Traviata in der Elbphilharmonie - Currentzis

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Traviata in der Elbphilharmonie - Currentzis

      Die Elbphilharmonie ist vielleicht nicht der ideale Ort für eine konzertante Oper, das Orchester auf dem Podium statt im Graben deckt die Sänger häufig zu. Dafür konnte man Currentzis in Aktion nicht nur hören, sondern auch sehen. Das ist aber zu viel! Wie ein Gummiball hüpft und springt er herum, hyperaktiv, verlässt zwischendurch sogar manchmal das Pult, um sich den einzelnen Sängern direkt frontal zuzuwenden, stellt sich somit auch während eines Duetts gelegentlich zwischen zwei Sänger, um direkt vor ihnen zu gestikulieren. Da lenkt ab und zerstört die Stimmung. Es wirkt dann wie ein Dialog zwischen dem Sänger und ihm. Er zieht so die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich, steht dadurch zu sehr im Mittelpunkt. Dazu extremste Pianississimi und künstlich lange Pausen, dann wieder plötzlicher Übergang in extremes Forte, das stört den Fluss und es wirkt exaltiert. Im ersten Akt hat er einige der Bläser nach oben in die 15. Ebene gestellt. Das mag gut klingen, wenn man im Parkett sitzt. Von den oberen Plätzen dominieren die Bläser dann, es hörte sich an wie Blasmusik im Bierzelt. Auch Alfredo stand, wenn er beim Weggehen eigentlich noch aus der Ferne singen sollte, oben und tönte einem so direkt ins Ohr. Es gab aber auch sehr lange Passagen, in denen einfach alles stimmte, in denen man schwelgen konnte. Das Orchester und die Chöre sehr präzise und makellos, dass die Musiker stehen ist etwas eigenartig anzusehen, stört aber nicht. Alle Rollen großartig besetzt, wunderbar Violetta mit innigsten, zartesten Piani und mühelosen Höhen. Alfredo brauchte eine Weile, um sich frei zu singen, anfangs deutlich nervös, kein Wunder wenn der Dirigent sich ihm dauernd vor die Nase stellt. Im dritten Akt gönnte er den beiden Liebenden dann endlich ungestörte Zweisamkeit, somit war dieser Akt insgesamt auch wunderbar und versöhnte mich (fast) wieder. Ich geb Currentzis noch eine Chance, nochmal Verdi, das Requiem. Und möglicherweise ist er eher der Dirigent für Sinfonien. Oper will ich von ihm nicht mehr hören.
      Die Namen der Sänger sind mir zu kompliziert zu merken, ich kannte keinen, hier die Besetzung:
      elbphilharmonie.de/de/programm/la-traviata/10496
    • Am 15.09. erschien im "Spiegel" ein langer Artikel über Currentzis: Wohltemperierte Anarchie

      Darin kommt das "zwangsfusionierte Orchester" nicht besonders gut weg. Er selbst teilweise auch nicht. "Affektiert bis ketzerisch, Effekthascherei, die ein Werk als Ganzes zerstört, "Innerlichkeitspathos" oder "Holterdiepolter" und dergleichen mehr.
    • Ein bissl Selbstdarstellung kann man den Künstlern ja zugestehen, aber das gestern war stellenweise definitiv überzogen. Wenn der sich in einem Duett zwischen die Sänger stellt und vor dem, der gerade eigentlich seinen Rollenpartner ansingt, herumgestikuliert, das ist grotesk. Ich lasse seinen Fans ihre Freude mit ihm und künftig auch die Plätze in den Konzertsälen.
    • Im Übrigen halte ich die Elbphilharmonie aus baulichen Gegebenheiten für konzertante Opernaufführungen ungeeignet, weil im oberen Drittel des Zuschauer-bzw. hörerraums die Sänger deutlich schlechter zu hören sind, als in der unteren Hälfte des Raums. Der Schall des Gesangs verbreitet sich nun mal direkt nach vorne mit nur sehr schwachem Reflexionsschall.In der Berliner Philharmonie bestehen die selben Probleme, auch wenn Sänger_lnnen zur Seite und nicht zur Raummitte singen!
    • parlando schrieb:

      weil im oberen Drittel des Zuschauer-bzw. hörerraums die Sänger deutlich schlechter zu hören sind
      Das habe ich bisher noch nicht so empfunden.
      (Die akustisch schlechtesten Plätze befinden sich mMn vorne im Bereich A.)

      parlando schrieb:

      Der Schall des Gesangs verbreitet sich nun mal direkt nach vorne
      ?( Warum verbreitet er sich Ihrer Meinung nach nicht auch nach oben? ?(
    • Ganz vorne zu sitzen ist akustisch immer schlecht, mit Ausnahme von vielleicht Bayreuth.
      Das Problem beim Gesang ist die Anatomie beim Singen. Zwischen der Stimmritze des Kehlkopfes und den Nasennebenhöhlen als Resonanzräume liegen einige Zentimeter des Rachenraums, einem Muskelschlauch mit Öffnung (Mund) als Schalltrichter. Zur Optimierung des Klangs wird nach vorne gesungen, manche mit sehr leicht gesenktem Kopf. Sicher kann nach oben zu den höchsten Sitzreihen gesungen werden, dabei würde der Hals überstreckt werden müssen, was den Wohlklang der Stimme erheblich trübt. Machen Sie den Selbstversuch und singen einen Vokal (am besten ein a), halten den Ton in angenehmer Tonhöhe und gleichbleibender Lautstärke, und legen den Kopf dabei in den Nacken und singen die Zimmerdecke an. Ab einem bestimmten Punkt kommt nur noch ein Röcheln! Man kann es auch mit einem laufenden Wasserschlauch versuchen, den man langsam umknickt, dann kann man das Ergebnis sehen.
    • Das ist eine Sache der Schallleitung: Wie Sie sich wahrscheinlich erinnern wird mit dem Gesang eine Schallwelle produziert, die sich in der Länge (longitudinal) ausbreitet und mit zunehmender Entfernung von der Schallquelle leiser wird, und das deutlich. Der Abstand von der Tonquelle (Sänger) zu den Sitzreihen der oberen Ränge ist gerade in der Elbphilhamonie besonders weit und deshalb für Sologesang besonders ungünstig und auf der Rückseite des Podiums eigentlich kaum zumutbar.
    • parlando schrieb:

      auf der Rückseite des Podiums eigentlich kaum zumutbar.
      Auch das gilt nur für die Plätze unten, nahe am Orchester. Ich habe z.B. bei der Nozze hinter dem Orchester, aber oben (Bereich P oder Q, glaube ich) gesessen, und die Sänger waren ausgezeichnet zu hören.

      parlando schrieb:

      mit zunehmender Entfernung von der Schallquelle leiser wird, und das deutlich
      Jein. Der Schalldruck nimmt umgekehrt proportional zur Entfernung, die Schallintensität sogar umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung ab. Diese beiden Größen haben aber nur indirekt mit dem subjektiven Lautstärkeeindruck zu tun, hier ist die Abhängigkeit im wesentlichen logarithmisch, also nicht so stark.
      (Sie erinnern sich: log 10 = 1, log 100 = 2. :D )
    • Reingold schrieb:

      Sehr schön. Hat nur leider nichts mit der Ausbreitung des Schalls zu tun, sobald er einmal den Mund verlassen hat. Dann breitet er sich genau so gut nach oben wie nach vorne aus. (Nun ja, vielleicht ist bei einigen die Nase störend im Weg. :D )

      parlando schrieb:

      Das ist eine Sache der Schallleitung: Wie Sie sich wahrscheinlich erinnern wird mit dem Gesang eine Schallwelle produziert, die sich in der Länge (longitudinal) ausbreitet und mit zunehmender Entfernung von der Schallquelle leiser wird, und das deutlich. Der Abstand von der Tonquelle (Sänger) zu den Sitzreihen der oberen Ränge ist gerade in der Elbphilhamonie besonders weit und deshalb für Sologesang besonders ungünstig und auf der Rückseite des Podiums eigentlich kaum zumutbar.
      Die Klangentwicklung in einem Konzertsaal ist doch etwas komplexer. Da haben Reflexionen und Absorptionen mit vielen Einflussfaktoren, Raumvolumen, Länge-Breite-Höhenrelationen des Raumes und-und-und eine Bedeutung.
    • karomedica schrieb:

      Die Elbphilharmonie ist vielleicht nicht der ideale Ort für eine konzertante Oper, das Orchester auf dem Podium statt im Graben deckt die Sänger häufig zu. Dafür konnte man Currentzis in Aktion nicht nur hören, sondern auch sehen. Das ist aber zu viel! Wie ein Gummiball hüpft und springt er herum, hyperaktiv, verlässt zwischendurch sogar manchmal das Pult, um sich den einzelnen Sängern direkt frontal zuzuwenden, stellt sich somit auch während eines Duetts gelegentlich zwischen zwei Sänger, um direkt vor ihnen zu gestikulieren. Da lenkt ab und zerstört die Stimmung. Es wirkt dann wie ein Dialog zwischen dem Sänger und ihm. Er zieht so die Aufmerksamkeit zu sehr auf sich, steht dadurch zu sehr im Mittelpunkt. Dazu extremste Pianississimi und künstlich lange Pausen, dann wieder plötzlicher Übergang in extremes Forte, das stört den Fluss und es wirkt exaltiert. Im ersten Akt hat er einige der Bläser nach oben in die 15. Ebene gestellt. Das mag gut klingen, wenn man im Parkett sitzt. Von den oberen Plätzen dominieren die Bläser dann, es hörte sich an wie Blasmusik im Bierzelt. Auch Alfredo stand, wenn er beim Weggehen eigentlich noch aus der Ferne singen sollte, oben und tönte einem so direkt ins Ohr. Es gab aber auch sehr lange Passagen, in denen einfach alles stimmte, in denen man schwelgen konnte. Das Orchester und die Chöre sehr präzise und makellos, dass die Musiker stehen ist etwas eigenartig anzusehen, stört aber nicht. Alle Rollen großartig besetzt, wunderbar Violetta mit innigsten, zartesten Piani und mühelosen Höhen. Alfredo brauchte eine Weile, um sich frei zu singen, anfangs deutlich nervös, kein Wunder wenn der Dirigent sich ihm dauernd vor die Nase stellt. Im dritten Akt gönnte er den beiden Liebenden dann endlich ungestörte Zweisamkeit, somit war dieser Akt insgesamt auch wunderbar und versöhnte mich (fast) wieder. Ich geb Currentzis noch eine Chance, nochmal Verdi, das Requiem. Und möglicherweise ist er eher der Dirigent für Sinfonien. Oper will ich von ihm nicht mehr hören.
      Die Namen der Sänger sind mir zu kompliziert zu merken, ich kannte keinen, hier die Besetzung:
      elbphilharmonie.de/de/programm/la-traviata/10496
      Nicht alle teilen deine Klage, liebe karomedica:
      [Blockierte Grafik: http://www.der-neue-merker.at/ito/program/pgm_00012/pgm_00012_left.gif]
      Hamburg/ Elbphilharmonie
      Jubelstürme für eine Ausnahme-Traviata mit Teodor Currentzis in der Elbphilharmonie
      Die
      Erwartungen sind hoch, wenn sich ein echter Shootingstar am Pult die
      Ehre gibt. Teodor Currentzis, Aufmischer der Klassikwelt, möchte in der
      Elbphilharmonie einen Opernklassiker wiederbeleben: Verdis La traviata.
      Und wie kaum ein anderer erobert er die Herzen der Zuhörer im Sturm mit
      einer konzertanten Aufführung, die mehr Esprit und Glanz hat als so
      manche Operninszenierung. Sogar wer die Traviata von Giuseppe Verdi
      schon in- und auswendig zu kennen glaubt, mag sich von Currentzis noch
      überraschen lassen.
      Er ist der Popstar unter den Klassikinterpreten.
      Nicht erst seit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen im letzten
      Jahr macht der griechisch-russische Dirigent von sich reden.
      Leon Battran berichtet aus der Elbphilharmonie Hamburg.
      klassik-begeistert.de/giuseppe…-elbphilharmonie-hamburg/
    • Wenn ich das lese wüsste ich nicht, warum ich dafür Geld ausgeben sollte. Unerträglich finde ich vor allem auch diese Machtspiele, z.B. Das Orchester stehend spielen zu lassen. Das erinnert an die zweifelhaften Methoden der Personalführung, Besprechungen im Stehen abzuhalten, bevorzugt in den frühen Morgenstunden, um Zuspätkommer vorzuführen.
      Was soll der Gag, sich zu oder vor die Sänger zu stellen? Das ist doch peinlich!
      Aber das Klasssikgeschäft macht jeden Unsinn mit und fördert ihn, solange der Verkauf von Tonträgern angekurbelt wird. Und das Zahlende Publikum rennt jedem Event nach, weil sich über solche Gags leichter erzählen lässt, als sich über die Musik zu äußern. Insgesamt keine erfreuliche Weiterenwicklung sondern Destruktion.
    • Insofern ist der "Spiegel"- Artikel hochinteressant. Man gewinnt da leider den Eindruck, der Mann tickt nicht ganz richtig. Und das Publikum fährt auf sowas ab.

      "In einem russischen Kirchturm, vor hölzernen Kreuzen, soll er um zwei Uhr morgens mit seinem Chor auftreten: der Dirigent, der Held der Stadt Perm. Das Publikum wartet still, eingeschüchtert von Aufseherinnen, die dafür sorgen, daß niemand flüstert oder auf sein Telefon schielt. Auf der Wendeltreppe, die nach oben führt, flackern Kerzen, ansonsten ist es finster.
      Endlich, nach mehr als einer Stunde, rauschen Männer und Frauen in dunklen Kutten herein. Applaus ist verboten. Als Letzter erscheint er, und es wird noch stiller. Teodor Currentzis hebt die Arme, er dirigiert wie ein Schlangenbeschwörer.....usw."

      Das erinnert an bestimmte Sekten. Ich finde das schon fast widerlich.
    • Die Art und Form der Selbstdarstellung geht doch erheblich über die tolerierbaren Grenzen hinaus, zumindest nach meinem Geschmack. Im vergangenen Jahr in Salzburg dieser merkwürdige Auftritt mit Fackelzug; das ist doch übelste Manipulation des Publikums und erinnerte mich an ganz üble Zeiten, was eine ältere Zuschauerin zunächst gar nicht verstehen konnte. Ich habe wirklich Verständnis für unterschiedliche Versuche, neue Besucher für die Klassische Musik zu gewinnen, aber dieser narzisstische Weg geht mir zu weit, vor allem wenn damit Maßstäbe für Veranstaltungen mit Klassischer Musik gesetzt werden. Dann sollte man doch den Mut haben dieses in Varieteprogramme zu integrieren!
    • ira schrieb:

      Insofern ist der "Spiegel"- Artikel hochinteressant. Man gewinnt da leider den Eindruck, der Mann tickt nicht ganz richtig. Und das Publikum fährt auf sowas ab.

      "In einem russischen Kirchturm, vor hölzernen Kreuzen, soll er um zwei Uhr morgens mit seinem Chor auftreten: der Dirigent, der Held der Stadt Perm. Das Publikum wartet still, eingeschüchtert von Aufseherinnen, die dafür sorgen, daß niemand flüstert oder auf sein Telefon schielt. Auf der Wendeltreppe, die nach oben führt, flackern Kerzen, ansonsten ist es finster.
      Endlich, nach mehr als einer Stunde, rauschen Männer und Frauen in dunklen Kutten herein. Applaus ist verboten. Als Letzter erscheint er, und es wird noch stiller. Teodor Currentzis hebt die Arme, er dirigiert wie ein Schlangenbeschwörer.....usw."

      Das erinnert an bestimmte Sekten. Ich finde das schon fast widerlich.
      Naja, ich war im Rahmen der Herbstferien eine Nacht im russischen Kloster auf Athos. Was soll ich sagen: die Gesänge der Mönche beim Morgengottesdienst um 3 Uhr, inmitten von Weihrauch und Kerzenlicht, das hatte schon was, auch für einen Atheisten. Und zur Traviata möchte ich nur anmerken, dass man Operetten nicht in der Elbphilharmonie spielen sollte...