Die "Lady Inchiquin" und Carragans Edition von Bruckners 2. Symphonie im Konzert der Staatskapelle

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    • Die "Lady Inchiquin" und Carragans Edition von Bruckners 2. Symphonie im Konzert der Staatskapelle

      Der Hobby-Geigenbauer und damalige Violinist der Berliner Philharmoniker Walter Scholefield entdeckte 1978 bei den Geigenhändlern Bein & Fushi in Chicago eine Violine mit einem außergewöhnlich gestalteten Korpus, die 1711 in der Werkstatt Antonio Stradivari gebaut worden war. Ob jahrzehntelanger Vernachlässigung waren dem Instrument nur mit extremer Anstrengung Töne zu entlocken. Es war eigentlich akustisch „tot“.

      Möglicherweise über Fritz Kreisler war das Instrument gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach England in eine Familie Foster gelangt. Deren Tochter Jane heiratete 1900 in eine gälische Familie königlichen Blutes, wurde damit zur Baronin von Inchiquin und somit zur Namensgeberin der Geige. Nach ihrem Tode im Jahre 1940 wurde die Stradivari zunächst in die Schweiz versteigert, gelangte bis in die späten 1960er Jahre in die berühmten Sammlung Cho-Ming Sin nach Hongkong, bis sie dann nach Chicago im Gegenzug für ein anderes Instrument regelrecht getauscht worden ist.

      Für 210 000 $ erworben, hat Scholefield mit einem professionellen Geigenbauer zweieinhalb Jahre an der Restaurierung seines Kaufs gearbeitet, bis die Geige nach Jahren geduldigen Arbeitens und Abwartens vor allem mit der Rekonstruktion des Holzes des Geigengrundkörpers endlich den perfekten Zustand, das Dunkle einer Guaraniund das Helle einer Stradivari, erreicht hatte.

      Nach Scholefield Pensionierung kaufte 2001 die Düsseldorfer Bank WestLB AG die Geige und stellte sie Frank Peter Zimmermann zur Verfügung.

      Nach einigen Wirrnissen gehört die „Lady Inchiquin“ inzwischen den NRW-Kunstsammlungen „Kunst im Landesbesitz“, so dass Frank Peter Zimmermann die Geige mit ihrem wundervollen Klang im 6. Symphoniekonzert mit Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll vorstellen konnte.

      Der Solist setzte unmittelbar im zweiten Takt mit dem Hauptthema ein. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen. Die “Lady Inchquin“ klang im Semper-Bau klar, schön und souverän, ein ästhetisches Erlebnis. Zimmermann spielte frisch mit Virtuosität wo nötig und mit Zurückhaltung, wo angebracht. Alles war einem starken Ausdruckswillen unterworfen, eine Interpretation, wie selbstverständlich.

      Christian Thielemann ging bei alledem voll mit, ein Spiel wie aus einem Guss. Orchester und Solist erwiesen sich als Verbündete. Tempowechsel der Sologeige wurden vom Orchester sofort aufgenommen. Da waren Künstler am Werk, die das Expressive voll auskosteten und bis ins Letzte darboten.

      Dem stürmischen Beifall folgte eine Bach- Zugabe Zimmermanns,eine faszinierende Verbindung von Sensibilität und emotionaler Intensität, sowie eine eindrucksvolle Demonstration der klanglichen Möglichkeiten der Lady.

      Als Abrundung seines Bruckner-Zyklus mit den Dresdnern hatte Christian Thielemann die 1877er-Fassung der 2. Symphonie der neuen Edition des William Carragan gewählt. Der Bruckner-Spezialist Carragan (geboren 1937) hatte Bruckners gründliche Überarbeitung von 1877 (in der Überlieferung des Kopisten Franz Hlawaczek) mit Aspekten des Erstdrucks der Partitur von 1892 (incl. Bruckners handschriftlicher Anmerkungen) verglichen. Dabei wurden insbesondere Wiederholungen und Zusatznoten eliminiert,fragwürdige Änderungen in Phrasierung und Dynamik korrigiert, sowie Änderungen von Instrumentierungen auf Bruckner zurückgesetzt. Erstmalig 1997 aufgeführt, wurde die Partitur 2007 in die Bruckner-Gesamtausgabe aufgenommen.

      Mit seiner Interpretation der c-Moll-Symphonie gelang Christian Thielemann ein abschließender Höhepunkt seines Bruckner-Zyklus mit der Sächsischen Staatskapelle.

      Die opulente Streicherbesetzung machte das vom ersten Einsatz deutlich. Neben dem Ideal des gedeckten, dunklen aber immer durchsichtigen Klangbildes der Dresdner erreichte das Gebotene eine prachtvolle Durchsichtigkeit und Klarheit. Die Blechbläser waren hervorragend im Klangbild eingebunden und akzeptierten in jeder Phase die anderen Instrumenten-Gruppen. Im Andante war der lyrisch- hochromantische Charakter der Bruckner-Arbeit besonders betont und bot eine Rückbesinnung auf Mendelssohn. Im Scherzo trieb der Dirigent seine Musiker unter Hockdruck nach vorn und formte damit ein höchst dramatisches Geschehen. Das Finale, flott angegangen, wurde dann geradezu sanft und lieblich, bis nach der großen Drei-Takt- Generalpause der Sturm massiv losbrach. Besonders in den langen Generalpausen lagen die spannungsintensivsten Eindrücke der Darbietung.

      Letztlich setzte Christian Thielemann Anton Bruckners Wille auf eine Performance voller Nuancen, voller Kraft und Eloquenz auf eindrucksvolle Weise um.

      Fast überflüssig, den gewaltigen Beifall zum Abschluss des Bruckner-Zyklus der Staatskapelle zu erwähnen.

      Nach den Dresdner Konzerten gehen das Orchester unter der Leitung Christian Thielemanns sowie seinem Capell-Virtuos Frank Peter Zimmermann mit dem Programm auf eine Tournee nach Wien in den Musikvereins-Saal, nach Baden –Baden ins Festspielhaus, nach Frankfurt in die Alte Oper und nach Hamburg in die Elbphilharmonie.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von thomathi ()

    • Lieber Thomathi,
      vielen Dank für den Bericht auch der persönlichen Eindrücke. Ich war selbst im Konzert und kann alles nur bestätigen. Es ist immer ein besonderes Erlebnis, wie die Kapelle mit den Solisten in einen Dialog treten kann, so dass man den Eindruck einer Kammermusik in anderer Dimension gewinnt. Man hat immer das Gefühl, dass Solist_in und Kapelle seit langer Zeit bestens vertraut ist und sich auf alles, was von der einen Seite angeboten wird, von der Gegenseite aufgegriffen wird.
      Sehr gut gefallen hat mir auch Bruckner 2, wobei ich kaum verstehe, dass die Sinfonie so selten gespielt wird. In der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker kann man zwar unter 3 oder 4 Interpretationen der 7., der 8. und der 9. auswählen, die zweite ist erst gar nicht vertreten, obwohl sie aus meiner Sicht alle Qualitäten der späten Sinfonien bereits zeigt. Alleine das Adagio hätte den Abend lohnenswert gemacht.
      Der Grund, das die zweite eher selten gespielt wird könnte aus meiner Sicht an den Schwierigkeiten des letzten Satzes liegen. Zu Schlusscoda schießt eine Gruppe der Blechbläser nach der anderen wie ein Geysir aus dem Orchester-Tutti hoch, aber immer mit leicht veränderter Notierung, aber immer im selben Takt. Nix mit den gewöhnen monolithischen Blöcken. Das sind höchste Anforderungen am Ende eines Konzerts an die Konzentration der Musiker, da muss sich der Dirigent auf das Orchester verlassen können, wie das Orchester auf den Dirigenten, sonst wird's furchtbar. Mit dem Programm gehen die Dresdner auf Tourneé, hier bin ich mal auf die Kritiken der Wiener gespannt, die ja mit Thielemann Bruckner 2 im Berliner Dom aufführen werden. Zum Abschluss der Tourneé gehts in die Hamburger Piazzaria, die von einem namentlich jetzt nicht genannten Sänger mit Bannfluch belegt worden sein soll. Mit Glück habe ich eine Karte ergattert und kann mir ein eigenes Bild über die singuläre Akustik des Hauses bei einem Violinkonzert und bei Bruckner 2 machen. Ich bin mal gespannt!!
    • Wiener Zeitung vom 1. Februar 2019

      Bruckner und die Lady

      Der deutsche Geiger Frank Peter Zimmermann beeindruckt Publikum und Fachwelt kontinuierlich seit vielen Jahren. Er zählt zu jenen Künstlern, bei denen es ausschließlich um Qualität und Inhalt geht, nicht um Glanz und Image. In letzter Zeit ging vor allem die bewegte Geschichte jener Violine - der "Lady Inchiquin" - durch die Medien, die dem Musiker nach vielen Jahren des gemeinsamen Tuns an Herz und Ohr gewachsen war. Mit diesem Stradivari-Instrument hätte er die perfekte Stimme gefunden, meinte Zimmermann in einem Interview.

      Welch’ innige Verbindung er und seine "Lady" haben, zeigte der Auftritt im Wiener Musikverein eindrücklich. Nicht nur das. Zimmermann ist ein absoluter Meister seines Fachs. Mit sonorem Goldton, phänomenaler Bogenhand, souveräner Intonation. Und atemberaubender Leichtigkeit. Felix Mendelssohns Violinkonzert konnte in dieser Interpretation all seine Schönheit, Feinheit und Größe entfalten. Die Sächsische Staatskapelle Dresden war Zimmermann ein würdiger Partner (der Geiger ist in dieser Saison "Capell-Virtuos"), spielte geschmeidig, reagierte flink.

      Den von Christian Thielemann vor allem dynamischen Anweisungen wurde behände Folge geleistet. Ein Vergnügen! Als Zugabe wählte Zimmermann den dritten Satz "Melodia" aus Béla Bartóks Solosonate. Nach der Pause begeisterten die deutschen Gäste das Wiener Publikum mit Anton Bruckners Zweiter Symphonie. Vom sphärischen Tremolo der Streicher am Beginn des Kopfsatzes bis zum triumphierenden Tuttifinale. Jubel vor allem für den klugen Dramaturgen Christian Thielemann.