London ROH "Simon Boccanegra" 24. November 2018

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    • London ROH "Simon Boccanegra" 24. November 2018

      Es gibt Opernabende, die einen beglückt in die Nacht entlassen. Einen solchen erlebte ich vor einer Woche in der Covent Garden Oper. "Simon Boccanegra" in einer Inszenierung von Elijah Moshinsky. Ein klassisches Bühnenbild, das hauptsächlich aus Säulen bestand, zwischen denen aber alles Notwenige platziert wurde und vor allem im 1. und 3. Akt hatte man das Gefühl, daß unterhalb des Palastes das Meer liegt. Auch das Bild zum Prolog, dem Platz in Genua, war sehr gekonnt: Rechts eine große, schwarze Tür und daneben, zum Zuschauerraum zeigend, eine Wand mit Schriftzügen, aus denen hervorging, daß man Boccanegra als Dogen sehen wollte. Die Kostüme allesamt passend zum 14. Jahrhundert. Die Augen wurden also hier aufs Trefflichste bedient.
      Aber was ist mit den Ohren? In der Titelpartie war Carlos Alvarez zu hören, der rundum überzeugen konnte. Von seiner ehemaligen Stimmkrise war nichts zu hören, vielleicht ist die Stimme reifer geworden, älter. Das aber kam der Figur zustatten. Gesang und Gestaltung der Partien gingen hier Hand in Hand. Die Erkennung seiner Tochter und das "Figlia!" waren sehr anrührend, ebenso das Zusammenspiel mit seinem Gegner Fiesco... Den sang Ferucchio Furlanetto, der immerhin 69 Jahre alt ist. Er war nie ein schwarzer Bass, aber das, was von seiner Tiefe geblieben ist konnte er eindrucksvoll belegen, ohne daß ihm der Atem knapp wurde. Die stimmliche und gestische Ausgestaltung des zu verkörpernden Charakters gelang ihm exzellent! Seine Stimme ist immernoch klangschön, sie hat Kraft und viel Gestaltungsmöglichkeit. Daß seine Piani teilweise nicht wirklich hörbar waren, lag nicht nur an ihm. Mit Alvarez und Furlanetto standen zwei Vollblutkünstler auf der Bühne. Die Feindschaft zwischen ihnen bzw. zwischen Fiesco und Boccanegra kam sehr komprimiert über die Rampe. Im 3. Akt dann die Versöhnung der beiden Feinde. Wie Fiesco sich da neben Simone, den bereits die Kräfte verlassen, auf die Bank setzt, wie er Simones Hand nimmt, seinen Kopf kurz an seinen Oberarm lehnt und wie man seine innere Erregung wahrnimmt bei der Offenbarung Simones, Amelia wäre das Kind seiner Tochter Maria, das habe ich dermaßen intensiv so noch nicht gesehen. Das hat einen berührt, so sehr, daß zwei Damen in meiner Nähe die Taschentücher zückten. Das war ganz große Oper!
      Amelia Grimaldi wurde gesungen von Hrachuhi Bassenz. Ihre Stimme sprach in allen Lagen sehr gut an und fühlte sich in der Mittellage ebenso wohl wie in den Tiefen und in der Höhe, die makellos und klar war. Besonders gefielen mir nicht nur ihre Piani sondern auch ihre Decrecendi, die sie mit viel Emotion versehen konnte. Sie hat ein Material, das mit dem reifen der Stimme noch "runder" werden wird. Ihre Darstellung der Amelia ließ nichts zu wünschen übrig.
      An dieser Stelle muß man auch der Regie danken: Die Solisten durften hier miteinander agieren und ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Vater und Tochter durften sich mehrmals umarmen und nicht, wie man es auch manchmal sieht, meterweit voneinander entfernt stehen.
      Gabriele Adorno war mit Francesco Mieli besetzt. Sein Tenor scheint unerschöpflich zu sein, mühelos kletterte er in höchste Höhen, ohne jegliche Anstrengung. Dabei nahm er sich leider in den Ensembleszenen nicht zurück, so daß man außer ihm keinen anderen mehr hörte. Das fand ich persönlich schade. Hier hätte der Dirigent ihn ein wenig steuern und führen müssen. Seine strahlende Höhe paßte jedoch perfekt zu Bassenz und obwohl ja im Grunde die Liebesgeschichte zwischen Adorno und Amelia nur am Rande bleibt, erlebte man hier ein wirklich zu Herzen gehendes Paar.
      Mark Rucker debütierte mit dem Paolo in Covent Garden. Seine Stimme ist durchaus voll und klangschön, könnte aber in einigen Szenen mehr Durchschlagskraft vertragen. Vom Spiel her war er mir persönlich nicht leidenschaftlich genug, er wirkte eher etwas behäbig. Ob sein leichtes Humpeln einem vorübergehendem oder dauerhaften Leiden geschuldet ist, läßt sich nicht sagen.
      Pietro war Simon Shibambu, der sehr ordentlich seine kleinere Partie sang. Die Nebenrollen waren solide besetzt.
      Das Dirigat lag in den Händen von Henri Nánási. Er erreichte mühelos die Verschmelzung von Bühne und Musik und er setzet nicht auf Effekte sondern auf den Klang eines Verdischen Musikdramas.

      Alles in allem ein großer Opernabend, getragen auf hohem künstlerischen Niveau, vom dem man lange zehrt.
    • Lieber Eduard19, vielen Dank für diese ausgefeilte Besprechung!

      Eduard19 schrieb:

      in einer Inszenierung von Elijah Moshinsky.
      An ihn habe ich die letzten Tage sehr oft gedacht. Genau genommen das erste Mal beim Auftritt des Otello in unserer Münchner Produktion. Vor etwa 20 Jahren habe ich nämlich in der Met zweimal "Otello" in einer Inszenierung von Moshinsky gesehen. Mit Plácido Domingo, Renée Fleming und Sergej Leiferkus. Dirigent James Levine. Großartiges Bühnenbild (auch mit riesigen Säulen) und eben solcher Personenregie.

      Eduard19 schrieb:

      Die Kostüme allesamt passend zum 14. Jahrhundert. Die Augen wurden also hier aufs Trefflichste bedient.
      Sic! (Bei "Otello" passend zum 15. Jahrhundert)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ira ()

    • Eduard19 schrieb:

      Ira, sorry, lt. Opernführer (E.Krause) und auch Wikipedia 14. Jahrhundert. Aber auf 100 Jahr mehr oder weniger kommt es nicht an
      Um etwas genauer zu sein: um 1350.
      Klar! Der "Simone Boccanegra". Selbstverständlich. Entschuldigung, ich habe mich mißverständlich ausgedrückt: ich hätte sagen sollen, in meinem Fall, beim "Otello". Mein Fehler. Habe es ausgebessert.
      Und auf 100 Jahre kommt es schon an ;)
      Asteria, danke!
      Ich hatte ja an anderer Stelle schon mal geschrieben, daß die Oper "Otello" gegen Ende des 15. Jahrhunderts spielt. Wir hatten da Überlegungen angestellt, wann genau er bei Shakespeare angesiedelt ist.