München Repertoire 2018/19

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    • sie ist auf jeden Fall russische Staatsbürgerin; fand sie in einer der ersten beiden Aufführungen (mit Petean als Germont) sehr überzeugend; weniger Koloratursopranistin (das war teilweise etwas freestyle), mehr lyrische Sopranistin, mit einer richtig großen runden und warmen Stimme; Breslik und Petean waren auch sehr stark. Ein guter Auftakt der Verdi-Wochen (Trovatore, Rigoletto und Vespri folgen noch vor dem Otello)
    • Ich war völlig überrascht von den Buhs, bei beiden. Vielleicht jemand, der zuviel CD gehört hat und dann enttäuscht ist, dass live die Stimmen nicht so locker über das Orchester gehen.

      Ich fand Russell Thomas sehr gut. Es ist ja nicht so, dass die Manricos auf den Bäumen wachsen. Kaufmann wird die Rolle wohl eher nicht mehr singen, und sie war auch nie einer seiner besten Rollen. Calleja geht auch nur langsam in die schwereren Rollen. In der letzten Serie an der BSO hat Yonghoon Lee gesungen. Im Gegensatz zu dem hat Russell Thomas wirklich eine gute Technik, schönes Legato, gute Mezza Voce, er phrasiert auch sehr schön und musikalisch und hat eine beachtlich große und resonante Stimme, die vielleicht nicht den ganz großen Schmelz hat, aber für meinen Geschmack durchaus schön ist. Sein Timbre erinnert mich etwas an Ben Heppner. Man muss doch dankbar sein, wenn es in diesem Fach einen jungen Tenor mit Stimme und guter Technik gibt.

      Sehr stark fand ich Jamie Barton. Das hat absolut Star-Potential. Was für eine schöne Mezzo-Stimme, dazu mit herrlich dunkler Tiefe. Ich musste immer wieder an Marylin Horne denken. Aber sie hat nicht nur Stimme, sondern Jamie Barton ist auch sehr musikalisch und ausdrucksvoll, die Kontrolle, die Bandbreite an Farben, das Legato, das dynamische Spektrum, die Ausgeglichenheit der Stimme über den ganzen Umfang und die technische Reife, das alles ist beeindruckend. Vielleicht ist die Azucena noch eine Grenzpartie für sie, aber sie singt sie absolut souverän und ungefährdet. Im Belcanto-Fach dürfte sie aber derzeit noch besser sein.

      Hervorragend - wie immer, möchte man sagen - Krassimira Stoyanova! Sie hat sich eine wunderbare Flexibilität und Feinheit in der Stimme bewahrt. Als Leonora finde ich sie ziemlich ideal. Sie wird eigentich allen Aspekten der Rolle wunderbar gerecht, kann die verziehrten Passagen nach wie vor mit großer Leichtigkeit singen, sie kann feine, lyrische Belcanto-Bögen spinnen, kann die Stimme fast bis ins Nichts zurücknehmen, der Ton-Ansatz ist unheimlich fein und präzise, aber sie wird auch den dramatischen Anforderungen der Partie gerecht, auch wenn ihr zumindest in dem Punkt Netrebko und Harteros sicher überlegen sind. Das ist schon die ganz hohe Schule der Gesangskunst, die Krassimira Stoyanova bietet. Es wundert mich, dass sie nicht mehr Belcano-Rollen singt.

      Den meisten Applaus bekam aber wohl Igor Golovatenko als Luna. Für mich nicht ganz nachvollziehbar. Klar, er hat eine sehr starke und auch gut geführte Stimme, die in der Tiefe begrenzt, in der Höhe aber bombensicher ist. Er klingt im Forte fast wie ein Tenor, recht hell und stählern. Allerdings war er von den vier Hauptprotagonisten für mich der am wenigsten Subtile. Zwischentöne oder feine Pianobögen sind nicht so seine Sache. Er hat die Rolle schon sehr souverän drauf, aber ich denke, das er im russischen Fach noch besser ist als bei Verdi.

      Fast eine Luxus-Besetzung war Kwangchul Youn als sehr stimmstarker, imposanter Ferrando. Nicht zu vergessen Selene Zanetti als Ines und Dean Power als Ruiz - die Sänger aus dem Ensemble können sich wie fast immer mehr als hören lassen.

      Das Staatsorchester unter Asher Fisch war auch durchaus erfreulich unterwegs. Ich habe Asher Fisch oft kritisiert, und nach wie vor finde ich seinen Verdi zu weichgezeichnet. Die Rhythmen nicht immer ganz präzise, der Klang oft etwas zu abgedunkelt, im Lauten etwas undifferziert und nicht sehnig genug. Manchmal auch die Tempi etwas gedehnt und das Rubato etwas zu viel. Aber er hat den Laden jederzeit im Griff, dirigiert sängerfreundlich und umsichtig, das war für eine Repertoire-Vorstellung sehr ok. Für mich vielleicht sein bisher bestes Verdi-Dirigat an der BSO.

      Eine (überraschend) gute Repertoirevorstellung! Das macht Lust auf mehr :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ulisse ()

    • ulisse schrieb:

      Russell Thomas
      Ich hörte ihn noch nicht auf der Bühne, aber alles was youtube bietet, gefällt mir sehr gut. Vielleicht hat er nicht die "Strahle"-Stimme, aber er hat eine wunderbar "runde" Tiefe und die Höhe ist makellos. Wie gesagt, live kann ich ihn nicht -noch nicht- beurteilen. Er sing im Juni an der DOB den "Otello", das ist für mich ein Muss!

      ulisse schrieb:

      Sein Timbre erinnert mich etwas an Ben Heppner. Man muss doch dankbar sein, wenn es in diesem Fach einen jungen Tenor mit Stimme und guter Technik gibt.
      An Ben Heppner dachte ich auch bei dem, was ich hörte. Und was das andere betrifft: Ja, dafür muß man dankbar sein. Es gibt leider auch viele Tenorstimmen, die man lieber nicht hören möchte ;( Ihr Bericht ist alles in allem sehr interessant und fundiert und besonders was R. Thomas betrifft, wächst bei mir die Vorfreude auf seinen "Otello".
      Carpe Diem

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Eduard19 ()

    • Ich hatte auch vorher ein bisschen YouTube geschaut. Der gute Eindruck hat sich live für mich voll bestätigt. Eine wirklich große Stimme, die ohne Forcieren gut über das Orchester geht. Dazu eine sehr gute und sichere Höhe. Und er hat die technischen Mittel und die Musikalität, um differenziert zu gestalten, was er auch macht. Ich könnte ihn mir auch im deutschen Fach sehr gut vorstellen, z.B. als Stolzing oder Tannhäuser (den er ja wohl bald angehen will). Auch einige Strauss-Rollen wie Kaiser oder Bacchus müssten ihm gut liegen. Er wirkt technisch sehr gefestigt.
    • Am 17.3.2016 durfte ich schon einmal über eine Repertoirevorstellung von Il Trovatore berichten. Die Rezension damals schloss ich mit den Worten "Hoffentlich nächstes Mal wieder mit besserer Besetzung". Nun, diese Hoffnung hat sich bei diesem so schwer zu besetzenden Werk wenigstens teilweise erfüllt. Mit Krassimira Stoyanova als Leonora wurde eine der Besten ihres Fachs gefunden, ein echter Star, und sie hat wieder einmal gezeigt, dass sie nicht umsonst als eine der besten Sopranstimmen der Welt bezeichnet wird. Verdi verlangt von der Troubadour-Leonore eigentlich unmögliches: dramatische Ausbrüche, lange Belcanto-Kantilenen, aber auch leicht und locker perlende Koloraturen. Das alles beherrscht Krassimira Stoyanova. Die langen Kantilenen, z. B. in „Tacea la notte“, baut sie auf einer sicheren, dunklen Mittellage auf, aus der sich die Stimme bis in die höchsten Register schwingen kann. Nie wird die Stimme schrill, sie setzt hohe Töne in feinstem Pianissimo an und lässt sie dann wunderbar aufblühen. Die Arie „D’amor sull’ali rosee“ war zum Niederknien. Und doch gab es nach der Cabaletta zu dieser Arie einen Buh-Rufer. Unverständlich.

      Mit Russel Thomas als Manrico hat sie einen Partner an ihrer Seite, der seine metallischen die hohen Töne ebenfalls aus einer dunklen, kräftigen Mittellage aufbauen kann. Noch dazu gestaltet er ebenfalls mit viel Musikalität und Mut zum Piano, bei dem ihm die Stimme, manchmal etwas eng wird. Bei der berühmten Stretta setzt er alles auf eine Karte: der hohe Ton am Ende entgleitet ein wenig, was den besagten Buh-Schreier auf den Plan ruft, der allerdings vom Rest des Publikums zum Schweigen gebracht wird. Beim Solo-Vorhang am Ende nochmal ein Buh, Thomas reagiert sehr souverän indem er ihm Kusshändchen zuwirft. Am eindrucksvollsten war Thomas in den Ensembleszenen, die er mühelos überstrahlte.

      Ebenfalls auf der Haben-Seite dieser Trovatore-Aufführung: Jamie Barton als Azucena. Die amerikanische Sängerin gibt, wie auch Russell Thomas, ihr Hausdebüt an der Bayerischen Staatsoper. Und sie darf gerne wiederkommen. Sie verfügt über eine sehr schöne, runde, warme Stimme, die sie vor allem in den langen Phrasen von „Ai nostri monti“ schön fließen lässt. In der Tiefe nie orgelnd, ohne Registerbruch, ein etwas schrill geratener hoher Ton sei ihr verziehen. Beeindruckend, wie sie ihn ganz schnell aus dem Forte ins Piano zurückholen kann.

      Die Besetzung der vierten Hauptrolle gibt weniger Anlass zur Freude: Igor Golovatenko hatte die Rolle des Grafen Luna auch schon im März 2016 gesungen. Damals wie heute eine Ausstellung schierer Stimmkraft, ohne jede dynamische Gestaltung. Er hat ein sehr schönes Timbre, kommt mühelos in fast tenorale Höhen, aber die Enheitslautstärke führt zur Einheitsstimmfarbe und verhindert jegliche Gestaltung. Dabei hat Verdi ihm eine wunderschöne Arie geschrieben, “Il balen del suo sonriso“. Er besingt darin das strahlende Lächeln der geliebten Frau; hier hätte auch ein Herrenmensch, als der Graf Luna gezeichnet wird, Gefühl zeigen dürfen. Eine Chance, die Golovatenko leider nicht nutzt. Nichtsdestotrotz räumt er beim Applaus ziemlich ab: das Münchner Publikum ist offensichtlich an diesem Abend – es ist der Abend der Landtagswahl – besonders empfänglich für laute Auftritte.

      Bleiben noch die kleineren Rollen: eine Luxusbesetzung ist Kwangchul Youn, der den Ferrando mit schwarzem Bass und makelloser Phrasierung aufwertet. Ein leichter Wobble – Tribut an die vielen Wagner-Rollen, die dieser Sänger gesungen hat? – stört nicht wirklich. Selene Zanetti, eine junge Ensemblesängerin, als Ines überzeugt in ihrer keinen Rolle mit warmem Sopran. Sie wird übrigens demnächst als Marie in der Neuinszenierung von „Die verkaufte Braut“ einspringen. Dean Power, ebenfalls aus dem Ensemble, lässt seinen schönen lyrischen Tenor hören, auch der Zigeuner Oleg Davydov und der Bote Caspar Singh singen ihre kleinen Partien auf gewohnt hohem Niveau.

      Asher Fisch am Pult des Bayerischen Staatsorchesters dirigiert einen sehr sängerfreundlichen Verdi, deckt die Stimmen nie zu, was bei ihm in der Vergangenheit nicht selbstverständlich war. Etwas mehr rhythmische Prägnanz und mehr Transparenz in den Orchesterstimmen wären wünschenswert gewesen.

      Insgesamt also eine mit den genannten kleinen Abstrichen, sehr gelungene Repertoire-Vorstellung.

      Hier noch der Link zum Bericht vom März 2016:
      onlinemerker.com/muenchen-baye…-staatsoper-il-trovatore/