Arnold Schönbergs Moses und Aron wieder in DD

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    • Arnold Schönbergs Moses und Aron wieder in DD

      Die legendäre DDR-Erstaufführung des Schönbergschen Opernfragments mit der Regie von Harry Kupfer vom Jahre 1975 im damaligen „Großen Haus“ der Staatstheater Dresden mit Werner Haseleu als Moses und Reiner Goldberg als Aron wurde damals von einigen Kritikern und Kulturpolitikern trotz seiner internationalen Beachtung als formalistisch und dekadent beurteilt.

      Derzeit würde diese Inszenierung eher als konservativ durchgehen, obwohl Kupfer das Werk als eine Orgie der Götzenverehrung mit Selbstaufopferung, Mord und durchaus auch sexualisiert interpretiert hatte.

      Kupfers Inszenierung war nach seiner Aussage nicht als Feier des Religiösen gedacht, sondern als eine intensive Auseinandersetzung mit der Situation eines Volkes konzipiert, das nicht weiß, was es von denen halten soll, die die Richtung vorgeben.

      Damit wäre seine Arbeit auch im Jahre 2018 im hohen Maße aktuell.

      Arnold Schönbergs Intensionen, die ihn zu diesem Stoff führten, sind möglicherweise in der zunehmenden gesellschaftlichen Totalisierung der Zeit um 1930 zu suchen, die ihn schrittweise zu seinem alten Glauben zurückführte, den er als junger Mann in Richtung des Protestantismus verlassen hatte.

      Mit der Oper forcierte Schönberg die Konfrontation eines Bruderpaars, von denen der eine denken, aber nicht sprechen und der andere sprechen, aber nicht denken kann. Möglicherweise hat er sich von den Freud’schen „Bildern von Masse und Macht“ als Charakterisierung des mosaischen Monotheismus leiten lassen:“ Gott braucht Moses und Moses braucht Aron- er soll dessen Mund sein.“

      Deshalb stattet Schönberg den Aron mit einer zum Teil belcantischen Tenorpartie aus. Die Moses-Partie hingegen ist, entgegen jeder Konvention, als tiefe Sprechstimme ausgelegt.

      Damit kommunizieren beide grandios aneinander vorbei, so dass die Sache nicht gut ausgehen kann.

      Eigentlich käme der Kupfer´schen Deutung des Werkes gleichsam als aktuelle Warnung an die Gesellschaft höchste Bedeutungzu: Mit was für Mandaten leitet, wer und mit was für Beweggründen die gesellschaftlichen Entwicklungen.

      Aber die Intendanz hatte für die Regie des herausfordernden Schlüsselwerks des Musiktheaters den katalanischen „bösen Buben“ Calixto Bieito nach Dresden berufen.

      Das Haus stellt am kommenden Samstag die Inszenierung des Calixto Bieito mit John Tomlinson als Moses und Lance Ryan als Aron erstmals der Öffentlichkeit vor.

      Alan Gilbert hat die Musikalische Leitung übernommen. Der Chor wurde von Jörn Hinnerk Andresen vorbereitet.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von thomathi ()

    • Zur Premiere von "Moses und Aron"


      Die Rückkehr des Opernfragment „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg in das Dresdner Opernrepertoir war für mich ein Ereignis. Insbesondere die erneute Begegnung mit der Zwölfton-Musik war für mich wichtig, nachdem ich doch auch meine Zeit benötigt hatte, mir die Fasslichkeit dieser Musikform zu erschließen.

      Schon dank dieser eigenen Erfahrung kann ich niemandem verübeln, wenn er mit den 12-Ton-Reihen nicht, oder noch nicht zurechtkommt und dieser Musik skeptisch begegnet.

      Die Handlung des Fragments dürfte weitgehend bekannt sein: Die Brüder Moses und Aron streiten um die Führung des Volkes. Mosesdenkt, Aron handelt. Logischerweise ist das Chor-Volk auf Arons Seite, er ist einer der ihren.

      Deshalb hatte Schönberg dem Moses, hier der legendäre Sir John Tomlinson mit einer Glanzleistung, seinen Text nur deklamieren lassen, während Aron mit dem schönen Tenor des Lance Ryan ausgestattet war.

      Dazu ein riesiger Chor. Mal Sprechchor, hervorragend singend, oder eben als ein stummer Bewegungschor,gewissermaßen als die dritte Kraft.

      Dazu ein achtstimmig aufgesplitteter Doppelchor aus den Proszeniumslogen singend und dank Audio-Technik gleichsam von Überall zu hören.

      Vor allem aber ein mit dem Dirigat von Alan Gilbert großartig musizierendes Orchester.

      Das gesamte Bühnengeschehen war in ein Beton-U eingezwängt mit einer schiefen Ebene als Abschluss zur Hinterbühne.
      Der erste Akt begann nach der Art eines Kammerspiels

      Moses präsentierte sich hemdsärmelig, während Aron im korrekten Straßenanzug mit Krawatte und Einstecktuch agierte.

      Warum er dabeibarfuß auf der Bühne herumspringen musste und auch der Auftritt des Mannes mit der Ziege wird sich mir hoffentlich beim zweiten Besuch der Inszenierung erschließen.

      Mit dem Auftritt des Chores als dritte Kraft nahm die Inszenierung Fahrt auf. Der Chor bot aber eben nicht die dialektische Synthese der beiden Meinungen, sondern erwies sichals wankelmütige und beeinflussbare Masse, die ihren Gott sehen und erleben möchte.

      Im zweiten Aufzug, Moses ist auf dem Berg scheinbar verschwunden, so dass Aron nur mit einem greifbaren goldenen Abbild des vermeintlichen Gottes, sowie Wunderheilungen und Menschenopfern die aufgebrachte Menge beruhigen kann. Er gesteht dem Volk sein Gottesbild zu, fasslich, sichtbar und alltäglich.

      Auf den Betonkörper mit der inzwischen aufgestellten Rückwand werden erste 0101-Symbole projiziert, die sich vervielfachen und bald die gesamte Fläche einnehmen. Dazu das Schriftbild „BE GOD“.

      Bald lösen komplexe Dateienalgorithmen in rasender Abfolge die noch fassbaren LOLO-Gruppen ab.

      An das Volk werden, obwohl noch die in Folie gehüllten Körper der Menschenopfer auf der Szene liegen, virtuelle Brillen verteilt, welche den Trägern, die Rückprojektion lässt den Schluss zu, unsere schöne Konsumenten-Welt vorgaukeln.

      Mit diesen Szenen manifestiert Calixto Bieito seine Zweifelam Heilsversprechen der rasanten Entwicklung der Informationstechnik, der Biotechnik sowie den Entwicklungen der künstlichen Intelligenz und warnt vor der überschäumenden Macht großer Technologie- und Informationskonzerne, bot aber brillante Kostproben seiner Kunst der Personenführung

      Inzwischen kommt Moses vom Berg der Offenbarung und macht dem Spuk ein Ende. Die Enttäuschten fliehen.

      Zum Ende des zweiten Akteskommt es in der Auseinandersetzung der Brüder, im Wettstreit zwischen Gedanken und Bildern, zu einerPatt-Situation.

      Die Inszenierung bricht regelrecht in sich zusammen.

      Mit diesem, dem auskomponierten Teil der Arbeit Arnold Schönbergs endet die Vorstellung, hatte aber einen exzellenten Spanungsbogen vom Beginn bis zum Schluss. .

      Mit der überlieferten Textfassung des dritten Aktes löst Schönberg aber das Unentschieden letztlich auch nur unbefriedigend.

      Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass Arnold Schönberg letztlich gar nicht die Absicht gehabt hat, sein „Fragment“ abzuschließen. In einem Brief vom 15. März 1933 berichtete er dem Schriftsteller Walter Eidlitz von seinen Problemen bei der Schlussgestaltung der Oper. Selbst mit der 4. Überarbeitung des Textes habe er sich nur zögernd zum Tod Arons entscheiden können.

      Heftiger und langanhaltender Beifall belohnt die Akteure und das Inszenierungsteam.

      Besondere Bewunderung für Sir John Tomlinson, Lance Ryan und Alan Gilbert.

      Die weiteren elf Solopartien wurden fast ausschließlich von Mitgliedern des Hausensembles bzw. des Jungen Ensembles achtbar bestritten. Lediglich Katarina von Bennigsenund Magnus Piontek waren als Gastsolisten tätig.

      Eine besondere Entdeckung: TahneeNiboro vom jungen Ensemble

      Der uns als rebellisch und unberechenbar angekündigte Calixto Bieito hat sich mit dieser Arbeit als ein zeitkritischer, nachdenklicherund besorgter Zeitgenosse offenbart.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von thomathi ()

    • Noch ein paar Ergänzungen von meiner Seite:
      Auch ich fand den Einstand des neuen Intendanten gelungen und die Entscheidung für Moses und Aron sowohl mutig als auch sehr aktuell, da es im Wesentlichen um das Problem der Verführbarkeit von Massen geht.
      Für Tomathi, der sich schon sehr umfassend zum Abend geäußert hat, der Hinweis, dass es sich bei der angesprochenen Ziege um einen Ziegenbock gehandelt hat, dem die Sünden des Volkes Israel symbolisch aufgeladen wurden, daher der Begriff des "Sündenbocks", als Ausgangspunkt für die nachfolgende Handlung sicher nicht unerheblich.
      Auch das Tragen bzw. Ausziehen von Schuhen ist von Bedeutung, Moses wurde am "brennenden Busch" aufgefordert seine Schuhe auszuziehen, weil der Boden, auf dem er stünde, heilig sei.
      Das Problem des " Tanzes um das goldene Kalb" wurde aus meiner Sicht sehr elegant gelöst, da dem Volk (optisch mittels der Kostüme Vertreter aller Klassen, sofern diese äußerlich erkennbar gemacht werden können): Von Aron wurden alle mit Cyber-Brillen ausgestattet, das Kalb als solches wurde daher nicht visualisiert, sondern blieb der Phantasie der Zuschauer vorbehalten, es ist allerdings davon auszugehen, dass dort "anzügliches " eingespielt wurde, da Teile des Volkes begannen sich auszuziehen und gezielt Kontakte mit Umstehenden aufzunehmen, so zog sich Aron mit einer mit einer Nackten unter einer Plastikfolie zurück, was ich sehr gelungen fand, weil sich jeder vorstellen konnte, was sich darunter abspielte, ohne das open air auszutragen, das war sehr viel subtiler aber desto deutlicher!
      Musikalisch blieben keine Wünsche offen, von dieser Seite ein voller Erfolg. Hervorzuheben ist natürlich der Chor und das Orchester einschließlich der Leitungen, weil alle Herausforderungen aus meiner Sicht optimal bewältigt wurden.
      Die Regie von Bieieto empfand ich sehr gelungen, keine überflüssigen Mätzchen oder Provokationen, sehr gute Führung des Chors, der fast die gesamte Zeit präsent ist.
      Am Ende verdienter großer Beifall für alle, ohne eine einzige Missfallenskundgebung.
    • parlando schrieb:


      Für Tomathi, der sich schon sehr umfassend zum Abend geäußert hat, der Hinweis, dass es sich bei der angesprochenen Ziege um einen Ziegenbock gehandelt hat, dem die Sünden des Volkes Israel symbolisch aufgeladen wurden, daher der Begriff des "Sündenbocks", als Ausgangspunkt für die nachfolgende Handlung sicher nicht unerheblich.
      Auch das Tragen bzw. Ausziehen von Schuhen ist von Bedeutung, Moses wurde am "brennenden Busch" aufgefordert seine Schuhe auszuziehen, weil der Boden, auf dem er stünde, heilig sei.
      Danke für den Nachhilfeunterricht.
    • thomathi schrieb:

      Schon dank dieser eigenen Erfahrung kann ich niemandem verübeln, wenn er mit den 12-Ton-Reihen nicht, oder noch nicht zurechtkommt und dieser Musik skeptisch begegnet.
      Die es in der Semperoper vor noch nicht allzu langer Zeit (als meine Jungfrauaktien noch besser standen...) auch schon mit der Lulu gab.

      thomathi schrieb:

      An das Volk werden, obwohl noch die in Folie gehüllten Körper der Menschenopfer auf der Szene liegen, virtuelle Brillen verteilt, welche den Trägern, die Rückprojektion lässt den Schluss zu, unsere schöne Konsumenten-Welt vorgaukeln.
      Bzw. halt die „digitale Welt“. Also das, was man vereinfachend auch als „das Internet“ umschreiben kann. Wenn man weiß, was da so abgeht, dann erscheint die gezeigte Deutung als schlüssig, ja geradezu zwingend.

      Das ist übrigens keine Rückprojektion, sondern kommt aus dem Fenster hinter den Dienstplätzen über der Königsloge. Auch schon die Anleuchtung des Eisernen Vorhangs beim Einlaß.

      thomathi schrieb:

      Eine besondere Entdeckung: TahneeNiboro vom jungen Ensemble
      Kam vor einem Jahr direkt vom Studium. Wenn man damals den Namen gegoogelt hatte, waren die Fotos von der Abschiedsfeier in der Schule fast noch der erste Treffer. Man kann zu der Leistung also hinzufügen: Jetzt schon.

      thomathi schrieb:

      Der uns als rebellisch und unberechenbar angekündigte Calixto Bieito hat sich mit dieser Arbeit als ein zeitkritischer, nachdenklicherund besorgter Zeitgenosse offenbart.
      Scheint so, als hätte sich seit Sonnabend in Dresden herumgesprochen, daß die Inszenierung doch überhaupt nicht so schlimm ist, wie es aus der reaktionären Ecke in Aussicht gestellt worden war. Vorhin standen sie an der Abendkasse bis raus auf dem Theaterplatz und der Saal war dann doch nicht so leer, wie das noch vor ein paar Tagen zu befürchten war.

      Es gab dazu noch den Hinweis, die Freunde der Werktreue mögen doch mal schauen, was hier im Libretto so alles an Regieanweisungen steht. Wenn das einer so auf der Bühne zeigen würde, wäre aber der Skandal perfekt. Die Inszenierung des ach so schlimmen Skandalregisseurs war da deutlich entschärft.
    • Symposium "Moses und Aron"



      Zu einem interessanten Symposium zu Schönbergs „Moses und Aron“ hatten Professor Hiekel von der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber und der Dramaturg Kai Weßler von der Semperoper, die Bieito-Inszenierung gewissermaßen begleitend, am 3. Oktober in Semper Zwei eingeladen.

      Der Professor Hiekel referierte zum Auftakt über die Faszinationskraft von Zwölfton-Opern.

      Warum Schönbergs Komposition ungerechterweise noch immer als Fragment bezeichnet wird, die Aufführungspraxis aber beweist, dass Schönberg aber mit den zwei Akten ein geschlossenes Werk vorgelegt hat, erläuterte Professor Mösch aus Karlsruhe. Letztlich wollte er kein biblisches Drama vorlegen, sondern mit dem ästhetischem Wagnis sich eine möglichst weitgehende Selbstgewissheit verschaffen . In Moses Zorn und Arons Phlegma am Schluss des zweiten Aktes sei letztlich das gemeinsame Scheitern zu finden.

      Der Jude Schönberg sei ohnehin der Meinung gewesen, dass die Implementierung eines jüdischen Staates inmitten muslimischer Gebiete in Palästina ein Wagnis ist und das Gebiet von Uganda in der Mitte Afrikas geeigneter gewesen wäre.

      Einen breiten Raum nahmen Erläuterungen mit Musik,- Text-, und Partitur-Beispielen zu Quellen ein, die Schönberg anregt hatten. So unter anderem das Moses-Oratorium von Max Bruch und die Sprechchor-Bewegung der 1920er Jahre, von den Professoren Meyer-Kalkus aus Potsdam und Stephan Mösch belegt. Der Dramaturg Sergio Morabito, seit 25 Jahren in Stuttgart tätig und ab 2020 als Chefdramaturg an die Wiener Staatsoper berufen, erzählte von seiner Arbeit an der Stuttgarter Inszenierung.

      Aus den Archiven hatte der Dresdner Professor Hermann eine Rekonstruktion von Vorgeschichte, der Arbeit an der legendären Kupfer-Inszenierung von 1975 und deren Wirkung auf Publikum sowie der nationalen bzw. internationalen Resonanz versucht.

      Seine Quellen ergeben, dass es vor allem der damalige Dramaturg Eberhard Schmidt war, der das Projekt forcierte und Harry Kupfer für diese Arbeit begeisterte.

      Die vorgestellten Musikbeispiele waren der späteren Leipziger Inszenierung, allerdings mit den identischen Darstellern der Titelrollen, entnommen.

      Die kritischen Stimmen, warum im sozialistischen Kunstbetrieb ein religiöses Stück eines kaumbeachteten Zwölftöners aufgeführt werden sollte, bezogen sich ausschließlich auf die Zeit vor der Premiere.

      Nach der DDR-Uraufführung mit Werner Haseleu und Reiner Goldberg in den Titelrollen erschien im Zentralorgan der Partei eine begeistere Kritik, der, dem Zug der Zeit entsprechen die Bezirks-Zeitungen folgten.

      Nach dem Erfolg der ersten Aufführungen wurde die Inszenierung auch für die damals üblichen „Brigade-Anrechte“ geöffnet, so dass es bis 1979 zu 39 Aufführungen einschließlich vieler Diskussionen mit den Besuchergruppen kommen konnte.

      Ergänzend wurde erläutert, dass die DDR-Kulturpolitik im Scheitern der Protagonisten eine Parallele zum Ausbleiben einer Einheitsfront von SPD und KPD in der Zeit 1932/33 gesehen worden war, was dem deutschen Volk möglicherweise die zwölf dunkelsten Jahre seiner Geschichte hätte ersparen können.

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