Die Tote Stadt - Komische Oper

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    • Lieber Eduard 19, vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung über die eigenen Eindrücke.
      Was die Lautstärke des Orchesters angeht bin ich der Meinung, dass zum einen die Komische Oper von den Abmessungen gerade des Orchestergrabens und des Zuschauerraums zu klein für das Werk ist und die Oper einfach von der Orchesterbesetzung überdimensioniert ist. Ich habe die Tote Stadt mehrfach an unterschiedliche Häusern unter unterschiedlichen Dirigenten gehört- und sie war für mein Empfinden immer zu laut. Das betrifft auch die früheren Aufführungen in der Deutschen Oper, selbst unter Thielemans, dem man ja sicher nicht unterstellen kann, er dirigiere ein Dauerforte und überdecke rücksichtslos die Sänger. Das fiel mir auch bei den Gezeichnete von Schreker auf, sowohl in der Staatsoper München, wie auch in Berlin und vor allem auch bei der Heliane in der DOB. Das könnte auch einer der Gründe sein, weshalb diese Opern einige Jahre so selten gespielt wurden, sie. müssen ja adäquat besetzt werden können und die großen Stimmen sind ja erst seit wenigen Jahren häufiger vertreten als noch vor 20 oder 30 Jahren. Inzwischen können ja mittlere Häuser den Ring aus größtenteils eigenen Kräften besetzt werden!

      Rubiks dürfte zudem zu Beginn seiner Aufgabe in der KOB etwas überambitioniert sein und vielleicht noch nicht das rechte Gefühl dafür entwickelt haben, was in einem Haus wie der KOB wirklich gut klingt oder akustisch zu problematisch ist. Ich war auch etwas überrascht, dass er für eines der nächsten Konzerte Bruckner VII angesetzt hat, hier dürfte dies eben Probleme zu erwarten sein.

      Biscain als Paul finde ich eigentlich immer noch eine passende Besetzung und respektiere, dass er sich nicht zur Brüllerei verleiten ließ. Er singt derzeit im Zwischenfach, sein Lohengrin ist hoch gelobt worden und ich glaube, dass er den Paul mit seinen stimmlichen Mitteln sehr vernünftig anlegt. Ein Vergleich mit Gould ist zwar möglich, aber das andere Ende der Fahnenstange.

      Von Jakubiak wird man kaum behaupten können, dass sie mit einer sehr schönen Stimme die Rolle anlegt, sie ist halt eher expressiv wie andere in vergleichbaren Rollen, wo ich gerne an Herlitzius erinnere, die in der überzeugenden Darstellung eigentlich immer überzeugt. Aber Jakubiak ist sehr spielfreudig und überzeugte mich in der Gesamtheit als Marinetta ebenso wie als Heliane. Mich hat nicht gestört und In der Gesamtheit fand ich es rollengerecht.

      Über die Inszenierung musste ich doch öfter nachdenken und finde sie gerade deshalb besser als übliche Konfektionsware. Ich fand es überzeugend, dass er die Oper eher als Kammerspiel anlegt mit einem Einheitsraum. Dass Paul psychisch krank ist, dürfte eigentlich Konsens sein und dem damaligen Geschmack des frühen 20. Jahrhunderts mit der Etablierung der Psychoanalyse und der Traumdeutung und der "Emanzipation" der Sexualität entsprechen. Ob er jetzt wirklich schwer depressiv ist wegen des Verlustes seiner Marie oder unter Umständen ein Triebtäter und vielleicht auch Massenmörder ist, ist eigentlich unerheblich. Gut finde ich, dass in der Regie ein doch von der üblichen Praxis abweichender Ansatz gewählt und wie ich finde schlüssig umgesetzt wurde. Dass der Paul so wenig agiert und so wenig an der Kommunikation mit seiner Umwelt teilnimmt unterstützt ja eher die von Carson gewählte Alternative. Kosky sprach im Zusammenhang mit der Neuproduktion von einem Hitchcock- Krimi, dem ich eigentlich zustimmen kann, weil die Äußerlichkeiten eigentlich unauffällig sind, und die Katastrophe sich im Inneren der Beteiligen abspielt. Und ganz unauffällig ist Marinette mit ihren ständigen Provokationen und der ständigen Aneignung von Äußerlichkeiten, die der Marie zuzuordnen sind (Schuhe, Kleider, Parfüm, Frisur) sicher auch nicht; sie rennt ja mit ihrem Verhalten regelrecht in die Katastrophe, und das wurde wie ich finde, sehr gut herausgearbeitet. Vielleicht werten wir bei der ständigen Reizüberflutung im Fernsehen und Theater/ Oper immer den großen Knaller und übersehen dabei die langsam schleichend näher kommenden Katastrophen. Der her ist die Inszenierung sehr subtil.

      Die Arlaud- Inszenierung fand ich damals auch sehr gut, sie war eher surrealistisch angelegt, was das Stück sehr gut vertragen hat, und über die musikalische Seite der damaligen Aufführungen dürfte Einvernehmen bestehen.

      In der Summe habe ich die Ausgabe für das Ticket sicher nicht bereut!
    • Ich war in der Vorstellung am 31.10.2018. Sicher war mein Platz unweit der in den Saal versetzten Harfen nicht ideal. So gab es nicht nur vom Orchester was auf die Ohren, sondern auch von den beiden Harfen, die quasi im Dauereinsatz waren. Insofern verbietet sich eine Beurteilung des Dirigenten und des Orchesters, auch wenn ich die kritische Sichtweise teile. Gesanglich fand ich die Aufführung durchwachsen, aber auch damals unter Thielemann wurde, für mich unverständlicherweise, viel an den Sängern rumgemäkelt, so auch an Gould. So hat sich der Besuch fast mehr wegen der Inszenierung gelohnt, auch wenn auch diese nicht dem Werk die Längen des zweiten Bildes genommen hat.
    • parlando schrieb:




      Über die Inszenierung musste ich doch öfter nachdenken und finde sie gerade deshalb besser als übliche Konfektionsware.
      Was ist denn in der Oper heute die "übliche Konfektionsware"? Sinnlose Videoproduktionen, kein Verstand für das Führen von Sängern, Chor und Statisten, kein Verständnis vom Text und das Sichergießen in der Bearbeitung eigener Traumata? Ich muss da mal nachhaken, weil gerade Werke, die plötzlich zu Kammerspielen werden, vermuten lassen, dass es sich da dann doch um Konfektionsware handelt - alleine schon, weil Einheitsbühnenbilder billiger sind ;)
    • Es geht darum, dass nicht die übliche Geschichte vom passiv trauernden und vereinsamten Witwer erarbeitet wurde, sondern von einem psychisch Kranken oder vielleicht Psychopathen, der sich über sehr lange Zeit kontrollieren kann, deshalb kaum auffällt, und aus irgend einem Anlass die Kontrolle verliert. Was im Vorfeld geschah ist unbekannt und bleibt in den gängigen Inszenierungen meist im Ungefähren. Dass Paul auch ein Wiederholungstäter oder vielleicht sogar Massenmörder sein könnte, habe ich in den bisherigen Inszenierungen so nicht vermittelt gesehen, auch nicht in der letzten so hoch gelobten Dresdner Inszenierung. Dass Paul so bewegungsarm und passiv dargestellt wurde entspricht doch der Logik des Regieansatzes. Man muss das keinesfalls mögen oder gut finden. Mich hat das überzeugt und ich fand das spannend. Um die Bearbeitung eigener Traumata ging es sicher nicht!
      Ich erinnere mich auch daran, dass Paul zu Beginn mit denm Rücken zu den Zuschauern an der Bühnenrampe stand und erst nach Auftritt Franks der Portalschleier hochgezogen wurde und Paul in das Zimmer eintrat. Es blieb ein Einheitsraum, auch wenn sich die Wände nach hinten und zur Seite verschoben. Was wissen wir, welches Kopfkino sich in Pauls Kopf abspielte. Mit Kostenersparniss hatte das sicher nichts zu tun.
    • parlando schrieb:

      sie müssen ja adäquat besetzt werden können und die großen Stimmen sind ja erst seit wenigen Jahren häufiger vertreten als noch vor 20 oder 30 Jahren.
      Häufig verrteten waren sie nicht, aber immerhin hat kein Geringerer als René Kollo den Paul gesungen. Es gibt eine Aufnahme mit Carol Neblett unter Erich Leinsdorf.

      youtube.com/watch?v=wRrLvKVF2ME

      Und Joseph Schmidt hat "Glück, das mir verblieb" aufgenommen.
    • Hat Kollo den Paul nicht nur im Studio gesungen? Stimmlich lag ihm das sicher gut in der Kehle.
      Was die großen Stimmen angeht: Wie wurde über Kollo gelästert, als er 1977 den Siegfried in Bayreuth übernahm, so nach dem Motto, der Dampfhammer bei den Schmiedeliedern sei Kollo zu liebe hingestellt worden, damit er sich körperlich schonen könne, der einzige Grund der damaligen Besetzung sei der 2. Akt gewesen und im 3. Akt habe man ihn gar nicht gehört usw. usf. In Berlin musste man sich für den Siegfried mit Hans Beirer zufrieden geben, an der Seite von
      C. Ligendza. Das war eine ganze Zeit lang nicht einfach mit den adäquaten Besetzungen! Und James King hatte nur Lohengrin und Siegmund gesungen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von parlando ()

    • parlando schrieb:

      Und James King hatte nur Lohengrin und Siegmund gesungen
      Und wie ich vorhin von einem Bekannten hörte, den Paul an der Deutschen Oper. Mit Karen Armstrong. Die Produktion wurde dann später von Wien übernommen.

      parlando schrieb:

      Hat Kollo den Paul nicht nur im Studio gesungen?
      Jetzt verwirren Sie mich. Ich war mir fast sicher, er hätte das live gesungen. Wie man sich oben überzeugen kann, lag ihm das hervorragend in der Kehle.
      So eine ähnliche Geschichte von einer "Siegfried"- Vorstellung in München kenne ich auch. In München wurde ja kaum gebuht, aber einmal, nach der Schmiede-Szene bekam er welche. Es wurde gesagt, daß wäre keine Schmiede-, sondern eine Feinmechaniker-Szene gewesen. Kollo blieb völlig ungerührt. Und ab da drehte er auf und war am Schluß voll da. Um dann vom Publikum gefeiert zu werden.....Da hat er bärenstarke Nerven bewiesen.
      Ich weiß, daß auch hier in diesem Forum über Kollo viel gelästert wird. Aber als ich Kollo das erste Mal hörte, war ich schlicht begeistert. Endlich mal ein Wagner-Tenor, der belcantesk sang und nicht meinte, brüllen zu müssen. Auch sein Spiel fand ich immer grandios. Was war er für ein toller Stolzing!
      Eine nette Geschichte habe ich bei einem Arien-Abend erlebt: Er sang fast nur Wagner. Da unterhielten sich in der Pause zwei Damen miteinander. Die eine zur anderen (Achtung, jetzt wird's bayrisch): "Eigentlich hab' i g'moant, des wär heut a bunter Abend mit eam. Aber des is ja a ganz a schware (=schwere) Musi" ;)
    • Ich kann mich noch an die damalige Premiere erinnern: als Marietta nach langem hin und her erdrosselt wurde, brüllte jemand vom 2. Rang laut und vernehmlich "endlich"!

      Zurück zu Kollo: der hatte es in Bayreuth am Anfang wirklich schwer; bei seinem Steuermann wurde über den Schlagersänger im Festspielhaus gelästert, mit Lohengrin kehrte dann etwas Ruhe ein, der Volkszorn der Altwagnerianer in Bayreuth entlud sich erneut, als entdeckt wurde, dass Kollo bei der Abendmahl- Szene des ersten Aktes Parsifal gedoubelt wurde: Während man unten "nimm hin mein Blut" zelebrierte, lehne Kollo angeblich im Fenster seiner Garderobe und rauchte eine Zigarette, was natürlich bei der Prozession der Alt-Wagnerianer um das Festspielhaus gesehen wurde. Ein großer Teil der Ablehnung gegen den Chereau- Ring entlud sich auch unberechtigt über Kollo und Jones , die auch ihre gesanglichen interpretatorischen Freiheiten pflegte.Damals war richtig Zunder in der Bude, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.
    • parlando schrieb:

      dass Kollo bei der Abendmahl- Szene des ersten Aktes Parsifal gedoubelt wurde: Während man unten "nimm hin mein Blut" zelebrierte, lehne Kollo angeblich im Fenster seiner Garderobe und rauchte eine Zigarette
      Auch in München verdrückte sich Kollo bei dieser Szene immer klammheimlich. Daß er gedoubelt wurde, kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube nicht. Eine Weile stand er noch am Rand und dann war er einfach weg.
    • ira schrieb:

      parlando schrieb:

      dass Kollo bei der Abendmahl- Szene des ersten Aktes Parsifal gedoubelt wurde: Während man unten "nimm hin mein Blut" zelebrierte, lehne Kollo angeblich im Fenster seiner Garderobe und rauchte eine Zigarette
      Auch in München verdrückte sich Kollo bei dieser Szene immer klammheimlich. Daß er gedoubelt wurde, kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube nicht. Eine Weile stand er noch am Rand und dann war er einfach weg.
      Lauritz Melchior pflegte da auch immer in die Kantine zu marschieren und sich zwei Bier zu genehmigen, ehe er für die Szene mit Gurnemanz zurückkehrte...
      "Ich frage mich ernsthaft, was für ein Rattenloch eine Partei oder Franktion eigentlich sein kann" (A. Poggenburg, AfD, übr seine eigene Partei)
    • Ich habe parlando so verstanden, daß es ihm mit Siegmund und Lohengrin um Bayreuth ging.

      Eduard19 schrieb:

      Er hat auch den Bacchus in Salzburg gesungen.
      Er hat auch viel in München gesungen. Ich habe die einzelnen Partien nicht mehr im Kopf, meine aber auch, daß Bacchus dabei war. Und Florestan. Und anfangs Italienisches und Französisches wie Don José (damit habe ich ihn gehört).
    • 28.06.2019

      Die letzte Aufführung in der Spielzeit der Premiere war für mich eine angenehme Überraschung. Sowohl die Inszenierung als auch die Besetzung haben mir viel besser als bei meinem Besuch im Herbst gefallen. Damals bin ich mit Ales Briscein nicht richtig warm geworden, am Freitag fand ich ihn ausgezeichnet, auch wenn die Stimme nicht unbedingt meiner Idealvorstellung für den Paul entspricht. Er zeigte auch keinerlei Ermüdungserscheinungen und passte hervorragend in die Inszenierung. Sein Tenor ist zwar schmal, aber sehr robust. In Prag singt er u.a. den Lohengrin. Auch das Dirigat Rubikis hat mir gefallen. Ich finde es bemerkenswert, dass ich in den vergangenen Tagen in der Komischen Oper zwei Werke hervorragend aufgeführt erlebt habe, die eigentlich eher in die DOB oder Staatsoper gehören. Sehr erfreulich war auch die Leistung des Orchesters.