Ópera de Tenerife

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Ópera de Tenerife

      L'Italiana in Algeri am 27.10.2018
      oder: La Italiana en Argel (wie man hier sagt)

      Gestern konnte ich einen weißen Fleck auf meiner Opernlandkarte tilgen: Zum ersten Mal war ich in einer Vorstellung dieser Rossini-Oper. Ein musikalischer Kulturschock war es allerdings nicht – etwas ketzerisch über diese Opern gesagt: Kennt man eine, kennt man alle. Die Vorstellung fand im Auditorio de Tenerife Adán Martín statt. Die Bühne verfügt weder über eine richtige Ober- noch Unterbühne, die Kulissen wurden deshalb auf offener Bühne von Bühnenarbeitern bewegt. Dieses Manko versuchte die Regisseurin Giorgia Guerra mit Fantasie auszugleichen. So wurde der Schiffbruch in eine Reifenpanne mit der Vespa (!) übersetzt. Insgesamt war es eine sehr vergnügliche Inszenierung. Besonders nett fand ich auch den Einfall, das Septett „Confusa e stupida“ mit den lautmalerischen Geräuschen als Rockgruppe (mit Pappinstrumenten) zu geben, wobei Mustafà („Bum, bum“) natürlich am Schlagzeug zu erleben war.

      Die 7 jungen Solisten sind Teilnehmer des Opera (E)Studio, eine Plattform, die jungen Sängern die Erarbeitung und Aufführung einer Oper ermöglicht. Ich sage es mal ganz pauschal: sie haben ihre Sache sehr gut gemacht. Die Sängerin der Titelrolle, der Italienerin Isabella (Maria Ostroukhova), stach dabei ganz deutlich heraus.

      Hier singt sie die Cavatine „Cruda sorta“ aus dem 1. Akt: youtube.com/watch?v=0vW0ux-D9vE

      Der Tenor Milos Bulajic (Lindoro) hatte leider ein Timbre, das mir nicht gefiel, aber die Töne hatte er. Und die Beweglichkeit in der Stimme für die Koloraturen hatten diese jungen Sänger sowieso alle. Erwähnen möchte ich noch die überschäumende Spielfreude des Baritons Gianni Giuga (Taddeo), wohingegen ich das Spiel des Bass-Baritons Matías Moncada (Mustafà) etwas zu exaltiert fand, aber das ist Geschmackssache. Des weiteren spielten und sangen Francesco Samuele Venuti (Haly), Inés Lorans Millán (Elvira) sowie Sophie Burns (Zulma). Es sangen der Coro de Ópera de Tenerife (Einstudierung Carmen Cruz) und es spielte das Orquesta Sinfónica de Tenerife unter der Leitung von Nikolas Nägele. Letzterer hielt den Laden gut zusammen und versuchte, in der Ouvertüre eigene Akzente (dynamische) zu setzen.
    • Il viaggio a Reims, ossia L’albergo del giglio d’oro

      Auditorio de Tenerife, 15.12.2018

      Es handelt sich wie schon bei der L’Italiana um eine Aufführung im Rahmen des Opera (E)-Studios, diesmal allerdings bestritten von ehemaligen Absolventen des Projekts. Warum diese Oper Rossinis ausgewählt wurde, weiß ich natürlich nicht, ich vermute, wegen der großen Anzahl von Rollen (10 Haupt- und 7 Nebenrollen); so konnte man vielen Ehemaligen die Gelegenheit geben, sich zu produzieren. An der dramaturgischen und auch musikalischen Qualität des Sujets kann es mMn eher nicht gelegen haben. :whistling:

      Rossini hat die Oper aus Anlass der Krönung des französischen Königs Charles X geschrieben, indirekt nimmt die Handlung darauf Bezug: Im Gasthof zur Goldenen Lilie (Achtung, Anspielung) treffen sich Reisende aus verschiedenen Ländern, die alle zur Krönung nach Reims wollen. Die Wirtin möchte, dass es den Gästen an nichts fehlt, zwischen diesen entspinnen sich die üblichen amourösen Verwicklungen inklusive Missverständnissen und Eifersüchteleien. Dramatischer Höhepunkt: es kommt die Schreckensnachricht, dass keine Pferde mehr für die Weiterfahrt nach Reims aufzutreiben sind. Aber dies Problem – und nicht nur dies, sondern auch all die anderen – löst sich in Wohlgefallen auf, als die Wirtin mit der Nachricht kommt, dass der König die Krönung mit etlichen Feiern in Paris beschließen will. Die Pariserin der Gruppe lädt alle zu sich ein, und so endet die Oper, indem jeder ein Lied zum Besten gibt, zum Schluss die Dichterin Corinna ein Hohelied auf Charles X.

      Etwas enttäuscht war ich von der musikalischen Qualität des Dargebotenen, da war die Messlatte durch L’Italiana en Algeri doch sehr hoch gelegt worden. Aber bei so vielen anspruchsvollen Rollen wäre es auch ein kleines Wunder gewesen, wenn alle adäquat besetzt gewesen wären. So begann es mit einem unsauber intonierenden Mezzo, gefolgt von einem Bass-Bariton, der die tiefen Töne nicht ganz hatte. Ich will jetzt auch die immer noch jungen Sänger nicht bekritteln, sondern lieber exemplarisch ein paar nennen, die mir gut gefallen haben: die Soprane Giuliana Gianfaldoni (Corinna) und Leonor Bonilla (Contessa di Fonville) sowie der Tenor Francesco Castoro (Conte di Libenskof) z.B. Überhaupt nicht gefallen hat mir das Dirigat der jungen Chinesin Yi Chen Lin. Nicht nur, dass es gehörig zwischen Sängern und Orchester klapperte, es war musikalisch auch extrem langweilig. Vielleicht lag es an Rossini, der von dem Sujet vielleicht nicht so inspiriert war, wie man es von seinen anderen Opern gewohnt ist (allerdings hat er die Musik für seine Oper Le Comte Ory recycelt, sooo schlecht kann er selbst sie also nicht gefunden haben). Die Dirigentin jedenfalls war mehr damit beschäftigt, ihre (zugegebenermaßen) schönen, langen schwarzen Haare* aus dem Gesicht zu streichen, als den Laden zusammen zu halten. :evil:
      (* Falls das sexistisch sein sollte – das ist mir in diesem Fall egal bei dem Mist, den sie abgeliefert hat.)

      Und wo bleibt das Positive? Das kommt jetzt: Ich hatte mich im Vorhinein schon gefragt, wie man dieses bescheuerte Libretto inszenieren soll. Die Regisseurin Stefania Bonfadelli hat das pfiffig gelöst. Giglio d’oro ist eine Tennisakademie, und die Teilnehmer fiebern dem Grand Prix Turnier in Reims entgegen, bei dem der Champion Charles, X. der Weltrangliste, aufschlagen soll. Allerdings – Skandal! – hat die Regisseurin sogar das Libretto vergewaltigt, denn statt der fehlenden Pferde sind es die fehlenden Tickets, die für die Katastrophe sorgen! Dafür gibt es dann Tickets für Roland Garros. :D Sie hat mit ausgefeilter Personenregie jeder Figur in Übereinstimmung mit der musikalischen Charakterisierung individuelles Profil verliehen. Mein persönlicher Höhepunkt (Achtung, Anspielung!): Das Versöhnungsduett zwischen der Malibea und Libenskoff wird als coitus a tergo in der Dusche gezeigt, perfekt synchronisiert mit den Spitzentönen der Sänger. 8)

      Falls ich mich nicht sehr getäuscht habe, gab es weitere „gravierende“ Eingriffe ins Libretto: Es singt am Ende jeder ein landestypisches Lied, die Tirolerin schuhplattelt usw. Der Deutsche Baron Trombonok soll „Gott erhalte Franz den Kaiser“ singen; wenn mich nicht alles getäuscht hat, singt er aber eine italienische Übersetzung der 3. Strophe des Deutschlandlieds*. Und der englische Lord Sidney, der nur ein Lied kennt („God save the King“ natürlich), singt auch einen freundlicheren Text. Von „Scatter his enemys“ und „rebellious Scots to crush“ habe ich jedenfalls nichts gehört.

      Zum Loblied der Dichterin Corinna auf Charles X steigt schließlich der in die Frankreichfahne gehüllte Tennischampion den Mittelgang hinunter, um seinen Pokal in Empfang zu nehmen. Wenn die Inszenierung nicht gewesen wäre, hätte es ein verschenkter Abend sein können – abgesehen von einer weiteren Oper auf meiner Leporelloliste.

      * Funfact I zum Fremdschämen: Hinter uns saßen Deutsche- einer von ihnen hat die Nationalhymne mitgesungen.
      Funfact II zum Fremdschämen: Neben uns saßen Einheimische. Wenn ihr Mann Durst hatte, kramte sie eine Wasserflasche aus dem Rucksack.
    • Il viaggio a Reims ist eigentlich ein sehr schönes Musikstück von Rossini mit abstrusem Inhalt aber der Gelegenheit, die typischen Gesangstimmen in einen Stück unterzubringen wie der prima Donna, der seconda Donna, der prima Contaaltodem, dem prima Tenore lyrico, dem T. buffo usw., vorausgesetzt es ist mit erstklassischen Sänger_innen besetzt, höhen- und mit geläufiger Gurgel und es wurde nicht mit dem Anspruch geschrieben, eine Oper für das große Repertoire zu schaffen. Es wird deshalb eher selten aufgeführt.