Francesca da Rimini

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    • Francesca da Rimini

      "Vorurteile sind wie ein Strauß Blumen, den man immer wieder neu arrangieren muss" (Mark Twain)

      Mein erster und bis heute letzter Rachmaninow war sein Erstlingswerk "Aleko", eine Art russische Carmen und in der Spitzengruppe meiner Liste "Opern, die die Welt nicht braucht" relativ weit vorne. Da die Vertonung der "Francesca da Rimini" von Riccardo Zadonai mich auch nicht wirklich gepackt hatte, waren die Erwartungen heute bei der konzertanten Premiere des Einakters von Rachmaninow niedrig angesetzt, zumal ich zu Russisch als Opernsprache nie so wirklich Zugang gefunden habe.

      Aber schau an: im nicht wirklich vollen Saal des Nationaltheaters konnte man eine packende Wiedergabe des relativ kurzen Einakters (knapp 70 Minuten) vernehmen. Dirigent und stellvertretender GMD Benjamin Reiners fällt nicht der Versuchung anheim, Krach zu machen. (Ich möchte mir nicht vorstellen, wie der letzte GMD, Dan Ettinger, dieses Werk verkracht hätte.) Und so oszilliert bereits das Vorspiel zwischen Schwermut und Bedrohung, besonders die Streicher haben einen immensen psychologischen Effekt. Der bestens präparierte Chor fügt sich vor allem im überlangen Prolog wunderbar in den Klangteppich ein. Später fährt Reiners zwar voll auf, aber nie auf Kosten der Sänger. Bei denen handelte es sich allesamt um Rollendebütanten, die ihre Sache unterschiedlich gut machten. (Keiner von ihnen war übrigens Muttersprachler, das haben sie mit dem Autor der Zeilen gemein. Daher kann ich mir kein Urteil über die Idiomatik des Gesungenen erlauben, plausibel klang es allemal.) Ilya Lapich als Vergils Geist und Juraj Holly als Dante haben nicht wirklich viel zu singen, was auch dem stark sinfonischen Charakter des Werkes liegt. Da sind die Teilnehmer der amourösen ménage à trois weit mehr gefordert. Astrid Kessler ist längst im jugendlichen Zwischenfach angekommen und singt die Titelpartie rollendeckend zurückhaltend, aber mit viel Emphase. Ihr heller, klarer Sopran mag klassischen Hörgewohnheiten hinsichtlich der eher gutturalen slawischen Kolleginnen widersprechen, aber mir hat's gefallen. Andreas Hermann robbt sich noch, langsam aber stetig, ins Zwischenfach vor. Seine charaktertenorale Darbietung in "Genoveva" vor zwei (?) Jahren empfand ich als geradezu grotesk, aber als Paolo beginnt Hermann in der "Leseszene" lyrisch-zurückhaltend. Je mehr die Handlung in Extase kippt, desto eher drückt er nach. Das funktioniert "lange" ganz gut, beim musikalischen Höhepunkt verliert er fast den Fokus und klingt etwas schief. Der wirkliche Absahner des Abends war Bartosz Urbanowicz als Lanciotto, der mit profundem Bassbariton die Seelenqualen des verkrüppelten (darf man das so schreiben oder sollte ich lieber "gehandicappt" sagen?) Herrschers deutlich machen kann.

      "Francesca da Rimini" kommt nur noch zweimal in Mannheim. Wer die Gelegenheit hat, sollte sie nutzen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()