Platée-Inszenierung von Villazón

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    • Platée-Inszenierung von Villazón

      Gäbe es eine Repertoire-Gerechtigkeit, so müsste der Jean Philippe Rameau (1683-1764) in den Statistiken ähnlich häufig aufgelistet sein, wie die beiden anderen Komponisten-Giganten die in den 1680er Jahren geborenen: Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Dabei hat er neben Motetten, Kantaten, viel Instrumentalmusik und Opern auch als Musiktheoretiker erhebliches geleistet. Mit seiner „Treatise of Harmony“ ist er eigentlich der Erfinder der Harmonie-Lehre.

      Erst zögerlich werden seine Opern im letzten Jahrzehnt wieder in Deutschland in die Spielpläne aufgenommen. Die Semperoper engagierte nun den Rolando Villazón, um die wahrscheinlich gelungenste Komposition Rameaus „Platée- Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten von Adrien-Joseph Le Valois d´Orville“ zu inszenieren. Wegen der „Ballett-Oper“, in derGesang und Tanz fast gleichberechtigt nebeneinander stehen, brachte Villazón den französischen Choreographen Philippe Giraudeau und zur Komplettierung der Opulenz den Lichtdesigner Davy Cunningham mit nach Dresden.

      Der Stoff der Handlung basiert auf einer spätantiken Überlieferung des Pausanias aus der Zeit um 170 n. Chr. U. und beschreibt einen Spaß, den sich die olympischen Götter mit der liebesverrückten Nymphe Platea gemacht haben sollen. Diese hässliche Kröte hält sich für unwiderstehlich und will sich in eine Liaison mit dem „Allerhöchsten“ einlassen, der aber nicht als Stier oder Schwan sondern als Einhorn bzw. Eule erscheint. Aus dieser Überlieferung entwarf der Maler, Dramatiker und Schauspieler Jaques Bureau (1657-1745) einen Operntext und verkaufte ihn aus Gründen der Geldnot an Rameau, der den Entwurf vom Amateur-Librettisten Le Valois d´Orville komplettieren ließ. Rameau schuf eine Opernmusik, die von abgrundtiefer Tragik bis zu ausgelassener Albernheit einen Spannungsbogen der Darstellung menschlicher Gemütszustände auslotet. Einsame Solokantilenen, prächtige Ensemble- und Chorszenen sind durch zahlreiche Ballette verbunden. Dabei entlockt er dem barocken Orchester immer neue Klangfarben und Tänze von überwältigender rhythmischer Vielfalt: Um des Jupiters Gattin von ihrer Eifersucht zu kurieren wird ihr vorgegaukelt, dass Jupiter beabsichtige, die im sumpfigen Reich der Frösche beheimatete hässliche Wassernymphe Platée zu heiraten. Nun hält sich aber die Nixe aber für unwiderstehlich, träumt von einer Zukunft als Göttergattin, wird aber letztlich verspottet und gedemütigt.

      Für die Hochzeit des Dauphins mit der spanischen Infantin gedacht, fand der Stoff bei einer Aufführung vor einem Teil der Hofgesellschaft begrenzte Gegenliebe, schon weil die Prinzessin absolut keine Schönheit war und Imitationen der Stimmen von Kuckuck und Esel kaum für eine Huldigung am Versailler Hof Ludwig XV. geeignet waren. Eine öffentliche Aufführung erfolgte am 9. Februar 1949 an der Pariser Opera.

      Rolando Villazóns Inszenierung ist so, wie wir ihn kennen: Locker, schräg und ordentlich durchgedreht. Dazu eignete sich der Handlungsbereich in der Welt der Götter und der Nymphen. Die Handlung, von Haus aus verfremdet, bedient so ziemlich jedes Vorurteil und charakterisiert so menschliches Verhalten, ohne erhobenen Zeigefinger. So gelingt es der Regie, das schwierige Thema des Mobbings locker auf die Bühne zu bringen. Denn letztlich ist „Platée“ eine als Komödie verkleidete Tragödie. Und so vermischt Villazón auch die antagonistischen Götter, Amour als Gott der Liebe mit dem Gott der Satire Momus.

      Die Tänze, in der französischen Oper eigentlich Einlagen, sind geschickt, zum Beispiel als Fantasiegebilde der Titelrolle,in die Handlung eingebaut, während Platée mit Puppen spielt. Sie bringen das Geschehen voran, so dass ein Fluss von Gesang und Tanz entstanden ist.

      Die weibliche Titelrolle hatte der Komponist einem hohen Tenor zugeschrieben. Das entsprach durchaus der üblichen Opernpraxis der Zeit. Villazón zeichnet konsequenterweise Platée von vornherein ohne Wenn und Aber als Transvestiten. Er zeigt seine Verwandlung vom Mann zu einer selbstbewussten Frau, die eben nur im Körper eines Mannes versteckt ist. Ihre Fähigkeit zur Fantasie ermöglicht das zu akzeptieren, was aber ihre Mitwelt nicht so zu akzeptieren bereit ist. Die Regie überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, ist Platée verrückt weil sie Frau im Körper eines Mannes ist? Oder ist die Gesellschaft verrückt, weil sie damit ein Problem hat?

      Die Lockerheit und das Komische der Inszenierung verleitet zum Lachen über Platée, aber es ist ein grausames Lachen.

      Die Bühne, hervorragend zweckmäßig von Harald Thor entworfen, ist ständig voller Menschen: Zwischen den Sängern, den Ballett-Tänzern und den Hauptfiguren kann sich der Zuschauer kaum langweilen. Dazu die wunderbar schrägen Kostüme von Susanne Hubrich.

      Die Musikalische Leitung war dem Spezialisten für die französische Barockmusik Paul Agnew übertragen worden, der selbst mehrfach als Platée auf der Bühne gestanden hat.

      Den Musikern der Staatskapelle gelingt, obwohl die Barockmusik nicht zur Kernkompetenz des Orchesters gehört, eine Wiedergabe auf höchstem Niveau. Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt. Aber die Profis werden dem tänzerischen Ungestüm der Musik und dem barocken Klangbild in jedem Moment gerecht.

      Die weiblicheTitelrolle hatte der bereits als Platée –erfahrene Philippe Talbot übernommen. Seine Stimme war nicht ausgesprochen farbenreich, aber seine schauspielerischen Leistungen ließen seinen begrenzten Gesang vergessen.

      Neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit als König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf. Dazu seine Gattin Juno lyrisch mit leuchtendem Sopran Ute Selbig.

      Die Muse der Komödie Thalie und die Magd der Platée bot die rumänische Sopranistin Iulia Maria Dan mit wunderschöner samtiger Stimme ungewöhnlich durchsetzungsfähig.

      Im Prolog als Erfinder der Komödie Thespis und im Spiel als Bote-Gott Mercure agierte mit skurriler Liebenswürdigkeit, umwerfendem Charme sängerisch und schauspielerisch glanzvoll der englischeCounter-Tenor Mark Milhofer. Einen fast magisch-hemmungslosen Auftritt als Gott der Satire Momus schafft mit dem Wenigen, was er zu singen hat, der Ensemble- Bassbariton Sebastian Wartig.

      Mit immens spielerischem Einsatz und einem fast protzenden prächtigen Bariton verkörperte Giorgio Caoduro den König der Berge Cithéron und im Vorspiel einen Satyr. Neben ihm mit gesunder Kompaktheitund unverstellter Direktheit der König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf.

      Einen zauberhaften Amor konnten wir von der Sopranistin des Jungen Ensembles Tania Lorenzo erleben.

      Die erfahrene Interpretin des Barockrepertoires Inga Kalla beherrschte als die lebenslustige La Folie mit überwältigender Stimme und lasziver Darstellung die Bühne.

      Zudem der allgegenwärtige Staatsopernchor, absolut fantastisch von Cornelius Volke geleitet, egal ob als ein Chor von Fröschen oder kontrapunktisch, immer beeindruckend.

      In der Pause sah man einige ratlose Gesichter und es blieben im zweiten und dritten Akt einige Plätze frei. Aber am Schluss gab es einhelligen Jubel für das Regieteam, die Sänger-Darsteller und Tänzer. Wir haben auch keine Missfallenskundgebungen gehört.

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    • Die Geschichte der Platée ist urkomisch, von fast bösartiger Ironie und Doppelbödigkeit, wie der zuständige Dramaturg Kai Weßler in seinem Einführungsvortrag launig vermittelte, man ging mit großer Neugier und Vorfreude in die Vorstellung- und wurde vom Gesehenen doch am Ende bitter enttäuscht. Zu sehen gab es platte Witze und Gags, ein roter Faden war zumindest für mich kaum zu erkennen, auch wenn das Thema von Außenseiter, deren Ausgrenzung und "Mobbing" vom Regisseur Villazon vorab angekündigt wurde. Es reicht halt nicht, seine Vorliebe für Clowns anzusprechen, den Beteiligten zum Ende großzügig rote Nasen aufsetzen zu lassen und das ganze in ständiger Bewegung zu halten. Das Stück gibt einfach zu viel her, als eine Klamotte daraus zu machen. Die Berliner Fledermaus hätte eine Warnung sein sollen, aber es kam dann leider doch anders.

      Von der musikalischen Seite blieben keine Wünsche offen, das Orchester spielte in kleiner Besetzung unter Paul Agnew großartig, die Solisten waren gut bis sehr gut, und doch ging ich unbefriedigt und ratlos nach Hause, auch wenn der Abend wegen der musikalischen Interpretation am Ende sehr lohnenswert war.

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    • Kindergeburtstag mit Rameau in der Semperoper – Rolando Villazon reduziert „Platee“ auf Pappnasen-Klamauk
      Mit Spannung wurde in Dresden die Premiere von Jean-Philippe Rameaus Ballett-Oper „Platee“ erwartet. Zeichnete doch Rolando Villazon für die Regie verantwortlich. Villazon, einst gefeierter Star-Tenor, versucht sich seit seinem stimmlichen Absturz in den verschiedensten Berufen: vom Bariton zum Romanautor, vom Moderator zum Werbespot-Clown, und schließlich zum Opernregisseur. Dilettant nannte man so etwas früher, heute sagt man Allrounder.
      Peter Sommereder berichtet
      klassik-begeistert.de/jean-phi…per-dresden-6-april-2019/
    • Die Kritik entspricht genau auch meiner Wahrnehmung. Es zeigt sich einmal mehr, wie schwer es ist, dieses Genre zu inszenieren, wenn es um diese doppelbödige Komik geht, die einen ernsten Hintergrund hat, ohne dass es in Plattheit abdriftet. Auch die Einbindung des Ballets war hoch problematisch, vieles erweckte den Eindruck einer Stellprobe oder eines Arrangements eines Bewegungschores, nur ohne Choreographie. Das ganze ist ja um so bedauerlicher, als das Stück wirklich eine außergewöhnlich schöne Musik hat und so exquisit gespielt wurde.
      Ab der 2. Hälfte habe ich mir immer stärker gewünscht, Barry Kosky würde sich diesem Stück annehmen, vielleicht macht er das auch, nachdem er Rameau bereits sehr schön ins Szene gesetzt hat. Ich hoffe vor allem auch, dass sich die Semperoper nicht allzusehr in. Gefälligkeit verliert. Die Verkaufte Braut war inszenatorisch ja auch nicht gerade ein großer Wurf.
    • Was hattet ihr eigentlich erwartet?

      Platée war zur Zeit seiner Entstehung Bestandteil der Unterhaltungskultur, die ähnlich wie in unserer Zeit ein Jan Böhmermann oder Harald Schmidt ohne Rücksicht auf die Empfindungen der betroffenen Zeitgenossen ihre Satire auslebten.

      Als im Frühjahr 1745 der Sohn Ludwig XV. Luis Ferdinand (1729-1765) seine Cousine 2. Grades Maria Theresia Rafaela de Borbón ( 1726-1746) heirate, war das einem Teil der Aristokratie suspekt, da sich diese Verbindung des Spanischen mit dem Französischen Herrscherhaus gegen das Haus Habsburg richtete. Für die Hochzeit hatte man zur Unterhaltung der Gäste bei Voltaire und dem Komponisten Joseph-Nicolas-Pancrace Royer eine Oper in Auftrag gegeben. Nun war aber die Braut keine Schönheit, so dass die Hofintrige eine Möglichkeit suchte, die Braut zu demütigen. Ob beeinflusst oder tatsächlich, die Oper „Pandore“ wurde bis zur Hochzeit am 13. Februar 1745 nicht fertig gestellt und man fand, dass „Platée“ von Rameau geeignet wäre, die junge Frau zu treffen. Aufgeführt wurde Platée am 31. März 1745 vor einem Teil der Hochzeitsgäste. Möglicherweise war das eine Art Abnahme, denn die Oper wurde für den Hof als ungeeignet bezeichnet und weitere Aufführungen gab es nicht.

      Tatsächlich war Rameaus Arbeit lediglich eine Aneinanderreihung von deftigen Szenen und Balletteinlagen ohne Tiefgang.

      Mit dem Prolog wird aber von Villazón das noch immer aktuelle Thema des Mobbing in der Schule thematisiert. Auch die Scene mit den Toiletten war doch zielführend. Dabei war sogar ein drittes Häuslein angedacht, wurde aber nach dem Shitstorm gegen den Karnevalsauftritt der Frau Kramp-Karrenbauer nicht realisiert.

      Problematisch fand ich allerdings den Bezug auf Villazóns Engagement als Clown in Kinderkrebsstationen. Denn in der Inszenierung führen die „roten Nasen“ direkt in die Katastrophe, was bei Betroffenen eine ungewollte Assoziation hervorrufen könnte

      Bei allen Schwächen, fand ich die Regiearbeit recht gelungen. Hier wurde mit Entsetzen Scherz getrieben. Villazón hatte die Ballettscenen richtig integriert, so dass diese die Handlung voranbringen, was unserem heutigen Empfinden von Oper eher entspricht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von thomathi ()

    • Neu

      thomathi schrieb:

      Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt.
      Was in einer Weise betont wird, die wie eine Rechtfertigung klingt.

      Nachdem sich selbst das Radebeuler Abwicklungsorchester entschlossen hatte, eine unter internem Unverständnis angesetzte französische Barockoper „richtig“ zu machen (was keine einmalige Nummer blieb: elbland-philharmonie-sachsen.d…bles/ensemble-charpentier ), kommen mir die auf modernen Instrumenten gespielten Barockopern in Dresden wirklich wie eine Verlegenheitslösung vor, die es überhaupt nur wegen Salzburg gibt.

      parlando schrieb:

      Ich hoffe vor allem auch, dass sich die Semperoper nicht allzusehr in. Gefälligkeit verliert.
      Geht mir inzwischen bzw. aktuell auch so. Und das, nachdem die Namen schlümmer Regieunholde für Aufruhr gesorgt hatten, nachdem in einer Veranstaltung mit dem Orchestervorstand über Chancen und Risiken einer Modernisierung der Oper diskutiert wurde, nachdem man sich mit Gendersternchen voll progressiv zeigt – und damit voll opportunistisch ...

      Und es ist nur eine Kleinigkeit, aber: Bento-Texte hätte ich mir bis heute in Programmheften der Semperoper wirklich nicht vorstellen können. Obwohl es dieser Inszenierung in gewisser Hinsicht angemessen ist.

      thomathi schrieb:

      Auch die Scene mit den Toiletten war doch zielführend. Dabei war sogar ein drittes Häuslein angedacht, wurde aber nach dem Shitstorm gegen den Karnevalsauftritt der Frau Kramp-Karrenbauer nicht realisiert.
      Die Kunstfreiheit scheint mir an diesem Haus auch schon entschiedener verteidigt worden zu sein.

      Wie gesagt: Hier deutet sich eine Tendenz an, die mir nicht gefallen würde.