Tosca, 15. Dezember 2018

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    • Tosca, 15. Dezember 2018

      Ein einzelner Herr erwartet meinen Bericht mit Ungeduld ;) ... also lege ich los:

      Am 15. Dezember 2018 besuchte ich die letzte Vorstellung einer "Tosca-"Serie in der Hamburger Staatsoper. Während die Musiker ihre Instrumente stimmten, stimmte sich das Publikum mit Husten und Niesen auf diesen Abend ein. Könnte man Bazillen sichtbar machen, wäre die Bühne nicht mehr zu sehen gewesen.... Früher ging man zum Arzt mit einer Erkältung, heute geht man in die Oper.
      Vor Beginn trat ein freundlicher Herr auf die Bühne - man weiß ja, daß dies selten etwas Gutes zu bedeuten hat. Das Malin Byström für Kristin Lewis einspringen würde wußte ich bereits. Aber: Andrzej Dobber hätte 2,5 Stunden vor der Vorstellung angerufen um mitzuteilen, daß es ihm sehr schlecht ginge. Er würde ins Haus kommen, bat aber um Verständnis wenn seine Leistung nicht so wäre wie gewohnt.
      Die Inszenierung (Robert Carsen) ist eine klassische mit sehr guten Bildern, keinerlei Schnickschnack oder unsinnigen Requisiten. Man schaut auf die Bühne, sieht links eine große Säule, die Kirchenstühle stehen mit dem Rücken zum Publikum und vor den Stühlen hängt ein Theatervorhang. Man blickt also auf die Bühne einer Bühne... Im Te Deum war mir zuerst nicht klar, warum man keinen Hochaltar zu sehen bekommt. Im Gegenteil, es wurde finster im Hintergrund. Dann allerdings öffnete sich der Vorhang: Eine übergroße Madonna mit Heiligenschein, Strahlenkranz usw. lag vor da, darum herum "schwebten" die katholischen Priester in anbetung und langsam wurde zur Musik die Madonna hochgezogen. Wow, das war absolut beeindruckend!

      Bleiben wir gleich bei Dobber. Sein erster Auftritt: Un tal baccano in chiesa! Bel rispetto! war beinahe stimmlos. Er wirkte matt, erschöpft, ohne Biss, sang respektabel dafür, daß es ihm offenbar wirklich schlecht ging. Ohne wirkliche Kraft in der Stimme, hätte ich mir gewünscht, daß er das mit einem prägnanten Spiel ausgeglichen hätte. Aber auch das gelang wenig bis gar nicht. Was ich nicht verstand: Warum er im Te Deum überhaupt noch mitgesungen hat, statt die Stimme für den 2. Akt zu schonen. Denn gehört hat man ihn kaum bis gar nicht im Ted Deum. Mir hat er insgesamt auch von seiner Ausstrahlung nicht gefallen, ich weiß allerdings nicht, wie er die Partie üblicherweise gestaltet. Er wirkte schlicht gesagt so, daß man froh war, daß Tosca ihn erstach. Einem rauschhaftem Liebesakt mit ihr wäre er in seinem Zustand nicht gewachsen gewesen. Trotzdem war man dankbar, daß er nicht abgesagt hatte.

      Malin Byström als Tosca ließ im Grunde keine Wünsche offen. Ob im Piano, ob in ihren Ausbrüchen oder ihrem Leid im Vissi 'd arte - sie beherrscht jede Tonlage, klingt auch in der Höhe nicht schrill und spielt dazu alle Facetten dieser liebenden Frau. Besonders gefielen mir ihre großen Bögen - Musik und Stimme sind hier perfekt miteinander verschmolzen. Byström war wunderbar und ihr Zusammenspiel mit Marcelo Punente ganz hervorragend. Ehrlich gesagt war ich froh, daß sie und nicht Lewis gesungen hat.

      Puente gefiel sehr durch außerordentlich gute und anrührende Darstellung. Er ist ein Sänger, dem man anmerkt, daß er nicht mit dem Kopf sondern mit dem Herzen singt. Er hatte auch in dieser Partie (ich hörte ihn kürzlich als Don José) eine bombensichere Höhe. Ja, die Vittoria-Rufe hat man vielleicht schon heldischer gehört, aber sie kamen kraftvoll und ohne Probleme. Wenn man das Wackeln im Timbre ausblenden kann, wenn es einen nicht stört, dann ist er für Partien wie Cavaradossi geradezu prädestiniert. "E lucevan le stelle" berührte wirklich sehr und auch hier fiel einmal mehr sein großartiges Legato auf.

      Der Mesner von Shin Yeo war kaum vorhanden, da viel zu "dünn" von der Stimme her. Alexander Roslavets als Angelotti ging in Ordnung, war aber auch nicht herausragend. Alle anderen mehr oder weniger schwach. Vor allem im Finale, wenn Scarpias Häscher die Tat entdeckten und die Tosca dingfest machen wollen: Es war, als wenn die leisen Stimmen von der Konserve kamen, denn auf der Bühne erschienen weder Spoletta noch Sciaronne, auch keine Soldaten.

      Man kommt nicht umhin, das Publikum noch einmal zu erwähnen. Meine Güte, es war schrecklich! Abgesehen von dem Herrn neben mir, der immer wenn es dunkel wurde zu niesen begann...prustete, gurgelte und dann derart nieste, daß es mich hinriß zu sagen: Die Hand können Sie ja wohl wenigstens davor halten! Aus allen Ecken hustete es...
      3. Akt: Tosca erklärt dem Geliebten, wie er zu fallen hat.... da spielt sich ein Liebesdrama auf der Bühne ab.... und die Leute, die den Übertext mitgelesen hatten, beginnen laut zu lachen, wie in einer Komödie! Duett Tosca/Cavaradossi... sie träumen von der Zukunft.. sie singen: "armonie di canti diffonderem" - und die Leute beginnen zu klatschen! Das haut dann einen dann schon mal beinahe aus den dicken Wintersocken.

      Die musikalische Leitung lag in den Händen von Pier Giorgio Morandi. Seine Tempi waren mitunter doch sehr gedehnt, aber vielleicht war das besonders in den Scarpia-Szenen so und somit als Hilfe für Dobber gedacht. Insgesamt aber brachte er einen wunderbaren Puccini zu Gehör mit allem, was Puccini eben ausmacht.

      Alles in allem: Ein guter und was Tosca und Cavaradossi angeht, überaus befriedigender Abend. Nur das Publikum- das hätte man gerne austauschen dürfen :D
      Carpe Diem

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Eduard19 ()

    • Eduard19 schrieb:

      Aber auch das gelang wenig bis gar nicht. Was ich nicht verstand: Warum er im Te Deum überhaupt noch mitgesungen hat, statt die Stimme für den 2. Akt zu schonen.
      Es ist halt so, wenn man einen Scarpia im Tedeum nicht hört, ist das fast schon ein Offenbarungseid.

      Eduard19 schrieb:

      3. Akt: Tosca erklärt dem Geliebten, wie er zu fallen hat.... da spielt sich ein Liebesdrama auf der Bühne ab.... und die Leute, die den Übertext mitgelesen hatten, beginnen laut zu lachen, wie in einer Komödie! Duett Tosca/Cavaradossi... sie träumen von der Zukunft.. sie singen: "armonie di canti diffonderem" - und die Leute beginnen zu klatschen!
      Was stand denn da im Übertext? Was anderes als üblich? Oder ist denen die Erkältung ins Gehirn gestiegen? ^^
    • Asteria schrieb:

      Inwiefern?
      Nur weil

      Asteria schrieb:

      ... Tosca selber (...) dem ja auch zu keinem Zeitpunkt zugänglich...
      ist, heißt ja nicht, dass ein naseweiser Regisseur es nicht dennoch genauso inszenieren könnte. Dass Charaktere und deren Motivationen verfälscht neugedeutet werden, ist doch heute gang und gäbe.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Eduard19 schrieb:

      Man kommt nicht umhin, das Publikum noch einmal zu erwähnen. Meine Güte, es war schrecklich! Abgesehen von dem Herrn neben mir, der immer wenn es dunkel wurde zu niesen begann...prustete, gurgelte und dann derart nieste, daß es mich hinriß zu sagen: Die Hand können Sie ja wohl wenigstens davor halten! Aus allen Ecken hustete es...
      Ich hatte mal ein Abo in Hamburg. Nachdem es genau so war, wie Sie beschrieben haben, dauerhaftes Gehuste und Geniese - auch im Frühjahr - war ich so genervt von dieser geriatrischen Pinneberger Bustruppe, die hier täglich angekarrt wird, dass ich es abgegeben habe. Und ich erinnere mich noch an einen Auftritt von Judy Winter im Ernst-Deutsch-Theater als Marlene. Sie sagte zu ihrer Partnerin auf Stichwort "Hamburg": "Hamburg - ach ja, die Stadt, in der immer nur gehustet wird." Es ist wirklich eine Katastrophe und verfolgt einen überallhin in der ach so schönen Elbstadt, in der man natürlich durch 300 Regentage im Jahr und dauerhaften Sturm nicht anders kann als krank zu sein. Aber dann bitte nicht ins Theater gehen!
    • Waedliman schrieb:

      Ich hatte mal ein Abo in Hamburg. Nachdem es genau so war, wie Sie beschrieben haben, dauerhaftes Gehuste und Geniese - auch im Frühjahr - war ich so genervt von dieser geriatrischen Pinneberger Bustruppe, die hier täglich angekarrt wird, dass ich es abgegeben habe. [...]
      So viele greise Pinneberger gibt's doch gar nicht, dass sie jeden Tag einen vollen Bus schicken können...
      ... Wunder warten bis zuletzt.