musicAeterna/Currentzis, Berlin

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    • musicAeterna/Currentzis, Berlin

      Einen großartigen Konzertabend konnte man gestern im Kammermusiksaal der Philharmonie erleben. Musste man im Foyer das Jet-Set-Publikum erst mal aufwändig nach Dudamel (großer Saal) und Currentzis (KMS) aufteilen, ergaben sich zu Beginn der Vorstellung Zwischenfälle realsatirischer Qualität. Da man wußte, daß Currentzis Chorwerke auch choreographiert, machten die Such- und Umsetzversuche der Besucher zu Beginn den Eindruck, sie würden zum Stück gehören. Zuweilen brandete Beifall auf - für den gefundenen Sitz und den gelungenen Versuch, Jacke und Gepäck im Saal abzulegen. Ein Sitznachbar sagte mir dazu, es seien massenhaft Karten "verteilt" worden. Trotzdem war der Saal nicht ganz voll.
      Dann ging das Licht aus - untrügliches Beispiel in einem Currentzis-Konzert, daß es los geht.
      Das Chorwerk "Tristia" vertont Aufzeichnungen und Gedichte der Insassen des berüchtigten Gefängnisses Clairvaux, diese Texte wurden aber (auf Anregung von Currentzis) mit Texten von Mandelstam und Schalamow, Dichtern mit Gulag-Schicksal, ergänzt. Thematisiert wird auch (sogar optisch mit einem "Hades"-Plakat) Dante. Es geht um Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit von Lagerinsassen, eine sehr große Bandbreite menschlicher Gefühle ist zu erleben - man denke an das Vorbild bei Janacek! Man erlebt den hervorragenden Chor in allen Facetten: dramatisch, fast opernhaft, folkloristisch, immer im Raum verteilt und inszeniert. Die Komposition nutzte eine eher traditionell klingende Sprache, die aber sehr schnell ans Herz geht.
      Leider kann man die Texte (in russisch und französisch) nicht nachvollziehen, da es im Saal dunkel ist; auch die rezitierten Texte in deutscher Sprache, vorgetragen von Michael Meylac in starken russischem Akzent, tragen da nicht zur Aufhellung bei. Es ist knapp instrumentiert, auf der Mitte der Bühne sitzt mal ein Akkordeonspieler, mal ein Cellist. Es gibt ein paar (wenige) Streicher und Blechbläser im Hintergrund. Durch den Raum begibt sich ein Fagott, das immer wieder überraschend zu traurigen Weisen ansetzt.
      Der Chor nutzt alle Facetten des Gesangs aus: mal flüsternd, mal dramatisch, mal im Raum verteilt - Currentzis Choreographie macht durchaus Eindruck, wenngleich es mir zum Ende dann doch etwas zuviel wurde.
      Das Stück ist wirklich sehr eindrucksvoll, die Interpretation von Currentzis, was die Qualität des Chores und die Inszenierung angeht, bleiben im Gedächtnis. Ein wirklich eindrucksvoller Abend, am 05.12.2018 dürfen die Berliner Curretzis dann mit Mahler erleben - die Tristia gibt es heute Abend in der Elbphilharmonie.
    • Gestern abend also das Mahler-Programm in der Berliner Philharmonie! Da bei den vorangegangenen Konzerten der Chor der MusicAeterna im Mittelpunkt stand, gab es jetzt Gelegenheit, mal das Orchester in Augenschein zu nehmen. Mich interessierte auch die Frage, wie sich Currentzis der Spätromantik/Frühmoderne nähert; da eine Generation von großen Mahler-Interpreten nicht mehr zur Verfügung steht, ist doch von Interesse, ob es da neue Impulse der Interpretation gibt.
      Vorneweg: Currentzis betont bei Mahler das Romantische (dabei hat sicherlich das gestrige Programm eine Rolle gespielt: die Vierte Mahler ist halt nicht die Neunte!); dabei kostet er mit hervorragenden Solisten die Details hervorragend aus, ist den Sängern, Anna Lucia Richter und Florian Bösch, ein aufmerksamer Begleiter. Doppelbödigkeiten der Partitur (das berühmte Mahlersche "als ob...") erkundet er nicht. Das Ergebnis ist technisch sehr beeindruckend; wie bereits beschrieben, wir die Vierte von fast allen Instrumenten, besonders den Bläsern, stehend aufgeführt, was die Präsenz der Bläser ungemein erhöht. Trotzdem bleibt die Balance der Instrumentengruppen im Lot - man hat nur den Eindruck, daß die Musiker im Stehen viel schneller, viel flexibler aufeinander reagieren.
      In den Liedern aus "Des Knaben Wunderhorn" der gleiche Eindruck, eine gute Interpretation, man hörte allerdings vor allem auf das Orchester, die Sänger interpretierten die Lieder eher opernhaft, theatralisch, was beim Publikum gut ankam.

      Fazit : man kann sich Curretzis` Interpretationen spätromantischer Stücke durchaus anhören, dieses Orchester ist technisch eine große Freude, dem Chor mindestens ebenbürtig.
    • Ich ging eher skeptisch in das Konzert, aber: Das Orchester spielt wirklich sehr gut. Allerdings muss man interpretatorisch schon anmerken, dass zwar viele Details (oder besser alle) akribisch herausgearbeitet werden, was teilweise zu Passagen, die zum Niederknien schön sind, führt, alles in allem dann aber doch auf Kosten des "Großen Ganzen" geht. Ich empfand den Ansatz als sehr luftig, elegant, ungeheuer beweglich und durchhörbar, mit wirklich interessanten, für mich neuen "Mittelstimmeneffekten". Aber es fehlt dann auch, gewissermaßen auf der Gegenseite, eine gewisse klangliche Substanz, Geerdetheit des Klangs, die Mahler m.E. dann doch auch braucht. Letztlich war es mir nicht "ernsthaft" genug und zu sehr auf den Effekt aus. Beide Sänger fügten sich mit chlanken Stimmen sehr in Currentzis' Konzept ein, wobei Boesch doch zu sehr übertrieben hat. Anna Lucia Richter, die ich kurz zuvor an der Staatsoper noch als Musica im Orfeo gehört hatte, überzeugte mich da mehr (übrigens in beiden Partien, was mich dann doch auch wieder überrascht hat).