geräusch zu werden, es war tatsächlich immer "Klang". Außerdem war das Ganze sehr gut gearbeitet, das Verhältnis der Stimmen sehr ausbalanciert, wirklich ein hervorragender Abend. Mal sehen was Boston heute Abend macht.
    • Nezet-Seguin hat mich bisher eigentlich sowohl in Oper als auch in Konzert mit seiner sehr organischen und natürlichen Herangehensweise beeindruckt.

      Insgesamt finde ich es sehr schade, dass das Musikfest mit so schlechten Auslastungszahlen zu kämpfen hat (auch schon die letzten Jahre); liegt das am Termin oder sind die Berliner einfach durch die Philharmoniker gesättigt?
    • Friedrich schrieb:

      Concertgebouw habe ich nicht gehört, aber Rotterdam fand ich beeindruckend. Mir hat die "natürliche", aus der Bewegung heraus empfundene Interpretation von Bruckner 4. von Nezet Seguin sehr gut gefallen. Das ganze hatte einen hervorragend durchgehaltenen Puls, eine sehr organische (im Gegesatz zu einem statuarischen Aufschichten von Blöcken mit nachempfundener Orgel-Registrierung, was man ja auch oft hört) Interpretation. Das hat mich wirklich sehr überzeugt. Und das Orchester (ich hatte es noch nie gehört) war wirklich Klasse, neben dem fehlerfreien Blech hat mich vor allem die Kultiviertheit des Klangs beeindruckt, weder im ppp noch im fff drohte der Klang zum Geräusch zu werden, es war tatsächlich immer "Klang". Außerdem war das Ganze sehr gut gearbeitet, das Verhältnis der Stimmen sehr ausbalanciert, wirklich ein hervorragender Abend. Mal sehen was Boston heute Abend macht.
      Ja. genau da spielten natürlich die Amsterdamer in einer noch höheren Klasse. Aber beide Orchester waren in dieser Hinsicht sehr eindrucksvoll: keine Kraftmeierei!
    • Veranstaltungen in Berlin voll zu bekommen, ist nicht immer ganz einfach. Darüber klagt ja auch die Hertha.
      Ob das Musikfest optimal organisiert ist, vom Online-Verkauf bis zur Werbung, wage ich zu bezweifeln.
      Aber insgesamt hat Berlin natürlich immer ein tolles Kulturprogramm und entsprechend sind die Leute verwöhnt. Oder sie denken, kann man ja auch noch nächstes Jahr hingehen.
      Kommt alles wieder...
      Schade, ein leerer Saal passt nicht so gut zu einem "Musikfest".
    • Tja, es gab ja (so vor 15 Jahren) mal ne Pause. Da fielen dann die Orchestergastspiele weg. Das war sehr schade, 2 - 3 Jahre gab es da kaum nennenswerte Gastspiele. Eigentlich schön, dass über das Musikfest immerhin die US-Orchester kommen (ist aber weniger geworden), die Amsterdamer usw.
      Wenn das Ganze schon preismäßig extrem runtersubventioniert wird, sollte man darauf achten, dass es auch angenommen wird. Ich glaube, ein Blick auf Dresden könnte da helfen.
    • Gast1 schrieb:

      Stimmt, das System ist aber auch sehr seltsam, Vorgestern gab es nur noch sehr wenige Karten. Am Veranstaltungstag war wieder alles zu bekommen.
      Das war bei Rotterdamm auch so, offensichtlich gibt es da irgendwelche reservierten Kontingente, die am Tag selbst wieder freigegeben werden.

      Ansonsten fand ich Boston mit Nelsons und Mahler 3. nicht weiter der Rede wert - leider, bisher hat mich Nelsons immer sehr überzeugt. Aber das war irgendwie satt und wenig inspiriert - abgesehen von dem schlechten Tag, den die Trompete im dritten Satz hatte.
    • Ich fand beim Sichten des diesjährigen Programms nichts, was mich wirklich begeistert und veranlasst hätte, mich um Karten zu bemühen. Vor allem habe ich bei den Gastorchestern, vor allem den amerikanischen, zunehmend das Problem, dass diese technisch wirklich sehr gut spielen, aber in der Interpretation dann doch häufig sehr kontrolliert klingen und nicht das Gefühl aufkommt, dass ein Dialog zwischen Dirigent und Orchester oder zwischen den einzelnen Orchestergruppen stattfindet. Oft klinge das dann wie beim Abspielen einer CD. So zumindest mein Empfinden. Die Kartenpreise fand ich dann vor diesem Hintergrund doch etwas happig, zum Beispiel die gestrige Mahler III mit Preisen von über 90 EUR in Block C. Hohe Subventionen greifen da aber nicht durch.
    • maestro schrieb:

      Nezet-Seguin hat mich bisher eigentlich sowohl in Oper als auch in Konzert mit seiner sehr organischen und natürlichen Herangehensweise beeindruckt.

      Insgesamt finde ich es sehr schade, dass das Musikfest mit so schlechten Auslastungszahlen zu kämpfen hat (auch schon die letzten Jahre); liegt das am Termin oder sind die Berliner einfach durch die Philharmoniker gesättigt?
      Ich glaube, dass der Grund dafür eher die hohen Preise sind und der zu nahe Sommer und seine Ferien.
    • Zu Boston: im ersten Teil (bis die besagte Off-Trompete auftrat), war ich sehr beeindruckt, besonders, was da technisch ablief. Dann die Trompete - die hatte etwas unfreiwillig Komisches! Man hat förmlich mit ihr gelitten!
      Der letzte Satz war völlig verhuscht, kein Vergleich mit Levine vor einem Jahr!
      Im Ansatz fand ich gut, daß Nelsons die "romantischen" Phrasen immer etwas beschleunigt hat, um so Kitsch zu vermeiden - das war`s dann aber schon!
      Levine hat letztes Jahr mit einem Orchester, das sicherlich weniger technisch versiert war als die Bostoner (außer der Trompete!), eine eindrucksvollere Interpretation abgeliefert.

      Die Münchner waren übrigens heute abend sehr beeindruckend.
    • So hab ich mir das auch im Vorfeld vorgestellt und habe entschieden nicht in das Konzert zu gehen. Die "langsamen Phrasen" sind keinesfalls romantisch oder kitschig, sondern es sind zumindest aus meiner Sicht die vertonten Selbstzweifel, der Seelenschmerz und Depressionen vor dem Hintergrund der äußerst schwierigen Lebensumstände Mahlers. Über diese Passagen zügig hinwegzugehen bedeutet doch, dass man sich diesen Seelenzuständen verschließt, keinen Zugang hat, sie negiert oder beschönigt. Gerade das macht doch Mahler zu Mahler, gerade deswegen waren die Interpretationen von Bernstein oder Abbado und zuletzt Levine in Berlin so außergewöhnlich. Das kommt doch gerade im Schlusssatz der III. besonders zum Ausdruck, wo die Schlusscoda mehrfach einen Anlauf nimmt und im Trugschluss abgebrochen und erneut angesetzt wird. Das ist aus meiner Sicht eine logische Konsequenz aus den vorangegangenen Sätzen bzw. langsamen Phrasen und spiegelt die Grundzweifel des Komponisten wider. Deswegen finde ich gerade die III. so grandios.
    • Ja, und genau das fehlte in dieser Aufführung. Technische Finesse ohne Zusammenhang, ein letzter Satz, der seine Funktion nicht erfüllte. Was Friedrich andeutete, muß hier noch mal präzisiert werden: die Trompete spielte im dritten Satz ihr "eigenes Stück" - da ging es nicht um einzelne Kickser, sondern die gesamte Intonation lag daneben!
      Ergänzend dazu noch : selbst der Part der Gewandhauschöre blieb unverbindlich.
      Nach etwas mehr als 24 Stunden ist die Erinnerung an diese Dritte (anders als bei Levine) bei mir schon weitgehend verblasst - besonders auch im Vergleich zu den grandiosen Münchnern gestern abend!

      Wichtige Ergänzung : es ist ein Posthorn-Solo!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gast1 ()

    • Zum Abschuß des Orchestergipfels am Freitag dann noch mal die Münchner Philharmoniker mit Zimmermann und Bruckner (9.). Der erdige, nicht so hochgepushte Klang des Orchesters hat beeindruckt: hier ein Orchester mit einer Persönlichkeit.
      Der Zimmermann („ekklesiastische Aktion“ ) wurde mit viel Energie vorgetragen, besonders auch von dem Solisten Georg Nigl (Bass). Man litt förmlich mit ihm, der verschiedene Formen menschlichen Leidens vortrug. Der Beifall des (leider wieder zu spärlichen) Publikums war groß.
      Bei aller Kritik an Gergiew hat mit seine Neunte von Bruckner sehr gut gefallen. Gergiew setzt Akzente, das großartige Orchester folgt ihm großartig. Eine Neunte Bruckner, die - im Gegensatz zu Gatti und den Amsterdamern im letzten Jahr - ergriff und in Erinnerung bleibt. Die Münchner haben sich im Vergleich mit den Orchestern an den Vortagen, besonders den technisch hochgezüchteten Bostonern, hervorragend geschlagen.