"I Puritani", Neuproduktion

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    • "I Puritani", Neuproduktion

      War außer mir tatsächlich niemand da, oder sind lediglich alle so schreibfaul, wie ich es in letzter Zeit leider auch gewesen bin?

      Anstelle des Neujahrskonzerts aus Wien, für das ich noch nie wirklich viel übrig hatte, entdeckte ich auf einem anderen Sender dasjenige aus dem 'La Fenice' (dass es sich um das Konzert des Jahres 2017 handelte, merkte ich, weil verspätet eingeschaltet, erst später...); der dort auftretende John Osborn bescherte mir zwei Erkenntnisse: 1. dass er offenbar noch nie eine wirklich schöne Stimme hatte und 2. dass ich zur Zeit mit meiner Berichterstattung ziemlich nachlässig bin... Letztere Erkenntnis brauchte dann aber, wie man merkt, noch eine Weile, um sich durch- und in Aktion umzusetzen.

      Mit den „Puritanern“ betrete ich relativ unbekanntes Gebiet, denn ich habe sie bisher nur bei ein oder zwei Gelegenheiten gehört und noch nie gesehen, war also entsprechend gespannt auf die szenische Umsetzung.

      Die Handlung setze ich mal als bekannt voraus; der Regisseur (Vincent Boussard) verlegt sie in das Jahr 1835 auf einen 'Bal noir' zu Ehren des kürzlich verstorbenen Komponisten Vincenzo Bellini, der sich in Paris kolossaler Beliebtheit erfreute. Folgerichtig wird während der Ouvertüre die Kamerafahrt über einen aufnahmetechnisch verfremdeten Friedhof (Père Lachaise, nehme ich an) gezeigt und mündet dann in eine Beisetzungsszene, die im strömenden Regen stattfindet und sich, wie die übrige Handlung auch, in einem einheitlichen Bühnenbild abspielt.
      Dieses Bühnenbild zeigt den zerstörten Zuschauerraum eines Theaters, in dem eine rätselhafte, schwarzgekleidete Frau (Sofia Pintzou, eine von Boussard offenbar geschätzte Tänzerin ) ihr stummes Unwesen treibt; der tiefere Sinn dieser Erscheinung erschließt sich mir noch immer nicht.
      Der erste sängerische Solo-Auftritt gehört Sir Riccardo Forth, der schwer darunter leidet, dass die von ihm innig geliebte Elvira gleich einen anderen heiraten wird. Iurii Samoilov findet schmelzende Töne für diesen mit Rachegefühlen durchwobenen Schmerz. Dass Elvira einer solchen Stimme widersteht... Liebe macht offenbar nicht nur blind, sondern auch taub.
      Andererseits scheint Elvira (Brenda Rae) ohnehin reichlich verstört (kein Wunder: etliche Bürgerkriegsjahre gehen vermutlich an keinem halbwegs sensiblen Menschen spurlos vorüber, und wenn sich der Mann, in den sie sich verliebt hat, auch noch zur feindlichen Fraktion gehört, bleibt vielleicht nur die Flucht in die tröstliche (Schein-) Welt der Kunst, hier symbolisiert durch einen hell beleuchteten Konzertflügel, der wie eine rettende Insel auf der düsteren Bühne steht). Nicht einmal die gute Nachricht, die Sir Giorgio – alias Kihwan Sim – ihr bringt (Elviras Vater (= Giorgios Bruder) hat nun doch eingewilligt, dass sie und ihr heiß geliebter Arturo heiraten dürfen) kann sie wirklich aufheitern. Dank der Besetzung gerät diese Szene musikalisch auf das Beste, darstellerisch liegt der Fokus komplett auf Elvira; Onkel Giorgio ist nur Stichwortgeber. Eigentlich ist diese Szene auch optisch die stärkste des Abends: Elvira barfuß in einem wolkig-weißen Kleid auf dem schwarz glänzenden Flügel – das hat was.
      Es folgt ein Kurzauftritt von Elviras Vater (Thomas Faulkner), der verkündet, dass die Hochzeit leider ohne ihn stattfinden müsse, weil er eine Gefangene nach London zu überstellen habe. Eine sehr sonderbare Szene, wenn man bedenkt, dass er selber erst vor einigen Stunden diese Vermählung genehmigt hat. Ist er möglicherweise der Einzige, der die Identität der Gefangenen, die allgemein für eine royalistische Spionin gehalten wird, kennt? Immerhin spricht er sie als „nobil dama“ an...
      Allerdings erkennt kurz darauf auch Arturo (John Osborn) in ihr die Königinwitwe Enrichetta und beschließt, treuer Anhänger des Hauses Stuart, der er nun mal ist, sie zu retten. Blöd nur, dass er eigentlich gerade auf dem Weg zu seiner Trauung ist... Jedoch: wat mutt, dat mutt; obwohl Enrichetta (Bianca Andrew bzw. Kelsey Lauritano machen in Alternativbesetzung das Beste aus dieser eher statisch angelegten Rolle) ihm, wenn auch halbherzig, davon abrät, und nachdem er sein Dilemma hinreichend beklagt hat (mit der gleichen technisch sauberen, aber unbeteiligten Stimme, mit der er zuvor Elvira seiner Liebe versicherte) führt er anstelle seiner Braut die Königin aus der Festung. Riccardo, statt die Flucht zu verhindern, unterstützt ihn dabei – klar, so wird er seinen Rivalen auf jeden Fall los... Nützt ihm aber leider nichts, denn Elvira, von ihrer großen Liebe im Stich gelassen, verfällt umgehend in Wahnsinn, was zu einem wunderschön-sinnfreien großen Schlusstableau des ersten Aktes führt.
      Auch in der Folge wird wunderbar gesungen: Brenda Rae brilliert mit „Qui la voce sua soave mi chiamava“, die Herren Sim und Samoilov liefern sich ein fabelhaftes Duett, und sogar John Osborn klingt im dritten Akt farbenreicher als im ersten – allerdings gibt er auch ein oder zwei ziemlich schlimme Töne von sich.
      Die darauf folgende Wiedersehensszene, in deren Verlauf Elvira wieder zu Verstand kommt, wird von den Puritanern gestört, die Arturo verhaften wollen; stattdessen erschießt Elvira ihn eigenhändig, die anderen singen noch einmal sehr schön und dann – verbeugen sich alle, stumm und mit dem Rücken zum Saal, in Richtung der zerstörten Ränge auf der Bühne vor einem imaginären Publikum. Die Reaktionen des realen Publikums an dieser Stelle waren recht interessant. Bevor es sich von ihrer Überraschung aber richtig erholen kann, kommt Onkel Giorgio angeeilt und verkündet, dass der Krieg vorüber, der Anhang der Stuarts final geschlagen und Arturo begnadigt sei. Jubel auf der Bühne und Begeisterung im Zuschauerraum.
      Weil das Bühnenbild von Johannes Leiacker überaus atmosphärisch und die Kostüme von Christian Lacroix gewohnt opulent sind, ist an der Optik dieser Inszenierung nicht viel auszusetzen; Vincent Boussard allerdings hat eine bestenfalls halbszenische Inszenierung abgeliefert, die zwischendrin durchaus langweilig zu werden droht.Tito Ceccherini hingegen führte das Orchester, die Sänger stets umsichtig begleitend, zu instrumentalem Belcanto.
      ... Wunder warten bis zuletzt.

    • Asteria schrieb:

      Die darauf folgende Wiedersehensszene, in deren Verlauf Elvira wieder zu Verstand kommt, wird von den Puritanern gestört, die Arturo verhaften wollen; stattdessen erschießt Elvira ihn eigenhändig, die anderen singen noch einmal sehr schön
      Wikipedia:
      "Dritter Akt

      Arturo kehrt zurück und überzeugt Elvira von seiner Treue, woraufhin diese wieder zu Verstand kommt. Arturo wird festgenommen und sieht keine Hoffnung mehr. Riccardo jedoch bringt das Begnadigungsurteil. Allgemeine Freude."
      Wahrscheinlich singen die anderen so schön, weil niemand erschossen wurde. :)

    • parlando schrieb:

      Die Ariadne wurde doch auch völlig schmerzfrei aus dem Spielplan genommen, ich rechne mit dem selben Schicksal auch für die Daphne. Wenn eine Sanierung des Hauses zur Diskussion steht, wird man sich von allem Ballast befreien (müssen).
      Stimmt - 'Daphne', seit Jahren im Programm, wird als "letzte Vorstellung" angekündigt... Aber ob einer NP das Gleiche widerfährt?
      ... Wunder warten bis zuletzt.