"Luisa Miller", 22. September 2018

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    • "Luisa Miller", 22. September 2018

      Ein frühherbstliches Wochenende in Hamburg und in der Staatsoper ‚Luisa Miller“ – klingt ziemlich gut, fand ich und brach also gen Norden auf.
      Das Wetter hätte zwar sooo herbstlich denn doch nicht sein müssen, aber die Oper stellte sich als echtes Erlebnis heraus – zumindest auf der musikalischen Seite. Vor allem Nino Machaidze als Luisa kann ich gar nicht genug loben: eine großartige Darstellerin, deren wunderschöne, ziemlich dunkel getönte Sopranstimme sich zu lichten Höhen aufschwingt und die dramatischen Ausbrüche ebenso perfekt liefert wie die zarten Töne. Auch äußerlich entspricht sie ganz und gar dem von Rodolfo besungenen Engelsgesicht.
      Dieser Rodolfo (aka Carlo) ist bekanntlich der unter Pseudonym auftretende Sohn des ziemlich fiesen Grafen von Walter und wird gegenwärtig von Joseph Calleja gesungen – völlig vibratofrei übrigens, wenngleich einige (wenige!) seiner hohen Töne ein wenig meckerig klingen. Er steht manchmal ein bisschen verloren auf der Bühne herum, wobei ich nicht beurteilen mag, ob das an der merkwürdigen Regie von Andreas Homoki liegt oder ob er sein Rollendebut nicht lange genug proben konnte / wollte. (Er ist ja nun einmal nicht der begnadetste Darsteller…). Die kleinen stimmlichen Schwächen geben sich aber rasch, und schon im Finale des ersten Aktes klingt er kraftvoll wie gewohnt.
      Eine ebenfalls kraftvolle und dazu noch wohlklingende Stimme bringt Vitalij Kowaljow als Graf von Walter zu Gehör – wieder einer von diesen schrägen Verdi-Vätern, die aus als väterliche Liebe missverstandenem Egoismus das Leben ihrer Kinder und meistens auch das anderer Leute versauen. Auch hier merkt man, dass er vermutlich von der Regie ziemlich im Stich gelassen wird…. Aus dieser Rolle kann man deutlich mehr machen als böse dreinschauend über die Bühne zu laufen und - meistens - relativ beziehungslos vor sich hin zu agieren.
      Den Reigen der das Liebespaar umgebenden tiefen Stimmen setzt Ramaz Chikviladze als Wurm fort – eine düstere Erscheinung mit ebenso düsterem Bass und dazu der einzige, der seine Gefühle und Motive nicht in einer Arie ausdrücken darf.
      Diese Oper ist eine der wenigen, in denen Verdi gleich zwei Väter agieren lässt – wobei Miller der positive Gegenentwurf zum Grafen ist: ein Vater, der seine Tochter liebt und sie beschützen möchte, aber bereit ist, sie dem Mann anzuvertrauen, dem sie ihr Herz schenkt, und damit seine Interessen völlig zurückstellt… eine Haltung, der er zu Wurms Unwillen in anrührenden Tönen klaren Ausdruck verleiht. Diese an sich wunderbare Rolle stellte sich unerwartet als der Schwachpunkt des Abends heraus – na ja, was heißt Schwachpunkt…. Roberto Frontalis Bariton klang ein wenig angestrengt und nicht ganz so voll wie die seiner Mitstreiter.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Sehr angenehm fand ich Nadezhda Karyazina als Federica; leider gibt Verdi dieser Figur wenig Raum zur Entwicklung, was unter dramaturgischen Gesichtspunkten ebenso schade ist wie in diesem speziellen Fall unter musikalischen: Nadezhda Karyazina wunderschöner Altstimme hätte ich noch länger zuhören mögen. (Andererseits: Wer wollte schon Szenen wie die zwischen Lady Milford und dem Kammerdiener adäquat vertonen…)
      Die musikalische Leitung lag bei Alexander Joel, der Orchester und Chor sicher durch die emotionalen Ausbrüche führte; der Chor klang sehr ausgewogen und pointiert, war aber inszenierungsmäßig sonderbar angelegt: eigentlich wird ein Großteil der Chorstellen von den 'Dorfbewohnern' bestritten; das Gefolge des Grafen tritt eher selten in Erscheinung.
      In der Inszenierung von Andreas Homoki allerdings erscheint der Chor von Anfang an in einheitlich weißen Rokoko-Roben und ebensolchen Perücken auf – egal, in welcher Rolle er sich gerade befindet. Mit fortschreitender Handlung allerdings verfällt diese glanzvoll-unindividuelle Gesellschaft zusehends: erst werden einige Kostüme unansehnlich grau, dann scheinen sie an den Körpern zu vermodern, und zum Schluss ist nicht festzustellen, ob es sich nunmehr um die lange sich selbst überlassenen Insassen eines Irrenhauses handelt oder um eben aus dem Grab auferstandene Tote (die grässlich verunstalteten Gesichter lassen mich Letzteres vermuten).
      Auch die Kostüme der Solisten sind rätselhaft: natürlich kann / muss ein Graf sich auch in textiler Hinsicht von den übrigen abheben (und eine Herzogin sowieso), aber auch alle anderen tragen zwar nicht ganz so aufwendige, aber edel schimmernde Kleider – weil eigentlich doch alle Menschen gleich sind? Das Bühnenbild könnte toll sein: ein beweglicher Bühnenboden lässt die einzelnen Räume ineinander übergehen, während die Sänger sich in die entgegengesetzte Richtung bewegen (und dabei leider manchmal ein wenig ins Straucheln geraten...). Der technische Aufwand lohnt aber nicht unbedingt, weil die Räume alle mehr oder weniger gleich aussehen - ganz in hellem Grau gehalten und spärlichst möbliert -: ein Ohrensessel in Millers Wohnzimmer; ein eleganter Rokoko-Sessel in einem nicht näher definierten Raum; ein ähnlicher Sessel und ein langer, leerer Tisch im Schloss des Grafen. Lediglich ein paar sehr schöne riesige Gemälde und zuweilen leicht unmotivierte Lichtwechsel untermalen die jeweilige Szene.
      Dass auch in einem spärlichen Bühnenbild wunderbare Inszenierungen stattfinden können, wissen wir spätestens seit der frankfurter 'Così fan tutte' (da gibt es, wenn ich mich recht entsinne, nur zwei riesige Bodenkissen); aber genau das ist hier das Problem: eine Inszenierung findet nicht wirklich statt. Homoki stellt ein paar optisch eindrucksvolle Tableaus auf die Bühne, aber das war's dann auch. Vielleicht tue ich dem Regisseur ja Unrecht, aber das, was an Interaktion zwischen den Protagonisten stattfand, schien mir eher deren eigener Initiative zu entspringen als einem Regiekonzept. Schade eigentlich, aber nicht wirklich ärgerlich – es war halt eine hübsch bebilderte, aber musikalisch umso erfreulichere Aufführung.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      Roberto Frontalis Bariton klang ein wenig angestrengt und nicht ganz so voll
      Nicht nur da bin ich ja ganz Deiner Meinung - habe aber zu meiner Verwunderung feststellen müssen, dass in 3 der 4 vorigen Vorstellungen eben jener Roberto Frontali den Miller sang - und zwar mit einer warmen, balsamischen Stimme. Entweder war er am Sonnabend indisponiert oder er hat in den letzten 2 1/2 Jahren stark abgebaut. (Der Miller der Premiere war George Petean.)
    • Reingold schrieb:

      Asteria schrieb:

      Roberto Frontalis Bariton klang ein wenig angestrengt und nicht ganz so voll
      Nicht nur da bin ich ja ganz Deiner Meinung - habe aber zu meiner Verwunderung feststellen müssen, dass in 3 der 4 vorigen Vorstellungen eben jener Roberto Frontali den Miller sang - und zwar mit einer warmen, balsamischen Stimme. Entweder war er am Sonnabend indisponiert oder er hat in den letzten 2 1/2 Jahren stark abgebaut. (Der Miller der Premiere war George Petean.)
      Dann gehen wir bis zum Beweis des Gegenteils von einem schlechten Abend aus - du wirst es ja demnächst feststellen.
      ... Wunder warten bis zuletzt.
    • Asteria schrieb:

      Dass auch in einem spärlichen Bühnenbild wunderbare Inszenierungen stattfinden können, wissen wir spätestens seit der frankfurter 'Così fan tutte' (da gibt es, wenn ich mich recht entsinne, nur zwei riesige Bodenkissen);
      Gibt es nicht einen Stuhl für Despina? Ich erinnere mich so: mit Arztköfferchen auf dem Stuhl. Meine letzte Frankfurter Cosi ist aber schon lange her.
    • Joseph Calleja als Rodolfo und eine insgesamt viel versprechende Besetzung waren auch für mich der Grund zur Luisa nach Hamburg zu fahren. Insgesamt decken sich meine Eindrücke mit denen von Asteria. Nino Machaidze hatte ich schon im April als Luisa erlebt, fand sie am Samstag jedoch noch einmal deutlich stärker. Joseph Calleja hat alles wunderschön gesungen, aber ausgerechnet das von Asteria angesproche Finale des 1. Aktes fand ich grenzwertig. Da hat er sich festgesungen. Auch das Finale des 3. Aktes klang nicht komplett frei. Roberto Frontali habe ich vor Jahren mal als Miller in Berlin gehört. Er hat mich nie vom Hocker gerissen und ich habe gestaunt, dass er aktuell recht gut im Geschäft ist. Stimmlich konnte er mich daher nicht enttäuschen, darstellerisch fand ich ihn jedoch insgesamt gut.
    • Kurze Nachlese zur gestrigen Luisa Miller:
      Gleiche Besetzung wie am Sonnabend, mit Ausnahme der wiedergenesenen Ruzana Grigorian (Laura) aus dem Opernstudio, die "aufhorchen ließ".
      2 weitere Unterschiede zur vorigen Aufführung: Roberto Frontali gefiel mir deutlich besser, nicht so unsauber und angestrengt. Allerdings nicht so schön, wie ich ihn in Erinnerung hatte. (Dass mein Gedächtnis mir da einen Streich spielt, kann ja wohl eigentlich nicht sein, oder? :rolleyes: )
      Der 2. Unterschied war nicht so positiv: Vitalij Kowaljow wurde als stark erkältet angesagt. Das war leider auch deutlich zu hören. Trotzdem Respekt, wie er noch das beste daraus machte.