"Dalibor" Premiere 24.02.2019

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    • Wie angedroht...
      Die Premiere der Oper „Dalibor“ hat mich völlig in ihren Bann gezogen. Die Inszenierung von Florentine Klepper verlegt das Werk nämlich in eine unbestimmte Gegenwart und lässt es zu einer Parabel über die verheerend manipulative Wirkung des Mediums Fernsehen (bzw. derer, die sich seiner zu bedienen wissen) werden. Nun ist zwar der Grundgedanke gar nicht sooo originell (Sandra Leupold ließ bereits „Le Villi“ / „L'Oracolo“ in einem Fernsehstudio spielen), aber das hier hat noch eine ganz andere, fürchterliche Dimension. Dazu später mehr.

      Worum geht es in der Oper? Der Edelmann Dalibor steht vor Gericht wegen eines Mordes, den er auch gar nicht leugnet. Die Schwester des Toten, Milada, führt Klage gegen ihn. Allerdings kommt während der Verhandlung heraus, dass Dalibor mit diesem Mord 'nur' Rache dafür genommen hat, dass der Ermordete zuvor seinen (also Dalibors) Herzensfreund Zdeněk kaltblütig und grundlos umgebracht hat. Und weil die Handlung eigentlich im späten Mittelalter angesiedelt ist, hat nicht nur ein Teil der Prozesszuschauer großes Verständnis für diese Racheaktion – auch Milada, die diese Hintergründe nicht kannte, verliebt sich in den kühnen, ehrlichen Mann. Die Richter (das Studio- und / oder Fernsehpublikum per TED – ist das schon Immersion?) sehen das allerdings anders und schicken Dalibor lebenslänglich in den Kerker. Dalibors Anhängern gelingt es, Milada in ihre Rettungspläne für ihren Helden einzubeziehen. Deshalb gibt sie im nächsten Akt den Fidelio (sprich: sie schleicht sich als Junge verkleidet bei Kerkermeister Beneš ein, um ihrem Geliebten nahe zu sein und ihm bei der Flucht zu helfen). Als sie sich Dalibor zu erkennen gibt, verliebt der sich Knall auf Fall in sie, die beiden träumen von einer gemeinsamen Zukunft in Freiheit (wobei sie wohl recht unterschiedliche Vorstellungen davon haben dürften, wie diese aussehen soll), aber dann geht alles schief...

      Überaus gelungen ist auch die musikalische Seite: unter der Leitung von Stefan Soltesz, der den wagnerischen Klang der Partitur sorgfältig herausarbeitet, ist ein großartiges Ensemble zu hören. Allen voran glänzen Aleš Briscein und Izabela Matuła als zum Scheitern verurteiltes Liebespaar Dalibor und Milada. Aleš Briscein lässt einen wunderbar strahlenden Tenor hören, bei dem jeder Ton bombensicher sitzt, und verkörpert diese recht unwahrscheinliche Figur darstellerisch überzeugend. Izabela Matułas Stimme ist ein echtes Phänomen; der Discman hatte diese Sängerin ja schon einmal vorgestellt, aber live und in Farbe ist sie noch hinreißender als auf YT – was für eine stimmliche Bandbreite! was für eine Ausstrahlung! Können wir die bitte öfters hier haben? Einziger, klitzekleiner Minuspunkt: beider Artikulation könnte entscheiden besser sein.
      Die übrigen Rollen sind mit hauseigenen Sängern gut bis hervorragend besetzt: Gordon Bintner singt schönstimmig den König Vladislav (hier ein smarter Showmaster mit großer Öffentlichkeitswirkung); er wird dieser ambivalenten Persönlichkeit auch in der Darstellung sehr gerecht und scheint anfangs der federführende Influenzer des Senders, in dem die Handlung sich abspielt, zu sein.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Asteria ()

    • Bald wird aber deutlich, dass eigentlich der Aufnahme- und Sicherheitschef Budivoj das Sagen hat; Simon Bailey gibt einen sich meist im Hintergrund zurückhaltenden Planer in gar nicht mal so zurückhaltendem kanarienvogelgelben Anzug, dessen Untergebene erkennbar sind an Bomberjacken in dem gleichen abscheulichen Gelbton.
      Wie wenig zimperlich er auch mit seinen eigenen Leuten verfährt, zeigt das Schicksal des armen Beneš: als der merkt, dass der nette, hilfsbereite Junge, den er bei sich aufgenommen hatte, wohl ein Spion war, meldet er dies pflichtgetreu seinem Vorgesetzten und wird daraufhin unverzüglich erwürgt. (Sein Tod ist übrigens keine Erfindung einer überbordenden Regie, nur findet er wohl eigentlich hinter der Bühne statt.) Thomas Faulkner in einem unbequem wirkenden Fatsuit singt (sonor und präzise wie immer) und spielt diesen Pechvogel.
      Das zweite Liebespaar in dieser Oper sind Jitka und Vitek. Jitka wurde als Waisenkind von Dalibor aufgenommen und hochgepäppelt, weshalb sie sich ihm zutiefst verpflichtet fühlt. Die junge Angela Vallone wirbelt als mutige Anhängerin Dalibors (zu) leichtstimmig über die Bühne und führt gemeinsam mit ihrem Geliebten Vitek (Theo Lebow) den Aufstand zur Befreiung ihres Helden an. (Wobei diese Befreier ein wüster und gar nicht mal so nobel gesinnter Haufen sind; Jitka und Vitek müssen ihnen sehr handgreiflich klarmachen, was geht und was nicht.)

      Während also Dalibors Freunde zur Rettung schreiten, hat Budivoj andere Pläne: weil ja, solange Dalibor 'nur' Tag und Nacht unter Kamerabeobachtung steht (Big Brother is watching you), wird keine Ruhe einkehren – er muss also sterben. Und obwohl Vladislav dies massiv widerstrebt, beugt er sich schließlich den Forderungen und ordnet die Hinrichtung an. Dalibor hat sich inzwischen aus seiner Zelle befreit und ist auf dem Weg nach draußen. Vorher legt er aber noch schnell Feuer im Sendesaal, was seine auf ihn wartenden Freunde dazu veranlasst, ihrerseits zum Sturm auf den Sender zu blasen, zumal das eben erst verklungene Armesünderglöckchen Böses vermuten lässt. Man stürmt also durch die brennende Halle in die Tiefen des Gebäudes... Als erste tauchen Dalibor und die tödlich verwundete Milada wieder auf, die ihr Leben in zartesten Tönen aushaucht. Gleich darauf schleift Budivoj eine Leiche in den Saal – sieh an, Vladislav ist auch tot. Daran, wer das getan hat, besteht kein Zweifel, auch wenn Budivoj den eben gefangengenommenen Vitek zwingt, sich mit dem Blut des Toten zu besudeln. Nach und nach werden auch die übrigen Angreifer zusammengetrieben und einem gar nicht mal so ungewissen Schicksal entgegengeführt – auch Dalibor, der sich entgegen dem Libretto nicht selber tötet, sondern freudig in den Tod schreitet. Hat also Budivoj gesiegt? Nicht zwingend, denn auch er wird von seinen eigenen Leuten verhaftet und weggeführt: die Polizisten tragen inzwischen martalisch-schwarze Uniform und Stahlhelm und wirken auch sonst überaus unfreundl... Moment mal: Stahlhelm? Jawohl: Stahlhelm! Der Stahlhelm. Mit Vollgas vorwärts in die Vergangenheit, sozusagen. Der eigentliche Drahtzieher bleibt im Dunkeln.

      Die Musik selber ist eine überraschende Mischung aus für ihre Zeit überaus fortschrittlich (weshalb Smetana sie auch als sein bestes Werk bezeichnete) und dann doch wieder eher volkstümlich schlicht. Weil es aber in der Handlung nicht um den Kampf gegen fremde Besatzer geht, sondern um bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen als Nachwehen der Hussitenkriege, erschließt sich mir nicht so recht, warum sie als „Befreiungsoper“ gehandelt wird... dazu würden „Die Brandenburger in Böhmen“ sich doch viel besser eignen...
      Natürlich bleiben noch ein paar Fragen offen: zum Beispiel, warum das Publikum der 'Justiz TV'-Show sich sämtlich schwarze Perücken und diese hässlichen Westen überstülpen muss. Oder auch, wer diese grammatisch und semantisch höchst abenteuerlichen Übertexte verbrochen hat. Und natürlich, was es da eigentlich zu buhen gab – denn das wurde bei Erscheinen des Regieteams erschreckend laut und ausgiebig getan. Beim Verlassen der Oper habe ich einen von den Schreihälsen gefragt, was ihm denn nicht gefallen habe; er schaute mich an wie ein Auto und rannte beinahe weg... Das nenne ich wohlbegründete Kritik.
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    • Asteria schrieb:

      erschließt sich mir nicht so recht, warum sie als „Befreiungsoper“ gehandelt wird...
      Das ist einfach eine falsche Übersetzung. Man bezeichnet das Stück gelegentlich als »Rettungsoper«. Sozusagen ein später Nachfahre dieses Genres. Das Vorbild des berühmtesten Beispiels schlägt in der Handlung ja deutlich durch. Ob die Bezeichnung berechtigt ist, wenn die Rettung fehlschlägt, ist eine andere Frage.
      Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an. / Und der arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
      Bertolt Brecht
    • Schambes schrieb:

      Es ist jedenfalls zu lesen, daß der Dalibor noch fester Programmpunkt in Böhmen ist.
      Dann kann das Stück ja so schlecht eigentlich nicht sein.

      Discman schrieb:

      Ich finde,von der Inszenierung her, hat er nichts verpasst.

      JLSorel schrieb:

      faz.net/aktuell/rhein-main/ope…iie-dalibor-16055964.html
      Daraus: Soltesz weist auf den ausgeprägt sinfonischen Orchestersatz hin, Klepper auf die große Freiheit, die sich biete, wenn ein Stück dem Publikum unbekannt sei.

      Der zweite Teil des Satzes ist schon ziemlich dreist. Frei nach dem Motto: das Publikum wird schon nicht merken, was es da als Smetanas Dalibor eigentlich untergejubelt bekommt. Man sollte annehmen, dass aus der Tatsache, dass das Stück unbekannt ist, genau der gegenteilige Schluss gezogen wird: dass das Stück erst mal so interpretiert wird, dass es halbwegs dem entspricht, was sich Smetana und der Librettist mal gedacht hatten, bevor man sich in irgendwelchen wilden Interpretationen ergeht.
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • JLSorel schrieb:

      Schambes schrieb:

      Es ist jedenfalls zu lesen, daß der Dalibor noch fester Programmpunkt in Böhmen ist.
      Dann kann das Stück ja so schlecht eigentlich nicht sein.
      Sagen wir es mal so: Sie hören sich ja wahrscheinlich den "Troubadur" oder "Die Macht des Schicksals" auch nicht an, weil Sie die Story so fabelhaft finden - oder?

      JLSorel schrieb:

      Daraus: Soltesz weist auf den ausgeprägt sinfonischen Orchestersatz hin, Klepper auf die große Freiheit, die sich biete, wenn ein Stück dem Publikum unbekannt sei.

      Der zweite Teil des Satzes ist schon ziemlich dreist. Frei nach dem Motto: das Publikum wird schon nicht merken, was es da als Smetanas Dalibor eigentlich untergejubelt bekommt. Man sollte annehmen, dass aus der Tatsache, dass das Stück unbekannt ist, genau der gegenteilige Schluss gezogen wird: dass das Stück erst mal so interpretiert wird, dass es halbwegs dem entspricht, was sich Smetana und der Librettist mal gedacht hatten, bevor man sich in irgendwelchen wilden Interpretationen ergeht.
      Aber genau das ist ja der Witz: Florentine Klepper hält sich eigentlich recht eng an das Libretto - sie setzt es nur mit heutigen Mitteln in die heutige Zeit um. Dabei sind durchaus eindrucksvolle Bilder entstanden, die allerdings die Erwartungen derer, die ein optisch opulentes Historiendrama erwartet haben, enttäuschen dürften.
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    • JLSorel schrieb:

      Man sollte annehmen, dass aus der Tatsache, dass das Stück unbekannt ist, genau der gegenteilige Schluss gezogen wird:
      Das ist sehr hübsch gesagt Man sollte annehmen, dass der entgegengesetzte Schluss gezogen wird. Merken Sie was? Warum sollte man das annehmen? Wie kommen Sie darauf?

      JLSorel schrieb:

      dass das Stück erst mal so interpretiert wird, dass es halbwegs dem entspricht, was sich Smetana und der Librettist mal gedacht hatten, bevor man sich in irgendwelchen wilden Interpretationen ergeht.
      Wenn ich das richtig verstehe, unterscheiden Sie zwischen Ihnen erwünschten Interpretationen, wie sie nach Ihrer Meinung gemacht werden sollten, wenn das Stück unbekannt ist und »wilden Interpretationen«, die Sie wohl für den Normalfall der Gegenwart halten. Ich frage Sie jetzt nicht, wo die Grenze verläuft, und woher Sie wissen, dass die Regisseurin sich in »irgendwelchen wilden Interpretationen ergehen« wollte. Das wissen Sie bekanntlich selbst nicht. Und wie eine Interpretation, dem entsprechen kann, was sich Smetana und sein Librettist gedacht haben, und woher man das eigentlich wissen kann, eben auch nicht. Nicht einmal die Interpretation, die Smetana und sein Librettist liefern würden, würde bekanntlich dem entsprechen, was sie sich gedacht haben. Wie stellen Sie sich das also vor?

      Alles Fragen, die natürlich ungeklärt bleiben werden. Aber vielleicht kommen wir bei der einen mal zu einem Ergebnis: Wo steht, dass man aus der Tatsache, dass das Stück unbekannt ist, die von Ihnen genannte Folgerung zu ziehen hat? Und wenn es nirgends steht, woraus ergibt es sich?
      Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an. / Und der arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
      Bertolt Brecht
    • JLSorel schrieb:

      Asteria schrieb:

      Sagen wir es mal so: Sie hören sich ja wahrscheinlich den "Troubadur" oder "Die Macht des Schicksals" auch nicht an, weil Sie die Story so fabelhaft finden - oder?
      Die höre ich mir eigentlich gar nicht ;)
      Dann nehmen Sie halt eine Oper Ihrer Wahl - Hauptsache, grandiose Musik bei haarsträubender Handlung... Sie wissen vermutlich, was ich meine.
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    • Katzenmueller schrieb:

      Asteria schrieb:

      erschließt sich mir nicht so recht, warum sie als „Befreiungsoper“ gehandelt wird...
      Das ist einfach eine falsche Übersetzung. Man bezeichnet das Stück gelegentlich als »Rettungsoper«. Sozusagen ein später Nachfahre dieses Genres. Das Vorbild des berühmtesten Beispiels schlägt in der Handlung ja deutlich durch.
      in diesem Fall noch durch eine Dosis "Lohengrin" und eine Prise "Paganini" ergänzt...
      "Ich frage mich ernsthaft, was für ein Rattenloch eine Partei oder Franktion eigentlich sein kann" (A. Poggenburg, AfD, übr seine eigene Partei)