Die Meistersinger von Nürnberg - Staatsoper Berlin

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    • Die Meistersinger von Nürnberg - Staatsoper Berlin

      Hier noch mit etwas Verspätung mein Bericht zu den Meistersingern am Donnerstag, dem 18.04.2019. Ich habe sicher schon bessere Aufführungen der Meistersinger erlebt, aber es war eine dieser Aufführungen, aus ich restlos glücklich rausgekommen bin. Der größte Trumpf war sicherlich Daniel Barenboim, von dem ich noch die so gute Meistersinger gehört habe: schwungvoll, aber nicht gehetzt und ausgelotet bis ins kleinste Detail. Bei den gesanglichen Leistungen könnte man sicher den einen oder anderen Abstrich machen, aber die Mannschaftsleistung hat hier den positiven Ausschlag gegeben. Wolfgang Koch ist nicht unbedingt mein idealer Sachs, zumal er stellenweise nach Charakterbariton klingt. Dennoch kann ich seine Leistung am Donnerstag nicht hoch genug rühmen. Seine Souveränität (trotz Texthänger in der Schusterstube), seine ausgefeilte Rollengestaltung und seine Kondition haben seinen Sachs zum Ereignis werden lassen. Positiv überrascht war ich auch von Burkhard Fritz als Stolzing. Er war sicher kein strahlender Junker, aber hat die Rolle klug verhalten gesungen und die Partie im Großen und Ganzen sehr respektabel gesungen. Weniger überrascht hat mich Julia Kleiter als Eva, die ich seit vielen Jahren sehr schätze und die auch diese Rolle ideal verkörpert hat. Ein Grund für den Besuch der Aufführung war für mich das Mitwirken von Matti Salminen, einen meiner absoluten Lieblingssänger, als Pogner. Eine objektive Beurteilung würde sicher schlechter ausfallen als eine mit Enthusiasmus. Zählt man ihn zur Veteranen-Riege der Meister dazu, fällt das Urteil wohlwollend aus. Letztendlich war es für mich eine große Freude, ihn noch einmal auf der Bühne erlebt zu haben. Martin Gantner ist wegen seiner recht hellen Stimme bei vielen nicht unumstritten. Im 1. Akt hörte er sich in der Tat stellenweise wie ein Charaktertenor an. Ich schätze an ihm jedoch seinen recht makellosen Gesang, seine hervorragende Diktion und die Art und Weise, wie er in die jeweilige Rolle schlüpft. So fand ich ihn auch als Beckmesser wieder hervorragend. Hoch interessant und ein großes Vergnügen war die erstmalige Begegnung mit Siyabonga Maqungo. Stimmlich konnte er mit klarer, frischer Stimme mit sicherer Höhe begeistern. Szenisch war er endlich mal nicht der typische devote Lehrjunge, sondern ein sympathischer, rundlicher Lehrling. Ein großes Vergnügen war es auch, die zahlreichen mehr oder weniger betagten Meister auf der Bühne zu beobachten. Und hier fange ich gleich mal bei Franz Mazura an, der gestern seinen 95. Geburtstag gefeiert hat. Der gesangliche Wert ist letztendlich völlig unwichtig, aber wie aufmerksam und mit welcher Mimik er das Geschehen verfolgt hat um einmal wütend seinen Stock in den Boden zu rammen und einmal "verstand man recht" zu singen, war köstlich. Recht beachtlich klang hingegen noch Graham Clark (77) als Kunz Vogelgesang. Warum Siegfried Jerusalem ein Tag nach seinem 79. Geburtstag einzelne Buhs bekam, ist mir unverständlich. In Reiner Goldberg als Ulrich Eisslinger, ebenfalls 79, stand ein Stück Staatsopern-Geschichte auf der Bühne. Eine exponierte Stellung unter den Meistern hat Fritz Kothner mit deutlich mehr Text. Hier bot Jürgen Linn (Jg. 1959) eine Leistung der Extreme: ich habe noch nie einen so prägnanten, spielfreudigen und textdeutlichen Kothner erlebt, aber wohl auch noch keinen stimmlich so enttäuschenden Sänger in dieser Rolle. Das ist umso erstaunlicher als zu seinem Repertoire alle wichtigen Wagner-Rollen inklusive Wotan gehören. Vor einigen Jahren habe ich ihn unter Rattle mal als Ochs am Haus gehört. Bei Katharina Kammerloher als Magdalena war der optische Eindruck deutlich stärker als der stimmliche Eindruck. Insgesamt ein toller, kurzweiliger Opernabend, bei dem allerdings viele Plätze leer geblieben sind! Das Konzert der Staatskapelle am Karfreitag habe ich mir übrigens gespart. Weniger wegen der Absage von Anna Netrebko, sondern mehr wegen der Programmänderung: zwei Arien aus Rigoletto und La Traviata statt drei Arien aus Nabucco, Aida und Forza.
    • Kapellmeister Storch schrieb:

      bei dem allerdings viele Plätze leer geblieben sind!
      Ehrlich gesagt: bei dieser Inszenierung wundert es mich nicht, dass man der Staatsoper nicht die Bude einrennt. Am Sonntag war die Vorstellung sehr gut besucht, leerte sich aber nach jeder Pause mehr, was sicherlich nicht der musikalischen Seite geschuldet war.

      Kapellmeister Storch schrieb:

      Warum Siegfried Jerusalem ein Tag nach seinem 79. Geburtstag einzelne Buhs bekam, ist mir unverständlich.
      Am Sonntag hat er einige Bravos eingeheimst. :)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von JLSorel ()

    • JLSorel schrieb:

      Am Sonntag war die Vorstellung sehr gut besucht, leerte sich aber nach jeder Pause mehr, was sicherlich der musikalischen Seite geschuldet war.
      Das war bei der "Verlobung im Kloster", "Tristan", "Parsifal" und "Freischütz" (da schon während der Aufführung, da keine Pause) auch schon so. Es sind eben oft Touris auf den Hörplätzen, die ihre Selfies schießen und in der Pause dann die Flatter machen. Rückschlüsse auf die musikalische oder auch szenische Seite halte ich für spekulativ. Dass bei diesen Mondpreisen einige Plätze schon vorab leer bleiben, sollte niemanden überraschen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RagnarDanneskjoeld ()

    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      Rückschlüsse auf die musikalische oder auch szenische Seite halte ich für spekulativ.
      Ja, das mag sein. Die (traditionelle) Tosca am Vorabend in der Deutschen Oper war auch nicht wirklich besser besucht. Allerdings ist das Haus dort auch größer und die Inszenierung haben schon 2 Generationen von Berlinern gesehen. :)
      It is only shallow people who do not judge by appearances. The true mystery of the world is the visible, not the invisible. Oscar Wilde
    • Kapellmeister Storch schrieb:

      Warum Siegfried Jerusalem ein Tag nach seinem 79. Geburtstag einzelne Buhs bekam, ist mir unverständlich.
      Viele im (Event-)Publikum wissen überhaupt nicht, wer er ist. Bei einer vorherigen Aufführung dieser Produktion - damals noch im Schiller-Theater - hatte ich Sitznachbarn, die gerätselt haben, warum die Sänger dieser kleinen Partien so gefeiert wurden.
    • RagnarDanneskjoeld schrieb:

      JLSorel schrieb:

      Am Sonntag war die Vorstellung sehr gut besucht, leerte sich aber nach jeder Pause mehr, was sicherlich der musikalischen Seite geschuldet war.
      Das war bei der "Verlobung im Kloster", "Tristan", "Parsifal" und "Freischütz" (da schon während der Aufführung, da keine Pause) auch schon so. Es sind eben oft Touris auf den Hörplätzen, die ihre Selfies schießen und in der Pause dann die Flatter machen. Rückschlüsse auf die musikalische oder auch szenische Seite halte ich für spekulativ. Dass bei diesen Mondpreisen einige Plätze schon vorab leer bleiben, sollte niemanden überraschen.
      Im 3. Rang Staatsoper entwickelt sich bei manchen Stücken ein hochinteressantes Eigenleben. Das beginnt mit Handy/Display/Selfie und geht dann weiter mit dem berühmten Balztanz "Wo finde ich noch einen besseren Platz", dieser oft vor und zurück. Dann beginnt das Rein- und Rausgehen (Snack während der Vorstellung, warum nicht?). Spannend!