Parsifal - Deutsche Oper Berlin

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    • Parsifal - Deutsche Oper Berlin

      Die Wiederaufnahme der Stölzl-Produktion am 14.04.2019 stand zunächst unter keinem guten Stern, da neben Kundry und Amfortas auch der Dirigent umbesetzt worden war. Mir hat das Dirigat von John Fiore durchaus gefallen. Allerdings war er mehrfach als Feuerwehrmann gefragt, weil Einsätze nicht geklappt haben oder Tempi falsch waren. Meiner Meinung nach hat Fiore klare Zeichen gegeben. Dennoch lag der Chor bei "Zum letzten Liebesmahle" im Kollektiv-Schlaf und ist dem Publikum den ganzen Satz schuldig geblieben. Erstaunlich, dass nicht ein einziger Sänger eingesetzt hat. Dass es ein grandioser Opernabend war, lag in erster Linie am Gurnemanz von Günther Groissböck. Er hat gestern meine ohnehin schon hohen Erwartungen weit übertroffen. Seine mustergültige Textbehandlung war wie Liedgesang. Dazu hat er die Partie relativ mühelos gesungen. Stellenweise hat er mich an Kurt Moll erinnert, auch wenn er bei Robert Holl studiert hat. Für mich ist Günther Groissböck nun DER Gurnemanz unserer Tage. Ein weiterer Leuchtturm der Aufführung war Brandon Jovanovich in der Titelpartie. Wie schon als Lohengrin war Jovanovich nicht der dumme Junge, sondern ein selbstbewusster Charakter auf Augenhöhe mit Gurnemanz. Genauso hat er die Partie auch gesungen: mit hohem stimmlichem Einsatz und Tönen, die man selten so serviert bekommt. Als Amfortas war Markus Marquardt aus Dresden eingesprungen. Es gibt sicher noblere Stimmen, aber sein Vortrag ging mit seiner Stimmkraft und mit seiner Bühnenpräsenz unter die Haut. Das war große Klasse! Ebenfalls auf allerhöchstem Niveau war der Klingsor von Derek Welton aus dem Ensemble, der im kommenden Jahr den Wotan in der Rheingold-Premiere singen wird. Heike Wessels hatte es gegen diese überragende Herren-Riege etwas schwer, machte ihre Sache aber ordentlich. Aufgefallen ist mir die Power in ihrer Stimme. Bei den hohen Tönen hatte sie etwas zu kämpfen. Wer Karten für eine der beiden anderen Vorstellungen hat, darf sich freuen, dann allerdings mit Pankratova (Kundry), Hausmann (Amfortas) und dem GMD (Runnicles) am Pult.
    • Möchte hier mal kurz ein Loblied auf das anstimmen, was man in Berlin in 5 Tagen erleben kann - NICHT auf die Regisseure (Tscherniakov - Verlobung im Kloster: 3 1/2 Stunden ironisch- verkopfter Kommentar zu einem Stück, dessen eher banale, aber unbekannte Verwechslungshandlung ich bei Erstbegegnung gerne kapiert hätte II

      Stölzl- Parsifal, gut gemeinte Einstiegsinszenierung für Nicht - Wagnerianer mit unglaublich vielen stummfilmhaften Nebenszenen und einem ständigen Gebarme, das Ganze aber beachtlich auf Pappmaché - Ästhetik irgendwo zwischen Oberammergau und Ritter der Kokosnuss II

      am ehesten komme ich noch mit Andrea Moses' Meistersingern zurecht, kein Vergleich mit Kosky in Bayreuth, aber immerhin das Stück gediegen erzählt, mit einigen subkutanen Verweisen auf aktuelle politische Verwerfungen und im 3. Akt kurz mal richtig gut in der Beleuchtung des Dreiecks Sachs- Eva- Stolzing)...

      auch die Wagner- Bässe in der Lindenoper waren es alle 3 nicht (Salminen zwischen Dröhn- Ich - kann- das - noch und fehlender Höhe, Jürgen Linn einer der stumpfesten Stimmen, die ich je gehört habe (und das in der schweren Pogner- Partie), auch der Opernstudio- Nachtwächter hat bisher nur schwer behandelbares Material im Angebot), aber sonst so:
      Viel Komödiantik und Ensemblegeist beim Prokoffiew und exzellent geführte Stimmen (vor allem Garifullina, Jucic und Zhilikhovsky - Namen merken, auch Urmana mit beachtlicher Präsenz),

      ein Verdi- Konzert in der Philharmonie, in der Barenboim zwar ebenso schmissig die Ouvertüren dirigierte wie Garifullina in ihre Gilda- Kadenz das Nachspiel ins gehaltene c''' hineinschlug (überprobt war das nicht, wie auch, nachdem Netrebko noch die Hauptprobe versucht hatte- Addio del Passato geriet dann herzzerreißend und mit endlosen ppp- Hochtönen, da hatte Aida G. sich auch freigesungen, nachdem die Stimme in der Gilda noch in der Mittellage quallig und oben durchaus zu eng geführt klang) und in dem deutlich ein Event- Publikum mit den "4 pezzi sacri" nichts anfangen konnte... aber was der Rundfunkchor da an dynamischer Bandbreite und Homogenität lieferte, habe ich bisher nur vom BR- Chor erlebt und in Schweden, wo sogar Muti ob so viel accapella- Sicherheit mal ein Lächeln über die Lippen ging...)

      Dann das Konzert des Kinderorchesters (Durchschnittsalter 11!!!) mit vielen Kindern auch im Zuschauerraum und für "Peter und der Wolf" erneut mit ... Barenboim am Pult. Erzählt hat das ganze Villazon, abgelesen konnte man ihn auch verstehen, seine Moderation zuvor war hingegen so überdreht, das man zwar lachte, aber textlich nicht verstand, warum... Die Kinder auf der Bühne klangen ausgerechnet beim Humperdinck (Abendsegen und weiter) am homogensten - da wabert und mischt sich viel (die 4 Hörner haben überhaupt nicht gekiekst !!!), was bei Klassik und Neoklassizimus (Mozart/Prokoffiew) gerne auseinanderfällt. Aber eine Bombenstimmung auf der Bühne und ein geniales Projekt.

      Heute wollte ich denn endlich mal Äpfel und Birnen hintereinander vergleichen und ging in die DOB in zwei Akte Parsifal und anschließend noch mal in die Schusterstube in der Staatsoper (Festwiese hätte ich nicht mehr überlebt...):
      Ich wüsste keine andere Stadt, wo man zwei Wagner- Aufführungen dieser Qualität an einem Abend erleben kann (leider hätte das Publikum aus beiden Häusern auch alleine in die DOB gepasst, wobei die notorische Generalpausenhusterin nur im Westen saß).

      Akustisch ist sicher die DOB im Vorteil, auch wenn es in der Lindenoper zwar kompakter klang, aber auch nicht dröhnte. Die offenen Gräben in beiden Häusern sind natürlich eher Meistersinger- als Parsifal - geeignet, wo der Bayreuther Deckel schon ganz einzigartige Klangspiralen zaubert.

      Aber: Mal abgesehen davon, dass die Musiker an der DOB weniger verdienen und (vielleicht auch raumbedingt) wesentlich heller, schneidender und klarer klingen als die deutlich erdigere, dunklere, sämigere Staatskappelle, die sicher auch die besseren Holzbläser - Solisten hat: Von der Qualität waren beide Orchester eine Wucht.
      Wobei ich gerne getauscht hätte und den Parsifal dunkler und die Meistersinger aufgehellter gehört hätte. Runnicles war wieder da, die Herren setzen heute auch alle wieder gleich- und rechtzeitig ein, und vor allem im zweiten Akt war ein Brio im Dirigat, das sicher auch dieser genialen Besetzung gedankt war:
      Groissböck ist für mich auch Jahrzehnte rückblickend unschlagbar, die Stimme hat das kleine bisschen Kern und Höhe mehr als der bewunderte Moll,
      Pankratova hat diese wunderbar edle, cello- sehnige Baltsa- Tiefe, die tragende Mittellage und die auch in kürzesten Notenwerten ansprechende Höhe, die auch am Schluss nicht in Bedrängnis geht (was hat Simone Young sich vor 15 Jahren nur gedacht, als sie sie in HH nicht verlängert hat),
      und Jovanovich sang zwar dermaßen engagiert, dass er zwischendurch mal einen kleinen Frosch abwerfen musste, davor und danach aber mit so einer viril- baritonalen Vehemenz voll im Saft auf der Bühne stand, dass vor allem der zweite Akt (auch dank Derek Welton als Weltklasse- Klingsor) der für mich beste meines Lebens wurde (sängerisch!)
      Nur der eingesprungene Leipziger Amfortas Matthias Hausmann war trotz guten Textes und ordentlichen Materials doch emotional und klanglich Hausmanns- Kost. Die große Stimme hat wenig Klang und wirkt eher trocken. Was ist (mal wieder ) los mit Brück?

      Der Chor der DOB eine Wucht (anders als in der 1. Vorstellung), auch die Blumenmädchen, aber auch der Chor an der Staatsoper hinkt nicht mehr so arg hinterher wie früher.

      Rüber zu den Meistersingern, klanglich von blitzendem Silber in gut geöltes Mahagony, Koch ist natürlich eine Bank als Sachs (wobei er mir in Berlin wie München zu sehr als Alt 68'er gezeichnet ist, wo ist bei einem solchen Sachs noch Rebellen- Potential für Stolzing, der hier wie da in jeder Besetzung vergleichsweise spießig wirkt), und ich mag Volles etwas weichere Tonbildung und etwas natürlichere Höhe doch NOCH lieber als die stentorialeren und in der Höhe auch klanglich sehr angeglichenen Vokale Kochs ("Verachtet mir die Moister nicht", "das Deusche Roich") (wo mir immer ein wenig Vibrato fehlt, was dann in meinen Ohren immer ein wenig Richtung Alberich geht) ...aber seien wir glücklich, dass wir beide haben.

      Gantner sehr klanglich sehr tenoral (sicher ein toller Eisenstein), grandios textverständich und hoch gescheit.

      Fritz war ja zuletzt nur krank, am Donnerstag war er sehr vorsichtig und drehte erst auf der Festwiese auf (ich mag aber - abgesehen von gelegentlichen Knödeln in der Höhe- das edle, baritonale Timbre , seine Bescheidenheit und dass er Bögen singen kann. im Gegensatz zum aktuellen Bayreuther und Salzburger Stolzing- ich hatte schon immer was für die Stolzings, die auch noch einen heldischen Tamino singen konnten (Winberg, Araiza), heute wirkte er sicherer und wurde prompt übermütig, was er mit einem falsettieren A in der 4. Strophe Preislied in der Schusterstube bezahlte. Wie's ausging auf der Festwiese, habe ich nicht mehr mitbekommen.
      Ein junger südafrikanischer David (kriege ich nicht gegoogelt jetzt nach Vorstellungsende) war sehr höhensicher, witzig und textverständlich, Nicht- Muttersprachler haben offensichtlich immer die gleichen Probleme im Deutschen (lange,kurze Vokale, Doppelkonsonanten, selbst Pankratova kann da noch was lernen).
      Die Alt- Meister rührend, in der Reihenfolge von vokal sprengend bis unhörbar (Clark, Jerusalem, Goldberg, Mazura, Bär), Frau Kammerlohers französischer S - Föhlör ist mir noch nie scho aufgefallön.

      Und Barenboim für mich - mal abgesehen von dieser unglaublichen Energie und spürbaren Liebe zum Metier (nix Routine) trotz Petrenko und Thielemann immer noch der beste Meistersinger- Dirigent, weil der die Lyrik des Vorspiels 3. Akt und des Quintetts und der Sachs- Monologe und der Preislied- Strophen ebenso beherrscht wie die kontrapunktische Equilibristik des Vorspiels und all die kleinen boshaften Witze in den Nebenstimmen - das hat mir mehr Kontinuität als Petrenko. mehr Mut zum Pathos als der Thielemann von 2019 und ist vor allem so ungemein witzig und überraschend über alle Kantilenen hinaus...Witz und Tiefe in harmonischen Verband.

      Zuletzt das Evchen. Warum? Weil Julia Kleiter (nach den beiden Bayreuther Tanten und wohl auch vor der neuen Dame für 2019) einerseits klingt und aussieht, wie man sich ein Evchen vorstellt (Mozart-Stimme mit expansiver Höhe), die Ausbrüche gut bewältigt und das Quintett anmutig führt... und dann doch (habe nur in die Schusterstube reingehört) in Jacqueline Wager aus Salzburg ihre Meisterin findet. Die klingt zwar schon etwas fraulicher und brünetter, ist aber das erste Evchen seit der frühen Popp (später atmete sie auch zwischendrin) und viel früher der blutjunten Silja, die die erste Quintett- Phrase auf einem Atem durchzieht... und die dank Thielemanns ganz ungewöhnlich privat- zurückgenommenen Tempos und der reduzierten Dynamik bei "Oh Sachs, mein Freund" mal nicht hysterisch klingt, sondern eine Liebeserklärung im Mezzopiano fabrizieren darf: Atemberaubend. Wie überhaupt Thielemann mit Kohlhepp, Kowaljow, Zeppenfeld ja auch andernorts richtig gute, neue Ideen hatte.
      Aber dies nur am Rande: Dank an die DOB, die Staatsoper, den Rundfunkchor Berlin und diese unsagbar vielen tollen Sänger.

      Ein mal wieder glücklicher Berliner
    • Danke für den Bericht. Kleine Korrektur: Jürgen Linn sang den Kothner, den aber auch eher schwach.
      Burkhardt hatte sich zum Preislied stimmlich wieder gefangen, hatte allerdings einen ziemlichen Texthänger bei der letzten Strophe.
      Im Anschluss gab's eine Ehrung für Franz Mazura zum 95, Barenboim hat gesprochen.
      Der Sänger des David hieß Siyabonga Maqungo :)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • An Ostern liegt für Christen Leid und Freud' bekanntermaßen eng beieinander, wenn auch stark getrennt. Ähnliches war auch am Gründonnerstag und Karfreitag an der Deutsche Oper zu beobachten, wobei sich beide Gefühle an beiden Tagen in merkwürdiger Ambivalenz eines sowohl-als-auch verhielten.

      Am Donnerstag spielte am Wagners wohl schlechtestes Werk. Eigentlich ist es ja eher ein Machwerk mit stereotypen Figuren vom Reißbrett und einer bestenfalls mediokeren Musik, die auf Teufel komm raus gefallen will und genau deshalb noch schwächer wirkt, als sie es vermutlich eh schon ist. Regisseur Philipp Stölz macht es also genau richtig, wenn er bei dem faschistoid anmutenden Handlungsstrang den Obersalzberg und Führerbunker bemüht. Dieser schmale Grat zwischen Gaga und Götterdämmerung (im Sinne der Apokalypse) wird erschreckend deutlich gezeigt und ich fühlte mich rundherum gut unterhalten. Auch in musikalischer Hinsicht: Evan Rogister am Pult hält den Laden ordentlich zusammen und behält der bewegungsreichen Produktion stets den Überblick. Annika Schlichts Adriano überzeugt mit höhensicheren Mezzo, bei Elisabeth Teiges Irene bedauert man, dass ihre Arie (da muss es doch eine geben, oder?) dem Rotstift zum Opfer gefallen ist, denn ihr Sopran hat bei aller Durchschlagskraft ausreichend Flexibilität in der Stimmführung und eine bombensichere Höhe. Torsten Kerl spielt den Rienzi umwerfend gut - und wenn er ein nur halb so guter Sänger wäre, dann wäre es ein Porträt for the ages. Leider klingt sein nasal-gedrückter Tenor (mag ich eigentlich, erinnert mich an meinen Lieblings-Siegfried Jon Fredric West) so schwach auf der Brust, dass man ihm die Führerrolle rein stimmlich nicht wirklich abnehmen will.

      Am Freitag drauf erneut Wagner, dann sein vielleicht bestes Werk. (Wer jetzt meint, dass das der "Tristan" sei: meinetwegen, volle Zustimmung.) Und der gleiche Regisseur, das muss dann doch zünden. Denkste. Unterlegte man "Life of Brian" mit dem Soundtrack des Meisters, hätte man eine ungefähre Ahnung, welche Peinlichkeit sich in quälender Langatmigkeit über den Abend erstreckte. Und als sich dann im zweiten Akt zum Oberammergau-feeling noch ein Hauch "Indiana Jones" gesellte, war für mich der Ofen aus. Ganz gleich, wer da singt, wer da spielt: da kann ein "Parsifal" einfach nur scheiße sein.Andererseits machte es dann doch ein wenig demütig und dankbar, dass man die Produktionen von Konwitschny, Herheim, Guth, Tscherniakov oder auch Schlingensief erleben konnte - und das ist ja auch was. Dieses Mal leitete der GMD die Aufführung, allerdings hätte mich das Dirigat auch bei einer gelungeneren optischen Umsetzung nicht wirklich berührt: gewiss, alles im grünen Bereich (bis auf kleinere Ausrutscher - aber die bringen immerhin Leben in die Bühne), aber vom Karfreitagszauber ist man bestenfalls sediert. Der Klingsor von Derek Welton klang etwas brav, aber interessant für den "Rheingold"-Wotan nächste Saison, Andrew Harris wiederum fast zu potent für den siechen Titurel. Eine echte Entdeckung Matthias Hausmann als Amfortas: gewiss nicht das ausgefeilteste Porträt, aber eben auch nie gekünstelt, wirklich an sich (oder auch nur der Inszenierung) leidend und aufbäumend. Vater und Sohn tönen kräftiger als der Gurnemanz von Günther Groissböck. Der besitzt zweifelsohne einen kernigen Bass, aber noch zu wenig Autorität - für mich eine kleine Enttäuschung. Ganz und gar nicht enttäuschend Elena Pankratova mit sinnlicher Mittellage und pointierten Spitzentönen. Dass sie ihr beklopptes Schleier-Wallawall-Kleid und das unebene Bühnenbild im Steibruch-Look in ihrer Bewegungsfreiheit und somit wohl auch in der Spielfreude beengt, ist ihr nicht anzulasten. Eher unorthodox, aber am Ende überzeugend besetzt: Brandon Jovanovich als Parsifal. Meistens hört man ja (Vogt, Ventris) einen Knaben, der im dritten Akt gereift ist. Oder eben einen "brülligen" Tenor wie Schager oder Vinke. Nicht so bei Jovanovich: der tritt von Anfang an zwar markant-männlich auf, singt auch so. Markerschütternd sind sie Amfortas-Rufe im zweiten Akt und neben Hausmann das einzige Porträt, das eine Ahnung von den Abgründen der Partie vermitteln kann. Im dritten Akt klingt Jovanovich dann jedoch viel ruhiger, zärtlicher, gereifter. Dass da eine Phrase wie "sich umrankten" etwas in die Hose geht: geschenkt, denn an anderen Stellen bezaubert er mit Piani zum Niederknien.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()

    • und ich dachte schon, ich wäre der einzige Münchner in Meistersinger und Parsifal (am Donnerstag und Freitag) gewesen;-) den Vorrednern ist nicht viel hinzuzufügen, wobei ich Groissböck schon wirklich großartig fand (zumindest im dritten Akt).

      vielleicht noch ein Wort zum Publikum in der Staatsoper unter den Linden; klar, es sind Festtage und viele Touristen in der Stadt, das bedeutet aber nicht, dass man alle zwei Minuten aufs Handy schauen, was trinken oder was essen muss. Ebenso erstaunt war ich über die vereinzelten Buhrufe gegen Salminen, die ich noch halbwegs verstehen konnte (Pogner ist halt schon eine etwas größere Partie), aber was bitte hat denn Siegfried Jerusalem verbrochen, dass er auch zwei Buhrufe abbekommen hat?

      Sängerisch auf jeden Fall zwei hervorragende Tage, mit einem wirklich schwer beeindruckenden Groissböck als Gurnemanz, einem sehr konditionsstarken Wolfang Koch als Sachs und einem unheimlich engagierten Jovanovich als Parsifal als meine Highlights (Pankratova fand ich etwas zu divenhaft herausgestellt, aber sie kann die Kundry singen und wie!).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von maestro ()

    • maestro schrieb:

      und ich dachte schon, ich wäre der einzige Münchner in Meistersinger und Parsifal (am Donnerstag und Freitag) gewesen;-) den Vorrednern ist nicht viel hinzuzufügen, wobei ich Groissböck schon wirklich großartig fand (zumindest im dritten Akt).

      vielleicht noch ein Wort zum Publikum in der Staatsoper unter den Linden; klar, es sind Festtage und viele Touristen in der Stadt, das bedeutet aber nicht, dass man alle zwei Minuten aufs Handy schauen, was trinken oder was essen muss. Ebenso erstaunt war ich über die vereinzelten Buhrufe gegen Salminen, die ich noch halbwegs verstehen konnte (Pogner ist halt schon eine etwas größere Partie), aber was bitte hat denn Siegfried Jerusalem verbrochen, dass er auch zwei Buhrufe abbekommen hat?

      Sängerisch auf jeden Fall zwei hervorragende Tage, mit einem wirklich schwer beeindruckenden Groissböck als Gurnemanz, einem sehr konditionsstarken Wolfang Koch als Sachs und einem unheimlich engagierten Jovanovich als Parsifal als meine Highlights (Pankratova fand ich etwas zu divenhaft herausgestellt, aber sie kann die Kundry singen und wie!).
      Unwissende Touristen in der Staatsoper, die nerven und dafür herumkreischende Studenten in der DOB, die jeden Sänger bejohlen. Es ist schon ein Kreuz mit dem Untergang der Kultur des Abendlands ;( Aber im Ernst: Generalpausenhuster gab es schon immer - und Saalflüchtlinge zuhauf kenne ich aus vielen Abenden in Düsseldorf noch aus den 80ern. Und wer erinnert sich nicht an die Bravo-Rufer bei Abenden mit Ruth Hesse, die man in ihren letzten Jahren eigentlich kaum noch gehört hat?
    • maestro schrieb:

      (Pankratova fand ich etwas zu divenhaft herausgestellt, aber sie kann die Kundry singen und wie!).
      Für mich war es letzten Freitag die erste Kundry von Pankratova und ich war doch arg enttäuscht von ihrem Rollenportrait. Divenhaft trifft es sehr gut. Große alte Operngesten wie z.B. Hände vor der Brust verschränkt und große Augen zum Himmel und dabei die Finger fein vom Körper weghalten. Eine schöne gestellte Pose für ein Foto aus längst vergangenen Zeiten, aber bitte nicht auf der Bühne. Sah ein wenig nach Gheorghiu bei Puccini aus und nicht nach einer so zwiespältigen Person wie Kundry. Auch stimmlich war es mir zu glatt und die tiefen Töne klangen für mich sehr unnatürlich. Eine tolle Höhe und saubere Töne hat sie, aber wirklich noch nie hat mich eine Kundry so wenig interessiert.

      Vielleicht war es für Jovanovic ganz gut, denn er war im zweiten Akt derart engagiert bei der Sache, dass er sich schon alleine zu einem Bühnentier entwickelte. Ich war dankbar drum, denn endlich passierte etwas auf der Bühne. Wenn ihn die Erkenntnis trifft, spürt man das ganze Drama. Ich dachte die ganze Zeit daran, was für eine Energie dort herrschen würde, wenn Herlitzius noch dabei wäre (sie hatte ich einmal in der Inszenierung und das "Schleier-Wallawall-Kleid " hatte das Spiel absolut nicht gehemmt), aber vermutlich würden sie sich gegenseitig derart verrückt und rasend machen, dass es gefährlich werden würde. Interessant wäre es gewesen. Leider fiel Jovanovic im dritten Akt etwas ab, da ihn der Ton für diese sphärischen Klänge zumindest am Freitag fehlte. Groissböck war im dritten Akt schlichtweg überwältigend! Ein lohnender Abend.
    • Ilprincipeignoto schrieb:

      und dass er Bögen singen kann. im Gegensatz zum aktuellen Bayreuther und Salzburger Stolzing
      Ich weiß nicht, ob Sie aktuell eine der beiden Aufführungen in Salzburg gesehen und gehört haben. Daß KFV keine Bögen singen kann, gehört der Geschichte an.

      Ilprincipeignoto schrieb:

      ....die Lyrik des Vorspiels 3. Akt...
      ...hat Christian Thielemann hervorragend zur Geltung gebracht. Ein tief berührendes Stück Musik hat er da dirigiert.
      Das bezieht sich in Ihrem Text auf Jacqeline Wagner. Also mir hat sie den Atem nicht geraubt ;) Wie gesagt, eine gute Eva, aber mehr auch nicht. Und ein Vergleich mit Lucia Popp verbietet sich sowieso.
      Ich gehe da eher in Richtung der SZ, die schrieb:
      Zitat: Von Eva abgesehen ist die Aufführung jedoch grandios besetzt.

      In einigen Kritiken wurde sie sogar ganz vergessen.....
    • Liebe Ira,
      vielen Dank für Ihre Antwort.
      Zu KFV: Nein, da sind Sie mir gegenüber im Vorteil, ich habe seinen Stolzing zuletzt nur mehrfach in Berlin und Bayreuth gehört, da mangelte es an Bögen und an Singen auf dem Körper. Leider fehlt mir akut die Zeit, um weiter in die Salzburg- Aufnahme hineinzuhören, ich werde das auf Ihre Anregung hin aber gerne bei entsprechender Zeit nachholen. Mir schiene es wie ein Wunder, wenn sich da so Grundlegendes geängert hätte, aber diese Wunder gibt es: JK hat ja auch erst vor kürzester Zeit gelernt, die Zunge flach zu halten. Ich bin gespannt. Danke für die Anregung. Wäre zu schön, wenn ich in Bayreuth nicht alle Meistersinger und die ersten Lohengrine meiden müsste!

      CT und Vorspiel 3. Akt betreffend: Da habe ich keinen Zweifel. Und auch keinen zum Ausdruck gebracht. Lesen Sie oben: Mir ging es in meiner Eloge über Barenboim um die Beherrschung der lyrischen UND der ironisch- karikierenden Momente, deren letztere ich bei Thielemann in diesem Maße nicht hören kann.

      Und zu Jacqueline Wagner: Ich habe in Sachen Evchen keinen live Eindruck, auch keinen solchen behauptet. Vielleicht trägt die Stimme nicht im großen Salzburger Rund ? Dass sie "selig wie die Sonne meines Glückes lacht" durchsingt, macht sie jedenfalls zu einer von 3 Evchens, die das in meiner Erinnerung hingekriegt haben. Idem übrigens in den beiden langen Phrasen in der 9. Beethoven"wo Dein sanfter Flügel weilt" , wo auch fast alle atmen. DIES hat sie mit Popp gemein. Und was für mich am Radio atemberaubend war, war das langsame Tempo und die heruntergefahrene Dynamik, die die ganzen Phrasen ab "Oh Sachs, mein Freund" mal nicht latent bis offen hysterisch haben klingen lassen. Dies natürlich ein Verdienst von Thielemann UND Wagner (Jacqueline, nicht Richard) Ich war gut befreundet mit Lucia Popp, verehre sie wie keine zweite und durfte auch öfter mit ihr arbeiten, aber das hier klingt dann eben doch verhetzt:

      Popps Stärken beim Evchen lagen im Quintett (das es aus recht späten Jahren auf DVD gibt zur Eröffnung des Prinze in den frühen 90'ern, hat das jemand?) und im Charme, und in beidem ist sie non- pareille. Aber wie gesagt: Gut möglich, dass Frau Wagners Verdienste im Festspielhaus gar nicht hörbar waren. Atemberaubend finde ich die Linienführung im Quintett und die Atmosphärik, die Thielemann und sie in der o.g. Stelle erschaffen, und das finde ich in aller Subjektivität weiterhin.

      Liebe Grüße ins schöne München!
    • Lieber Kalaf,

      danke für Ihre ausführliche Stellungnahme!
      Natürlich ist es so, daß man bei Vergleichen nicht immer Wert auf dasselbe legt. Das, was Sie bei Frau Wagner loben, ist schon richtig, aber insgesamt hat sie mir halt nicht besonders gefallen. Und Lucia Popp mit ihrer wunderbar-silbrigen Stimme darf auch mal eine Stelle haben, die nicht ganz perfekt ist. Wobei: daß "Oh Sachs mein Freund" ein bißchen hastig klingt, kann man auch als Stilmittel sehen. Ansonsten: da liegen m.E. schon Längen zu der Darbietung von Jacqueline Wagner. Vielen Dank für diese Kostprobe!

      Ja, die Leistung von KFV erschien auch mir wie ein Wunder, früher habe ich ihn eher gemieden, wenn möglich. Die Kurzatmigkeit, die er hatte, und die allzu leichte Stimme (erinnern Sie sich noch: Hagen sprach von "Strohhalmstimme"), das ist nicht mehr.
      Überzeugen Sie sich selbst in Bayreuth!

      Herzliche Grüße!

      Ira
    • Die Eva ist aus meiner Sicht eine wirklich undankbare Rolle und die Interpretinnen leider häufig Reibepunkt bei Kritikern, siehe zuletzt auch in Bayreuth, und Frau Nylund wird es wahrscheinlich auch nicht besser gehen.
      Zu J. Wagner: das Timbre ihrer Stimme ist etwas individuell, ohne dass ich das abwertend meine, ich muss aber anerkennen, dass sie sowohl bei "Sachs mein Freund" zumindest mir gut gefallen hat und das Quintett wirklich sehr, sehr gut war, auch einfach, weil sich sämtliche Sänger_innen mit ihren Stimmen sehr homogen aufeinander abstimmten und zusammen mit dem Orchester einfach eine geschlossene Einheit bildeten. Das lag nicht zuletzt auch an der wirklich traumhaften orchestralen Einleitung des Quintetts. Das war einfach gut geprobt und bestens ausgeführt, und ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal derart gut gehört zu haben, weil in anderen Aufführungen häufig Einer oder Eine aus der Spur geraten. Das war in der gesamten Aufführung ein Augenblick des Innehaltens und der Zäsur vor der Festwiese, die ja auch ein Höhepunkt wegen des Wettstreits sein soll bzw. ist.
      Als Eva möchte ich noch an Cheryl Studer erinnern; ach ja!

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    • Das Quintett war wirklich sehr schön. Allerdings habe ich es mindestens so gut früher auch schon gehört. Was nicht schwierig ist, bei den Mengen an "Meistersinger", die ich schon erlebt habe....
      Aber zugegebenermaßen ist das wirklich eine schwierige Sache, wichtig ist z.B. m.E., daß Eva stimmlich strahlend über dem Ganzen liegt. Und das war hier der Fall.