Der fliegende Holländer

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    • Der fliegende Holländer

      Meinen letzten Holländer, bei dessen Aufführung ein Schiff auf der Bühne stand, habe ich Anfang der 90er in Leipzig gesehen. Danach lief an diesem Haus (aber nur für kurze Zeit) die mit ideologischem Sondermüll vollgestopfte Version von Michael von zur Mühlen, das Bühnenbild bestand aus Papppkartons. Diese wurde mit dem Regieschrott zusammen schnell entsorgt. Und nun: Wieder ein Schiff. Und was für eins! Mit blutroten Segeln kreist es auf der Bühne, dann wird der Mast über den Orchestergraben weit hinein in den Zuschauerraum gefahren und einmal rechts, einmal links gedreht. Echt beeindruckend, und wäre der Abend unter dem Titel "Der Holländer - Das Musical" angekündigt gewesen, ein nicht zu bemängelnder echter Hingucker.

      Aber aus dem Graben ist Wagner und nicht Webber zu hören, dramatisch und auch comiquehaft, wie der Kompositeur es sich erdacht hat. Der mit phantastischen Bühnenaufbauten erprobte Michiel Dijkema (zeichnet in Leipzig schon Tosca und Rusalka verantwortlich) wurde seinem Ruf wieder vollauf gerecht: Er kann wunderbare Bühnenaufbauten entwerfen, die Technik des Hauses zu Höchstleistungen treiben, nur eines kann er noch immer nicht: Regie führen.

      Diesmal darf sich wieder alles drehen, heben, senken, die ganze Lichtbatterie des Hauses schwebt auf und ab, und auf großen Leinwänden werden Heines "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski" projeziert, Jener Text also, den Dramaturgen gewöhnlich ins Programmheft setzen lassen. Dadurch wissen wir vor jeder Szene, was gleich passiert - und da sich Herr Heine ja eher amüsiert der Geschichte nähert, wird auch szenisch jede Dramatik, jede Erschütterung vermieden.

      Dafür sorgen bei Dijkema schon die Perücken. Er wirft eine Art Jahrmarktstheater auf die Bühne, die Personen sind stark überzeichnet, (unfreiwillig?) komisch. Der Daland (roter Megavollbart, rote Haare) sieht aus wie ein Zirkusdirekor, der Holländer könnte in einem B-Movie als Untoter auflaufen (sieht aus wie Maschine von den Puhdys, aber mit langem Zottelbart). Ans Herz geht das alles nicht. Und es ist vor allem eines: stinklangweilig.

      Da erscheint der Holländer im 1. Akt, nicht mit Schiff, dies bleibt als Gag für den Dritten aufgespart. Er erscheint auf der Drehbühne, eingerahmt von drei toten Pottwalen, in deren Bauch auch noch die Schätze lagern. Das sieht aus wie im Naturkundemuseum, ist anfangs überraschend, nach 2 Minuten aber gegessen. Es passiert nichts - zwischen den Protagonisten. Keiner wundert sich über die Tiere, in Duetten stehen die Sänger immer an der Rampe, ohne jede Interaktion. Es gibt kein einziges inszeniertes Duett, nur Theater aus längst vergessenen Zeiten.

      Erschwerend müssen auch noch die sängerischen Leistungen vom Begriff "Theatererlebnis" abgezogen werden. Christiane Libor hat am Haus beinahe alle Wagnerpartien großartig gesungen, inkl. Brünhilde. Ihrer Senta hat Defizite in der Textverständlichkeit, dafür wird teilweise schon geschrien. (Vielleicht dürften hier auch einmal jüngere Damen ran?). Iain Paterson fehlt zum Holländer das Volumen, seine Darstellung wirkt lauwarm. Ladislav Elgr überschritt als Erik seine Grenzen, seine Stimme sitzt sehr weit hinten, klingt angestrengt. Nur Randall Jakobsh wurde seiner Rolle als Daland gerecht, aber den konnte ich ja nicht ernst nehmen, wegen der schrecklich clownesken Aufmachung. Und der Steuermann spielt, wenn ich es recht mitbekommen habe, den Heinrich Heine. Aber eben auch mit Bart, deshalb bin ich mir da nicht sicher.

      Das Gewandhausorchester unter Schirmer großartig, und gejubelt wurde auch. Im Bereich der Steuerkartenbesitzer und Theaterangehörigen, zwischen denen ich saß, bekam man sich vor Bravorufen gar nicht ein. Kann also auch sein, dass ich nur einen schlechten Tag hatte - und die anderen gut drauf waren.
    • opernwahn schrieb:

      Echt beeindruckend, und wäre der Abend unter dem Titel "Der Holländer - Das Musical" angekündigt gewesen, ein nicht zu bemängelnder echter Hingucker.
      Danke für Ihren sehr anschaulichen Bericht! Irgendwie klingt das, was Sie zu der Aufführung schreiben, doch interessant...
      Das Musical trägt übrigens den gleichen Namen wie die Oper. Ob und was es taugt kann ich nicht sagen, in einschlägigen Magazinen wurde es jedenfalls recht gut besprochen. Wen es interessiert, hier ein Link:
      hollaendermusical.de/index_home.htm
      Carpe Diem

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Eduard19 ()

    • Das Grundkonzept Michiel Dijkemas, Heinrich HeinesBeschreibung einer Amsterdamer Theateraufführung aus dem Jahre 1831, leicht aufgemotzt mit Erzählungen der Großmuhme des Herrn von Schnabelewopski, fanden wir reizvoll und die szenische Umsetzung über weite Strecken recht gelungen.

      Damit entfielen Notwendigkeiten von Verfremdungen und Peinlichkeiten insbesondere in der Spinnstuben-Szene. Was haben wir da über uns ergehen lassen müssen: Montageplätze von Tischventilatoren; einen Kreißsaal, den Fussboden aufwischenden Frauenchor usw.

      Bei Dijkema war schmucklos ein Arbeitsraum einer Spinnerei des damaligen Zentrums der europäischen Textilindustrie der Stadt Leiden entlehnt und mit Bewegung gefüllt worden. Das passte richtig .

      Auch dass er Emanzipationsmätzchen unterlassen hatte und eben die Gepflogenheit im Norwegen der Zeit, der Vater bestimmt den Ehemann der Tochter nach dem Mitgiftangebot, einfach stehen ließ, war doch schlüssig. Auch dass die Tochter das akzeptierte.

      Die musikalische Umsetzung blieb eingeschränkt, zumal wir noch von der Dresdener Wiederaufnahme des Klepper-Holländers vom Januar 2019 mit Christian Thielemann, Anja Kampe, Georg Zeppenfeld und Tomislav Mužek „verdorben“ waren.Die Gefahr besteht aber doch bei jedem Opernbesuch in den nicht so leistungsfähigen Häusern.

      Wir haben uns nicht gelangweilt!

      Und das aufwendige Effektchen mit dem 20 Meter langen, 6 Meter breiten und 12 Meter hohem Schiff, das bis über die Köpfe der Zuschauer der siebten Reihe schwenkte, sollte als Event durchgehen und als Demonstration der Leistungsfähigkeit der Leipziger Theaterwerkstätten gelten.
    • Es beruhigt mich, dass es Ihnen gefallen hat, und den Verzicht auf Emanzipationsmätzchen grundsätzlich zu begrüßen, kann ich ja auch nachvollziehen. Ob es nun poetisch oder peinlich ist, die spinnenden jungen Damen mit Kokons gleichzusetzen, die flügge zum Schmetterling reifen, bleibt dem Betrachter überlassen. Und dass der Regisseur nicht den Hauch von Interpretation versucht, gar nicht die Frage stellt, warum sich Senta nach diesem fremden Mann sehnt, dies würde zumindest ich als beruflichen Offenbarungseid auslegen.

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    • Neue Musikzeitung zum Leipziger Holländer:



      Gewuselt und gewimmelt – Ein neuer „Fliegender Holländer“ an der Oper Leipzig

      (nmz) -

      Es wirkt wie ein Masterplan: Der Leipziger Opernchef Ulf Schirmer wird zum Finale seiner Intendanten-Jahre 2022 dem Haus ein komplettes Wagner-Paket hinterlassen. Im XXL Format und mit Festspielschleifchen drum. Das ist Stadttheater mit weltweitem Vermarktungseifer. Und selbst ein wenig so größenwahnsinnig wie der „schnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ wie Thomas Mann den Leipziger Richard Wagner so hassliebevoll beschrieb. Also nicht nur den Bayreuther Zehner-Kanon vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“. Auch die Frühwerke. Zum Wagnerissimo-Rekord fehlen jetzt, nach dem Holländer-Landgang, noch die geplanten Neuinszenierungen von „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“ und der „Meistersinger“ bis 2021. Joachim Lange war an Bord.

      02.04.2019 - Von Joachim Lange

      Zum optischen Markenzeichen für den neuen „Fliegenden Holländer“ dürfte der Dreimaster werden, der im dritten Akt nach der Pause (!) von seiner Geisterbesatzung flott gemacht wird, um mit geblähten roten Segeln direkt Kurs aufs Publikum zu nehmen. Er stoppt erst, als dessen Bugspriet schon über den Köpfen in der siebenten Parkettreihe schwebt und die Lunten an den Kanonen schon brennen. Ein mit Szenenapplaus begrüßter Hunderttausend-Euro-Coup, den der Freundeskreis der Oper großzügig spendiert und die Technik des Hauses (unter Leitung von Oliver Gerds) perfekt realisiert hat. Dass es für Johnny Depp als lebenden Gruß, pardon: Fluch der Karibik dann nicht mehr gelangt hat, war zu verschmerzen. Musicalkompatibel ist der Dreimaster jedenfalls.

      Als Bühnenbildner kann sich der Holländer Michiel Dijkema damit wiederum ein spektakuläres Großobjekt auf der Habenseite verbuchen. (Sein voriges war das auf Hühnerbeinen gehende Hexenhaus in der „Rusalka“.) Vor dem Kahn verblassen die gestrandeten, auch schon gewaltigen, bis zu acht Meter langen Pottwale regelrecht. Die trugen im ersten Akt – nicht ganz so logisch – den Schatz des Geisterfahrers in ihrem Inneren.

      Als Regisseur müsste Dijkema diesen „Holländer“ eher auf der anderen Seite der Bilanz verbuchen. Mit der Grundidee hat er zwar Kurs auf Wagner und dabei dessen literarische Quelle, Heinrich Heines „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“, ins Visier genommen und die häppchenweise ausgiebig auf segelartige Hintergrundprospekte zum Mitlesen projiziert. Was dann aber davor abläuft ist nicht mehr als eine betont altertümliche Illustration. Motto: nur nicht mit Gegenwartsbezügen verschrecken! Mag sein, dass das dem Haus ganz recht war, nach dem Wirbel, den die Vorgängerinszenierung von Michael von zur Mühlen 2008 verursacht hatte.

      Also: das große Opern-Märchenbuch aufschlagen und eine alte Geschichte so erzählen, dass sie möglichst auch so aussieht! Dabei fängt alles mit einem spannenden Effekt an. Da simuliert nämlich die Bühnentechnik aus Scheinwerferbatterien von hinten und von oben, mit Drehbühne und Hubpodien, den Seegang und das Wellenwogen, das man aus dem Graben hört. Doch dann übernehmen die Kostüme von Jula Reindell die optische Herrschaft und schlagen gnadenlos zu. Wie verunglückte Secondhand-Meistersinger von anno dunnemals kommen Daland und der Holländer angestapft. Und beim Rest der Truppe sieht es auch nicht besser aus. Außenseiter? Aufbegehren? Sehnsucht? Druck der Gesellschaft? Oder auch nur das Knistern bei einer Begegnung zwischen zwei seltsamerweise auf einander abfahrenden Liebenden? Nichts von alledem. Hier wird nur im Geiste umgeblättert und auf der Bühne meist beziehungslos rumgestanden. Oder beim Seemannschor und den Spinnerinnen bei Frau Mary unter einer imposanten Riesenspinnmaschine gewuselt und gewimmelt.

      Als Gäste führen Christiane Libor als Senta und Iain Paterson als Holländer das Protagonistenensemble mit nobel vokaler Pracht an, während Randall Jakobsh einen soliden Daland beisteuert. Gehört es noch zu den Prämissen der Geschichte, dass Senta auf das Bild des Holländers fixiert ist, das nur sie sieht, so bleibt es in dieser Inszenierung ein Rätsel, wieso sie mit diesem Typen dann mir nichts dir nichts ins Bett steigt. Auch Eriks (mit intensivem Schmelz: Ladislav Elgr) Bemühen um Senta, ist eher eine vokale als szenische Aktion. Dan Karlström ist als Steuermann mit einer Partnerin versehen, die ihn mit Apfelsinenschalen bewirft, so wie es im eingeblendeten Heine-Text vorkommt. Warum Frau Mary (solide: Karin Lovelius) eine Augenklappe trägt, das bleibt ihr Geheimnis.

      Am Pult des Gewandhausorchesters ist der Abend Chefsache. Ulf Schirmer lässt es auch mal richtig knallen und zelebriert genüsslich einen breit wogenden musikalischen Seegang – Tendenz: im Zweifel laut und langsam.

      Am Ende mischten sich ein paar Buhs unter den Jubel der Leipziger.