Verkaufte Braut, Bösch, Hanus, Breslik/Zanetti/Groissböck

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    • Jetzt muss ich doch noch mal auf das Thema des Threads zurückkommen und über die Vorstellung vom letzten Sonntag berichten. Es war einer der unangenehmsten Opernbesuche, ich wäre sogar in der Pause gegangen, aber mein Mann und die Freunde, mit denen wir drin waren, haben mich überredet zu bleiben.
      Dass es mir so wenig gefallen hat, hat verschiedene Gründe:
      1. Der Platz. Wir hatten Stehsitzplätze in der Galerie, halbrechts, letzte Reihe. Von diesen Plätzen sieht man eigentlich ganz gut, nur den Bereich direkt an der Rampe, nach rechts hin immer breiter werdend, den sieht man von dort aus nicht. Leider spielt sich dort 90% der Handlung ab. Die Sänger habe ich also kaum gesehen. Dafür hatte ich freien Blick auf das Dixi-Klo und den Misthaufen. (Bei Otello beispielsweise wurde die ganze Bühnentiefe bespielt). Da dazu noch das Bühnenportal relativ weit heruntergezogen war, haben wir vom Zirkusauto auch wenig mehr als die Räder gesehen.
      2. Das Libretto. Da ich des Tschechischen nicht mächtig bin, hatte ich mich zunächst gefreut, dass das Werk auf Deutsch aufgeführt wird. Diese Freude war schnell weg, als da Ehe auf Wehe, Herz auf Schmerz, und was das deutsche Reimlexikon sonst so hergibt, gereimt wurde. Jede Zeile wurde doppelt und dreifach gesungen, sonst wäte sm Ende des Textes noch so viel Musik übrig gewesen. Womit ich zum dritten Grund komme:
      3. Die Musik: die hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Am Anfang hatte ich sogar den Eindruck, dass die Nadel hängt. Das war mir zu volkstümelnd, zu leicht, zu wenig Melodie oder wenigstens Dramatik. Manchmal kam Sehnsjcht in der Musik auf, diese Passagen haben mir am besten gefallen.
      Auf der Haben-Seite die musikalische Umsetzung: Selene Zanetti sang die Marie mit großer, warmer Stimme, schöne Phrasierung, in der Höhe blühte sie meistens sehr schön auf. Ein bisschen runder, gleichmäßiger geführt hätte sie vielleicht noch sein dürfen, aber insgesamt sehr vielversprechend.
      Pavol Breslik hat mir schon im Herbst als Alfredo in der Traviata nicht immer gefallen. Da obere Mittellage klang oft stumpf, die Höhen etwas gepresst. Das war am Sonntag nicht ganz so deutlich hörbar. Die Partie liegt ziemlich tief und in dieser Lage hat sene Stimme in den letzten Jahren an Substanz gewonnen, das kommt dem Hans zugute. Die obere Mittellage hatte wenig Schmelz, viele hohe Töne gab die Partie nicht her.
      Der Star des Abends, auch durch die Regie als solcher definiert, war eindeutig Günther Groissböck als Kezal. Die Rolle der schmierigen Heiratsvermittlern machte ihm offensichtlich großen Spaß, der sich auch in der gesanglichen Gestaltung äußert. Ihn habe ich sogar mal kurz gesehen: Er sprang im Slalom den Misthaufen herunter, mit perfekt zusammengeoressten Knien Parallelschwünge imitierend. Tolle sportlichensportliche Leistung.
      Die berührendste Darstellung des Abends gelang Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als stotternder Wenzel, trotz Schwein Willi. Ja, Tiere gehen halt immer. Das Schwein bekam als einziger "Darsteller" einen veritablen Auftrittsapplaus.
      Schwein Willi ewies sich auch als echte Rampensau: konnte gar nicht genug vom Applaus kriegen.
      Das Dirigat von Tomáš Hanus wirkte robust, teilweise in Einheitslautstärke, aber vielleicht gab Smetanas Partitur ja nichts anderes her...
      Zur Inszenierung kann ich nicht viel sagen. Nur ein Heuhaufen, oder vielmehr eine aus verschiedenen Elementen einer Scheune zusammengeschusterte Bühnenlandschaft als tragende Idee ist sogar mir zu wenig. Die inszenierten Altherrenwitze (Bieseln etc.) fand ich blöd. Von der Personenregie, so sie denn vorhanden war, habe ich nichts sehen können. Blöd.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von susakit ()

    • susakit schrieb:

      Die berührendste Darstellung des Abends gelang Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als stotternder Wenzel
      Ablinger-Sperrhacke war auch der beste Tenor.....

      susakit schrieb:

      Da obere Mittellage klang oft stumpf, die Höhen etwas gepresst.
      Das habe ich schon in der Premiere so empfunden.
      Man höre sich mal René Kollo in der Partie an. Zusammen mit Teresa Stratas.
      Ich mag das Werk an sich gerne. Aber nicht so. Und nicht in dieser Text-Fassung.

      susakit schrieb:

      Von der Personenregie, so sie denn vorhanden war,
      Die war schon vorhanden. Aber total überzogen. Asthma-Spray, eine ständig bubble-gum kauende Marie und pinkelnde Bauern sind für mich keine Personenregie, die diesen Namen verdient.
      Die Leistung von Günther Groissböck war schon beachtlich, aber ein wenig "overdone" fand ich es auch. Zu sehr Knallcharge.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • susakit schrieb:

      Die Musik: die hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Am Anfang hatte ich sogar den Eindruck, dass die Nadel hängt. Das war mir zu volkstümelnd, zu leicht, zu wenig Melodie oder wenigstens Dramatik. Manchmal kam Sehnsjcht in der Musik auf, diese Passagen haben mir am besten gefallen.
      Iich finde es gut, dass jemand mit Ihrer profunden Kenntnis des Opernrepertoires andernsort öffentlich Aufführungen rezensiert.
    • susakit schrieb:

      Das Libretto. Da ich des Tschechischen nicht mächtig bin, hatte ich mich zunächst gefreut, dass das Werk auf Deutsch aufgeführt wird.
      Der Rhythmus der Originalsprache passt aber einfach besser zur Musik, und dass dies nicht ganz unwichtig ist, würde R. Wagner wahrscheinlich bestätigen. Dass Ihnen die Musik nicht gefallen hat, kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht war Ihre Gemütslage wegen der widrigen Umstände zu wenig empfänglich. Vielleicht versuchen Sie mal mit:

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      oder:
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      :)
    • Gundryggia schrieb:

      susakit schrieb:

      Die Musik: die hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Am Anfang hatte ich sogar den Eindruck, dass die Nadel hängt. Das war mir zu volkstümelnd, zu leicht, zu wenig Melodie oder wenigstens Dramatik. Manchmal kam Sehnsjcht in der Musik auf, diese Passagen haben mir am besten gefallen.
      Iich finde es gut, dass jemand mit Ihrer profunden Kenntnis des Opernrepertoires andernsort öffentlich Aufführungen rezensiert.
      Mir hat dieses Werk nicht gefallen. Und das war keine Rezension, sondern ein Erlebnisbericht. ;)
    • also, ich muss zugeben, dass ich mich mit dem Werk schon immer schwer getan habe (insbesondere in der deutschen Übersetzung); daher ist das jetzt auch die erste Premiere seit sicher 10 Jahren, zu der ich auch keinen Kurzbericht geschrieben habe, einfach, weil ich finde, dass es ein Stück ist, dem ich zumindest in der deutschen Übersetzung nun gar nichts und zwar absolut gar nichts abgewinnen kann. Das wirkt alles so antiquiert und nichtssagend (und vielleicht wäre das Stück als Spieloper auch im Gärtnerplatztheater besser aufgehoeben).Insoweit hat Bösch (und auch die musikalische Seite) für mich das Beste aus dem Stück gemacht, mich nämlich halbwegs gut unterhalten. Mehr ist da nicht drin oder um es mit den Worten meiner Begleitung in der Premiere zu sagen, es ist halt ein "dummes Stück" (wobei es mir sicher auf tschechisch deutlich besser gefallen hätte). Wenn man sich alleine die YouTube-Ausschnitte mit Peter Dvorsky anschaut, das wirkt einfach homogener und weniger gekünstelt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von maestro ()

    • maestro schrieb:

      Insoweit hat Bösch (und auch die musikalische Seite) für mich das Beste aus dem Stück gemacht, mich nämlich halbwegs gut unterhalten. Mehr ist da nicht drin oder um es mit den Worten meiner Begleitung in der Premiere zu sagen, es ist halt ein "dummes Stück"
      Wenn das Stück es zugelassen hat, dass Sie sich halbwegs gut unterhalten haben, dann kann es nicht ganz "dumm" sein. :)
    • maestro schrieb:

      oder um es mit den Worten meiner Begleitung in der Premiere zu sagen, es ist halt ein "dummes Stück"
      Ich will mich jetzt nicht über Ihre Begleitung äußern, aber wenn man dieses Werk als "dummes Stück" bezeichnet, hat das wohl der Regisseur zu verantworten. Und das ist dann eine Denunzierung, die ihm nicht zusteht.
      Wie sieht es denn dann mit der ganzen Riege der sog. "deutschen Spieloper" aus? Sind das auch "dumme Stücke"? Solche pauschalen Abqualifizierungen finde ich generell mehr als fragwürdig.und zeugen m.E. nicht gerade von Sachverstand.
    • maestro schrieb:

      auf jeden Fall die Autoren; Ich bin immer wieder erstaunt, warum beispielsweise Österreich so großartige Satiriker hervorgebracht hat
      Sie haben jetzt aber von Komödie zu Satire gewechselt. Wenn Sie es zulassen, Loriot und Heinz Erhardt als Satiriker zu bezeichnen, dann brauchen wir uns Österreich gegenüber nicht zu verstecken. Aus dem bayrischen Raum stammen sie auch nicht. Geht man zeitlich noch weiter zurück, dann könnte man noch Kästner und Ringelnatz aufführen.
      Betrachtet ich Kabarettisten, dann trifft das bei meinen Lieblingen ( Polt, Priol, Pelzig, Jonas, Schramm, Dudenhöffer, Lyko , von Manger und Hüsch) zu, was die Stärke des Südens betrifft.
      Noch einmal zurück zur Komödie. Was das Boulevard betrifft, da kenne ich mich nicht aus, eher, als langjähriger Fernsehzuschauer, beim Volkstheater. Konkret: Komödienstadl, Ohnsorg Theater und Millowitsch Theater. Diese Veranstaltungen lebten natürlich hauptsächlich vom Können ihrer Akteure. Willi Millowitsch habe ich einmal live erlebt. Da war er wesentlich besser als im Fernsehen. Vor ein paar Wochen habe ich mir ein Stück aus dem Ohnsorg Theater mit Heidi Kabel und Henry Vahl angesehen. Inhalt bescheiden, aber Spaß enorm. Im Vergleich dazu können alle Comedians einpacken. :)
    • maestro schrieb:

      Der Knochenmann
      "Der Knochenmann" hat allerdings mit "Komödie" nicht viel zu tun.
      Es handelt sich dabei um ein tiefschwarzes, hintergründiges, bitterböses und z.T. skurril-komisches
      Stück. Das ist ein typiischer Hader. Eine eigene Form.
      Weit weg von Heinz Erhardt und Loriot. Die würde ich auch nicht als "Satiriker" durchgehen lassen. Das sind Komiker (nicht zu verwechseln mit "Comedians"), allerdings welche mit Hintergrund.