"Oedipus Rex" / "Iolanta", 11.11.2018

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    • "Oedipus Rex" / "Iolanta", 11.11.2018

      Ganz ehrlich – ich weiß nicht, wann mich eine Operninszenierung so unter Schock gesetzt hat... Und: nein – das meine ich nicht positiv. Ich finde, dass Lydia Steier sich hier, obwohl die Regie für sich betrachtet durchaus stringent ist, in den Mitteln vergriffen hat.

      Oedipus ist bekanntlich eine grausame, blutige Geschichte; und sie in die im Verfall befindliche Weimarer Republik zu verlegen, ist auch so abwegig nicht. Möglicherweise passt sogar die überaus drastische Bebilderung... Mich allerdings hat sie irgendwie, irgendwo komplett überfordert. Das fängt mit der Präsentation eines auf der Bühne sterbenden Pestkranken an und geht weiter mit den immer befremdlicheren, zugleich aber gnadenlos plakativen Videoeinblendungen.

      Dass die Oper 'Iolanta' ein paar Abgründe mehr bereithält, als die märchenhafte Handlung bei oberflächlicher Betrachtung vermuten lässt, versteht sich; aber daraus eine Inzest-Geschichte mit abschließendem Doppelselbstmord zu konstruieren geht für mein Empfinden denn doch zu weit – das geben weder Libretto noch Musik noch Entstehungsgeschichte her. Mein Verdacht: es sollte auf Biegen und Brechen neben der Blindheit noch eine zweite Parallele zwischen beiden Handlungen geschaffen werden.

      Musikalisch sieht die Sache entschieden erfreulicher aus: in beiden Opern wird unter der Leitung von Sebastian Weigle auf hohem Niveau musiziert. Er wird sowohl dem eruptiven Character von Strawinskijs Partitur gerecht wie auch dem von unheimlichen Untertönen durchzogenen Leuchten, das in Tschaikowskijs Oper zu hören ist.
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    • Die Titelrolle in „OEDIPUS REX“ liegt bei Peter Marsh, der sich der schwierigen Partie mutig und mit zuweilen ins Expressive gehender Stimme stellt und dabei eben keinen in Machtbewusstsein schwelgenden, sondern eher einen verletzlichen, liebebdürftigen Herrscher auf die Bühne bringt.
      Diese Liebe findet er bei seiner Gemahlin (und leider auch Mutter) Jokaste und seinem Töchterchen Antigone. Jokaste ist hier eine extrovertierte Erscheinung, die, ganz in Rot gekleidet und mit Schmuck behangen wie ein indisches Götzenbild, ihre Rolle als von allen frenetisch gefeierte First Lady sichtlich genießt. Tanja Ariane Baumgartner leiht ihr ihre üppige Stimme.
      Jokastes intriganter Bruder Kreon wird von Gary Griffiths gesungen. In dieser Rolle zumindest bleibt er eher blass, obwohl nicht zu überhören ist, dass er eine sehr schöne Baritonstimme besitzt.
      Deutlich beeindruckender ist Andreas Bauer als blinder Seher Teiresias, den weder die panische Verzweifelung des Königs noch Jokastes offenkundiger Hass von seiner mit profundem Bass vorgetragenen Prophezeiung abbringen können.
      In der Rolle des Boten ist Brandon Cedel's kräftiger Bass zu hören; den Hirten singt die frankfurter Neuerwerbung Matthew Swensen mit klarer Tenorstimme.
      Der die Handlung vorantreibende Chor (einstudiert von Tilman Michael) ist bis ins Detail grandios inszeniert und tritt keineswegs durchgehend als bedrohlich Masse auf; er macht viel mehr die Unsicherheit und Zerrissenheit (arm gegen reich, Bürgerliche gegen Militär, rechts gegen links) deutlich, an der der Staat gerade zu zerbrechen droht. Es wird eher deklamiert als gesungen, was den gewaltigen Eindruck aber keineswegs schmälert.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

    • Für „IOLANTA“ wird ganz großes Geschütz aufgefahren: Asmik Grigorian singt die Titelrolle. Aber was heißt 'singt' – sie ist die unglückliche Königstochter, und sie überzeugt von Anfang bis Ende stimmlich und darstellerisch. Mit jugendlich frischem, stets sicher geführtem Sopran durchmisst sie sämtliche Gemütszustände zwischen Melancholie, zaghafter Freude und verzweifelter Sehnsucht. Die Szene mit Vaudémont ist so ziemlich das Berührendste, das ich seit langem gehört (und gesehen!) habe.
      Robert Pomakov gibt Iolantas Vater René (in dieser Inszenierung, wie oben erwähnt, ein ausgesprochener Mistkerl) mit vollklingendem, überraschend expressiv getöntem Bass. Ja, er bringt Iolanta gegenüber auch väterliche Gefühle auf; ja, er weiß vermutlich, was er ihr antut – aber sympatisch macht ihn das auch nicht. So gesehen passt eine gewisse stimmliche Grobheit durchaus.
      Den wohltuenden Gegenpol dazu bietet Andreas Bauer als der maurische Arzt Ibn- Hakia: seine Erklärung der zwei Welten, die sich über das Sehen miteinander verbinden, überzeugt durch stimmliche Wärme und Differenziertheit.
      Die Rolle von Iolantas Verlobtem Robert, seines Zeichens Herzog von Burgund, liegt in den Händen bzw. Stimmbändern von Garry Griffiths, der hier voll und ganz überzeugt; seine glühende Liebeserklärung für die Gräfin Mathilde, der sein Herz seit langem gehört, reißt auch das Publikum mit. Für seinen etwas wirren Abgang nach der Begegnung mit Iolanta kann er nichts – der steht so im Libretto.
      Sein Freund Gottfried Graf Vaudémont hingegen bleibt bei dem Mädchen, in das er sich ad hoc verliebt hat; dass die Schöne blind ist, realisiert er erst mit Verspätung, und seine Betroffenheit darüber verwirrt und erschreckt wiederum Iolanta. Ich erwähnte es schon: diese Szene ist wahrhaft berührend; AJ Glueckert meistert sie in jeder Hinsicht überzeugend. Er ist nicht einfach der schönstimmige Märchenprinz, der seine Prinzessing retten möchte, sondern schwankt deutlich zwischen Entsetzen über ihre Blindheit und dem Bewusstsein, sich mit dieser Entdeckung in Todesgefahr begeben zu haben.
      Iolantas Amme Marta (Judita Nagyová) sowie ihre Freundinnen Laura (Nina Tarandek) und Brigitta (Elizabeth Reiter) spielen wohl oder übel das böse Spiel, das René mit seiner Tochter treibt, mit. Was sie tun, steht in krassem Widerspruch zu den lieblichen Tönen, die sie – gewohnt souverän – zu singen haben. Magnús Baldvinsson und Matthew Swensen verstärken als die von den Vorgängen um Iolanta nichts ahnenden (??) Bertrand und Alméric die großen Ensembles mit ihren wohlklingenden Stimmen.
      Die Rolle des Chors ist hier eher dekorativer Art; von einem ein Schlaflied intonierenden Frauenchor abgesehen kommt er erst beim Schlusstableau so richtig zum Zuge. Dann allerdings konterkariert er mit seinem strahlenden Wohlklang die entsetzlichen Vorgänge auf dem oberen Teil der Bühne.

      Noch eine Frage an die, die möglicherweise die Premiere gesehen haben: kann es wohl sein, dass die Aufführungsreihenfolge geändert worden ist? Mir ist, als hätte die Homepage der Oper Frankfurt früher erst „Iolanta“ und dann „Oedipus Rex“ angezeigt...
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    • Asteria schrieb:


      Noch eine Frage an die, die möglicherweise die Premiere gesehen haben: kann es wohl sein, dass die Aufführungsreihenfolge geändert worden ist? Mir ist, als hätte die Homepage der Oper Frankfurt früher erst „Iolanta“ und dann „Oedipus Rex“ angezeigt...
      Ja, die haben kurzfristig umgestellt, aber schon vor der Premiere. Das Publikum soll wohl mit Tschaikowsky für Strawinsky entschädigt werden. Ist auch besser für den Schlußapplaus ;)
      Im Übrigen: völlig einverstanden, sowohl was die Beschreibung der Szene angeht, als auch im Hinblick auf die differenzierte Würdigung der Sängerleistungen.
      Erschreckend, wie schlecht die Vorstellungen bislang verkauft sind. Wann werden wir in Frankfurt je wieder die grandiose Grigorian hören, jetzt wo sie ihre Weltkarriere startet und künftig zu teuer sein wird?
    • "Jeder Teil könnte auch ohne den anderen bestehen. Selbst die Abfolge erscheint beliebig. Im Jahresprogramm und den Vorankündigungen stand Tschaikowskis Iolanta immer an erster Stelle, Strawinskis Oedipus Rex an zweiter. Plötzlich aber ist es am Premierenabend umgekehrt. Nun steht das spätromantische Märchenstück um eine blinde Prinzessin, die auf wundersame Weise geheilt wird, im Mittelpunkt. Strawinskis kantig-neoklassizistisches Opernoratorium mit seiner stilisierten Archaik gerät zum Vorprogramm. Fast hat man seine Wucht am Ende schon wieder vergessen."
      deropernfreund.de/frankfurt-9.html